Kamera
Schokolade

LBM 2026 (3): Small is beautiful

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 24. März 2026 | 11:37:50 | Roland Müller

Ein letztes Mal anstehen. Ein letztes Mal den diesmal gut organisierten Zugang zur Leipziger Buchmesse genießen. Diesmal wollen wir uns auf die Suche machen nach den kleinen Highlights im großen Rummel. Und ja, auch diesmal lassen wir uns wieder treiben. Schauen wir mal, wohin uns das führt.

Schon jetzt bemerken wir: Am Wochenende ist der Andrang deutlich größer als am Donnerstag oder Freitag. Erwartbar. Alles sieht nach einem neuen Besucherrekord aus. Erstmals über der magischen Schwelle von 300.000 lesebegeisterten Menschen? Sehr wahrscheinlich.

Unser erster Anlaufpunkt ist der Hybrid-Verlag. Der uns da mit breitestmöglichem Lächeln begrüßt, ist Michael Knabe, der Autor der „Flüchtlingschroniken“, einer Fantasyreihe, die komplett ohne Magie, Drachen, Elfen, Zwerge oder sonstige mystische Wesen auskommt. Das geht? Und ob das geht! Wir haben selten eine so fesselnde und menschlich berührende Geschichte gelesen; mit Figuren, die in all ihrer Unvollkommenheit exzellent ausgearbeitet sind und uns wie jeden anderen, den wir kennen, in die dramatische Geschichte hineinziehen. Großes Fantasy-Kino weitab der üblichen und zu Tode gerittenen Klischees. Großer Lesetipp! Aktuell ist mit „Yelco“ der fünfte Band der Reihe erschienen.

Müssen wir noch erwähnen, dass wir uns direkt am Hybrid-Stand „Yelco“ gesichert haben, natürlich mit Signatur von Michael?

Nicht weit vom Stand des Hybrid-Verlags finden wir eine uns wohlbekannte Selfpublisherin: Carolin Lüdemann. Seit ihrem Roman-Debüt „Eine Zeit in Orangen“hier sehr gut rezensiert – hat sie fleißig nachgelegt. Nämlich mit „Eine Zeit in Thymian“, dem zweiten Band der ungewöhnlichen Fantasy-Trilogie, wie das Debüt ein fesselnder, erfrischend schräger und dabei romantischer Zeitreise-Roman. Und das mit einer sehr gehobenen Ausstattung inklusive ästhetisch sehr gelungenem Farbschnitt; was bei weitem nicht allen Selfpublishern gelingt. Wir warten gespannt auf den Abschluss der Trilogie.

Small is beautiful. Wir nehmen das wörtlich und greifen spontan nach „Das Leben der Ameisen“ von Maurice Maeterlinck. Erschienen im Czernin Verlag. Schon nach kurzem Hineinlesen sind wir fasziniert von dieser gelungenen Neuübersetzung des 1949 verstorbenen belgischen Schriftstellers, Dramatikers und Naturkundlers, der 1911 den Literaturnobelpreis erhalten hatte. Selten haben wir eine so poetische und trotzdem präzise Sprache erlebt. Und das bei einem Thema, an dem wir sonst achtlos vorübergegangen wären. Ameisen. Ausgerechnet Ameisen. Große Leseempfehlung!

Nächster Halt: Der mare Verlag, unlängst zur Genossenschaft „umgebaut“ und seit jeher einer der sympathischsten und literarisch entdeckungsfreudigsten unabhängigen Verlage. Gleich daneben ein ebenfalls alter Freund von uns: der Verlag Klaus Wagenbach. Wir gehen gar nicht im Einzelnen auf die reichhaltigen Verlagsprogramm ein. Lediglich der kleine Hinweis sei gestattet: Bei Wagenbach erwerben wir aus der Reihe der legendären roten SALTO-Bändchen Egon Erwin Kischs bereits 2013 erschienenen Berliner Reportagen „Aus dem Café Größenwahn“. Ein Klassiker, der auch heute noch merkwürdig aktuell klingt. Nicht nur vom Titel her. Lesetipp!

Wenn Lesen zur Mutprobe wird, landet man unweigerlich am Stand des Festa Verlags. Vielleicht nicht gerade unser literarischer Geschmack, aber wow! Was für eine Positionierung Im Buchmarkt. Noch deutlich jenseits von Fitzek und Co.

