Kamera
Schokolade

Auf ein Neues!

Veröffentlicht in Gesellschaft | 31. Dezember 2023 | 22:39:58 | Roland Müller

Mehr habe ich nicht zu sagen zum anbrechenden neuen Jahr. Außer einem Dankeschön an alle treuen und gerne auch weniger treuen Besucher:innen dieses Blogs. Macht das Beste aus dem, was vor Euch liegt! Das werden wir hier im digitalen Café auch tun. CU!

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In eigener, ganz anderer Sache …

Veröffentlicht in Arktis, Klimakrise, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 08. Dezember 2023 | 15:19:50 | Roland Müller

Dem einen oder anderen Besucher unseres digitalen Cafés mag es bereits bekannt sein, einigen aber vielleicht noch nicht: Seit einer Weile blogge ich nicht nur hier auf dieser Seite, sondern betätige mich auch als Schriftsteller. Als Thriller-Autor, um genau zu sein. Noch genauer: Als Autor von Thrillern, die im abtauenden Eis der Arktis spielen. Und das auf professioneller Basis als Verlags-Autor. Ende November, Anfang Dezember 2022 konnte ich einen Literaturagenten für meine Ideen begeistern. Und der wiederum hat mich anhand von Expo und Leseprobe an die Aufbau Verlage in Berlin vermittelt. Mein Thriller-Erstling EISRAUSCH ist in der Frühjahrs-Vorschau 2024 des Verlages angekündigt (ein PDF der Vorschau von Aufbau Taschenbuch kann man sich herunterladen) und wird ab 13. August 2024 in den Buchhandlungen ausliegen. Vorbestellt kann er natürlich jetzt schon werden. Und zwar hier: EISRAUSCH.

Wer mehr zu diesem meinem Herzensprojekt erfahren will, findet allerlei Informationen dazu auf meiner Autoren-Homepage. Ebenso wie ein paar Hinweise, wieso ich mich thematisch ausgerechnet in der Arktis herumtreibe. Der zweite Band der Thriller-Reihe ist übrigend bereits in Arbeit und soll 2025 erscheinen. Manuskriptabgabe ist laut Vertrag der Mai 2024. Wie es danach weitergeht, werden ich dann sehen. Ideen für zwei weitere Bände gibt’s bereits …

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Gedanken zum 7. Oktober 2023

Veröffentlicht in Gesellschaft, Politik | 07. November 2023 | 16:56:20 | Roland Müller

Heute, genau einen Monat nach dem blutrünstigen Massaker der Hamas-Miliz an mehr als 1.400 israelischen Kindern, Müttern und Großmüttern, Vätern und Großvätern und zwei Tage vor dem 9. November, dem Tag der Erinnerung an die Reichpogromnacht, als in Deutschland die Synagogen brannten, ist es Zeit, innezuhalten.

Wir müssen uns die Frage stellen, wie gefühlskalt, teilnahmelos und abgestumpft wir in diesem unseren Land geworden sind. Warum haben die von der Hamas selbst gedrehten Horrorvideos von abgeschlachteten und teils geköpften Kindern, vergewaltigten Frauen, aufgeschlitzten Bäuchen Schwangerer und in ihren Häusern lebendig verbrannter Menschen nicht berührt? Warum haben sie nicht unsere Herzen erreicht? Warum sind wir nicht zu Tausenden und Zehntausenden auf die Straße gegangen, um gegen das schlimmste Pogrom an jüdischen Menschen seit dem Terror der Nazis zu protestieren? Was hätten wir getan, wenn – gemessen an der Bevölkerungszahl – hierzulande entfesselte Terrorbanden johlend und videografierend knapp 20.000 deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger abgeschlachtet hätten?

Müssen wir uns vielleicht eine ganz andere Frage stellen?

Die Frage, wie tief der Antisemitismus in unserer deutschen Gesellschaft verwurzelt ist und wie oberflächlich die Wurzeln von Humanismus, Mitgefühl und Empathie verankert sind?

