


96 Jahre sind ein stolzes Alter. Auch und gerade für jemanden, der bis ins hohe Alter keiner gesellschaftlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen ist. Nun ist seine Stimme für immer verstummt. Der bedeutendste Philosoph deutscher Sprache, Repräsentant der 2. Generation der Frankfurter Schule, angeworben von Adorno, gedisst von Horkheimer, Philosophie-Professor in Frankfurt und langjähriger Ko-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt in Starnberg, wird fehlen. Denn er war zeitlebens ein Verfechter der Vernunft, des offenen Diskurses und des kommunikativen Handels. Was sich auch in seinem philosophischen Hauptwerk „Die Theorie des kommunikativen Handelns“ ausdrückt.
Habermas‘ zentrale These lässt sich leicht zusammenfassen: Eine funktionierende Demokratie setzt voraus, dass die Menschen urteilsfähig sind. Um Urteilsfähigkeit zu erlangen, müssen sie kommunikationsfähig sein. Kommunikationsfähigkeit bedingt einen herrschaftsfreien Diskurs. Was so einfach und schlüssig klingt, kann man durchaus als den Kern von Demokratie und Aufklärung verstehen, für den Habermas stritt und den er verteidigte. Was auch eine systemische Kapitalismuskritik einschloss.
Oh ja, Habermas war streitlustig. Nicht nur als Wissenschaftler und Philosoph, sondern auch als Intellektueller, der sich niemals scheute, sich in die gesellschaftliche Diskussion einzumischen. Selbst, als es darum ging, die radikaleren Vertreter der auch von ihm selbst losgetretenen 68er-Studentenbewegung zur Ordnung zu rufen. Wobei er sich nicht scheute, ihnen „Linksfaschismus“ vorzuwerfen. Legendär bis heute ist auch sein in der Sache harter, aber immer respektvoll geführter Diskurs mit dem von mir sehr geschätzten Niklas Luhmann. Etwas, wovon wir in den heutigen Tagen weiter entfernt sind denn ja. Wohl niemand hat wie Jürgen Habermas Generationen von Philosophen und Soziologen beeinflusst. Es wäre schön gewesen, wenn sein unbedingter Glaube an die Kraft der Vernunft und des Arguments der Welt noch ein paar Jahre länger erhalten geblieben wäre.
Am 14. März 2026 ist er in seinem Haus in Starnberg verstorben. Er wird fehlen. Vielleicht mehr, als wir jetzt ahnen. R.I.P. Jürgen Habermas.
(© Foto: dpa)
Tags: Frankfurter Schule, Jürgen Habermas, Max Horkheimer, Nachruf, Theodor W. Adorno, Theorie des kommunikativen Handelns
« Leipziger Buchmesse 2026 – eine Vorfreude | LBM 2026 (1): Alles passt »