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FBM 2025 Tag 4: Auftrieb, Vielfalt und ein Namensvetter

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Unterhaltung | 19. Oktober 2025 | 18:18:48 | Roland Müller

Messe-Samstag. Bei strahlend blauem Himmel und perfektem Herbstwqetter geht’s hoch hinaus. Die Außen-Rolltreppe zwischen Agora und Halle 3.1 ächzt unter der Last der Menschen. Ein Security-Mensch achtet darauf, dass die Besucherinnen und Besucher nur schubweise auf die Stufen steigen. Er wird wissen, warum.

Während wir anstehen und auf die nächste Ladung warten, schauen wir uns um und entdecken unerwarteterweise einen nicht ganz Unbekannten, der fröhlich und in seiner unnachahmlichen Weise in die Runde grinst. Auch wenn Oliver Kalkofe sonst eher übers TV lästert, scheint er nun auch gefallen gefunden zu haben an der Bücherwelt. Vielleicht hat er aber auch nur ein Date mit einem Verlag?

Endlich in der Halle angekommen, steuern wir als erstes den bisher bei unserer Messe-Berichterstattung von uns vernachlässigten Verelag Wagenbach an. Was natürlich nicht ohne profunde Lesetipps abhene kann. „Cara Elsa – Briefe von und an Elsa Morante“, herausgegeben von Cornelia Wild und übersetzt von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski mag eher als Insidertipp wahrgenommen werden, ist aber von der ersten bis zur letzten Seite lesenswert. Denn die Briefe zwischen Elsa Morante (einer der berühmtesten Schriftstsellerinnen Italiens) und ihren engsten Schriftsteller- und Künstler-Weggefährten wie Cesare Pavese, Natalia Ginzburg, Italo Calvino, Alberto Moravia, Pier Paolo Pasolini, Luchino Visconti decken auf, was sie im Innersten bewegte. Sie künden von Erfüllung und Einsamkeit, Euphorie und Selbstzweifel, Erfolg und Scheitern einer Schreibenden. Faszinierende Lektüre und deshalb unser 5. Lesetipp!

Spannend und ebenfalls bei Wagenbach erschienen sind „Die Kollaborateure“ von Katrina Tuvera. Aus dem Philippinischen übersetzt von Jan Karsten. Tuvera berichtet in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch von existenziellen Konflikten ausgangs des 20 Jahrhunderts, dem Aufstieg von Marcos‘ Clique, der Militärdiktatur und den Seilschaften der Profiteure und Kollaborateure. Und ganz nebenbei von der Geschichte eines uns immer noch weitgehend unbekannten Landes. Das Spannende: Die Autorin schreibt aus der Sicht eines Mitläufers des Regimes!

Ein Buch, das Wagenbach sei Dank auch für unsere aktuelle Situation inmitten eines aufkeimenden rechten Populismus interessante Erkenntnisse vermittelt über ganz grundsätzliche Strukturen, die in autoritären Regimen bestens gedeihen. Ergo: unser 6. Lesetipp!

Krasser Themenwechsel und ebenfalls bei Wagenbach erschienen: Mit „Die Feuerschrift“ macht Autor Lothar Müller ein Fass auf. Denn in diesem spannend zu lesenden Sachbuch präsentiert er uns ein völlig neues Bild des klischeebehafteten Giacomo Casanova, der viel zu vorschnell als bloßer Frauenbetörer gehandelt wird. Weit gefehlt! Denn Wahrheit war Casanova ein exzellent vernetzter Abenteurer, Projekteschmied und politischer Kommentator des Zeitgeschehens. Ein hoch gebildeter Intellektueller, der alle Informationsquellen seiner Zeit zu nutzen wusste. Deshalb beinhaltet Müllers Buch auch einen Auszug aus Casanovas bisher unübersetzter „Geschichte der politischen Wirren“.

Wer dieses Buch gelesen hat, wird alles, was er bisher über Casanova zu wissen glaubte, hinter sich lassen. Allein dafür gebührt dem Autor größtes Lob. Dass er dazu einen sehr lesbaren und unterhaltsamen Erzählton beherrscht, macht dieses Buch erst recht zu unserem 7. Lesetipp!

