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LBM 2026 (3): Small is beautiful

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 24. März 2026 | 11:37:50 | Roland Müller

Ein letztes Mal anstehen. Ein letztes Mal den diesmal gut organisierten Zugang zur Leipziger Buchmesse genießen. Diesmal wollen wir uns auf die Suche machen nach den kleinen Highlights im großen Rummel. Und ja, auch diesmal lassen wir uns wieder treiben. Schauen wir mal, wohin uns das führt.

Schon jetzt bemerken wir: Am Wochenende ist der Andrang deutlich größer als am Donnerstag oder Freitag. Erwartbar. Alles sieht nach einem neuen Besucherrekord aus. Erstmals über der magischen Schwelle von 300.000 lesebegeisterten Menschen? Sehr wahrscheinlich.

Unser erster Anlaufpunkt ist der Hybrid-Verlag. Der uns da mit breitestmöglichem Lächeln begrüßt, ist Michael Knabe, der Autor der „Flüchtlingschroniken“, einer Fantasyreihe, die komplett ohne Magie, Drachen, Elfen, Zwerge oder sonstige mystische Wesen auskommt. Das geht? Und ob das geht! Wir haben selten eine so fesselnde und menschlich berührende Geschichte gelesen; mit Figuren, die in all ihrer Unvollkommenheit exzellent ausgearbeitet sind und uns wie jeden anderen, den wir kennen, in die dramatische Geschichte hineinziehen. Großes Fantasy-Kino weitab der üblichen und zu Tode gerittenen Klischees. Großer Lesetipp! Aktuell ist mit „Yelco“ der fünfte Band der Reihe erschienen.

Müssen wir noch erwähnen, dass wir uns direkt am Hybrid-Stand „Yelco“ gesichert haben, natürlich mit Signatur von Michael?

Nicht weit vom Stand des Hybrid-Verlags finden wir eine uns wohlbekannte Selfpublisherin: Carolin Lüdemann. Seit ihrem Roman-Debüt „Eine Zeit in Orangen“ – hier sehr gut rezensiert – hat sie fleißig nachgelegt. Nämlich mit „Eine Zeit in Thymian“, dem zweiten Band der ungewöhnlichen Fantasy-Trilogie, wie das Debüt ein fesselnder, erfrischend schräger und dabei romantischer Zeitreise-Roman. Und das mit einer sehr gehobenen Ausstattung inklusive ästhetisch sehr gelungenem Farbschnitt; was bei weitem nicht allen Selfpublishern gelingt. Wir warten gespannt auf den Abschluss der Trilogie.

Small is beautiful. Wir nehmen das wörtlich und greifen spontan nach „Das Leben der Ameisen“ von Maurice Maeterlinck. Erschienen im Czernin Verlag. Schon nach kurzem Hineinlesen sind wir fasziniert von dieser gelungenen Neuübersetzung des 1949 verstorbenen belgischen Schriftstellers, Dramatikers und Naturkundlers, der 1911 den Literaturnobelpreis erhalten hatte. Selten haben wir eine so poetische und trotzdem präzise Sprache erlebt. Und das bei einem Thema, an dem wir sonst achtlos vorübergegangen wären. Ameisen. Ausgerechnet Ameisen. Große Leseempfehlung!

Nächster Halt: Der mare Verlag, unlängst zur Genossenschaft „umgebaut“ und seit jeher einer der sympathischsten und literarisch entdeckungsfreudigsten unabhängigen Verlage. Gleich daneben ein ebenfalls alter Freund von uns: der Verlag Klaus Wagenbach. Wir gehen gar nicht im Einzelnen auf die reichhaltigen Verlagsprogramm ein. Lediglich der kleine Hinweis sei gestattet: Bei Wagenbach erwerben wir aus der Reihe der legendären roten SALTO-Bändchen Egon Erwin Kischs bereits 2013 erschienenen Berliner Reportagen „Aus dem Café Größenwahn“. Ein Klassiker, der auch heute noch merkwürdig aktuell klingt. Nicht nur vom Titel her. Lesetipp!

Wenn Lesen zur Mutprobe wird, landet man unweigerlich am Stand des Festa Verlags. Vielleicht nicht gerade unser literarischer Geschmack, aber wow! Was für eine Positionierung Im Buchmarkt. Noch deutlich jenseits von Fitzek und Co.

