


Zugegeben, nach dem Eingangs-Desaster des vergangenen Jahres sind wir mit einem gewissen Bauchgrimmen nach Leipzig gereist. Würde diesmal alles gutgehen, ganz ohne stundenlanges Warten auf den Einlass? Und was sollen wir sagen: Diesmal klappte die Organisation. Manga-Event- und Buchmessebesucher waren sauber voneinander getrennt, die Zugangswege sauber ausgeschildert und die erhobenen Zeigefinger für alle Gäste leichtverstandlich.

Und klar. Es herrschte wieder heftiger Andrang. Also warfen wiruns ins Getümmel und ließen uns treiben. Wie immer war der erste frontal platzierte Ort, an dem kein Weg vorbeiführte – außer den beiden Treppen rechts und links davon – die zentrale Literaturbühne von ARD/ZDF und 3sat.

Unser Glück: Miljenko Jergovic, der unvergleichliche, wunderbar selbstironische Autor und Erzähler saß auf der Bühne. Frisch ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Der Anlass hatte Gewicht wie das Buch, das er präsentierte: „Das verrückte Herz“ mit dem Untertitel „Sarajevo Marlboro Remastered“, in dem Jergovic enmal mehr das prägendste Erlebnis seines Lebens verarbeitet: Die Belagerung Sarajevos während des Bosnien-Krieges.

Tief beeindruckt von einem Mann, der wie kaum ein anderer für die Erzählkunst der serbokroatischen Kultur steht, machen wir uns auf den Weg zum Generalthema der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Erstmals gibt es keinen Ehrengast mehr, sondern stattdessen enen thematischen Schwerpunkt. „Donau – unter Strom und zwischen Welten“ versucht etwas, was kaum möglich scheint: Die velfältigen Kulturräume, die Europas längster Strom durchschneidet, unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Schwierig.

Immer noch über das Motto snnierend wandern wir weiter und stoppen am Stand der Ukraine. Wie immer ist er auch dieses Jahr wieder umlagert. Und wen entdecken wir da zwischen all den quirligen Besucherinnen und Besuchern? Maryja Kalesnikawa, die gerade vor kurzem wieder aus der Haft entlassene belarussische Bürgerrechtlerin und Oppositionspolitikerin, die als Mitglied des Koordinierungsrats der Oppositionsbewegung zusammen mit ihren Mitstreiterinnen Zichanouskaja und Zepkala fast das autoritäre weißrussische Regime zu Fall gebracht hätte.

Immer noch das Donau-Konzept der Messe im Hinterkopf schlagen wir bei einem kleinen, unabhängigen Verag auf, der kaum weiter weg sein könnte vom thematischen Schwerpunkt der LBM. Der Inuit-Verlag, die mutige unternehmerische Initiative eines deutsch-grönländischen Ehepaars, schickt sich an, dem deutsprachigen Publikum die eingedenk der geringen Bevölkerungszahl unfassbare Vielfalt und Krearivität der grönländischen Literatur nahezubringen. Chapeau!

Wir unterhalten uns am kleinen, aber gut platzierten Messestand eingangs von Halle 4 mit Laali Lyberth, die für die Auswahl der Literatur und die Leitung des Verlags verantwortlich zeichnet. Das Verlagsprogramm wird sowohl zeitgenössische Werke als auch Klassiker der Inuit-Literatur umfassen und ist vergangenes Jahr mit einem ausgewählten Programm zur Frankfurter Buchmesse 2025 gestartet. Als gebürtige Grönländerin ist Laali, die seit einigen Jahren mit ihrer Familie in der Eifel lebt, die Vermittlung authentischer grönländischer Kultur ein Herzensanliegen. Wie uns auch. Nicht umsnst weht vor unserem Büro im Taunus die Grönlandflagge! Und dreimal dürft Ihr raten, was wie am Messestand erworben haben, um unsere heutigen Messekäufe unterzubringen … 😉

Da unsere Schwäche für kleine, unabhängige Verlage ja bekannt ist, machen wir uns direkt auf den Weg zum nächsten Kandidaten. 8280-edition.ch ist ein kleiner, feiner Verlag aus dem schweizerisch-deutschen Grenzland am Bodensee. Wir sind immer wieder verblüfft, was für spannende Entdeckungen sich bei ihm machen lassen.