Offenbar sehen viele von uns, eine überwiegende, beharrlich schweigende Mehrheit, nicht die Menschen, die leiden; wollen sie nicht sehen, wokken sich nicht dazu äußern, wenden sich ab. Starren Tage und Wochen danach auf die Bilder gepeinigter palästinensischer Kinder, die die Bildschirme fluten. Ebenfalls Opfer eines Krieges, den eine Terrororganisation angezettelt hat, die in ihrer religiös-ideologischen Verblendung nicht einmal davor zurückschreckt, die eigenen Mitbürger als Geiseln zu nehmen, sie gar vorauseilend als Märtyrer zu bezeichnen, deren verdammte Pflicht es sei, für die Sache der Hamas zu sterben. Immerhin, und das erschrickt mich wirklich, scheinen vielen Deutschen die leidenden Palästinenser emotional näher zu gehen als die abgeschlachteten Israelis. „Die sind doch selbst dran schuld“, tönt es aus ganz rechten und ganz linken Kreisen. Dort, wo einerseits offener, andererseits subtiler, intellektuell verbrämter Antisemitismus schon immer zu Hause war. Ebenso in Kreisen mancher Muslime, die zu uns geflüchtet sind oder schon lange bei uns leben. Oft genug angeheizt von den ErdoÄanen dieser Welt, die nihr ganz eigenes Süppchen kochen und die Palästinenser seit Jahrzehnten für ihre eigenen Interessen missbrauchen. Wie leicht sich doch mit den passenden Bildern und Erzählungen Opfer zu Täter stilisieren lassen. Wie blind wir doch erneut darauf hereinfallen, wie schon in den zwölf Jahren eines tausendjährigen Reichs. Und lange davor. Die selben Erzählungen, die selbe Mechanik der Entmenschlichung. So durchsichtig. So erkennbar. So wirkungsvoll.

Beginnt es wieder?

Danke an das Börsenblatt des deutschen Buchhandels für diesen Appell.

Danke an Robert Habeck für diese Rede. Eigentlich wäre es Sache des Bundeskanzlers gewesen, sie zu halten.

Danke für diese Initiative des deutschen Literaturbetriebs.

Danke für diesen Beitrag auf buchmarkt.de

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FBM 2023 – Sonntag (5/5): Dichtung und Wahrheit

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 22. Oktober 2023 | 22:00:50 | Roland Müller

Heute hat Sir Salman Rushdie in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegengenommen. Die Laudatio hielt sein Freund Daniel Kehlmann. Gestern Abend war Rushdie zu Gast bei der Literaturgala der Frankfurter Buchmesse, bezeichnenderweise im Raum Harmonie des Conference Centers. Noch gezeichnet von dem zurückliegenden Attentat, aber mit dem ihm eigenen unzerbrechbaren Optimismus. Der Kernsatz seines heutigen Auftritts in der Pauklskirche stand unausgesprochenauch über dem gestrigen Abend: „Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan machen, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann“. Wir nehmen diesen Satz als Einleitung zu unserer heutigen Würdigung des literarischen Schreibens und des letzten Tages der 75. Frankfurter Buchmesse. Und wir beginnen mit einem kurzen Rückblick auf die gestrige Literaturgala …

Moderiert wurde der Abend von Thea Dorn und Denis Scheck. Was erwartbar war.

Denis Scheck und Thea Dorn dürfen vermutlich als das Dream Team der deutschen Literaturkritik gelten. Zumindest wenn man die Popularität und die mediale Aufmerksamkeit als Maßstab nimmt. Und in der Tat, sie liefern.

Scheck eröffnete die im Gegensatz zum vergangenen Jahr bis auf den letzten Platz ausverkaufte Literaturgala mit einem Interview mit Salman Rushdie, der Würdigung seiner geradezu märchenhaften Erzählkunst und einer kurzen Vorstellung seines aktuellen Romans Victory City.