Irgendwie fält es uns schwer, uns vom Wagenbach Verlag wieder zu verabschieden. Das ist nicht zuletzt auch Verdienst eines weiteren Buches, das wir aus den Regalen fischen: „Der Hase im Mond“ von Milena Michiko Flašar. Wir hatten ja vor einer Weile bereits ihr „Herr Kato spielt Familie“ gelobt und empfohlen. Mit ihrem neuen Werk liefert sie keinen stillen und tiefen Roman, sondern eine Sammlung von Erzählungen und Kurzgeschichten, die allerdings die gleiche Poesie atmen wie ihr Romanwerk.

Ohne zu spoilern muss man sagen, dass diese Geschichtensammlung überaus kreativ, wie gesagt sehr poetisch und oft genug surreal und fantastisch daherkommt. Ein Lesevergnügen von ganz eigenem Sprachrythmus und auch deshalb unser 8. Lesetipp!

Nun aber los zu neuen Ufern! Wir schlendern über den großen Stand der Aufbau Verlage, deren Programm gerade im Jahr des 80-jährigen Jubiläums durch außergewöhnliche Vielfalt glänzt …

… und landen gleich nebenan bei Diogenes. Zwei literarisch hochrangige unabhängige Verlage Tür an Tür, wie schön. Wir finden Bestsellerautor Takis Würger im Kreis seiner Jüngerinnen. Nein, Quatsch, junger Fans, die an seinen Lippen hängen. Wir versuchen, die Runde nicht zu stören und stöbern durch die Regale.

„Down Cemetery Road“ von Mick Herron fällt uns sofort auf. Kein Wunder, sind wir doch große Fans seiner Slow Horses Reihe. Mit diesem neuen Kriminalroman bringt Herron erstmals eine Ermittlerin ins Spiel. Kann sie die überaus kauzigen Charaktere der Slow Horses toppen oder zumindest das Level halten? Nun, nach kurzem Anlesen sind wir jedenfalls sehr angetan.

Und das hat nichts damit zu tun, dass auf dem Rücktitel Herrons berühmte Kollegin Val McDermid zitiert wird, „isch schwöre!“

Dass allerdings ausgerechnet die großartige Emma Thompson sich im von ihr geschriebenen Vorwort als Mick Herron Fan outet, das hat schon was. Aber auch ohne Emma unser 9. Lesetipp!

Auch unser nächster Lesetipp hat eine Vorgeschichte. Denn in unserem Regal steht „Rendezvous mit einem Oktopus“, ein bereits etwas älteres Buch von Sy Montgomery, in dem sie in einer unvergleichlichen Ton ihre Erfahrungen mit Oktopoden schildert. Nature Writing at its best. Und zugleich der Grund dafür, dass bei uns seitdem keine Kalmare mehr in der Küche landen. Nun lässt sich die Naturforscherin und Drehbuchautorin auf eine ähnlich alte Spezies ein: Schildkröten.

Ausgangspunkt dieses erzählenden Sachbuchs sind ihre ganz persönlichehn Erfahrungen in einer Schildkröten-Auffangstation in Massachusetts, in der sie ein Freiwilligenjahr verbracht hat. Was sie daraus gemacht hat und mit diesem Buch vorlegt, ist die perfekte Entschleunigungslektüre. Und zugleich eine Liebeserklärung an eine der ältesten lebenden Spezies des Planeten mit dem Potenzial, unsere Sicht auf die Welt und die Natur zu verändern. Unbedingter 10. Lesetipp!

Bleibt noch auf Stefan Hertmans „Dius“ hinzuweisen. Eine eigentümliche Männerfreundschaft abseits der Lebensräume der beiden Protagonisten, einem hochbegabten, aber recht ambivalenten, gleichwohl charmanten Kunststudenten und seinem deutlich älteren Dozenten. Eine jahrelange Freundschaft, die an einer Lüge zerbricht und Jahre später auf eine Neuauflage hofft. Unter wesentlich komplizierteren Bedingungen und mit einem überraschenden Ausgang.

