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Schokolade

Frankfurter Buchmesse 2022 (3): 14 Lesetipps

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 22. Oktober 2022 | 08:00:00 | Roland Müller

Hanser Stand

Wofür ist eine Buchmesse da? Um Buchhändler:innen und Leser:innen Bücher zu präsentieren. Genau das werden wir in diesem Beitrag ebenfalls tun. Aus unserer ganz subjektiven Sicht. Wir haben 14 Bücher angelesen und für würdig befunden, auf unserer diesjährigen Leseliste zu landen. Größtenteils handelt es sich um Neuerscheinungen von Verlagen, die wir besonders schätzen, So wie Hanser zum Beispiel …

Dimitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

Waren es die streunenden Katzen auf dem Cover, die uns zum Regal zogen? Nein. Ganz so einfach ist es nicht. Dimitrij Kapitelmans Eine Formalie in Kiew, erschienen bei Hanser Berlin, erzählt eine Geschichte, die ein Schlaglicht wirft auf die deutsche Immigrationsbürokratie. Als Leser weiß man nicht, ob man lachen oder heulen möchte. Die Absurditäten, denen sich ein jüdischer Kontingentflüchtling – in diesem Fall aus der Ukraine – hierzulande ausgesetzt sieht, wenn er die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen will, grenzen ans Groteske. Erst recht, wenn man sie – worauf der Buchtitel anspielt – vergleicht mit der Formalie in Kiew, die vonnöten ist, um die eigene ukrainische Geburtsurkunde dort erneut beglaubigen zu lassen. All dies ist eingebettet in eine zu Herzen gehende, niemals kitschig werdende Familiengeschichte um seine in Katzenchats versinkende Mutter und einen zunehmend unter Demenz leidenden Vater. Beide seit 20 Jahren in Deutschland lebend, aber nie wirklich hier angekommen. Sarkastisch, bittersüß, tieftraurig und brüllend komisch. Und damit unbedingt lesenswert. LESETIPP!

Robert Greene: Power

Wir bleiben bei Hanser und entdecken den Macchiavelli der Moderne. Robert Greenes Power, im angloamerikanischen Raum seit dem ersten erscheinen 1998 ein Begriff, liegt nun auch in einer deutschen Fassung vor. Seine 48 Gesetze der Macht lassen Macchiavellis Der Fürst durchscheinen. Und wie in klassischen chinesischen Strategemen sind sie in einfache Bilder und Worte gefasst. Eine wunderbar realitätsnahe Bedienungsanleitung zur Manipulation von und Machtausübung über Menschen. Und das stellen wir ganz wertneutral fest. LESETIPP!

Marc Elsberg: Der Fall des Präsidenten

Um Macht geht es auch in unserer nächsten Empfehlung: Der Fall des Präsidenten von Marc Elsberg. Erschienen bei Penguin Randomhouse, genauer: bei Blanvalet. Ein Thriller, dem eine spannende Überlegung zugrunde liegt: Was wäre, wenn der US-Präsident bei einem Auslandsbesuch festgenommen würde, und zwar im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag? Ein klassischer Thriller mit einem faszinierendem Thema. Denn theoretisch und wohl auch praktisch macht sich jeder Präsident die Hände schmutzig. Autokraten sowieso. Aber auch der eine oder andere „lupenreine Demokrat“. Es ist ein großes Lesevergnügen, der von Elsberg losgetretenen Lawine von Folgen zu folgen. Rasant erzählt, geschmeidig balancierend auf dem schmalen Grat zwischen realität und Fiktion. LESETIPP!