Wenn das Essen zur Mutprobe wird … Eingedenk des kulinarischen Angebots auf der Messe verschieben wir die mittägliche Nahrungsaufnahme und suchen uns abends lieber eine nette Adresse in der Stadt. Beispielsweise eines der zahlreichen und in der Regel sehr guten und zudem preiswerten vietnamesischen Restaurants. Tipp: Nicht weit von der Messe gibt’s das Wied-Nam. Aber pssst!

Spannend, aber nicht unerwartet ist die zunehmende Diskussion in Verlagen, wie sich welche Fach-KI sinnvoll einsetzen lässt, um verlagsinterne Prozesse effizienter zu machen. Ein Thema, dem man sich im Fachforum+ intensiv widmete. Wobei offensichtlich wird: KI hält Einzug in den Verlagen. Aber man ist sorgfältig bemüht, sie vollständig aus dem Lektorats-Tagesgeschäft herauszuhalten. Wie lange noch?

Während das Aufreger-Thema KI im Buch- und Verlagsgeschäft weiter durch unsere Gedanken wirbelt, mäandrieren wir weiter durch die Hallen. Vorüber an Plüschratten und …

… immer wieder zwischen aufwändig kostümierten VeretreterInnen der CosPlayer-Szene hindurch. Wir haben kein festes Ziel. Außer, so langsam wieder Richtung Ausgang zu streben.

Auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat sortiert Denis Scheck ein letztes Mal seine Bücherstapel mit Leseempfehlungen von der Buchmesse.

Für uns jedoch endet die Messe hier und heute. Erschöpft und mit müden Beinen reiten wir hinaus in den Sonnenuntergang. Nächstes Jahr kommen wir wieder ins schöne Leipzig, um den Bücherfrühliung zu feiern. Versprochen.

Wir hoffen, dass Euch unser kleiner Rundritt durch die Messehallen gefallen hat. Wir gestehen, dass wir diesmal ein wenig unkonzentriert waren, verglichen mit früheren Messe-Reportagen. Das war der Tatsache geschuldet, dass und zu Hause eine zwar gut versorgte, aber todkranke Katze erwartete. Etwas, was wir in all den Tagen nicht abzuschütteln vermochten. Wir hoffen, Ihr entschuldigt das und bleibt uns treu. Im Oktober melden wir uns von der Frankfurter Buchmesse. CU there!

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Leipziger Buchmesse 2024: Das Tiefe im Flachen suchen

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 24. März 2024 | 17:27:35 | Roland Müller

Alles außer flach. Unter dieses wunderbar selbstironische Motto hat das diesjährige Doppel-Gastland Niederlande & Flandern seinen Gemeinschaftsstand auf der Leipziger Buchmesse gestellt. Wir verstehen das als Aufforderung, eine Runde durch die flachen und Tiefen Gewässer des Bücherangebots zu drehen.

Als erstes Leseopfer haben wir J. J. Voskuils mittlerweile auf sieben Bände angeschwollene Romanserie über die Höhen und Tiefen des Büroalltags in einem volkskundlichen Forschungsinstitut auserkoren. Wer lange genug im Angestelltenverhältnis erwerbstätig war oder gar verbeamtet, dem wird vermutlich bei der Lektüre das (beabsichtigte) Lachen im Halse stecken bleiben. Genau deshalb nach wie vor: Lesetipp!

Eine ganz andere Nummer ist das Fien Veldmans Xerox. Ein ungewöhnlicher Debütroman, in der Tat. Geht es doch um Identitätsfindung, die sich in Zwiegesprächen der Protagonistin mit einem Bürodrucker offenbart. Endlich einmal ein humorvoller und trotzdem Denkanstöße setzender Roman auf einem mit reichlich Minen gespickten Themenfeld. Lesetipp!

Wir mäandrieren weiter durch die Hallen und Gänge. Vorbei an den Ständen der großen Publikumsvevrlage wie hier zum Beispiel Suhrkamp. Rappelvoll ist es überall. Und überall sehen wir Menschen, die mit Büchern in der Hand an den Kassen Schlange stehen.

Oder wie bei Piper Bücher anlesen und mehr oder weniger in den Gedanken der Autorinnen versinken. Ist es nich genauu das, was eine Buchmesse ausmacht?

Wobei nicht nur das ganz normale, belletristisch geprägte Programm der Verlage die Menschen anzieht. Sondern vielleicht mehr denn je auch das Programm politischer Bücher. Besonders auffällig ist das bei C.H.Beck …

Democracy sells! So könnte man eingedenk des schnell wachsenden Angebots von Büchern denken, die sich mit dem Zustand, vor allem aber der Bedrohungslage unserer Demokratie auseinandersetzen. Recht so!