Ein Roman, der ganz grundsätzliche Fragen aufwirft über Leben und Freundschaft, Erwartungen und Enttäuschungen und nicht zuletzt Sinn, Notwendigkeit und Zweck der Kunst. Anrührend zu lesen wie fast jeder Roman aus der Feder des im Original Niederländisch schreibenden Belgiers Hertmans und Nachdenken hinterlassend. Unser 11. Lesetipp!

Muss ich noch verraten, dass wir nach so vielen Lesetipps mit kurrenden Mägen kurz die Buchmesse verlassen und wohin gehen? Okay, Ihr ahnt es schon, dann muss ich es nicht wiederholen.

Nach kurzer Verdauungspause schauen wir beim Stand des Verlags Hermann Schmidt vorbei, einem von Gilas (meiner Gattin) Lieblingsverlagen. Denn nur hier findet sich das gebündelte Know-how von Typografie, Design und professioneller Grafik zwischen Buchdeckeln versammelt. Schönes Neues. Schönheit, wie das bereits in der Headline zu diesem Messebericht angeklungen war. Ja, genau darum geht es! Und die wird offenbar auch von Karin Schmidt-Friderichs geteilt, Ex-Vorstand des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, die dieses Amt zu Beginn dieser Messe turnusgemäß an einen Nachfolger weitergereicht hat. Endlich Zeit für Schönheit, liebe Karin? Genießen Sie es!

Und dann kommen wir zum finalen Termin dieses Messe-Samstags. Wir sind verabredet mit einem lieben Kollegen und ebenfalls Mitglied im Montségur Autoren-Forum, der heute in Halle 3.0 auf der Bühne der „30-Minuten-WG“ präsentiert wird, einer Kooperation der Stern-Redaktion und der Verlagsgruppe Penguin Randomhouse. Wir sind rechtseitig vor Ort und ergattern sogar nach einigem Gerangel zwei Stühle.

Titus Müller, Namensvetter und erfahrener Autor historischer Stoffe (Kunststück, er ist studierter Historiker) präsentiert im Interview mit der Stern-Redakteurin gewohnt eloquent und witzig „Die Dolmetscherin“, sein neuester Roman. Nicht zu verwechseln mit dem Kinofilm gleichen Titels von Sidney Pollack. Basierend auf intensiven Recherchen (seine Begeisterung dafür teilen wir!) in den Gesprächsprotokollen der Nürnberger Prozesse entblättert Titus Müller die faszinierende Geschichte einer der ersten Simultan-Dolmetscherinnen überhaupt, die auf ihre eigene Art ihren Beitrag zur Wahheitsfindung bei der Aufklärung des größten Menschheitsverbrechens der Geschichte geleistet hat. Kein leichter Stoff. Aber brilliant recherchiert und sehr, sehr lesenswert. Allein schon aufgrund der ungewohnten Perspektive der Protagonistin. Es kann also nur unser 12. Lesetipp dabei herauskommen!

Anschließend haben wir uns zu dritt nach draußen verzogen, an die frische Luft eines immer noch sonnigen Herbsttages, getrunken, geredet und unseren Spaß gehabt beim Austausch unserer Erfahrungen als Autoren mit Verlagen, Agenten und den Gesetzmäßigkeiten des Buchmarktes. Nochmal herzlichen Dank an dieser Stelle, lieber Titus, für diesen würdigen Ausklang unserer Berichterstattung über den Samstag in den heiligen Buchmessehallen der Stadt Frankfurt!

Morgen, liebe Leserinnen und Leser, werden wir die diesjährige Berichterstattung von der größten Buchmesse der Welt mit einem finalen Beitrag beenden. Viele Fotos, der eine oder andere Lesetipp und Skurrilitäten links und rechts der Hallen erwarten Euch. Bis dahin: lest ein gutes Buch (zum Beispiel das von Titus)!