Fang Fang: Wütendes Feuer

Spätestens seit ihrem beklemmenden Pandemie-Tagebuch Wuhan Diary ist die chinesische Autorin Fang Fang weltberühmt. Nicht zuletzt aufgrund der schonungslosen Beschreibung der Lock-down-Politik Pekings, der in chinesischen sozialen Medien eine Bebenwelle auslöste. Mit Wütendes Feuer legt sie nun erstmals in deutscher Übersetzung ihren insgesamt dritten Roman vor. Geschrieben hat sie ihn vor rund 20 Jahren. Auch der wurde vom chinesischen Regime nicht positiv aufgenommen. Beginnt er doch mit einer zum Tode Verurteilten, die in ihrer Zelle auf die Hinrichtung wartet. Ihr Vergehen? Sie bestand auf ihrer Selbstbestimmung in einer dörflichen Welt, deren Regeln dies ausschlossen. Ein für unsereiner sehr erhellender Roman über die Verhältnisse abseits der chinesischen Millionenmetropolen, aber auch über die mangelnde Anpassungsbereitschaft einer jungen Frau an die bereits in den neunziger Jahren herrschenden Verhältnisse. LESETIPP!

Jakob Thomä: Der Kill Score

Zeit für ein Sachbuch. Schließlich wollen wir uns nicht ausschließlich nach Belletristik umschauen. Bei Klett Cotta entdecken wir im langen Schatten von Luisa Neubauer und Dagmar Reemtsma mit Der Kill Score einen Aufreger im diesjährigen Sachbuchmarkt. Der 33jährige Nachhaltigkeitsökonom Professor Jakob Thomä ist jederzeit gut für griffige Berechnungen unseres ökologischen und sozialen Fußabdrucks. Dabei scheut er auch nicht zurück vor Formulierungen wie „20 EU-Bürger töten im Lauf ihres Lebens eine andere Person durch Luftverschmutzung“. Allein dies sichert ihm die mediale Aufmerksamkeit. Mit der von ihm entwickelten Maßeinheit Kill-Score macht er sehr drastisch die Konsequenzen klar, die es für jeden Einzelnen hat, in einer globalisierten Welt zu leben, zu produzieren und zu konsumieren. Allein dafür gebührt im Dank. Auch wenn es uns vielleicht nicht weiterbringt. LESETIPP!

Nicklas Brendborg: Quallen altern rückwärts

Was wir von der Natur über ein langes Leben lernen können, lernen wir von Nicklas Brendborg. Der im zu Lübbe gehörenden Eichborn Verlag publizierte Molekularbiologe legt mit Quallen altern rückwärts einen faszinierenden Überblick über den Stand der Anti-Aging-Forschung vor. Wobei er tief in die biologische Welt eintaucht und einen weiten Bogen schlägt vom Grönlandhai über die Quallen bis zur amerikanischen Zitterpappel. Eine faszinierende Lektüre, die für einen kurzen Lesemoment unser eigenes Altern anhält. Gefühlt jedenfalls. LESETIPP!

C. K. McDonnell: The Stranger Times

Bleiben wir bei Eichborn. Als Freunde des abgründigen britischen bzw. in diesem Fall irischen Humors können wir einen Roman wie The Stranger Times von C. K. McDonnell nicht links liegen lassen. Der Stand-up-Comedian, Autor und bekennende Ire beweist, dass auch im ausgelutschten Genre der Fantasy noch ganz neue Ideen schlummern. Wir sind mindestens so entzückt wie die Phantastik-Couch. Grandiose Urban Fantasy und deshalb LESETIPP!

Mark Twain: Unterwegs mit den Arglosen

Aber auch Klassiker der Leselust können neu begeistern. Das gilt uneingeschränkt für die im Mare Verlag erschienene, neu übersetzte, ungekürzte und unzensierte Ausgabe der Urversion von Mark Twains Reisereportage Unterwegs mit den Arglosen. Bereits im vergangenen Jahr erschienen, aber bisher noch nicht ausreichend gewürdigt. Was wir hiermit gerne nachholen. Liest man die Ergebnisse von Twains so launiger wie präziser Beobachtungsgabe, kann man sich jede zukünftige Kreuzfahrt in unserem Jahrhundert sparen. Es hat sich kaum etwas geändert seither. LESETIPP!