Wobei das durchaus auch in sehr handfeste Parolen gefasst werden kann und darf. Leipzig scheint ein besonders geeigneter Ort zu sein für Ansagen mit klarer Kante. Immerhin startete in dieser Stadt die erste, einzige und vor allem erfolgreiche unblutige Revolution der deutschen Geschichte.

Ob es vor diesem Hintergrund opportun ist, nach Frau Merkel ausgerechnet auch noch Olaf Scholz zur Ermittlerfigur in einer geplanten Reihe von Kriminalromanen zu machen, möchten wir nicht kommentieren. Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen. Aber wer weiß? Vielleicht hat sich da eine Beraterin oder ein Berater im Kanzleramt gedacht, dass daraus ein Imagegewinn für den Vielgescholtenen herausspringen könnte?

Das tun die beiden jungen Verleger und Gründer des Kjona Verlags zum Beispiel nicht. Lars und Flo, bereits ein Leben lang enge Freunde, haben gemeinsam den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und damit in ein Abenteuer mit naturgemäß unklarem Ausgang. Aber: Sie haben alles richtig gemacht, und ihr noch kleines, aber sehr feines und literarisch anspruchsvolles Programm lässt manchen alteingesessenen Verlag schon jetzt alt aussehen. Neugierig, unabhängig und nachhaltig wollen sie sein. Und das sind soe tatsächlich, wie wir nach einem Gespräch am Stand feststellen konnten. Insofern unsere dringende Empfehlung: Schaut Euch die Bücher an, die die beiden verlegen. Jedes einzelne davon ist lesenswert. Lesetipp der besonderen Art!

Wir schlendern weiter und drehen eine Runde über den rustikal anmutenden Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage. Allein hier könnte man sich stundenlang festlesen.

Das gilt in kleinerer Auflage auch für den Stand des Hybrid-Verlages. Wir treffen Autor Michael Knabe (links) und Matthias Schlicke (rechts), den Pressechef, Autor, Lektor und so etwas wie der Haushaltsvorstand des Verlages. Michaels mittlerweile mehrbändige Reihe ziemlich genialer magiefreier Fantasyromane faszinieren uns ebenso wie so manches, was da in den Regalen vor uns ausgebreitet liegt. Müssen wir erwähnen, dass wir den Stand mit ein paar Einkäufen verlassen. Gerade in der Vielzahl der kleinen, engagierten Verlage liegt der eigentliche Reiz der Leipziger Buchmesse im Vergleich zum Kommerzmonster Frankfurter Buchmesse. Beides Messekonzepta haben ihre Berechtigung. Beide ergänzen sich. Anmerkung am Rande: Als sich beiläufig herausstellte, dass Matthias Schlicke vor der Wende als politischer Kabarettist tätig war und unsere Begeisterung für den legendären Dieter Hildebrandt teilt, haben wir uns regelrecht festgequatscht, was die Möglichkeiten der deutschen Sprache angeht, Botschaften zwischen den Zeilen spielen. Hätten wir nicht noch weitere Termine gehabt …

Wenig später lauschen wir auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat dem Gespräch mit Omri Böhm. Einer von jenen Autoren, denen man in diesen kriegsgetriebenen Zeiten unbedingt zuhören sollte.

Mit seinen Aussagen im Kopf sahen wir viele der Cosplayyerinnen, die auf der Messe unterwegs waren, sich präsentierten und sich fotogtafieren ließen, mit anderen Augen. Tun sie nicht im Prinzipg genau das, was auch die meisten Leserinnen und Leser tun? Dem brutalen Hier und Jetzt entfliehen in eine Scheinwelt, in der es zwar oft kaum weniger brutal zugeht, jedoch ohne die Konsequenzen der realen?

Mit diesem Gedanken im Kopf verlassen wir die heiligen Hallen und kämpfen uns durch den mittlerweile strömenden Regen durch zur Station der Tram Linie 16 – wo sich dann zeigt, dass die Flucht aus der Realität und die Kostümierung für eine Parallelwelt auch hier und jetzt ihr Gutes haben kann: sie vermag den Regen abzuhalten 😉

In diesem Sinne verabschieden wir uns für heute von Euch, sortieren unsere Gedanken und Bücher und melden uns morgen mit einer kleinen Nachlese. CU!

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