Wenn das Essen zur Mutprobe wird … Eingedenk des kulinarischen Angebots auf der Messe verschieben wir die mittägliche Nahrungsaufnahme und suchen uns abends lieber eine nette Adresse in der Stadt. Beispielsweise eines der zahlreichen und in der Regel sehr guten und zudem preiswerten vietnamesischen Restaurants. Tipp: Nicht weit von der Messe gibt’s das Wied-Nam. Aber pssst!

Spannend, aber nicht unerwartet ist die zunehmende Diskussion in Verlagen, wie sich welche Fach-KI sinnvoll einsetzen lässt, um verlagsinterne Prozesse effizienter zu machen. Ein Thema, dem man sich im Fachforum+ intensiv widmete. Wobei offensichtlich wird: KI hält Einzug in den Verlagen. Aber man ist sorgfältig bemüht, sie vollständig aus dem Lektorats-Tagesgeschäft herauszuhalten. Wie lange noch?

Während das Aufreger-Thema KI im Buch- und Verlagsgeschäft weiter durch unsere Gedanken wirbelt, mäandrieren wir weiter durch die Hallen. Vorüber an Plüschratten und …

… immer wieder zwischen aufwändig kostümierten VeretreterInnen der CosPlayer-Szene hindurch. Wir haben kein festes Ziel. Außer, so langsam wieder Richtung Ausgang zu streben.

Auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat sortiert Denis Scheck ein letztes Mal seine Bücherstapel mit Leseempfehlungen von der Buchmesse.

Für uns jedoch endet die Messe hier und heute. Erschöpft und mit müden Beinen reiten wir hinaus in den Sonnenuntergang. Nächstes Jahr kommen wir wieder ins schöne Leipzig, um den Bücherfrühliung zu feiern. Versprochen.

Wir hoffen, dass Euch unser kleiner Rundritt durch die Messehallen gefallen hat. Wir gestehen, dass wir diesmal ein wenig unkonzentriert waren, verglichen mit früheren Messe-Reportagen. Das war der Tatsache geschuldet, dass und zu Hause eine zwar gut versorgte, aber todkranke Katze erwartete. Etwas, was wir in all den Tagen nicht abzuschütteln vermochten. Wir hoffen, Ihr entschuldigt das und bleibt uns treu. Im Oktober melden wir uns von der Frankfurter Buchmesse. CU there!

Keine Kommentare »

LBM 2026 (2): It’s all about stories

Veröffentlicht in Apple & Co, Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Unterhaltung | 22. März 2026 | 16:11:18 | Roland Müller

Vielleicht mehr noch als bei jener anderen, noch größeren und deutlich kommerzielleren Buchmesse stehen auf der Leipziger Buchmesse die Geschichten im Zentrum. Gute Geschichten. Geschichten, die Leserinnen und Leser berühren, begeistern und fesseln.

Wie immer beginnt unser Rundgang vor der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat. Das üppige Programm im 45-Minuten-Takt zieht mit jedem einzelnen Auftritt Massen von Publikum an. Das Gerangel um freie Sitzplätze auf den Kubushockern nervt durchaus. Fast so sehr wie die Tatsache, dass mitunter auch der freie Raum vor den Sitzgelegenheiten bis an den Rand der Bühne von „Wildsitzern“ beleght, nein besetzt wird. Aber egal! Hauptsache die Menschen interessieren sich für die präsentierten Bücher.

Wir stolpern mitten hinein in die 3sat Buchzeit. Das mehr oder weniger literarische Rezensenten-Quartett bespricht „Meine Liebe stirbt nicht“, den neuen und allerersten Roman des berühmten Mafia-Investigativjournalisten Roberto Saviano. Ein profunder Sachbuchautor und Journalist traut sich an seinen ersten Roman? Kann das gutgehen? Die Rezensentenrunde zweifelt, findet, dass Saviano mit dem ihm ungewohnten Format der Belletristik fremdelt, in Klischees verfällt. Auch oder weil der Liebesgeschichte eine wahre Geschichte zugrunde liegt?

Einigkeit nach erstaunlich kurzer Diskussion herrscht hingegen bei Kais Harrabi, Katrin Schumacher (r.), Kai Sina (l.) und Sandra Kegel bezüglich Judith Herrmanns „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Der Titel avisiert die Suche der berühmten Autorin nach der Geschichte ihres bei der SS dienenden und in Polen stationierten Großvaters. Die Raffinesse der Erzählung besteht jedoch darin, vieles Faktische (weil nicht mehr verifizierbar) offenzulassen und den Vorgang der Expedition in die Vergangenheit als solchen zu beleuchten . Ein ungewöhnlicher Ansatz. Lesetipp? Gut möglich.

