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LBM 2026 (2): It’s all about stories

Veröffentlicht in Apple & Co, Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Unterhaltung | 22. März 2026 | 16:11:18 | Roland Müller

Vielleicht mehr noch als bei jener anderen, noch größeren und deutlich kommerzielleren Buchmesse stehen auf der Leipziger Buchmesse die Geschichten im Zentrum. Gute Geschichten. Geschichten, die Leserinnen und Leser berühren, begeistern und fesseln.

Wie immer beginnt unser Rundgang vor der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat. Das üppige Programm im 45-Minuten-Takt zieht mit jedem einzelnen Auftritt Massen von Publikum an. Das Gerangel um freie Sitzplätze auf den Kubushockern nervt durchaus. Fast so sehr wie die Tatsache, dass mitunter auch der freie Raum vor den Sitzgelegenheiten bis an den Rand der Bühne von „Wildsitzern“ beleght, nein besetzt wird. Aber egal! Hauptsache die Menschen interessieren sich für die präsentierten Bücher.

Wir stolpern mitten hinein in die 3sat Buchzeit. Das mehr oder weniger literarische Rezensenten-Quartett bespricht „Meine Liebe stirbt nicht“, den neuen und allerersten Roman des berühmten Mafia-Investigativjournalisten Roberto Saviano. Ein profunder Sachbuchautor und Journalist traut sich an seinen ersten Roman? Kann das gutgehen? Die Rezensentenrunde zweifelt, findet, dass Saviano mit dem ihm ungewohnten Format der Belletristik fremdelt, in Klischees verfällt. Auch oder weil der Liebesgeschichte eine wahre Geschichte zugrunde liegt?

Einigkeit nach erstaunlich kurzer Diskussion herrscht hingegen bei Kais Harrabi, Katrin Schumacher (r.), Kai Sina (l.) und Sandra Kegel bezüglich Judith Herrmanns „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Der Titel avisiert die Suche der berühmten Autorin nach der Geschichte ihres bei der SS dienenden und in Polen stationierten Großvaters. Die Raffinesse der Erzählung besteht jedoch darin, vieles Faktische (weil nicht mehr verifizierbar) offenzulassen und den Vorgang der Expedition in die Vergangenheit als solchen zu beleuchten . Ein ungewöhnlicher Ansatz. Lesetipp? Gut möglich.

„Erzähl mir alles“ von Elizabeth Strout führt die Leserinnhen und Leser zurück in das schnarchige Crosby, ein Küstenstädtchen in Maine, also an der US-Ostküste und den bekannten Protagonisten Olive Kitteridge und Lucy Barton. Für die Pulitzer-Preisträgerin bekanntes Terroir, in dem sie eine bewegende Geschichte über Rückkehr, Liebe und Freundschaft ansiedelt. Wunderbar lesbar wie alle Romane der US-Autorin, die meist dann über das Genre hinauswächst, wenn sie das Alltägliche beschreibt, ohne es zu überhöhen. Klingt nach einem Lesetipp.

Dass das Rezensions-Team im Anschluss (oder war’s zu Beginn?) auf der Bühne ein Selfie-Shooting mit Mainzelmann Ded etwas überinszeniert, nun ja, dem Publikum hat’s gefallen.

Podcast live gab’s zu erleben auf dem Forum Offene Gesellschaft. Die beiden Podcaster Torsten Fremer und Prof. Dr. Friedrich von Borries diskutierten im Monopol-Podcast mit dem schönen Titel Fantasiemuskel mit Heike Geißler. Was uns beim Vorbeigehen stoppte, war tatsächlich der Titel „Optimieren verlernen“. Zum einen, weil wir jegliche Form von Selbstoptimierung und das damit verbundene Geschäftsmodell für obsolet halten. Zum anderen, weil wir die Autorin Heike Geißler als kritischen Geist sehr hoch schätzen (auch wenn ihre Homepage sicherheitstechnisch nicht up to date ist).

Der Preis der Leipziger Buchmesse beziehungsweise dessen Verleihung bildet einen der Höhepunkte der vier Messetage. Entsprechend aufwändig gerät die Präsentation der Nominierten, insbesondere im Bereioch Belletristik. Auf der Hauptbühne der Messe stellten sich die diesjährigen vier Kandidatinnen und ein Kandidat mit kurzen Lesungen vor, gefolgt von jeweils einem recht unterhaltsamen Interview. Und auch wenn unser ganz persönlicher Favorit „Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann gewesen ist, entschied sich die Jury schlussendlich anders …

And the winner is: „Goldstrand“ von Katerina Poladjan! Die natürlich umgehend auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat interviewt wurde. So viel ist klar: Die Auszeichnung wird den Abverkauf des Romans mächtig befeuern. Im Gegensatz dazu werden die vier Mitnominierten deutlich zurückfallen. Die Gesetze des Buchmarkts sind da leider gnadenlos.

Was generell bei unseren Rundgängen auf der Messe auffiel, war die an fast allen Ständen pr¨sente Solidarität mit den Buchhandlungen. Stichwort causa Weimer. Am großformatigsten wohl bei den S. Fischer Verlagen und bei Hanser.

Vielleicht können wir aus dem von Kulturstaatsminister Weimer ohne Not losgetretenen Skandal eines lernen: Wir alle müssen in Zukunft „Besser um die Zukunft streiten“. Nicht nur, wenn es um Reizthemen wie die Klimakrise geht, sondern ebenso bei Über- und Durchgriffen – ob mit Intention und Plan oder ohne – in die Freiheit von Kunst und Kultur oder gar unsere Demokratie als solche.

Trotz der wachsenden Erschöpfung nach unserem mehrstündigen Ritt durch die Messehallen wollten wir uns eines nicht entgehen lassen: Die abendliche Lesung von Anne Stern aus ihrem neuen (und ersten) historischen Kriminalroman „Die weiße Nacht“, moderiert von dem von uns sehr geschätzten Bücherblogger und Literaturkritiker Uwe Kalkowski, bekannt unter dem Arbeitspseudonym „Kaffeehaussitzer“. Der Ort der Veranstaltung: Eine Privatwohnung im Dachgeschoss einer Villa im Leipziger Bachviertel. Unser Dank gilt dem Gastgeber Hannes und seiner charmanten Gattin. Die überaus intime Atmosphäre der Veranstaltung harmonierte wunderbar mit der unglaublich dichten und fesselnden Atmosphärew inne Anne Sterns neuem Bestseller. Bestseller? Ja, daran besteht für uns schon jetzt kein Zweifel. Wir haben den Roman bereits zur Hälfte gelesen (Rezension folgt demnächst) und sind mächtig beeindruckt!

So, das war’s für heute. Morgen ist auch noch ein Tag und Gelegenheit für eine kurze Nachlese, Treffen mit alten Bekannten nach dem Motto „Small is beautiful“ und einem abschließenden, angemessen launigen Fazit der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

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