Auftritt Thea Dorn. Sie unterhielt sich mit Thomas Hettche, dem Berliner Romancier und Autor und interviewte ihn zu den Hintergründen und womöglich autobiografischen Bezügen, die sich in seinem aktuellen Roman Sinkende Sterne verbergen mögen. Was Hettche nicht verhehlte und, darauf angesprochen, was es mit dem etwas surrealen Titel auf sich habe, schalkhaft darauf verwies, dass ihn eine bekannte Feministin darauf verwiesen hatte, dass alle Männer sinkende Sterne seien. Das habe ihm gut gefallen. Denn dann sei er ja irgendwann einmal ein Stern gewesen. Ach ja, die Koketterie des Autors, kein neues Phänomen, aber in diesem Fall charmant vorgetragen.

Auftritt Scheck. Im Gespräch mit Cornelia Funke zeigte auch sie sich von ihrer koketten Seite. In Gestik und Worten. Was den guten Denis regelrecht hinriss. Funke, die mit Die Farbe der Rache auf der diesjährigen Buchmesse den lange erhofften vierten Band ihrer geradezu legendären Tintenwelt-Romane vorgestellt hat, mag man jede Art von Koketterie verzeihen. Weil sie eine großartige Schriftstellerin und Erzählerin ist und sich für zahllose humanitäre Herzensprojekte engagiert. Zuletzt für ihr ‚Artists in Residence‘ Projekt in der Toskana, von dem Scheck nach einem gerade abgeschlossenen Besuch schwärmte. Und was ist nun die Farbe der Rache? Grau natürlich.

Auftritt Dorn im Zwiegespräch mit Christopher Clark. Der Historiker und großartige Erzähler – keine allzu häufige Kombination – hat mit seinem neuesten Werk Frühling der Revolution nicht weniger vorgelegt als eine grundsätzliche Neubewertung der Revolution von 1848/49 als erste und einzige europäische Revolution, die er zudem als keineswegs gescheitert interpretiert und dafür auch gute Argumente vorbringt. In gewisser Weise bietet er seine Neuinterpretation der EU als Kern eines neuen Selbstverständnisses und für ein neues Storytelling an. Bedenkenswert.

Auftritt Scheck im Interview mit Amir Gudarzi. Und schon stand die politische Gegenwart wieder hart im Raum. Wie schon beim Auftritt von Sir Salman Rushdie. Nur härter und kompromissloser. Der exiliranische Dramaturg und Theaterautor, einst Opfer des Teheraner Ajatollah-Regimes, lebt mittlerweile in Österreich. Er verglich im Gespräch nicht ohne Ironie seine physischen Foltererfahrungen im Iran mit den psychischen Foltermethoden der österreichischen Bürokratie während des viele Jahre dauernden Prozesses der Asylgewährung und schlussendlichen Einbürgerung. Und er schloss mit einem flammenden Appell, die Aussagen der iranischen Regierung, Israel vernichten zu wollen, endlich ernst zu nehmen und nicht nur als Worte abzutun. Nicht von ungefähr pflegt auf iranischen Raketen in hebräischen Lettern „Tod Israel“ zu stehen. Sollte der Iran irgendwann über Atomwaffen verfügen, nicht auszudenken …

Auftritt Dorn im Gespräch mit Lizzie Doron. Die israelische Friedensaktivistin und Autorin und Stimme der sogennanten „zweiten Generation“ wirkte sichtlich traumatisiert, als sie ein Handzettel hochhielt, auf dem unter der Headline ENTFÜHRT auf eine israelische Familie hinwies, die sich wie so viele andere Opfer des zurückliegenden Massakers in den Händen der Hamas befindet und um deren Leben sie bangt. Sie verhehlte nicht ihren mentalen zusammenbruch nach den jüngsten Erfahrungen eines Pogroms in einem sicher geglaubten Land. Es fiel ihr sichtlich schwer, danach auf das Buch zurückzukommen, das sie während der Corona-Pandemie geschrieben hat und das seiner deutschen Veröffentlichung harrt. Bewegend. Der Abend klang mit langanhaltendem Applaus und etlichen Blumensträußen aus. Zurück blieb eine merkwürdige Stimmung irgendwo zwischen Optimismus, Melancholie und Trotz. Immerhin, der 1.800 qm große Saal, in dem all dies spielte, trug den Namen „Harmonie“. Vielleicht muss man das als Hoffnungssignal interpretieren …

