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LBM 2026 (3): Small is beautiful

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 24. März 2026 | 11:37:50 | Roland Müller

Ein letztes Mal anstehen. Ein letztes Mal den diesmal gut organisierten Zugang zur Leipziger Buchmesse genießen. Diesmal wollen wir uns auf die Suche machen nach den kleinen Highlights im großen Rummel. Und ja, auch diesmal lassen wir uns wieder treiben. Schauen wir mal, wohin uns das führt.

Schon jetzt bemerken wir: Am Wochenende ist der Andrang deutlich größer als am Donnerstag oder Freitag. Erwartbar. Alles sieht nach einem neuen Besucherrekord aus. Erstmals über der magischen Schwelle von 300.000 lesebegeisterten Menschen? Sehr wahrscheinlich.

Unser erster Anlaufpunkt ist der Hybrid-Verlag. Der uns da mit breitestmöglichem Lächeln begrüßt, ist Michael Knabe, der Autor der „Flüchtlingschroniken“, einer Fantasyreihe, die komplett ohne Magie, Drachen, Elfen, Zwerge oder sonstige mystische Wesen auskommt. Das geht? Und ob das geht! Wir haben selten eine so fesselnde und menschlich berührende Geschichte gelesen; mit Figuren, die in all ihrer Unvollkommenheit exzellent ausgearbeitet sind und uns wie jeden anderen, den wir kennen, in die dramatische Geschichte hineinziehen. Großes Fantasy-Kino weitab der üblichen und zu Tode gerittenen Klischees. Großer Lesetipp! Aktuell ist mit „Yelco“ der fünfte Band der Reihe erschienen.

Müssen wir noch erwähnen, dass wir uns direkt am Hybrid-Stand „Yelco“ gesichert haben, natürlich mit Signatur von Michael?

Nicht weit vom Stand des Hybrid-Verlags finden wir eine uns wohlbekannte Selfpublisherin: Carolin Lüdemann. Seit ihrem Roman-Debüt „Eine Zeit in Orangen“hier sehr gut rezensiert – hat sie fleißig nachgelegt. Nämlich mit „Eine Zeit in Thymian“, dem zweiten Band der ungewöhnlichen Fantasy-Trilogie, wie das Debüt ein fesselnder, erfrischend schräger und dabei romantischer Zeitreise-Roman. Und das mit einer sehr gehobenen Ausstattung inklusive ästhetisch sehr gelungenem Farbschnitt; was bei weitem nicht allen Selfpublishern gelingt. Wir warten gespannt auf den Abschluss der Trilogie.

Small is beautiful. Wir nehmen das wörtlich und greifen spontan nach „Das Leben der Ameisen“ von Maurice Maeterlinck. Erschienen im Czernin Verlag. Schon nach kurzem Hineinlesen sind wir fasziniert von dieser gelungenen Neuübersetzung des 1949 verstorbenen belgischen Schriftstellers, Dramatikers und Naturkundlers, der 1911 den Literaturnobelpreis erhalten hatte. Selten haben wir eine so poetische und trotzdem präzise Sprache erlebt. Und das bei einem Thema, an dem wir sonst achtlos vorübergegangen wären. Ameisen. Ausgerechnet Ameisen. Große Leseempfehlung!

Nächster Halt: Der mare Verlag, unlängst zur Genossenschaft „umgebaut“ und seit jeher einer der sympathischsten und literarisch entdeckungsfreudigsten unabhängigen Verlage. Gleich daneben ein ebenfalls alter Freund von uns: der Verlag Klaus Wagenbach. Wir gehen gar nicht im Einzelnen auf die reichhaltigen Verlagsprogramm ein. Lediglich der kleine Hinweis sei gestattet: Bei Wagenbach erwerben wir aus der Reihe der legendären roten SALTO-Bändchen Egon Erwin Kischs bereits 2013 erschienenen Berliner Reportagen „Aus dem Café Größenwahn“. Ein Klassiker, der auch heute noch merkwürdig aktuell klingt. Nicht nur vom Titel her. Lesetipp!

