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Jürgen Habermas – ein Nachruf

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur, Politik | 15. März 2026 | 16:09:51 | Roland Müller

Die Stimme der Vernunft ist verstummt

96 Jahre sind ein stolzes Alter. Auch und gerade für jemanden, der bis ins hohe Alter keiner gesellschaftlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen ist. Nun ist seine Stimme für immer verstummt. Der bedeutendste Philosoph deutscher Sprache, Repräsentant der 2. Generation der Frankfurter Schule, angeworben von Adorno, gedisst von Horkheimer, Philosophie-Professor in Frankfurt und langjähriger Ko-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt in Starnberg, wird fehlen. Denn er war zeitlebens ein Verfechter der Vernunft, des offenen Diskurses und des kommunikativen Handels. Was sich auch in seinem philosophischen Hauptwerk „Die Theorie des kommunikativen Handelns“ ausdrückt.

Habermas‘ zentrale These lässt sich leicht zusammenfassen: Eine funktionierende Demokratie setzt voraus, dass die Menschen urteilsfähig sind. Um Urteilsfähigkeit zu erlangen, müssen sie kommunikationsfähig sein. Kommunikationsfähigkeit bedingt einen herrschaftsfreien Diskurs. Was so einfach und schlüssig klingt, kann man durchaus als den Kern von Demokratie und Aufklärung verstehen, für den Habermas stritt und den er verteidigte. Was auch eine systemische Kapitalismuskritik einschloss.

Oh ja, Habermas war streitlustig. Nicht nur als Wissenschaftler und Philosoph, sondern auch als Intellektueller, der sich niemals scheute, sich in die gesellschaftliche Diskussion einzumischen. Selbst, als es darum ging, die radikaleren Vertreter der auch von ihm selbst losgetretenen 68er-Studentenbewegung zur Ordnung zu rufen. Wobei er sich nicht scheute, ihnen „Linksfaschismus“ vorzuwerfen. Legendär bis heute ist auch sein in der Sache harter, aber immer respektvoll geführter Diskurs mit dem von mir sehr geschätzten Niklas Luhmann. Etwas, wovon wir in den heutigen Tagen weiter entfernt sind denn ja. Wohl niemand hat wie Jürgen Habermas Generationen von Philosophen und Soziologen beeinflusst. Es wäre schön gewesen, wenn sein unbedingter Glaube an die Kraft der Vernunft und des Arguments der Welt noch ein paar Jahre länger erhalten geblieben wäre.

Am 14. März 2026 ist er in seinem Haus in Starnberg verstorben. Er wird fehlen. Vielleicht mehr, als wir jetzt ahnen. R.I.P. Jürgen Habermas.

(© Foto: dpa)

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Karenin habe ich geliebt!

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur | 13. Juli 2023 | 14:08:56 | Roland Müller

Milan Kundera ist tot. Der wohl einzige Schriftsteller des vergangenen 20. und frühen 21. Jahrhunderts, der in der Lage war, mit unfassbar leichter Hand und Sprache gegen politische Unterdrückung und staatliche Willkür anzuschreiben. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, sein insgesamt berühmtester Roman, mag hierfür als exemplarisch gelten. Auch wenn es aus heutiger Rücksicht seinen 80iger-Jahre-Charme nicht mehr wirklich ausspielen kann, oftmals hart am Rande zum Kitsch balanciert.

Und ja, ich habe insbesondere Karenin geliebt, den Hund, den Tomas nach der Heirat seiner Tereza zum Geschenk gemacht hat – Karenin, von Tereza benannt nach dem Namen ihres Lieblingsbuches Anna Karenina und kein Rüde, sondern eine Hündin, halb Deutscher Schäferhund, halb Bernhardiner. Damit ganz nebenbei als Metapher auf unsere heutige Genderdiskussion unfassbar modern. In Kunderas Vorstellung waren Hunde, weil niemals aus dem Paradies vertrieben, Quelle einer bedingungslosen Freude. Genau das vermittelte Karenin im Buch Tereza; bis zu seinem Tod am Ende der Novelle.

Milan Kundera, in Tschechien geboren und aufgewachsen, Opfer des Prager Frühlings, ausgeschlossen aus der kommunistischen Partei, der seine tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt bekam und in Paris eine französischsprachige Schriftstellerkarriere begann, die ihre Spuren durch die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts zog. Erst 2019 machte Kundera seinen Frieden mit seinem Geburtsland, nahm erneut die tschechische Staatsbürgerschaft an. Gleichwohl arbeitet er sich ein Leben lang an den Erfahrungen ab, die er jenseits und diesseits des damaligen Eisernen Vorhangs gemacht hatte. Am 11. Juli 2023 ist er in seiner Wahlheimatstadt Paris verstorben.

© Foto: privat

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