Stefan Moster: Das Fundament des Eisbergs

Überhaupt hat Mare so einiges zu bieten, oft abseits des träge dahinfließenden Unterhaltungs-Mainstreams. Wen es wie uns in die Arktis zieht – so lange sie noch nicht gänzlich abgetaut ist – der wird sich für Stefan Mosters Das Fundament des Eisbergs begeistern. Die sprachlich schillernde Kopfreise eines Arktis-Sehnsüchtigen. Eine (sehn)süchtig machende Melange aus profundem Arktis-Wissen, Fantasie und tief empfundenem Respekt vor der Natur. LESETIPP!

Dörte Hansen: Zur See

Ebenfalls nah am Meer gebaut sind die Geschichten von Dörte Hansen. So auch ihr dritter Roman Zur See. Hansen erzählt mit großem Einfühlungsvermögen die Veränderungen, die in das Leben der Familie Hansen erst einsickern, dann mit aller Wucht einbrechen. Die kleine Nordseeinsel, auf der Zur See spielt, bietet eine perfekte, in sich geschlossene Bühne. Alle Mitglieder der Familie haben ihre Verletzungen und Abgründe, alle haben ihr Päckchen zu tragen, jeder das seine. Der traumatisierte, zurückgezogen lebende Vater Rykmer, seine rastlose Frau Hanne, die Kinder. Dass Hansen bei der Charakterisierung ihrer überaus plastischen Figuren fast ganz ohne Dialoge auskommt, ist erstaunlich. Aber vielleicht spiegelt ja gerade diese Dialogkargheit das Naturell von Inselbewohnern im Norden. Man redet nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Dann strandet eines Tages ein Wal auf der Insel und alles verändert sich … LESETIPP!

Alan Bennett: Drei daneben

Ganz andere Baustelle … Bei einem unserer Lieblingsverlage, Wagenbach, ist in der charmanten Salto-Reihe erneut ein Alan Bennett erschienen: Drei daneben. Wieder einmal hat der Hansdampf in allen Theatergassen zugeschlagen. Härter könnte der Kontrast zu einem redefaulen Inselroman wie jenem von Dörte Hansen kaum sein. Der Meister der verknappten und verklappten menschlichen Abgründe legt auf schmalen 120 Seiten wieder ein Panoptikum ganz normaler Menschen mit kleinbürgerlicher Moral und versteckten Begierden vor, das es in sich hat. Feiner, manchmal auch rauer britischer Humor in Form von vier Monologen, unabhängigen Geschichten im Stil der Talking Heads. Nein, nicht die amerikanische Punkrock-Band um David Byrne. Sondern die britische TV-Serie. Monologische Geschichten, die den Leser auffordern, sie weiterzudenken, über ihr Ende hinaus. Und ja, Bennett, der Dramatiker, weiß, worauf es ankommt, und er liebt die Menschen in all ihrem Aberwitz. Wunderschön. LESETIPP!

Sergio del Molino

Überhaupt, Wagenbach … Genau hier entdecken wir eines der interessantesten Bücher über den diesjährigen Ehrengast der Buchmesse, Spanien. Über ein Spanien, das nicht einmal die Spanier selbst kennen. Jedenfalls nicht jene weit überwiegende Zahl jener, die in Städten und Metropolregionen leben. Das leere Spanien. So auch der knappe Titel. Leeres Spanien von Sergio del Molino beschreribt ein Spanien der leeren Räume, der verlassenen Dörfer und entvölkerten Landstriche: „España vaciada“. Vielleicht das beste Buch, das je über das Thema Landflucht geschrieben wurde. Und weit hinaus reichend über Spanien. Für jeden, der die gängigen Touristenklischees endlich aus dem Kopf kriegen will, eine faszinierende Lektüre. LESETIPP!