Wenn Lesen zur Mutprobe wird, landet man unweigerlich am Stand des Festa Verlags. Vielleicht nicht gerade unser literarischer Geschmack, aber wow! Was für eine Positionierung Im Buchmarkt. Noch deutlich jenseits von Fitzek und Co.

Wenn das Essen zur Mutprobe wird … Eingedenk des kulinarischen Angebots auf der Messe verschieben wir die mittägliche Nahrungsaufnahme und suchen uns abends lieber eine nette Adresse in der Stadt. Beispielsweise eines der zahlreichen und in der Regel sehr guten und zudem preiswerten vietnamesischen Restaurants. Tipp: Nicht weit von der Messe gibt’s das Wied-Nam. Aber pssst!

Spannend, aber nicht unerwartet ist die zunehmende Diskussion in Verlagen, wie sich welche Fach-KI sinnvoll einsetzen lässt, um verlagsinterne Prozesse effizienter zu machen. Ein Thema, dem man sich im Fachforum+ intensiv widmete. Wobei offensichtlich wird: KI hält Einzug in den Verlagen. Aber man ist sorgfältig bemüht, sie vollständig aus dem Lektorats-Tagesgeschäft herauszuhalten. Wie lange noch?

Während das Aufreger-Thema KI im Buch- und Verlagsgeschäft weiter durch unsere Gedanken wirbelt, mäandrieren wir weiter durch die Hallen. Vorüber an Plüschratten und …

… immer wieder zwischen aufwändig kostümierten VeretreterInnen der CosPlayer-Szene hindurch. Wir haben kein festes Ziel. Außer, so langsam wieder Richtung Ausgang zu streben.

Auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat sortiert Denis Scheck ein letztes Mal seine Bücherstapel mit Leseempfehlungen von der Buchmesse.

Für uns jedoch endet die Messe hier und heute. Erschöpft und mit müden Beinen reiten wir hinaus in den Sonnenuntergang. Nächstes Jahr kommen wir wieder ins schöne Leipzig, um den Bücherfrühliung zu feiern. Versprochen.

Wir hoffen, dass Euch unser kleiner Rundritt durch die Messehallen gefallen hat. Wir gestehen, dass wir diesmal ein wenig unkonzentriert waren, verglichen mit früheren Messe-Reportagen. Das war der Tatsache geschuldet, dass und zu Hause eine zwar gut versorgte, aber todkranke Katze erwartete. Etwas, was wir in all den Tagen nicht abzuschütteln vermochten. Wir hoffen, Ihr entschuldigt das und bleibt uns treu. Im Oktober melden wir uns von der Frankfurter Buchmesse. CU there!

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LBM 2026 (1): Alles passt

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 20. März 2026 | 18:23:53 | Roland Müller

Zugegeben, nach dem Eingangs-Desaster des vergangenen Jahres sind wir mit einem gewissen Bauchgrimmen nach Leipzig gereist. Würde diesmal alles gutgehen, ganz ohne stundenlanges Warten auf den Einlass? Und was sollen wir sagen: Diesmal klappte die Organisation. Manga-Event- und Buchmessebesucher waren sauber voneinander getrennt, die Zugangswege sauber ausgeschildert und die erhobenen Zeigefinger für alle Gäste leichtverstandlich.

Und klar. Es herrschte wieder heftiger Andrang. Also warfen wiruns ins Getümmel und ließen uns treiben. Wie immer war der erste frontal platzierte Ort, an dem kein Weg vorbeiführte – außer den beiden Treppen rechts und links davon – die zentrale Literaturbühne von ARD/ZDF und 3sat.

Unser Glück: Miljenko Jergovic, der unvergleichliche, wunderbar selbstironische Autor und Erzähler saß auf der Bühne. Frisch ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Der Anlass hatte Gewicht wie das Buch, das er präsentierte: „Das verrückte Herz“ mit dem Untertitel „Sarajevo Marlboro Remastered“, in dem Jergovic enmal mehr das prägendste Erlebnis seines Lebens verarbeitet: Die Belagerung Sarajevos während des Bosnien-Krieges.