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FBM 2023 – Donnerstag (2/5): Otto gratuliert

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 19. Oktober 2023 | 21:30:03 | Roland Müller

Donnerstag. Wir stürzen uns wieder für Euch ins Messegetümmel. Und ja, da kann man Otto nur zustimmen: Auch diese Messe ist wieder eine „mess“. Aber davon lassen wir uns nicht abhalten. So wenig, wie die Hunderte und Aberhunderte von Besuchern, die sich auf der riesigen Jubiläumswand im Gang vor Halle 4 mit mehr oder weniger intelligenten Grüßen verewigen.

Wir sind zwar recht früh unterwegs, aber es herrscht schon deutlich mehr Betrieb als gestern. Nicht nur bei Hanser in Halle 3.1. Und die in diesem Jubiläumsjahr jubiläumsbreiten Gänge werden sich im Verlauf des Tages deutlich füllen.

Auch auf der Bühne der FAZ ist einiges los. Gestern noch ein einsamer Barrista im Zwiegespräch, heute ein voll besetztes Auditorium, das sich mit FAZ-typisch komplexen Themen auseinandersetzt. Diesmal Demokratie und Populismus, Fake News und höhere Lesefähigkeiten. Wir hören kurz hinein und können nur zustimmen: Es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen mangelhafter Lesefähigkeit und der Anfälligkeit, auf Fake-News und damit demokratiegefährdende populistische Manipulationsstrategien hereinzufallen. Doch weiter! Heute wollen wir uns etwas mehr als gestern auf Neuerscheinungen, aber auch auf Bewährtes konzentrieren und – wie alle Jahre wieder – handfeste Lesetipps aussprechen …

In den Tropen, nein, bei Tropen werden wir fündig. Nicht unbedingt bei Herrn Helgason, dem schlagkräftigen Isländer …

… Sondern bei Jean-Christophe Grangé, der mit Die Marmornen Träume einen veritablen Thriller vorlegt, der im Berlin des Nationalsozialismus spielt. Vielleicht kein Pageturner, aber wer Die Purpurnen Flüsse gelesen hat, weiß um die erzählerische Qualität von Grangé.

Berlin gibt generell eine perfekte Kulisse ab für einen spannenden Thriller. Das Berlin des Jahres 1939 ganz besonders. Das wissen wir nicht erst seit der Erfolgsserie Babylon Berlin. Wir haben das Buch kurz angelesen und sind überzeugt: Das ist unser erster Lesetipp der diesjährigen Frankfurter Buchmesse!

Gleich nebenan finden wir endlich mal wieder etwas Neues Altes von Cyberpunk-Altmeister William Gibson: Peripherie. Erschienen bereits 2016. Aber mit Auflegen der Prime-Streamingserie wieder aktuell.

Nicht unbedingt ein weiterer Lesetipp, aber allein schon deswegen eine Beinah-Pflichtlektüre, um festzustellen, ob Gibson sich erzählerisch weiterentwickelt hat. Und ob die Sttreamingserie der Vorlage gerecht wird.

Wir schlendern weiter und kommen am Stand des von uns heißgeliebten mareverlags vorbei. Einer der wenigen Verlage, bei dem wir blind fast jede Neuerscheinung kaufen würden. Und das nicht erst, seit ein Gentleman über Bord gegangen ist.

Natürlich schauen wir auch beim Kampa Verlag vorbei. Und wie der Messezufall so spielt, treffen wir genau jenen Autor im Gespräch mit einer Verlagsvertreterin vertieft, dessen aktuellen Krimi Der Böse Vater wir ebenfalls auf unserer Beobachtungsliste haben – Christof Weigold.

Tatsächlich schon wieder ein historischer Krimi. Dieser spielt im Hollywood der späten zwanziger Jahre, zu dem Zeitpunkt, als der Stummfilm vom Tonfilm bedrängt und schließlich abgelöst wurde. Ein spannendes Set-up und eine fesselnde Handlung. Ein bischen im Noir-Stil, geschrieben von einem Autor, der selbst große TV- und Drehbucherfahrung hat.

Zudem war Weigold lange Jahre einer der Autoren der legendären Harald-Schmidt-Show. Was allerdings für uns keine Rolle spielt, wenn wir seinen Hollywood-Thriller um den zwielichtigen Privatdetektiv Harry Engel als unseren zweiten Lesetipp präsentieren!