Irene Vallejo: Papyrus

Zum Abschluss dieses dritten Rundgangs über die 74. Frankfurter Buchmesse setzen wir einen bibliophilen Schlusspunkt. Geschrieben von einer Spanierin, Irene Vallejo. Papyrus. Untertitel: Die Geschichte der Welt in Büchern. Erschienen im Diogenes Verlag. Die spanische Literaturwissenschaftlerin nimmt uns mit auf eine Reise von den Anfängen der Bibliothek von Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reiches. Wir treffen Menschen, Verrückte wie uns selbst, die sich der Welt der Bücher verschrieben haben, ja ihr verfallen sind. Lange bevor an seriellen Buchdruck zu denken war. Vom gerollten Papyrus in Ägypten über das Pergament der Griechen bis zum E-Book der Gegenwart. Detailverliebte Anekdoten, die einfach Spaß machen beim Lesen. Die Geschichte der Bücher wird bei Vallejo zum Abenteuerroman, der immer wieder unerwartete Brücken schlägt zum Hier und Jetzt. Zu genießen sind die gut 750 Seiten am besten in kürzeren Abschnitten, um nicht überwältigt zu werden von der schieren Menge an süchtig machendem Stoff. LESETIPP!

Damit sind wir wieder einmal am Ende angelegt. Es geht aber in Kürze weiter. Denn schließlich wartet noch der Pavillon des Buchmesse-Ehrengasts Spanien auf uns. Dann mit weniger Text, aber um so mehr Bildern …

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Frankfurter Buchmesse 2022 (2): Neue Horizonte!

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 21. Oktober 2022 | 08:00:00 | Roland Müller

ARD: Das blaue Sofa

Der Knaller des Bücherjahres 2022 ist ohne Zweifel Kim de L’Horizons Blutbuch. Spätestens mit dem Gewinn des renommierten Deutschen Buchpreises 2022 sind Autor und Buch in den Schlagzeilen. Heute machen wir uns auf die Spuren von Buch und Autor. Wir wollen uns selbst einen Eindruck verschaffen über den Mensch, die Sprache und die Botschaft. Und ja, es wird spannend …

Halle 3.1

Also auf in Halle 3.1. Irgendwo dort werden wir den Stand des DuMont Verlags finden, der den diesjährigen Buchpreisgewinner unter seinen Fittichen hat.

Dumont Stand

Gefunden! Und natürlich nimmt Kim de L’Horizons Blutbuch einen beträchtlichen Teil der Displayfläche ein. Die Autofiktion des nonbinären Schweizers soll sich nicht zuletzt aufgrund ihrer teils experimentellen, oft gewagten und immer hoch künstlerischen Sprache gegen starken Wettbewerb durchgesetzt haben. Immerhin, Hausautor an den Bühnen Bern wird man nicht eben so. Wir sind entsprechend neugierig und greifen uns ein Exemplar …

Kim de L’Horizon

Noch während wir das Buch anlesen und zunehmend gefesselt darin versinken (sic!) – dabei schwinden letzte Zweifel, dass es sich um einen Medien-Hype gehandelt haben könnte – taucht der Schreibende höchstpersönlich auf. Und wird auch sofort umlagert von Fans und Aufnahme-Teams, die den Stand bereits belagert hatten. Es lässt sich kaum vermeiden, dass wir einen Teil des folgenden Interviews mitbekommen …

Dabei stellt sich schnell heraus, dass Kim eine Seele von Mensch ist, durch und durch positiv, sehr emotional und sich jederzeit darüber im klaren, dass er sich als Person mit dieser literarisch hochrangigen Auseinandersetzung mit der eigenen Queerheit exponiert. Wir sind tief beeindruckt von dem Menschen und sehr gespannt auf das weitere schriftstellerische Schaffen. Bis dahin: Chapeau Kim! So ein Debüt muss man erst einmal hinlegen.

Ach ja, Interviewer und Interviewte. Überall auf den Gängen der diesjährigen Buchmesse stolpert man über sie. Und zugegeben, in vielen Fällen erkennen wir die prominenten Autor:innen nicht einmal. Wer will uns das verdenken bei der schieren Menge von gaaaanz wichtigen Menschen? Immerhin stellt die Frankfurter Buchmesse eine Bühne bereit, wie sie weltweit einmalig ist.