Tief beeindruckt von einem Mann, der wie kaum ein anderer für die Erzählkunst der serbokroatischen Kultur steht, machen wir uns auf den Weg zum Generalthema der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Erstmals gibt es keinen Ehrengast mehr, sondern stattdessen enen thematischen Schwerpunkt. „Donau – unter Strom und zwischen Welten“ versucht etwas, was kaum möglich scheint: Die velfältigen Kulturräume, die Europas längster Strom durchschneidet, unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Schwierig.

Immer noch über das Motto snnierend wandern wir weiter und stoppen am Stand der Ukraine. Wie immer ist er auch dieses Jahr wieder umlagert. Und wen entdecken wir da zwischen all den quirligen Besucherinnen und Besuchern? Maryja Kalesnikawa, die gerade vor kurzem wieder aus der Haft entlassene belarussische Bürgerrechtlerin und Oppositionspolitikerin, die als Mitglied des Koordinierungsrats der Oppositionsbewegung zusammen mit ihren Mitstreiterinnen Zichanouskaja und Zepkala fast das autoritäre weißrussische Regime zu Fall gebracht hätte.

Immer noch das Donau-Konzept der Messe im Hinterkopf schlagen wir bei einem kleinen, unabhängigen Verag auf, der kaum weiter weg sein könnte vom thematischen Schwerpunkt der LBM. Der Inuit-Verlag, die mutige unternehmerische Initiative eines deutsch-grönländischen Ehepaars, schickt sich an, dem deutsprachigen Publikum die eingedenk der geringen Bevölkerungszahl unfassbare Vielfalt und Krearivität der grönländischen Literatur nahezubringen. Chapeau!

Wir unterhalten uns am kleinen, aber gut platzierten Messestand eingangs von Halle 4 mit Laali Lyberth, die für die Auswahl der Literatur und die Leitung des Verlags verantwortlich zeichnet. Das Verlagsprogramm wird sowohl zeitgenössische Werke als auch Klassiker der Inuit-Literatur umfassen und ist vergangenes Jahr mit einem ausgewählten Programm zur Frankfurter Buchmesse 2025 gestartet. Als gebürtige Grönländerin ist Laali, die seit einigen Jahren mit ihrer Familie in der Eifel lebt, die Vermittlung authentischer grönländischer Kultur ein Herzensanliegen. Wie uns auch. Nicht umsnst weht vor unserem Büro im Taunus die Grönlandflagge! Und dreimal dürft Ihr raten, was wie am Messestand erworben haben, um unsere heutigen Messekäufe unterzubringen … 😉

Da unsere Schwäche für kleine, unabhängige Verlage ja bekannt ist, machen wir uns direkt auf den Weg zum nächsten Kandidaten. 8280-edition.ch ist ein kleiner, feiner Verlag aus dem schweizerisch-deutschen Grenzland am Bodensee. Wir sind immer wieder verblüfft, was für spannende Entdeckungen sich bei ihm machen lassen.

Diesmal springt uns allein schon aufgrnd der Regalfläche ene Neuerscheinung ins Auge. Ein erzählendes Sachbuch, das in der Schweiz längst zum Bestseller geworden ist. Was aber am hiesigen Markt bisher völlig unbeobachtet geblieben ist. Der Schweizer Sportjournalist Kristian Kapp erzählt darin die unglaubliche Geschichte von Jeff Tomlinson, einem prominenten Schweizer Eishockeytrainer.

Wieso unglaublich? Nun, Jeff Tomlinson hat seine Mannschaft in der Schweizerischen Eishockey-Liga, einer der härtesten der Welt, in die höchste Spielklasse gebracht. Und er ist praktisch blind! Was niemand während der Jahre, die er die Mannschaft tranierte, bemerkte. Wir finden das Buch einen Hammer und die Geschichte berührender als so ziemlich alles, was an Sportliteratur auf dem Markt ist. Unbedingter Lesetipp!