„Erzähl mir alles“ von Elizabeth Strout führt die Leserinnhen und Leser zurück in das schnarchige Crosby, ein Küstenstädtchen in Maine, also an der US-Ostküste und den bekannten Protagonisten Olive Kitteridge und Lucy Barton. Für die Pulitzer-Preisträgerin bekanntes Terroir, in dem sie eine bewegende Geschichte über Rückkehr, Liebe und Freundschaft ansiedelt. Wunderbar lesbar wie alle Romane der US-Autorin, die meist dann über das Genre hinauswächst, wenn sie das Alltägliche beschreibt, ohne es zu überhöhen. Klingt nach einem Lesetipp.

Dass das Rezensions-Team im Anschluss (oder war’s zu Beginn?) auf der Bühne ein Selfie-Shooting mit Mainzelmann Ded etwas überinszeniert, nun ja, dem Publikum hat’s gefallen.

Podcast live gab’s zu erleben auf dem Forum Offene Gesellschaft. Die beiden Podcaster Torsten Fremer und Prof. Dr. Friedrich von Borries diskutierten im Monopol-Podcast mit dem schönen Titel Fantasiemuskel mit Heike Geißler. Was uns beim Vorbeigehen stoppte, war tatsächlich der Titel „Optimieren verlernen“. Zum einen, weil wir jegliche Form von Selbstoptimierung und das damit verbundene Geschäftsmodell für obsolet halten. Zum anderen, weil wir die Autorin Heike Geißler als kritischen Geist sehr hoch schätzen (auch wenn ihre Homepage sicherheitstechnisch nicht up to date ist).

Der Preis der Leipziger Buchmesse beziehungsweise dessen Verleihung bildet einen der Höhepunkte der vier Messetage. Entsprechend aufwändig gerät die Präsentation der Nominierten, insbesondere im Bereioch Belletristik. Auf der Hauptbühne der Messe stellten sich die diesjährigen vier Kandidatinnen und ein Kandidat mit kurzen Lesungen vor, gefolgt von jeweils einem recht unterhaltsamen Interview. Und auch wenn unser ganz persönlicher Favorit „Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann gewesen ist, entschied sich die Jury schlussendlich anders …

And the winner is: „Goldstrand“ von Katerina Poladjan! Die natürlich umgehend auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat interviewt wurde. So viel ist klar: Die Auszeichnung wird den Abverkauf des Romans mächtig befeuern. Im Gegensatz dazu werden die vier Mitnominierten deutlich zurückfallen. Die Gesetze des Buchmarkts sind da leider gnadenlos.

Was generell bei unseren Rundgängen auf der Messe auffiel, war die an fast allen Ständen pr¨sente Solidarität mit den Buchhandlungen. Stichwort causa Weimer. Am großformatigsten wohl bei den S. Fischer Verlagen und bei Hanser.

Vielleicht können wir aus dem von Kulturstaatsminister Weimer ohne Not losgetretenen Skandal eines lernen: Wir alle müssen in Zukunft „Besser um die Zukunft streiten“. Nicht nur, wenn es um Reizthemen wie die Klimakrise geht, sondern ebenso bei Über- und Durchgriffen – ob mit Intention und Plan oder ohne – in die Freiheit von Kunst und Kultur oder gar unsere Demokratie als solche.

Trotz der wachsenden Erschöpfung nach unserem mehrstündigen Ritt durch die Messehallen wollten wir uns eines nicht entgehen lassen: Die abendliche Lesung von Anne Stern aus ihrem neuen (und ersten) historischen Kriminalroman „Die weiße Nacht“, moderiert von dem von uns sehr geschätzten Bücherblogger und Literaturkritiker Uwe Kalkowski, bekannt unter dem Arbeitspseudonym „Kaffeehaussitzer“. Der Ort der Veranstaltung: Eine Privatwohnung im Dachgeschoss einer Villa im Leipziger Bachviertel. Unser Dank gilt dem Gastgeber Hannes und seiner charmanten Gattin. Die überaus intime Atmosphäre der Veranstaltung harmonierte wunderbar mit der unglaublich dichten und fesselnden Atmosphärew inne Anne Sterns neuem Bestseller. Bestseller? Ja, daran besteht für uns schon jetzt kein Zweifel. Wir haben den Roman bereits zur Hälfte gelesen (Rezension folgt demnächst) und sind mächtig beeindruckt!