Publishing-Träume

Dabei wären so viele Messebesucher gerne selbst prominent und schriftstellerisch erfolgreich. Wie sonst ließe sich das ungebrochene Interesse an Selfpublishing und Books-on-Demand Angeboten erklären? Wollen wir nicht alle ein Fitzelchen Unsterblichkeit erhaschen, etwas Bleibendes hinterlassen? LOL. Aber egal, deswegen sind wir heute nicht hier …

Suhrkamp Regal

Sondern wegen der bereits real existierenden Bücher. Und wenn der aktuell ganze Regionen und ihre Menschen verwüstende Ukraine-Krieg eine winzig kleine positive Wirkung entfaltet, dann die, dass plötzlich Interesse aufkommt an der literarischen Entdeckung dieses uns bis dato erschreckend fernen Landes. In eine der diesbezüglichen Neuerscheinungen lesen wir rein …

Radio Nacht von Juri Andruchowytsch katapultiert uns mitten hinein ins Geschehen einer faszinierenden Melange aus Action, Schelmenroman und Märchen um den fiktiven Radiomoderatoren und Pianisten Josip Rotsky. Wenn der Autor seinen Helden vorantreibt, einen von den Stones geprägte Ex-Revolutionär und Radio-DJ mit Folterbiografie, der versucht, seinen Häschern zu entkommen, dann jagd er ihn ganz bewusst von einer absurden Situation in die nächste. Wobei jederzeit dunkle Assoziationen zum Hier und Jetzt der Ukraine und ihrer Nachbarschaft durchschimmern. Schrill, bunt, manchmal obszön. Aber immer unterhaltsam. Ein hervorragendes Beispiel dafür, warum es sich lohnt, endlich einen intensiven Blick auf die ukrainische Literaturszene zu werfen. LESETIPP!

Diogenes Stand

Weiter geht es zum Stand unseres heimlichen Lieblingsverlags Diogenes. Dem man heuer zum 70. Geburtstag gratulieren darf. Erwarten uns Konfetti, Chamapgnerlaune und eine Geburtstagstorte? Nein. Das wäre wohl nicht eidgenössisch. Aber immerhin. Das eine oder andere Geschenk werden wir wohl entdecken. Vielleicht diese Dame in Rot?

Woman in red

Ist das etwa … ?

Donna Leon

Tatsächlich! Donna Leon gibt sich die Ehre, ihr jüngstes Werk zu signieren: Mit Ein Leben in Geschichten legt sie ihre Autobiographie vor. Und die ist mindestens so bewegt und lesenswert wie die weltberühmten Kriminalromane um Commissario Brunetti. Die deutschen Verfilmungen lassen wir mal unbesprochen.

Ian McEwan: Lektionen

Ein schöner Zufall. Aber eigentlich sind wir hier, um einen Blick in den neuesten und vielleicht letzten Roman von Ian McEwan zu werfen, Lektionen. Ein epischer Roman und ein würdiges Highlight im Programm des Schweizer Literaturverlages, der sich mit der kongenialen Übersetzung durch Bernhard Robben selbst das schönste Geburtstagsgeschenk macht.

Der entscheidende erste Satz

Viele sagen ja, es sei der erste Satz in einem Roman, der darüber entscheidet, ob der Leser zugreift oder nicht. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber wenn einem Schreibenden ein erster Satz gelingt wie obiger, dann ist ganz gewiss gewährleistet, dass die Leser:innen mehr wissen wollen und sich festlesen. So wie wir zum Beispiel, als uns dieses Buch in die Hand fiel …

Andrés Barba: Die leuchtende Republik

Aber nicht nur deswegen landet Andrés Barbas Die leuchtende Republik auf unserer Leseliste. Die Geschichte zieht uns tief hinein in den Überlebenskampf einer Horde obdachloser Kinder und die darauf mit Grausamkeit reagierenden Erwachsenen. Barbas Inspiration zu diesem bei Luchterhand verlegten Roman um Anarchie, Moral und Fremdenhass war offenbar der polnische Dokumentarfilm „The Children of Leningradsky“.