Wer fürs Weihnachtsfest noch ein handliches Geschenk sucht, dem es allenfalls an christlicher Nächstenliebe mangelt, der wird ebenfalls bei Kampa fündig. Rotes Lametta versammelt eine Reihe recht blutiger Weihnachtsgeschichten …

… von illustren Autoren wie Michael Connelly, Henning Mankell und anderen Autoren ähnlicher literarischer Gewichtsklasse. Ein wirklich nettes Geschenk, das uns der Kampa Verlag da macht.

Wir wandern weiter, immer auf der Suche nach literarischem Beutegut, das zu empfehlen sich lohnt. Wie bereits gestern passieren wir die Schiefertafel NordSüd, auf dem die Messebesucher :innen aufgefordert werden, zu erzählen, was ihr Leben bunt macht. Mittlerweile hat sich die Tafel ganz schön gefüllt.

Wir entscheiden uns für einen Positionswechsel und drängeln uns mit anderen auf den mittlerweile unter der Last ächzenden Rolltreppen zur nächsten Etage.

Unser Ziel ist unter anderem der Stand des Dumont Buchverlags. Denn wir wissen, dass wir hier etwas finden werden, was jeden echten „Bookie“ zu begeistern vermag …

Der neue Murakami. Haruki Murakami stellt mit Honigkuchen sein neuestes Machwerk vor. Auf den ersten Blick können wir es nur schwer einordnen. Kinderbuch? Märchenbuch? Oder einfach nur ein typischer Murakami, also melancholisch phantastische Erzählkunst, die oft genug gängige Genreregeln bricht oder gar ignoriert?

Der Text auf der Rückseite macht schnell klar: Ja, das ist wieder ein typischer Murakami! Neugierig geworden, lesen wir die erste Seite an …

Was wie eine Kindergeschichte beginnt, eine Geschichte, die ein Vater seiner kleinen Tochter erzählen mag, gewinnt schnell an Tiefe und rührt am Grundsätzlichen des Lebens und Liebens. Ja, wir lieben Murakami. Auch diesen. Deshalb: Unser dritter Lesetipp!

Wir ziehen weiter und stolpern über Vaters Meer. Beziehungsweise über Deniz Utlu, der gerade sein sehr erfolgreiches Buch im Rahmen des Bayerischen Buchpreises 2023 präsentiert. weiß Gott nicht die erste Auszeichnung, die er dafür erhält. Und allemal berechtigt.

Wir hingegen sind unterwegs zu einem anderen Buchpreis, noch südlicher gelegen. Nämlich der Schweizer Buchpreis 2023. Am Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage haben wir auch in früheren Jahren schon spannende Entdeckungen gemacht. Und heute? Wir stöbern ein bisschen …

Und plötzlich macht es Glitsch! Glitsch von Adam Schwarz ist für den Schweizer Buchpreis nominiert und im Zytglogge Verlag erschienen (es muss nicht immer Diogenes sein!). Der Roman lässt sich in das noch junge Genre Climate Fiction einordnen und verfolgt einen sehr interessanten Ansatz …

Nämlich eine schräge Mischung aus surrealen Elementen, knallharter Informatik ( ein Glitsch ist eine spezifische Art von Computerfehler) und einer stilistischen Raffinesse, die nach unserem ersten Eindruck eine leichte Seelenverwandschaft zu T. C. Boyle erahnen lässt. Ob gewollt oder ungewollt, sei mal dahingestellt.

Wir lesen die erste Seite an, dann eine weitere mittendrin und das Ende. Und ja. Das hat was. Wir wollen hier nicht spoilern, sondern erklären Glitsch einfach zu unserem vierten Lesetipp!

Meist ist es ja so, dass sich an der Peripherie der Ausstellungsflächen der Messehallen kleinere, exotischere oder sogar skurrilere Aussteller platziert sehen. An diesem hier konnten wir dann auch nicht unkommentiert vorübergehen. Die Edition Porsche (Porsche verlegt Bücher? Klar, Bildbände, was sonst!) hatte den ultimativen Blickfang aufgefahren, einen Porsche 356 der erste Serie, direkt aus dem Porsche Museum. Versicherungswert vermutlich … nein, da wollen wir gar nicht drüber nachdenken. Jedenfalls ein schönes Stück Technikgeschichte. Und bevor jemand auf dumme Gedanken kommt: Nachts wird das Teil natürlich bewacht!