Nun gut an Lesetipps mangelt es auf der Leipziger Buchmesse nun wirklich nicht. Aber die erscheinen meist in großen Publikumsverlagen. Denis Scheck weiß ein Lied davon zu singen (auch wenn er diesmal auf der Bühne auch zwei Newcomer-Verlage päsentierte).

Mit den Stapeln Scheck’scher Leseempfehlungen werden wir uns demnächst noch auseinandersetzen. Hier nur so viel: Nicht in jedem Fall folgen wir seiner Empfehlung. Zumal viele der Bücher längst durch die Feuilletons getrieben wurden.

Der Zufall spülte uns nach den Scheck’schen Verheißungen aus den führenden Publikumsverlagen fast zwangsläufig zum Gemeinschaftsstand der Unabhängigen. Gerade rechtzeitig, um dort die Verleihung des Kurt-Wolff-Preises an einen Verleger mitzuerleben, der im besten und positivstenSnne des Wortes als Wahnsinniger bezeichnet werden kann: Klaus Bittermann vom Berliner Verlag Edition Tiamat. In seiner Dankesrede zur Preisverleihung hieß er den warmen Geldsegen willkommen, um damit die Finanzierngslücke seines aktuellen Projekts zu füllen. Worum geht’s? Um die Veröffentlichung eines tausend Seiten starken bildreichen Werks über einen Kulturschatz, der kurz davor steht, verloren zu gehen: Stummfilm. Wahnsinn, sagte ich ja! Wir drücken die Daumen.

Na ja, wir drücken natürlich nicht nur die Daumen, sondern lassen uns auch gern eine perlende Erfrischung aufdrängen, um angemessen mitfeiern können. Salute!

Bevor wir mit malträtierten Füßen, aber gottlob nicht dehydriert der Messe für diesen Tag den Rücken kehren, bleiben wir noch ein letztes Mal am Gemeinschaftssand von ARD/ZDF/3sat hängen. Aus gutem und hochaktuellen Grund. Denn den 3sat Kulturzeit Talk zum Thema „Demokratie unter Druck“ wollten wir uns nicht entgehen lassen. Zumal neben der Moderatorin drei Autorinnen auf der Bühne saßen, um uns allen den Marsch zu blasen. Zuerst kam Angelique Geray zu Wort, die sich zu ihren erfahrungen als „Undercover unter Nazis“ äußerte. Wobei die besagten Nazis in der Regel zwischen 14 und 17 Jahren waren.

Sally Lisa Starken erzählte über USA, Italien und Polen, die ihrer Beobachtung nach als Demokratien am Kipppunkt anzusehen sind und damit bestens geeignet scheinen, uns aus ihren Fehlern lernen zu lassen, bevor anno 2029 eine Bundekanzlerin namens Weidel das Regiment führt.

Ruth Hoffmann schließlich stellte anschaulich dar, mit welch perfiden Methoden ein gut organisierter „Raubzug von rechts“ unsere Werte und Symbole stiehlt und mit rechten Inhalten befüllt. Es ist kein Zufall, dass af Demonstrationen der Neonaziszene längst die schwarz-rot-goldene Flagge die zuvor ach so beliebte Kaiserliche Reichskriegsflagge verdrängt hat. Nur ein Beispiel von vielen für den besagte Raubzug.

Mit diesem letzten, bewusst gesellschaftspolitisch motivierten Beitrag nebst der inkludierten Lesetipps beenden wir unsere heutige Messerunde. Morgen geht’s in alter Frische weiter. Stay tuned!

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Jürgen Habermas – ein Nachruf

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur, Politik | 15. März 2026 | 16:09:51 | Roland Müller

Die Stimme der Vernunft ist verstummt

96 Jahre sind ein stolzes Alter. Auch und gerade für jemanden, der bis ins hohe Alter keiner gesellschaftlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen ist. Nun ist seine Stimme für immer verstummt. Der bedeutendste Philosoph deutscher Sprache, Repräsentant der 2. Generation der Frankfurter Schule, angeworben von Adorno, gedisst von Horkheimer, Philosophie-Professor in Frankfurt und langjähriger Ko-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt in Starnberg, wird fehlen. Denn er war zeitlebens ein Verfechter der Vernunft, des offenen Diskurses und des kommunikativen Handels. Was sich auch in seinem philosophischen Hauptwerk „Die Theorie des kommunikativen Handelns“ ausdrückt.