Diesmal springt uns allein schon aufgrnd der Regalfläche ene Neuerscheinung ins Auge. Ein erzählendes Sachbuch, das in der Schweiz längst zum Bestseller geworden ist. Was aber am hiesigen Markt bisher völlig unbeobachtet geblieben ist. Der Schweizer Sportjournalist Kristian Kapp erzählt darin die unglaubliche Geschichte von Jeff Tomlinson, einem prominenten Schweizer Eishockeytrainer.

Wieso unglaublich? Nun, Jeff Tomlinson hat seine Mannschaft in der Schweizerischen Eishockey-Liga, einer der härtesten der Welt, in die höchste Spielklasse gebracht. Und er ist praktisch blind! Was niemand während der Jahre, die er die Mannschaft tranierte, bemerkte. Wir finden das Buch einen Hammer und die Geschichte berührender als so ziemlich alles, was an Sportliteratur auf dem Markt ist. Unbedingter Lesetipp!

Nun gut an Lesetipps mangelt es auf der Leipziger Buchmesse nun wirklich nicht. Aber die erscheinen meist in großen Publikumsverlagen. Denis Scheck weiß ein Lied davon zu singen (auch wenn er diesmal auf der Bühne auch zwei Newcomer-Verlage päsentierte).

Mit den Stapeln Scheck’scher Leseempfehlungen werden wir uns demnächst noch auseinandersetzen. Hier nur so viel: Nicht in jedem Fall folgen wir seiner Empfehlung. Zumal viele der Bücher längst durch die Feuilletons getrieben wurden.

Der Zufall spülte uns nach den Scheck’schen Verheißungen aus den führenden Publikumsverlagen fast zwangsläufig zum Gemeinschaftsstand der Unabhängigen. Gerade rechtzeitig, um dort die Verleihung des Kurt-Wolff-Preises an einen Verleger mitzuerleben, der im besten und positivstenSnne des Wortes als Wahnsinniger bezeichnet werden kann: Klaus Bittermann vom Berliner Verlag Edition Tiamat. In seiner Dankesrede zur Preisverleihung hieß er den warmen Geldsegen willkommen, um damit die Finanzierngslücke seines aktuellen Projekts zu füllen. Worum geht’s? Um die Veröffentlichung eines tausend Seiten starken bildreichen Werks über einen Kulturschatz, der kurz davor steht, verloren zu gehen: Stummfilm. Wahnsinn, sagte ich ja! Wir drücken die Daumen.

Na ja, wir drücken natürlich nicht nur die Daumen, sondern lassen uns auch gern eine perlende Erfrischung aufdrängen, um angemessen mitfeiern können. Salute!

Bevor wir mit malträtierten Füßen, aber gottlob nicht dehydriert der Messe für diesen Tag den Rücken kehren, bleiben wir noch ein letztes Mal am Gemeinschaftssand von ARD/ZDF/3sat hängen. Aus gutem und hochaktuellen Grund. Denn den 3sat Kulturzeit Talk zum Thema „Demokratie unter Druck“ wollten wir uns nicht entgehen lassen. Zumal neben der Moderatorin drei Autorinnen auf der Bühne saßen, um uns allen den Marsch zu blasen. Zuerst kam Angelique Geray zu Wort, die sich zu ihren erfahrungen als „Undercover unter Nazis“ äußerte. Wobei die besagten Nazis in der Regel zwischen 14 und 17 Jahren waren.

Sally Lisa Starken erzählte über USA, Italien und Polen, die ihrer Beobachtung nach als Demokratien am Kipppunkt anzusehen sind und damit bestens geeignet scheinen, uns aus ihren Fehlern lernen zu lassen, bevor anno 2029 eine Bundekanzlerin namens Weidel das Regiment führt.

Ruth Hoffmann schließlich stellte anschaulich dar, mit welch perfiden Methoden ein gut organisierter „Raubzug von rechts“ unsere Werte und Symbole stiehlt und mit rechten Inhalten befüllt. Es ist kein Zufall, dass af Demonstrationen der Neonaziszene längst die schwarz-rot-goldene Flagge die zuvor ach so beliebte Kaiserliche Reichskriegsflagge verdrängt hat. Nur ein Beispiel von vielen für den besagte Raubzug.
Mit diesem letzten, bewusst gesellschaftspolitisch motivierten Beitrag nebst der inkludierten Lesetipps beenden wir unsere heutige Messerunde. Morgen geht’s in alter Frische weiter. Stay tuned!
Tags: Denis Scheck, Donau, Kurt-Wolff-Preis, Leipziger Buchmesse 2026
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