Nach diesem kurzen und schnellen Ritt durch die gestrige Literaturgala wenden wir uns nun einer kleinen Nachlese der mittlerweile geendeten 75. Frankfurter Buchmesse zu. Als Anknüpfungspunkt, Schnittstelle zu den folgenden Themen mag dieser Schnappschuss dienen:

Auf der Außenterrasse von Halle 3.1 lief er an uns vorbei: Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Nachdenklich, mit verschränkten Armen und in eher gedrückter Stimmung. Was mag ihm durch den Kopf gegangen sein? Wo weilen seine Gedanken? Und wie bescheuert ist diese Frage so kurz nach dem Hamas-Massaker? Für einen Moment legt sich der Schatten der Zeitgeschichte über unsere Wahrnehmung einer fröhlichen, selbstbewussten und erfolgreichen Buchmesse …

Was tun, um wieder zur Ruhe zu kommen? Vielleicht einfach tief durchatmen und einfach relaxen. Möglichst ohne dabei so angestrengt dreinzuschauen wie diese beiden Herren. Wir versuchen es und steuern danach einmal mehr den Stand der Aufbau Verlage an. Hatten wir gestern ja versprochen.

Mit Jens Andersen: Tove Ditlevsen – ihr Leben nehmen wir eine, nein die Biografie der berühmten dänischen Schriftstellerin und Autorin der Kopenhagen-Trilogie in die Hand. Eine Biografie, glänzend übersetzt aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, die sich spannender liest als so mancher Roman. Wir werfen einen Blick auf die Rückseite …

In der Tat, dem ist nichts hinzuzufügen. Bei Aufbau sind natürlich auch weitere Romane von Ditlevsen erschienen sowie die Kopenhagen-Trilogie auch als Aufbau Taschenbücher. Alles ohne Ausnahme Lesetipps!

Beim Verlag Hermann Schmidt ist uns ein ganz anderes Buch ins Auge gesprungen. Andreas Koop: DDR CI. Titel und Thema mögen anfangs verblüffen. Das Buch selbst jedoch ist eine unglaublich gut recherchierte und strukturierte Analyse der Corporate Identity eines Staatswesens, das vielen von uns immer noch merkwürdig fremd erscheint. Die Idee für ein solches Buch ist schlichtweg genial. Denn wo und wie drückt sich die Identität eines politischen Systems und einer Partei deutlicher aus als in ihren Bildern und fragischen Metaphern? Der Informationsdesigner Koop legt mit diesem fiktiven CI-Manual ein brillantes Werk vor. Und: Er ist Wiederholungstäter!

Das fiktive Corporate Design Manual des real existierenden Sozialismus. Ja, genau das: Lesetipp!

Dreimal sind wir daran vorbeigerannt. Typische Buchmesseblindheit. Aber dann stehen wir endlich vor einem unserer Lieblingsverlage: dem Verlag Klaus Wagenbach. Wer ist noch nicht im lokalen Buchhandel über die legendäre Salto-Reihe gestolpert? Die knallroten Leinenbändchen verführen wie kaum ein anderes Buchformat zum spontanen Zugreifen und Schmökern. Und genau das tun wir nun auch. Jedes der nachfolgend gezeigten Salto-Bändchen empfehlen wir als Lesetipp:

Ljubljana und Slowenien – Eine literarische Einladung in das schreib- und lesefreudige Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Alexandre Labruffe: Erkenntnisse eines Tankwarts

Joke J. Hermsen: Rosa und Hannah – Das Blatt wenden

Dieter Richter: Con gusto – Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht

Wir lassen die rote Wand mit den Salto-Bänden rechts liegen und wandern nach links weiter. Gibt’s hier noch etwas zu entdecken? Ja, durchaus …

Marco Missiroli: Alles haben. Rimini im Juni. Ein Vater-Sohn-Roman. Und was für einer. Wie immer werfen wir einen Blick auf die erste Textseite …

Würden wir weiterlesen wollen? Aber ja! Und Ihr? Mit dieser Frage, die wir einfach mal im Raum stehen lassen, weil sie eigentlich für jedes Buch gilt, wenden wir der 75. Frankfurter Buchmesse nun den Rücken zu. Es waren fünf, eigentlich sogar sechs unglaublich intensive Tage. Gefüllt mit vielerlei Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnissen, auch Leseerlebnissen. Wir kehren mit einer langen, eigentlich viel zu langen Bücherliste zurück in unser Zuhause.