Habermas‘ zentrale These lässt sich leicht zusammenfassen: Eine funktionierende Demokratie setzt voraus, dass die Menschen urteilsfähig sind. Um Urteilsfähigkeit zu erlangen, müssen sie kommunikationsfähig sein. Kommunikationsfähigkeit bedingt einen herrschaftsfreien Diskurs. Was so einfach und schlüssig klingt, kann man durchaus als den Kern von Demokratie und Aufklärung verstehen, für den Habermas stritt und den er verteidigte. Was auch eine systemische Kapitalismuskritik einschloss.

Oh ja, Habermas war streitlustig. Nicht nur als Wissenschaftler und Philosoph, sondern auch als Intellektueller, der sich niemals scheute, sich in die gesellschaftliche Diskussion einzumischen. Selbst, als es darum ging, die radikaleren Vertreter der auch von ihm selbst losgetretenen 68er-Studentenbewegung zur Ordnung zu rufen. Wobei er sich nicht scheute, ihnen „Linksfaschismus“ vorzuwerfen. Legendär bis heute ist auch sein in der Sache harter, aber immer respektvoll geführter Diskurs mit dem von mir sehr geschätzten Niklas Luhmann. Etwas, wovon wir in den heutigen Tagen weiter entfernt sind denn ja. Wohl niemand hat wie Jürgen Habermas Generationen von Philosophen und Soziologen beeinflusst. Es wäre schön gewesen, wenn sein unbedingter Glaube an die Kraft der Vernunft und des Arguments der Welt noch ein paar Jahre länger erhalten geblieben wäre.

Am 14. März 2026 ist er in seinem Haus in Starnberg verstorben. Er wird fehlen. Vielleicht mehr, als wir jetzt ahnen. R.I.P. Jürgen Habermas.

(© Foto: dpa)

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7. Oktober 2023, 6 Uhr 30 …

Veröffentlicht in Gesellschaft, Literatur, Politik | 07. Oktober 2025 | 18:42:09 | Roland Müller

Das Trauma dessen, was um 6 Uhr 30 am 7. Oktober 2023 begann, lässt sich nicht mit Bildern einfangen und nur schwer in Worte fassen. Es lässt sich nicht relativieren, nicht beschönigen und nicht aus der Welt schaffen. Es hat uns allen einen Blick ermöglicht in den Abgrund der Entmenschlichung und des ungezügelten Hasses. Philipp Peymann Engel schreibt in seinem im März 2024 erschienenen Buch Deutsche Lebenslügen:

Sie kamen am frühen Morgen und hatten nur ein Ziel: möglichst viele Juden zu töten. Mit Tausenden Raketen überzogen die Terroristen der Hamas am 7. Oktober 2023 Israel, sie infiltrierten den jüdischen Staat zu Land, zur See und zur Luft, schlachteten erbarmungslos Zivilisten ab, vergewaltigten und verschleppten Frauen und schnitten in mehreren Kibbuzim – beim Schreiben dieser Worte überfällt mich grenzenlose Trauer und unbändige Wut – Kindern die Kehle durch. Mehr als 1.200 Israelis ermordete die palästinensische Hamas im Süden Israels. Unter den Toten waren Babys, Jugendliche, Frauen, Eltern, Behinderte, Greise und Holocaust-Überlebende. Die Terroristen filmten ihre Taten. Sie machten sich einen Spaß daraus, Kinder zu quälen, sie misshandelten deren Mütter, trennten Familienvätern vor den Augen ihrer Familie Gliedmaßen ab und schossen ihnen anschließend in den Kopf.

Was könnte ich dem noch hinzufügen?