Im Anschluss, der Nachmittag war schon deutlich vorangeschritten, haben wir noch einen Termin wahrgenommen am Stand des Bundesverbands junger Autoren (BVjA), wo wir Karin Seemayer antrafen, die gerade im Turnus die Wacht am Stand wahrnahm. Begleitet von einer nicht ganz unbekannten Buchbloggerin …

Wenig später trafen wir unser nächstes „Date“, Marco Schreiber, am Stand des Syndikats, der wie üblich von jeder Menge mörderischer Schwestern belagert wurde. Tolle Stimmumg. Und wir konnten uns mit Marco über seinen Dithmarschen-Krimi unterhalten – Marschblut, sehr lesenswert! – und wie es sich anfühlt, als Lehrer Autor von Kriminalromanen zu sein und seit kurzem auch Mitglied des Syndikats – einer, wie die meisten Leser:innen sicher wissen, überaus erfolgreichen Vereinigung von Krimiautor:innen. Danke, Marco, für das Leseexemplar, das wird direkt nach der Messe verschlungen. Schließlich muss unsereiner ja wissen, was Ihr da oben im Kreis Dithmarschen so treibt. LOL.

Es war heute doch wieder ein recht langer Messetag. Wir erholen uns draußen an der frischen Luft und beobachtenein paar Asterixe auf freier Wildbahn beim Verzehr von … nein, keinen Wildschweinen, sonder ganz profanen Pommes. Die Gallier sind eben auch nicht mehr, was sie mal waren.

Für heute lassen wir’s gut sein. Bepackt mit Prospekten, Eindrücken, Beobachtungen und viel zu vielen Fotos machen wir uns auf den Weg nach Hause. Schließlich ist morgen auch noch ein Tag.

CU tomorrow!

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Sommeranfang für Literaturbegeisterte

Veröffentlicht in Kultur, Literatur | 21. Juni 2023 | 14:41:35 | Roland Müller

Heute beginnt nicht nur – kalendarisch – der Sommer. Heute feiert auch einer der großartigsten Schriftsteller unserer Zeit seinen 75. Geburtstag: Ian Russell McEwan. Spätestens seit „Abbitte“ einer der großen britischen Erzähler und Meister des Eintauchens in die Psyche seiner Figuren. Wobei er in den letzten Jahren immer wieder und mehr denn je Zeitfragen aufgreift und in der ihm eigenen Weise die komplexe Moral aufdeckt, die sich dahinter verbirgt. Was auch und erst recht für seinen letzten und erstmals fast autobiographischen Roman „Lektionen“ gilt.

Lieber Ian, alles Liebe und Gute zum Geburtstag! Mögest du uns noch lange erhalten bleiben und mit Beobachtungen des Lebens und der Menschen beglücken, literarisch auf Augenhöhe mit Virginia Woolf, Charles Dickens oder Eugene O’Neill. Sprachlich und inhaltlich. Und mögest du Generationen von aufstrebenden Autoren inspirieren, es dir gleichzutun. Auch wenn das fast ans Unmögliche grenzt 😉

Copyright Foto: Roland Müller

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Frankfurter Buchmesse 2022 (2): Neue Horizonte!

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 21. Oktober 2022 | 08:00:00 | Roland Müller

ARD: Das blaue Sofa

Der Knaller des Bücherjahres 2022 ist ohne Zweifel Kim de L’Horizons Blutbuch. Spätestens mit dem Gewinn des renommierten Deutschen Buchpreises 2022 sind Autor und Buch in den Schlagzeilen. Heute machen wir uns auf die Spuren von Buch und Autor. Wir wollen uns selbst einen Eindruck verschaffen über den Mensch, die Sprache und die Botschaft. Und ja, es wird spannend …

Halle 3.1

Also auf in Halle 3.1. Irgendwo dort werden wir den Stand des DuMont Verlags finden, der den diesjährigen Buchpreisgewinner unter seinen Fittichen hat.