So, das war’s für heute. Morgen ist auch noch ein Tag und Gelegenheit für eine kurze Nachlese, Treffen mit alten Bekannten nach dem Motto „Small is beautiful“ und einem abschließenden, angemessen launigen Fazit der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Kommentare deaktiviert für LBM 2026 (2): It’s all about stories

LBM 2026 (1): Alles passt

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 20. März 2026 | 18:23:53 | Roland Müller

Zugegeben, nach dem Eingangs-Desaster des vergangenen Jahres sind wir mit einem gewissen Bauchgrimmen nach Leipzig gereist. Würde diesmal alles gutgehen, ganz ohne stundenlanges Warten auf den Einlass? Und was sollen wir sagen: Diesmal klappte die Organisation. Manga-Event- und Buchmessebesucher waren sauber voneinander getrennt, die Zugangswege sauber ausgeschildert und die erhobenen Zeigefinger für alle Gäste leichtverstandlich.

Und klar. Es herrschte wieder heftiger Andrang. Also warfen wiruns ins Getümmel und ließen uns treiben. Wie immer war der erste frontal platzierte Ort, an dem kein Weg vorbeiführte – außer den beiden Treppen rechts und links davon – die zentrale Literaturbühne von ARD/ZDF und 3sat.

Unser Glück: Miljenko Jergovic, der unvergleichliche, wunderbar selbstironische Autor und Erzähler saß auf der Bühne. Frisch ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Der Anlass hatte Gewicht wie das Buch, das er präsentierte: „Das verrückte Herz“ mit dem Untertitel „Sarajevo Marlboro Remastered“, in dem Jergovic enmal mehr das prägendste Erlebnis seines Lebens verarbeitet: Die Belagerung Sarajevos während des Bosnien-Krieges.

Tief beeindruckt von einem Mann, der wie kaum ein anderer für die Erzählkunst der serbokroatischen Kultur steht, machen wir uns auf den Weg zum Generalthema der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Erstmals gibt es keinen Ehrengast mehr, sondern stattdessen enen thematischen Schwerpunkt. „Donau – unter Strom und zwischen Welten“ versucht etwas, was kaum möglich scheint: Die velfältigen Kulturräume, die Europas längster Strom durchschneidet, unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Schwierig.

Immer noch über das Motto snnierend wandern wir weiter und stoppen am Stand der Ukraine. Wie immer ist er auch dieses Jahr wieder umlagert. Und wen entdecken wir da zwischen all den quirligen Besucherinnen und Besuchern? Maryja Kalesnikawa, die gerade vor kurzem wieder aus der Haft entlassene belarussische Bürgerrechtlerin und Oppositionspolitikerin, die als Mitglied des Koordinierungsrats der Oppositionsbewegung zusammen mit ihren Mitstreiterinnen Zichanouskaja und Zepkala fast das autoritäre weißrussische Regime zu Fall gebracht hätte.

Immer noch das Donau-Konzept der Messe im Hinterkopf schlagen wir bei einem kleinen, unabhängigen Verag auf, der kaum weiter weg sein könnte vom thematischen Schwerpunkt der LBM. Der Inuit-Verlag, die mutige unternehmerische Initiative eines deutsch-grönländischen Ehepaars, schickt sich an, dem deutsprachigen Publikum die eingedenk der geringen Bevölkerungszahl unfassbare Vielfalt und Krearivität der grönländischen Literatur nahezubringen. Chapeau!

Wir unterhalten uns am kleinen, aber gut platzierten Messestand eingangs von Halle 4 mit Laali Lyberth, die für die Auswahl der Literatur und die Leitung des Verlags verantwortlich zeichnet. Das Verlagsprogramm wird sowohl zeitgenössische Werke als auch Klassiker der Inuit-Literatur umfassen und ist vergangenes Jahr mit einem ausgewählten Programm zur Frankfurter Buchmesse 2025 gestartet. Als gebürtige Grönländerin ist Laali, die seit einigen Jahren mit ihrer Familie in der Eifel lebt, die Vermittlung authentischer grönländischer Kultur ein Herzensanliegen. Wie uns auch. Nicht umsnst weht vor unserem Büro im Taunus die Grönlandflagge! Und dreimal dürft Ihr raten, was wie am Messestand erworben haben, um unsere heutigen Messekäufe unterzubringen … 😉

Da unsere Schwäche für kleine, unabhängige Verlage ja bekannt ist, machen wir uns direkt auf den Weg zum nächsten Kandidaten. 8280-edition.ch ist ein kleiner, feiner Verlag aus dem schweizerisch-deutschen Grenzland am Bodensee. Wir sind immer wieder verblüfft, was für spannende Entdeckungen sich bei ihm machen lassen.