Fish & Chips

Nach soviel anspruchsvoller literarischer Kost knurrt uns nun doch der Magen. Wir verlassen die Halle 3 und begeben uns wieder nach draußen. Und siehe da, in einiger Entfernung lockt, geziert von einer langen Warteschlange, ein Fish and Chips Stand. Wie schön. Wie bodenständig. Zeit, Mittag zu machen.

Erzählkünstler Philipp Layer

Gerade wollen wir uns auf die Suche machen nach einem Sitzplatz, in Händen die dampfende Fish and Chips Schalen, da stoppt uns dieser freundliche Herr. In einem kurzen Gespräch erfahren wir, dass es sich um einen Erzählkünstler handelt, mit Namen Philipp Layer. Er offeriert Passanten Märchen & mehr, 100g zu 3€, wie das Schild auf seiner Brust ausweist. Welch herrlich analoges Angebot in einer von E-Books überfluteten Welt.

Wir geben uns nun der verdienten Mittagspause hin und melden uns wieder im Laufe des Nachmittags. Dann wieder mit einer Menge Lesenswertem. Bis später!

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Frankfurter Buchmesse 2022 (1): Ein erster Rundblick

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 20. Oktober 2022 | 12:26:48 | Roland Müller

Da sind wir also wieder. Als wenn nichts gewesen wäre. Komisches Gefühl. Zugegeben, auf den ersten Blick scvheinen weniger Fachbesucher unterwegs zu sein als in den Jahren vor dem Unaussprechlichen. Aber das täuscht. Laut offizieller Pressemitteilung verzeichnet die 74. Frankfurter Buchmesse (19.-23.Oktober 2022) 4000 Aussteller aus 95 Ländern, auf zehn Hallenebenen, mit zahlreichen Bühnen auf dem Messegelände, mehr als 2000 Events und 4000 akkreditierte Journalist:innen. Sie ist also zumindest von der Ausstellerseite her in voller Präsenz zurück. Da wir an unserem ersten Messebesuchstag früh unterwegs sind, gehen wir davon aus, dass sich die Gänge und Hallen im weiteren Verlauf des Tages rasch füllen werden.

Halle 3

Aus alter Tradition steuern wir als erstes Ziel Halle 3 an. Dort werden wir auf zwei Hallenebenen erkunden, was sich Neues zeigt im Bereich Belletristik und Sachbuch. Zumindest beim Wetter scheint uns das Glück schon mal hold zu sein …

Halle 3.0

Im Basement der Halle 3 geht es so früh am Morgen noch recht entspannt zu. Das Personal an den Ständen der großen und kleinen Publikumsverlage ist noch fit und wach. Wir machen uns also ebenso fit und wach auf den Weg …

King George III

Und wer kreuzt da unseren Weg? Ausgerechnet King Charles III., den der Verlag Busse Seewald akquiriert hat, um auf seine Lifestyle-Buchprodukte aufmerksam zu machen. Ob der gute Charles wohl davon weiß?

Sie hier hätte das ganz bestimmt nicht goutiert! Vermutlich wird ihre bei Lübbe erschienene Biografie bei den Fans der britischen Royals schon bald im Bücherregal stehen. Immerhin, im Vergleich zu manch anderer Prominenten-Biografie dürfte diese hier durchaus lesenswert sein, deckt sie doch ein ganzes Menschenalter ab. Wir schlendern weiter …

S.Fischer Verlag

Etliche Meter weiter entern wir den gewohnt großzügig angelegten Stand des S. Fischer Verlags – korrekterweise der S. Fischer Verlage … einer der Platzhirsche der deutschen Verlagsszene. Auch wenn uns das einträchtige Nebeneinander von Greta Thunberg und Herrn Precht nebst Co-Autor Welzer ein wenig verwundert, erschließt sich uns der Hintergedanke doch recht schnell: beides Aufreger für Teile der Gesellschaft. Während man zu Greta nichts mehr sagen muss, sie steht für sich, mühen sich Precht und Welzer bewusst provokan, der vierten Gewalt eins aufs Haupt zu geben. Berechtigt? Unberechtigt? Da maßen wir uns kein Urteil an.