Dumont Stand

Gefunden! Und natürlich nimmt Kim de L’Horizons Blutbuch einen beträchtlichen Teil der Displayfläche ein. Die Autofiktion des nonbinären Schweizers soll sich nicht zuletzt aufgrund ihrer teils experimentellen, oft gewagten und immer hoch künstlerischen Sprache gegen starken Wettbewerb durchgesetzt haben. Immerhin, Hausautor an den Bühnen Bern wird man nicht eben so. Wir sind entsprechend neugierig und greifen uns ein Exemplar …

Kim de L’Horizon

Noch während wir das Buch anlesen und zunehmend gefesselt darin versinken (sic!) – dabei schwinden letzte Zweifel, dass es sich um einen Medien-Hype gehandelt haben könnte – taucht der Schreibende höchstpersönlich auf. Und wird auch sofort umlagert von Fans und Aufnahme-Teams, die den Stand bereits belagert hatten. Es lässt sich kaum vermeiden, dass wir einen Teil des folgenden Interviews mitbekommen …

Dabei stellt sich schnell heraus, dass Kim eine Seele von Mensch ist, durch und durch positiv, sehr emotional und sich jederzeit darüber im klaren, dass er sich als Person mit dieser literarisch hochrangigen Auseinandersetzung mit der eigenen Queerheit exponiert. Wir sind tief beeindruckt von dem Menschen und sehr gespannt auf das weitere schriftstellerische Schaffen. Bis dahin: Chapeau Kim! So ein Debüt muss man erst einmal hinlegen.

Ach ja, Interviewer und Interviewte. Überall auf den Gängen der diesjährigen Buchmesse stolpert man über sie. Und zugegeben, in vielen Fällen erkennen wir die prominenten Autor:innen nicht einmal. Wer will uns das verdenken bei der schieren Menge von gaaaanz wichtigen Menschen? Immerhin stellt die Frankfurter Buchmesse eine Bühne bereit, wie sie weltweit einmalig ist.

Publishing-Träume

Dabei wären so viele Messebesucher gerne selbst prominent und schriftstellerisch erfolgreich. Wie sonst ließe sich das ungebrochene Interesse an Selfpublishing und Books-on-Demand Angeboten erklären? Wollen wir nicht alle ein Fitzelchen Unsterblichkeit erhaschen, etwas Bleibendes hinterlassen? LOL. Aber egal, deswegen sind wir heute nicht hier …

Suhrkamp Regal

Sondern wegen der bereits real existierenden Bücher. Und wenn der aktuell ganze Regionen und ihre Menschen verwüstende Ukraine-Krieg eine winzig kleine positive Wirkung entfaltet, dann die, dass plötzlich Interesse aufkommt an der literarischen Entdeckung dieses uns bis dato erschreckend fernen Landes. In eine der diesbezüglichen Neuerscheinungen lesen wir rein …

Radio Nacht von Juri Andruchowytsch katapultiert uns mitten hinein ins Geschehen einer faszinierenden Melange aus Action, Schelmenroman und Märchen um den fiktiven Radiomoderatoren und Pianisten Josip Rotsky. Wenn der Autor seinen Helden vorantreibt, einen von den Stones geprägte Ex-Revolutionär und Radio-DJ mit Folterbiografie, der versucht, seinen Häschern zu entkommen, dann jagd er ihn ganz bewusst von einer absurden Situation in die nächste. Wobei jederzeit dunkle Assoziationen zum Hier und Jetzt der Ukraine und ihrer Nachbarschaft durchschimmern. Schrill, bunt, manchmal obszön. Aber immer unterhaltsam. Ein hervorragendes Beispiel dafür, warum es sich lohnt, endlich einen intensiven Blick auf die ukrainische Literaturszene zu werfen. LESETIPP!