Diesmal springt uns allein schon aufgrnd der Regalfläche ene Neuerscheinung ins Auge. Ein erzählendes Sachbuch, das in der Schweiz längst zum Bestseller geworden ist. Was aber am hiesigen Markt bisher völlig unbeobachtet geblieben ist. Der Schweizer Sportjournalist Kristian Kapp erzählt darin die unglaubliche Geschichte von Jeff Tomlinson, einem prominenten Schweizer Eishockeytrainer.

Wieso unglaublich? Nun, Jeff Tomlinson hat seine Mannschaft in der Schweizerischen Eishockey-Liga, einer der härtesten der Welt, in die höchste Spielklasse gebracht. Und er ist praktisch blind! Was niemand während der Jahre, die er die Mannschaft tranierte, bemerkte. Wir finden das Buch einen Hammer und die Geschichte berührender als so ziemlich alles, was an Sportliteratur auf dem Markt ist. Unbedingter Lesetipp!

Nun gut an Lesetipps mangelt es auf der Leipziger Buchmesse nun wirklich nicht. Aber die erscheinen meist in großen Publikumsverlagen. Denis Scheck weiß ein Lied davon zu singen (auch wenn er diesmal auf der Bühne auch zwei Newcomer-Verlage päsentierte).

Mit den Stapeln Scheck’scher Leseempfehlungen werden wir uns demnächst noch auseinandersetzen. Hier nur so viel: Nicht in jedem Fall folgen wir seiner Empfehlung. Zumal viele der Bücher längst durch die Feuilletons getrieben wurden.

Der Zufall spülte uns nach den Scheck’schen Verheißungen aus den führenden Publikumsverlagen fast zwangsläufig zum Gemeinschaftsstand der Unabhängigen. Gerade rechtzeitig, um dort die Verleihung des Kurt-Wolff-Preises an einen Verleger mitzuerleben, der im besten und positivstenSnne des Wortes als Wahnsinniger bezeichnet werden kann: Klaus Bittermann vom Berliner Verlag Edition Tiamat. In seiner Dankesrede zur Preisverleihung hieß er den warmen Geldsegen willkommen, um damit die Finanzierngslücke seines aktuellen Projekts zu füllen. Worum geht’s? Um die Veröffentlichung eines tausend Seiten starken bildreichen Werks über einen Kulturschatz, der kurz davor steht, verloren zu gehen: Stummfilm. Wahnsinn, sagte ich ja! Wir drücken die Daumen.

Na ja, wir drücken natürlich nicht nur die Daumen, sondern lassen uns auch gern eine perlende Erfrischung aufdrängen, um angemessen mitfeiern können. Salute!

Bevor wir mit malträtierten Füßen, aber gottlob nicht dehydriert der Messe für diesen Tag den Rücken kehren, bleiben wir noch ein letztes Mal am Gemeinschaftssand von ARD/ZDF/3sat hängen. Aus gutem und hochaktuellen Grund. Denn den 3sat Kulturzeit Talk zum Thema „Demokratie unter Druck“ wollten wir uns nicht entgehen lassen. Zumal neben der Moderatorin drei Autorinnen auf der Bühne saßen, um uns allen den Marsch zu blasen. Zuerst kam Angelique Geray zu Wort, die sich zu ihren erfahrungen als „Undercover unter Nazis“ äußerte. Wobei die besagten Nazis in der Regel zwischen 14 und 17 Jahren waren.

Sally Lisa Starken erzählte über USA, Italien und Polen, die ihrer Beobachtung nach als Demokratien am Kipppunkt anzusehen sind und damit bestens geeignet scheinen, uns aus ihren Fehlern lernen zu lassen, bevor anno 2029 eine Bundekanzlerin namens Weidel das Regiment führt.

Ruth Hoffmann schließlich stellte anschaulich dar, mit welch perfiden Methoden ein gut organisierter „Raubzug von rechts“ unsere Werte und Symbole stiehlt und mit rechten Inhalten befüllt. Es ist kein Zufall, dass af Demonstrationen der Neonaziszene längst die schwarz-rot-goldene Flagge die zuvor ach so beliebte Kaiserliche Reichskriegsflagge verdrängt hat. Nur ein Beispiel von vielen für den besagte Raubzug.