Wir werfen Jonathan Borofskys Hammering Man einen letzten Blick zu. Er hat sein Hämmern beendet. Die Messe hat ihre Tore geschlossen.

Wir hoffen, es hat Euch Spaß gemacht, dass wir Euer Auge und Ohr auf der Frankfurter Buchmesse waren. Wir werden uns spätestens auf der Leipziger Buchmesse wiedersehen. Und dazwischen gibt’s hier auf cafedigital immer wieder einmal Buchrezensionen und Artikel zu allem, was uns zum Magazin für analoges Leben und digitales Arbeiten macht CU!

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FBM 2023 –Sa (4/5): Chaos und Kontrolle

Veröffentlicht in Gesellschaft, Klimakrise, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 21. Oktober 2023 | 23:41:26 | Roland Müller

Samstag. Die Pforten der Hölle werden geöffnet. Und Menschenmassen wälzen sich in Richtung Frankfurter Buchmesse. Wie lange werden die beiden dezent verkabelten Bodyguards den Überblick behalten, früh am Morgen? Wie auch immer, wir stürzen uns erneut für Euch ins Getümmel …

Wobei „Getümmel“ der tatsächlichen Situation kaum gerecht wird. Bereits auf den Rolltreppen von der S-Bahn-Station hinauf zur Messe beginnen wir zu ahnen, was dieser Tag bringen wird …

Mit einem Wort: Chaos. Je nach Blickwinkel wirken die verschlungenen Rolltreppen wie ein Labyrinth, entsprungen der Phantasie eines Escher. Nur dass nichts statisch, alles in Bewegung ist.

Und dann stecken wir plötzlich fest! Mitten in Halle 3.0 geht nichts mehr. Erst später erfahren wir, woran das liegt: Am zum Bastei Lübbe Verlag gehörenden Imprint Lyx werden messeexklusiv limitierte Farbschnitte von gängigen Romancebüchern angeboten. Und auf der Gegengeraden signiert gerade Sebastian Fitzek bei Droemer Knaur seinen neuesten Psychothriller „Die Einladung“. Mit der Folge, dass sich im weiteren Verlauf des Tages eine Warteschlange von mehr als 200 Metern Länge bilden wird, nicht nur am Stand, in der Halle, sondern bis weit hinaus auf die Agora. Wir flüchten nach draußen! Was fast eine Viertelstunde dauert und einigen handfesten Nachdruck erfordert.

Draußen auf der Agora ist immer noch hektisch genug, aber zumindest können wir ein wenig Luft holen. Über uns der zunehmend blaue Herbsthimmel. Neben uns der zum Bersten aufgepumpte Asterix des Egmont Verlags, der von einem wummernden Kompresser stetig neu befüllt wird. Ein Häppchen essen an einer der zahlreichen Verpflegungsstellen? Keine Chance. Auch hier Dutzende Meter lange Warteschlangen. Okay. Wir verziehen uns wieder nach drinnen.

Nach oben, Richtung Halle 3.1 – diesmal erklimmen wir die stählerne Außentreppe, clever wie wir sind. Sie bebt zwar bedenklich unter unseren Schritten (und denen jener Hundert, die auf die gleiche grandiose Idee gekommen sind), aber es geht voran.

Oben angekommen, bietet sich uns eine phantastische Aussicht über die gesamte Agora mit dem Frankfurt Pavillon, rechts hinten dem Pavillon des Ehrengasts Slowenien, darüber der Messeturm. Und all das vor einem urplötzlich fast wolkenlosen, blauen Herbsthimmel. Fast waren wir in Versuchung, zu vergessen, weshalb wir uns all das antun …

… Nämlich der Bücher wegen. Bücher wie beispielsweise dem bei C.H. Beck erschienenen Roman Salomés Zorn von Simone Atangana Bekono. Ein in zweierlei Hinsicht wichtiges und lesenswertes Buch. Erstens erzählt Bekono in diesem beachtlichen Debüt aus der Sicht einer wütenden jungen Frau ein Aufwachsen in einem zutiefst rassistischen Umfeld.