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LBM 2025 (Tag 2): Übliche Verdächtige und ein paar unübliche

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 31. März 2025 | 19:00:59 | Roland Müller

Droemer Knaur gehört zweifellos zu den üblichen Verdächtigen der Verlagsbranche. Nichts, womit wir uns am zweiten Tag unseres Messebesuchs über Gebühr aufhalten wollen. Die Rotunde im Zentrum des Messestandes ist bereits von der Frankfurter Buchmesse her bestens bekannt und unübersehbar.

S. Fischer wiederum stellt „Dream Count“ von Chimamanda Ngozi Adichie groß heraus. Was mehr als berechtigt ist. Denn die teils in den USA lebende Nigerianerin mit dem wunderbar klangvollen Namen hat damit einen Roman über vier sehr unterschiedliche Frauen vorgelegt, der sicher eines der Highlights des Lesejahres 2025 ist. Lesetipp!

Nichtdestotrotz zieht es uns zum Stand des diesjährigen Gastlandes Norwegen. Fünfeinhalb Millionen Einwohner sind zugleich (fast) fünfeinhalb Millionen Leserinnen und Leser. Und fast genau so viele Geschichten in Folge einer uralten Erzähltradition. Ein paar davon wollen wir uns näher anschauen.

Also noch ein kurzer Blick auf die freundlichen Gesichter, die die Seitenwände des Stands zieren und rein!

Licht, leicht, skandinavisch (nein, nicht IKEA, wir sind hier schlieslich nicht in Schweden) präsentieren die Norweger einen Traum im Frühling. Und es ist ganz schön voll, obwohl wir einigermaßen früh unterwegs sind.

Natürlich steuern zuallererst die Bücher von Karl Ove Knausgård an. „Das dritte Königreich“ springt uns zuallererst ins Auge. Der jüngste Band der Reihe „Der Morgenstern“. Ein neuer Stern erscheint am Firmament und in Norwegen stirbt niemand mehr. Mit allen Konsequenzen, die das zeitigt. Vielleicht nicht der stärkste Band der Romanreihe, aber wieder ein echter Knausgård.

Was wohl als nächstes kommt? Ein viertes Königreich? Es wird spannend werden zu sehen, wie lange die Idee trägt. Angeblich hat der Autor ja bereits bevor er überhaupt mit dem Schreiben des ersten Bandes begonnen hatte, die Titel aller Bände festgelegt. Zugzwang nun? Schreibzwang?

Maja Lunde darf man als bekannt voraussetzen. Spät estens mit den vier Romanen des Klimaquartetts hat sie sich als exzellente Climate Fiction Autorin eingeführt, angefangen mit „Die Geschichte der Bienen“. Mit „Für immer“ legt sie nun etwas Neues vor, das uns thematisch spontan an das eben erwähnte dritte Königreich erinnert. Denn in Lundes Roman kommt an einem gewöhnlichen Tag Anfang Juni die Zeit zum Stehen. Sie vergeht nicht mehr. Niemand stirbt, niemand wird mehr geboren. Eine faszinierende Idee mit verwrrenden Konsequenzen. Absolut lesenswert!

Wieviel bodenständiger kommt da Lars Myttings „Die Glocke im See“ daher. Erster Band einer Roman-Trilogie, die in einem kleinen, abgelegenen Dorf in Norwegen spielt, im Jahr 1880 (alle Bände beim Insel Verlag Berlin, bereits auf deutsch erschienen). Sehr atmosphärisch und bereits beim ersten Anlesen all das vermittelnd, wofür norwegische Erzählkunst steht.

Während wir in weiteren Büchern blättern, warten wir auf Trude Teige, die auf der kleinen Bühne ein Interview geben wird, moderiert von Günther Frauenlob – was für ein überaus passender Name (denken wir, ohne den Inhalt des Interviews vorwegzunehmen).