Mit diesem letzten, bewusst gesellschaftspolitisch motivierten Beitrag nebst der inkludierten Lesetipps beenden wir unsere heutige Messerunde. Morgen geht’s in alter Frische weiter. Stay tuned!

Kommentare deaktiviert für LBM 2026 (1): Alles passt

Jürgen Habermas – ein Nachruf

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur, Politik | 15. März 2026 | 16:09:51 | Roland Müller

Die Stimme der Vernunft ist verstummt

96 Jahre sind ein stolzes Alter. Auch und gerade für jemanden, der bis ins hohe Alter keiner gesellschaftlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen ist. Nun ist seine Stimme für immer verstummt. Der bedeutendste Philosoph deutscher Sprache, Repräsentant der 2. Generation der Frankfurter Schule, angeworben von Adorno, gedisst von Horkheimer, Philosophie-Professor in Frankfurt und langjähriger Ko-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt in Starnberg, wird fehlen. Denn er war zeitlebens ein Verfechter der Vernunft, des offenen Diskurses und des kommunikativen Handels. Was sich auch in seinem philosophischen Hauptwerk „Die Theorie des kommunikativen Handelns“ ausdrückt.

Habermas‘ zentrale These lässt sich leicht zusammenfassen: Eine funktionierende Demokratie setzt voraus, dass die Menschen urteilsfähig sind. Um Urteilsfähigkeit zu erlangen, müssen sie kommunikationsfähig sein. Kommunikationsfähigkeit bedingt einen herrschaftsfreien Diskurs. Was so einfach und schlüssig klingt, kann man durchaus als den Kern von Demokratie und Aufklärung verstehen, für den Habermas stritt und den er verteidigte. Was auch eine systemische Kapitalismuskritik einschloss.

Oh ja, Habermas war streitlustig. Nicht nur als Wissenschaftler und Philosoph, sondern auch als Intellektueller, der sich niemals scheute, sich in die gesellschaftliche Diskussion einzumischen. Selbst, als es darum ging, die radikaleren Vertreter der auch von ihm selbst losgetretenen 68er-Studentenbewegung zur Ordnung zu rufen. Wobei er sich nicht scheute, ihnen „Linksfaschismus“ vorzuwerfen. Legendär bis heute ist auch sein in der Sache harter, aber immer respektvoll geführter Diskurs mit dem von mir sehr geschätzten Niklas Luhmann. Etwas, wovon wir in den heutigen Tagen weiter entfernt sind denn ja. Wohl niemand hat wie Jürgen Habermas Generationen von Philosophen und Soziologen beeinflusst. Es wäre schön gewesen, wenn sein unbedingter Glaube an die Kraft der Vernunft und des Arguments der Welt noch ein paar Jahre länger erhalten geblieben wäre.

Am 14. März 2026 ist er in seinem Haus in Starnberg verstorben. Er wird fehlen. Vielleicht mehr, als wir jetzt ahnen. R.I.P. Jürgen Habermas.

(© Foto: dpa)

Kommentare deaktiviert für Jürgen Habermas – ein Nachruf

Leipziger Buchmesse 2026 – eine Vorfreude

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 28. Januar 2026 | 16:33:29 | Roland Müller

In rund sieben Wochen ist es wieder soweit: Die Leipziger Buchmesse öffnet ihre Pforten. Diesmal hoffentlich mit weniger Eingangsstaus als im vergangenen Jahr. Ganz sicher aber wird der Gegenentwurf zum deutlich kommerzielleren Pendant Frankfurt dem in den vergangenen Monaten etwas schwächelnden Buchmarkt einen positiven und Optimismus fördernden Tritt in den Allerwertesten versetzen. Das ist nämlich dringend geboten: Fast ein Viertel der inhabergeführten Buchhandlungen ist 2025 vom Markt verschwunden. Zahlreiche Genres haben Einbußen hinnehmen müssen. Lediglich Krimi und Thriller halten ihre Abverkaufsposition. Romantasy und Dark Romance boomen weiter, haben aber möglicherweise ein Plateau erreicht. Was wird das „next big thing“? Das wissen die hoffentlich belesenen Götter. Eines ist schon jetzt klar: Auch auf der LBM 2026 wird der Einfluss von KI auf das Schreiben und den Buchmarkt hei diskutiert werden.

Und klar: Auch diesmal wieder werden wir wie im Vorjahr wieder live vor Ort sein und berichten. Stay tuned!

Kommentare deaktiviert für Leipziger Buchmesse 2026 – eine Vorfreude