Und zweitens schafft sie es, mit einer intensiven und authentischen Sprache zu vermitteln, wie die Heranwachsende mit ihrem Zorn klarzukommen versucht und daran ebenso scheitert wie am blinden Aufgreifen der brutalen Verhaltenstipps ihres Vaters. Ein gelungenes Debüt. Und fast ein Lesetipp.

Auf jeden Fall ein Lesetipp (unser wievielter eigentlich?) ist Colson Whitehead: Die Regeln des Spiels. Erschienen bei Hanser. Ein knallharter Krimi, der im New York der siebziger Jahre spielt. Brillant erzählt, spannend, mit einer guten Prise Witz. Der Text auf der Rückseite bringt es ziemlich gut auf den Punkt:

Ganz sicher einer der drei besten Kriminalromane des Jahres. Von einem, der sein Metier meisterhaft beherrscht. Deshalb ohne Einschränkung ein Lesetipp!

Achtung: harter Kontrast! Im Vorbeigehen (naja, eher Schieben, Drücken, Schubsen) greifen wir nach dem sehr persönlichen Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage III – datierte Tagebuchnotizen eines wirklichen Philosophen, nicht eines TV-medialen Meinungsschwurblers, dessen Eitelkeit keine glaubwürdige Entschuldigung zulässt, wenn er wieder (einmal) in die falsche Schublade greift … aber lassen wird das. Wer aus wirklich allernächster Nähe beobachten will, wie ein Philosoph „tickt“, wie er beobachtet und bewertet, ist mit diesem Buch bestens bedient. Sehr anregend und deshalb Lesetipp!

Und wenn wir schon bei Sloterdijk sind, ist auch ein Hinweis auf Wer noch kein Grau gedacht hat statthaft. Vergangenes Jahr erschienen, eine politisch-philosophische Farbenlehre. Niemand polemisiert so elegant wie Sloterdijk, altersweise, wie er mittlerweile daherkommt.

Und nun kommen wir frei nach Monty Python zu etwas vollkommen anderem … Wien. Genauer gesagt Wolfgang Freitag: Nur in Wien. Ein kleines, grünes, erquickliches Büchlein über Absonderlichkeiten im Wiener Stadtbild. Skurril, nicht ohne Schmäh und einfach nur lesenswert. Eine Entdeckung am Stand des Czernin Verlags, an dem die meisten Besucher einfach vorübergehen (auf der Suche nach neuen Farbschnitten? Wer weiß das schon).

Der rückwärtige Text sagt, worum es geht. Profan? Von wegen! Wir lieben das! Lesetipp? Aber sowas von!

Gleicher Verlag, noch kompakteres Büchlein. Aber das hat es in sich. Beispielsweise für Autoren, deren Geschichten in einer Zeit spielen, als die USA mit dem OSS eine Institution besaßen, der sich auf besonders üble Arbeitsweisen verstand. Sabotage und psychologische Kriegsführung – Ein Handbuch ist genau das: Ein Handbuch mit konkreten Anleitungen, wie man den Feind zerrüttet, seine Moral bricht, seine Strukturen lahmlegt. Alles O-Ton des längst nicht mehr existierenden OSS, des Office for Strategic Services, das eine kurze aber höchst wirkungsvolle Blüte erlebte während des Zweiten Weltkrieges. Ein Blick auf die Rückseite macht Appetit …

Das eigentlich Erschreckende an dieser Fachlektüre: Von wenigen Details abgesehen ist der Inhalt auch heute noch relevant und anwendbar. So etwas gehört in jeden heimischen Bücherschrank. Man kann ja nie wissen …

Ein hübsches Organigramm des OSS lässt auf einen Blick erahnen, womit man es zu tun hat. Ein interessantes Stück Zeitgeschichte.