Lohnt sich noch ein Blick in Sigrid Boos „Dienstmädchen für ein Jahr“, ein 30er-Jahre Bestseller in neuer Übersetzung? Oder gar in Nina Lykkes „Wir sind nicht hier, um Spaß zu haben“? Nein, leider. Denn es geht los …

Wir lauschen einem langen und ausführlichen Interview mit einer glänzend aufgelegten Trude Teige. Mit der Neuauflage ihrer gesellschaftskritischen Kriminalromane um die TV-Journalistin Kajsa Coren darf man sie mit Fug und Recht als eine der besten Krimiautorinnen Norwegens bezeichnen. Zumal sie jede Menge Know-how aus ihrer eigenen Berufszeit als TV-Journalistin mit dem Schwerpunkt Politik in ihren Romanen verarbeitet. Dass sie wie ich bei den Aufbau Verlagen verlegt wird, ist ein gutes Gefühl.

In Nachbarschaft zum Stand des Gastlandes Norwegen prangt das blau-gelbe Signet des ukrainischen Standes. Wir treffen ein, als ein prominenter ukrainischer Philosoph auf der Bühne zu Wort kommt.

Wir lauschen Kostjantyn Sihows flammendem Plädoyer und verstehen ein klein wenig besser als eh schon, was für Europa auf dem Spiel steht.

Was wir als im westen Deutschlands Sozialisierte nicht wussten: Seit 1961 pflegt Leipzig eine Städtepartnerschaft mit Kiew. Und der Ukrainische Kultur- und Bildungsverein Oseredok Leipzig e.V. organisiert seitdem zahlreiche kulturelle Projekte und Kooperationen zwischen beiden Städten.

Wir entspannen uns von dem plötzlichen Einbruch der Weltpolitik und des unsäglichen russischen Überfalls auf die Ukraine in dem, was der österreichische Gemeinschaftsstand als „Kaffeehaus“ apostrophiert. Allerdings ganz ohne den degenerierten Charme eines bspw. Wiener Kaffeehauses. Egal. Kaffee hilft immer!

Mittlerweile lacht draußen die Sonne auf das Dach der Glashalle und auf die gewächshauswarmen Verbindungstunnel zwischen den Messehallen. Also schalten wirum auf Messe-Tunnelblick und eilen weiter.

… und landen mitten in einer Lesung eines uns unbekannten Independent Verlags auf der Leseinsel der Jungen Verlage und eines genauso unbekannten Autors. Ein Glücksfall, wie sich schnell zeigt. Mit „Gesicht zur Wand“ legt Hans-Gerd Pyka, ein stämmiger und schlagfertiger Autor in unseren eigenen besten Jahren einen Roman vor, der uns (wie gesagt, beide westdeutsch sozialisiert) die Augen öffnet für eine Zeit und eine Gesellschaft vor, während und nach dem Mauerfall. Hans-Gerd Pyka erzählt mit Witz die bewegende Geschichte eine Jugendlichen und Heranwachsenden, der mit der DDR-Obrigkeit in Konflikt gerät, unter abenteuerlichen Umständen aus der DDR flieht und im westen einen holprigen Neuanfang versucht. Magisch! Und damit ein klarer Lesetipp!

Natürlich haben wir uns daraufhin den unabhängigen Verlag mit Namen Dreiviertelhaus genauer angeschaut, der schräg gegenüber der Leseinsel einen winzigen 800-Euro-Eckstand belegte. Ein kleines, feines Programm, auf das wir sich ein Auge haben werden. Denn genau das macht den Reiz der Leipziger Buchmesse aus: Man entdeckt kleine, sehr engagierte Verlage mit lesenswertem Programm.

Nach einem langen, anstrengenden Messetag beobachten wir, wie die Grünflächen des Messegeländes zunehmend zur Picknickzone werden. So schön grün kann eine Buchmesse sein!

In diesem Sinne wünschen wir Euch erholsame Lesestunden mit Eurer Bücherbeute, falls Ihr selbst auf der LBM wart. Und wenn nicht, stöbert Ihr einfach durch unsere Lesetipps und überschüttet Eure Lieblingsbuchhandel mit Euren Bestellungen. Morgen berichten wir hier an gleicher Stelle über den dritten und vierten Messetag. Also stay tuned!

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