Diogenes Stand

Weiter geht es zum Stand unseres heimlichen Lieblingsverlags Diogenes. Dem man heuer zum 70. Geburtstag gratulieren darf. Erwarten uns Konfetti, Chamapgnerlaune und eine Geburtstagstorte? Nein. Das wäre wohl nicht eidgenössisch. Aber immerhin. Das eine oder andere Geschenk werden wir wohl entdecken. Vielleicht diese Dame in Rot?

Woman in red

Ist das etwa … ?

Donna Leon

Tatsächlich! Donna Leon gibt sich die Ehre, ihr jüngstes Werk zu signieren: Mit Ein Leben in Geschichten legt sie ihre Autobiographie vor. Und die ist mindestens so bewegt und lesenswert wie die weltberühmten Kriminalromane um Commissario Brunetti. Die deutschen Verfilmungen lassen wir mal unbesprochen.

Ian McEwan: Lektionen

Ein schöner Zufall. Aber eigentlich sind wir hier, um einen Blick in den neuesten und vielleicht letzten Roman von Ian McEwan zu werfen, Lektionen. Ein epischer Roman und ein würdiges Highlight im Programm des Schweizer Literaturverlages, der sich mit der kongenialen Übersetzung durch Bernhard Robben selbst das schönste Geburtstagsgeschenk macht.

Der entscheidende erste Satz

Viele sagen ja, es sei der erste Satz in einem Roman, der darüber entscheidet, ob der Leser zugreift oder nicht. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber wenn einem Schreibenden ein erster Satz gelingt wie obiger, dann ist ganz gewiss gewährleistet, dass die Leser:innen mehr wissen wollen und sich festlesen. So wie wir zum Beispiel, als uns dieses Buch in die Hand fiel …

Andrés Barba: Die leuchtende Republik

Aber nicht nur deswegen landet Andrés Barbas Die leuchtende Republik auf unserer Leseliste. Die Geschichte zieht uns tief hinein in den Überlebenskampf einer Horde obdachloser Kinder und die darauf mit Grausamkeit reagierenden Erwachsenen. Barbas Inspiration zu diesem bei Luchterhand verlegten Roman um Anarchie, Moral und Fremdenhass war offenbar der polnische Dokumentarfilm „The Children of Leningradsky“.

Fish & Chips

Nach soviel anspruchsvoller literarischer Kost knurrt uns nun doch der Magen. Wir verlassen die Halle 3 und begeben uns wieder nach draußen. Und siehe da, in einiger Entfernung lockt, geziert von einer langen Warteschlange, ein Fish and Chips Stand. Wie schön. Wie bodenständig. Zeit, Mittag zu machen.

Erzählkünstler Philipp Layer

Gerade wollen wir uns auf die Suche machen nach einem Sitzplatz, in Händen die dampfende Fish and Chips Schalen, da stoppt uns dieser freundliche Herr. In einem kurzen Gespräch erfahren wir, dass es sich um einen Erzählkünstler handelt, mit Namen Philipp Layer. Er offeriert Passanten Märchen & mehr, 100g zu 3€, wie das Schild auf seiner Brust ausweist. Welch herrlich analoges Angebot in einer von E-Books überfluteten Welt.

Wir geben uns nun der verdienten Mittagspause hin und melden uns wieder im Laufe des Nachmittags. Dann wieder mit einer Menge Lesenswertem. Bis später!

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Frankfurter Buchmesse 2017 (6): Auftritt einer Diva

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 15. Oktober 2017 | 15:12:33 | Roland Müller

FBM17_01Herzballon

Heute ist der letzte Tag der Frankfurter Buchmesse 2017. Während hoch oben am Himmel über den Frankfurter Messehallen ein einsamer Ballon seines Weges zieht, resümieren wir. Wir haben vieles gesehen, manches beschmunzelt und aus dem Wust der Neuerscheinungen zwanzig Lesetipps herausgepickt. Bücher, die wir aus durchaus subjektiven Gründen lesenswert fanden. Doch stop! Ein Highlight dieser Messe haben wir uns bis zuletzt aufgespart: den Auftritt einer Diva der französischsprachigen Literatur, in den wir Mitte der Woche mehr oder weniger zufällig hineingeraten waren. Davon sei zum Abschluss berichtet…

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