Zeitgeschichte finden wir auch ein paar Ecken weiter, bei den Aufbau Verlagen. Auf eine Currywurst mit Gregor Gysi würden wir uns auch gerne mal treffen. Eloquent, nachdenklich, schlagfertig, oft witzig lässt uns der linkeste aller Elder Statesmen an seinen Gedanken und Einsichten teilhaben. Schade, dass Politiker wie er zu einer aussterbenden Spezies gehören, sehr schade.

Dann endlich kommen wir an unserem eigentlichen heutigen Ziel an: der Leseinsel der Unabhängigen Verlage. Wir sind ein bisschen früh dran für unser eigentliches Lesungs-Date. Aber Thomas Brussig: Meine Apokalypsen klingt gleichwohl spannend. Er beschreibt in seinem jüngsten Buch recht launig eine lange Reihe von scheinbaren Apokalypsen, denen immer der Ruf vorauseilte, das Ende der Menschheit einzuläuten. So weit, so gut. Vieles davon erscheint uns nachvollziehbar. Ob es allerdings im Kontext von Ozonloch, Millenium-Bug, Finanzkrise 2008 und Corona-Pandemie statthaft ist, die Klimakrise mit dem gleichen Maß zu messen, muss bezweifelt werden. Denn im Gegensatz zu allen vorangegangenen „Apokalypsen“ wird diese Entwicklung nicht wieder verschwinden. Sie wie Brussig (ein ansonsten von uns sehr geschätzter Autor) auf einer rein regionalen und lokalen Ebene hierzulande zu bewerten, geht am globalen Zusammenhang vorbei. Der Moderator (vom Verlag?) bemühte sich nach Kräften, Brussigs etwas schräge Realitivierung aus der Schusslinie zu nehmen. Das gelang allerdings nur teilweise. Aber egal. Wir waren ja nicht wegen Brussigs Apokalypsen hierher gekommen. Sondern …

… wegen einer lieben Forumskollegin vom DSFo, Varina Walenda. Sie hat soeben mit ihrem Debütroman Dopamin & Pseudoretten beim kleinen und feinen Voland & Quist Verlag in Berlin reüssiert. Hier und heute hält sie bereits ihre zweite öffentliche Lesung. Die erste fand in spektakulärer Kulisse statt, nämlich im Frankfurter Römer, bei der traditionsreichsten Literaturveranstaltung der Mainmetropole, Literatur im Römer. Ein tolles Buch, ein richtig guter Gegenwartsroman, der viele Aspekte der Diversität und Buntheit der Gesellschaft, der Licht- und Schattenseiten queerer Existenz beleuchtet, mit einem überraschenden Twist versehen und in einer authentischen, heutigen Sprache geschrieben ist, die einen unmittelbaren Sog in die Story auslöst. Ein glänzendes Debüt, liebe Vari!

Wie es scheint, wurde unser Urteil von einer ganzen Menge der Anwesenden geteilt. Denn im Anschluss an die Lesung knäulte sich bereits eine Gruppe junger, meist weiblicher Fans um die Autorin, um sich den Debütroman signieren zu lassen. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist 😉

So nahm ein chaotischer, hektischer, anstrengender vorletzter Messetag dann doch noch ein versöhnliches Ende. Mit einem Blick auf die immer wieder futuristisch wirkende Dachkonstruktion der Halle 3.1 schieben, drängeln und stoßen wir uns durch in Richtung Ausgang der Messe. Wir hoffen , es hat Euch Spaß gemacht, uns auf unserer diesjährigen Rundreise durch die heiligen Messehallen zu begleiten. Nächstes Jahr kommen wir wieder, versprochen!

Morgen gibt’s an dieser Stelle noch einen weiteren, den letzten Beitrag usnerer Berichterstattung von der 75. Frankfurter Buchmesse. Mit einem Rückblick auf Skurriles und Absonderliches der diesjährigen Messe, einer Überraschungszugabe und einer ausführlichen Würdigung einiger Neuerscheinungen des Wagenbach Verlags. Denn der, wie wir gerade mit Entsetzen feststellen, wäre diesmal fast unter unserem Radar geblieben. Unentschuldbar. In diesem Sinne: Stay tuned until tomorrow!

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