Wir schauen uns weiter um. Schließlich hat das S. Fischer Verlagsprogramm mehr zu bieten. Insbesondere in Sachen Belletristik. Wir picken uns ein, zwei unserer Favoriten heraus. Zum Beispiel …

Tommy Jaud: Komm zu nix

Die bei Scherz erschienenen Gute-Laune-Storys Komm zu nix von Tommy Jaud sind schräg, sehr locker geschrieben und vielleicht die perfekte Medikation für alle, die an den mentalen Nebenwirkungen von Pandemie, Ukraine-Krieg, Inflation und Energiekrise leiden.

Jörg Maurer: Shorty

Etwas anspruchsvoller kommt gleich nebenan Jörg Maurers Roman Shorty daher. Die ausgesprochen schräge Weltrettungsgeschichte um den ein wenig einfältigen Shorty ist ganz anders gestrickt als die lange Reihe der Maurer’schen Kriminalromane um Kommissar Jennerwein. Gut möglich, dass sich der Autor diesen Befreiungsschlag von seinem angestammten Genre geleistet hat, um mal so richtig schön drauflos fabulieren zu können. Herrliche Anspielungen auf Medienhysterie, Verschwörungstheorien und unsere Abhängigkeit vom Smartphone machen Shorty zu einem wirklich gelungenen Lesevergnügen. Gerade in Zeiten wie den herrschenden. LESETIPP!

Katrin Eigendorf: Putins Krieg

Wer sich stattdessen doch lieber mit den Härten unserer Zeit auseinandersetzen möchte, dem sei Katrin Eigendorf empfohlen. Die gestandene Journalistin darf mit Fug und Recht als Kriegsreporterin bezeichnet werden. Denn im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleg:innen hat sie sich nicht in sicherer Entfernung, gewissermaßen in der Etappe, eingegraben, sondern ist genau dorthin gegangen, wo der Ukraine-Krieg seine wechselnden Frontverläufe zieht. Putins Krieg fasst zusammen, was wir über die Hintergründe dieses Verbrechens einer Clique von Ex-KGBlern im Kreml wissen müssen.

Nachdenklich ziehen wir weiter, vorbei an langen Regalwänden voller Thriller, Regionalkrimis und jeder denkbaren Art von Unterhaltungsliteratur.

Stern Büchertalk

Am Stand von Penguin Random House stolpern wir mitten hinein in den laufenden Stern Büchertalk mit Sebastian Stuertz. Die Interviewerin löchert ihn mit der Frage, ob es legitim und überhaupt machbar sei, sich in die Tiefen aktueller Jugendsprache zu begeben. Bisher galt das in Autoren- und Kritikerkreisen eigentlich als no go. In seinem herrlich komischen Roman Da wo sonst das Gehirn ist, erschienen bei btb, scheint das tatsächlich gelungen zu sein. Vielleicht mal reinlesen, bei Gelegenheit? Wir sind nicht abgeneigt.

Matthias Matschke: Falschgeld

Von ganz anderer Natur, oft tragikomisch, ist Matthias Matschkes bei Hoffmann und Campe verlegter Debütroman Falschgeld. Erstaunlich genug, dass ein Schauspieler, der im TV eher für saftige Komik und Satire bekannt ist und auf den Theaterbühnen auch vor sehr anspruchsvollen Rollen nicht zurückschreckt, eine solch feine, leichte und anrührende Sprache spricht. Ein lediglich autobiografisch anmutender (!) Rückflug in die siebziger und achtziger Jahre, als so vieles möglich schien. Sehr persönlich, sehr lesenswert, mit einiger Raffinesse geschrieben und gerade wegen des intensiven Blicks auf die vermeintlich kleinen Dinge des Lebens und der Zeit lesenswert. Wir sind davon mindestems so angetan wie der NDR.

Damit genug für heute. Wir sehen uns morgen wieder …

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Hurra, wir lesen noch!

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 17. Oktober 2022 | 14:25:17 | Roland Müller

Wir tun mal so, als habe es die Corona-Pandemie nie gegeben. Denn endlich, endlich findet die Frankfurter Buchmesse wieder physisch statt. In voller Pracht und mit immer noch gebotener Vorsicht. Anlass für uns, ihr nach knapp zweijähriger Sendepause des digitalen Cafés unsere volle Aufmerksamkeit zu widmen. Voraussichtlich ab Mittwoch werden wir wieder im Dienste unserer Leser:innen durch die Hallen und Flure der Frankfurter Messe streifen und festhalten, was festzuhalten ist, kritisieren, was zu kritisieren und empfehlen, was zu empfehlen ist.

Insofern: stay tuned!

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Die Stimmen der Zukunft

Veröffentlicht in Apple & Co, Kultur, Kunst, Literatur | 26. Oktober 2020 | 15:04:14 | Roland Müller

Zwischen Utopie und Dystopie liegt oft nur ein Wimpernschlag. Oder aber jene knapp 190 Seiten junges literarisches Schaffen, das Herausgeber Samuel J. Kramer in Poetry for Future eingefangen hat. Das vergleichsweise dünne Büchlein, erschienen im Satyr Verlag, Berlin, zeigt, welche kreativen Potenziale die aktuelle Pandemie in der deutschen, österreichischen und schweizerischen Poetry Slam und Lyrik Szene freizusetzen in der Lage ist. 45 Autor*innen von Anja Utler bis Yannick Steinkeller liefern Stoff zum Denken. Poetry Slam und hehre Dichtkunst, Ungereimtheiten und Gereimtes, bissige Satire und schmerzhafe Analyse, Bedenkenswertes und Rebellisches, alles ist in dieser Anthologie vertreten. Ihr wollt wissen, wie die Generation Z tickt? Wie sie angesichts des auf uns zurollenden globalen Kollaps‘ Worte findet, um die gesellschaftliche Sprachlosigkeit zu überwinden? Dann ist es an der Zeit, diese 45 Texte für übermorgen zu lesen. Vielleicht, ja vielleicht dämmert dann dem einen oder anderen, was wir gerade dabei sind anzurichten. Und wie wir da – womöglich – wieder herauskommen. Vielleicht sogar mit einem blauen Auge. Und mit einem lachenden…

Als Appetithäppchen zitiere ich nachfolgend einen Absatz aus Marina Sigls Ein Bericht (ab Seite 18 der Anthologie):

April. Das Wasser ist inzwischen hüfthoch. In meinem Keller wachsen nun seltene Wasserpflanzen, die in anderen aquatischen Lebensräumen vom Aussterben bedroht sind. Auch verschiedene Wasservögel haben sich in alten Kellerregalen Nisthöhlen gebaut. Erik beschließt, seine Masterarbeit in aquatischer Biologie über die Pflanzen zu schreiben. Mein Vermieter hat vom Biotop in meinem Keller gehört und kassiert nun Eintritt für die Touristenattraktion. Schaulustige trampeln durch die Tümpel der Frösche und überfüttern die Enten mit Brot, das aufgeweicht und flockig den Pflanzen im Wasser ihr Licht nimmt. Anna startet eine Kampagne zum bewussten Umgang mit der Umwelt.

Poetry For Future. 45 Texte für übermorgen, Hrsg. Samuel J. Kramer. Satyr Verlag, Berlin 2020 (ISBN: 978-3-947106-60-8)

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