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FBM 2023 – Sonntag (5/5): Dichtung und Wahrheit

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 22. Oktober 2023 | 22:00:50 | Roland Müller

Heute hat Sir Salman Rushdie in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegengenommen. Die Laudatio hielt sein Freund Daniel Kehlmann. Gestern Abend war Rushdie zu Gast bei der Literaturgala der Frankfurter Buchmesse, bezeichnenderweise im Raum Harmonie des Conference Centers. Noch gezeichnet von dem zurückliegenden Attentat, aber mit dem ihm eigenen unzerbrechbaren Optimismus. Der Kernsatz seines heutigen Auftritts in der Pauklskirche stand unausgesprochenauch über dem gestrigen Abend: „Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan machen, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann“. Wir nehmen diesen Satz als Einleitung zu unserer heutigen Würdigung des literarischen Schreibens und des letzten Tages der 75. Frankfurter Buchmesse. Und wir beginnen mit einem kurzen Rückblick auf die gestrige Literaturgala …

Moderiert wurde der Abend von Thea Dorn und Denis Scheck. Was erwartbar war.

Denis Scheck und Thea Dorn dürfen vermutlich als das Dream Team der deutschen Literaturkritik gelten. Zumindest wenn man die Popularität und die mediale Aufmerksamkeit als Maßstab nimmt. Und in der Tat, sie liefern.

Scheck eröffnete die im Gegensatz zum vergangenen Jahr bis auf den letzten Platz ausverkaufte Literaturgala mit einem Interview mit Salman Rushdie, der Würdigung seiner geradezu märchenhaften Erzählkunst und einer kurzen Vorstellung seines aktuellen Romans Victory City.

Auftritt Thea Dorn. Sie unterhielt sich mit Thomas Hettche, dem Berliner Romancier und Autor und interviewte ihn zu den Hintergründen und womöglich autobiografischen Bezügen, die sich in seinem aktuellen Roman Sinkende Sterne verbergen mögen. Was Hettche nicht verhehlte und, darauf angesprochen, was es mit dem etwas surrealen Titel auf sich habe, schalkhaft darauf verwies, dass ihn eine bekannte Feministin darauf verwiesen hatte, dass alle Männer sinkende Sterne seien. Das habe ihm gut gefallen. Denn dann sei er ja irgendwann einmal ein Stern gewesen. Ach ja, die Koketterie des Autors, kein neues Phänomen, aber in diesem Fall charmant vorgetragen.

Auftritt Scheck. Im Gespräch mit Cornelia Funke zeigte auch sie sich von ihrer koketten Seite. In Gestik und Worten. Was den guten Denis regelrecht hinriss. Funke, die mit Die Farbe der Rache auf der diesjährigen Buchmesse den lange erhofften vierten Band ihrer geradezu legendären Tintenwelt-Romane vorgestellt hat, mag man jede Art von Koketterie verzeihen. Weil sie eine großartige Schriftstellerin und Erzählerin ist und sich für zahllose humanitäre Herzensprojekte engagiert. Zuletzt für ihr ‚Artists in Residence‘ Projekt in der Toskana, von dem Scheck nach einem gerade abgeschlossenen Besuch schwärmte. Und was ist nun die Farbe der Rache? Grau natürlich.

Auftritt Dorn im Zwiegespräch mit Christopher Clark. Der Historiker und großartige Erzähler – keine allzu häufige Kombination – hat mit seinem neuesten Werk Frühling der Revolution nicht weniger vorgelegt als eine grundsätzliche Neubewertung der Revolution von 1848/49 als erste und einzige europäische Revolution, die er zudem als keineswegs gescheitert interpretiert und dafür auch gute Argumente vorbringt. In gewisser Weise bietet er seine Neuinterpretation der EU als Kern eines neuen Selbstverständnisses und für ein neues Storytelling an. Bedenkenswert.

Auftritt Scheck im Interview mit Amir Gudarzi. Und schon stand die politische Gegenwart wieder hart im Raum. Wie schon beim Auftritt von Sir Salman Rushdie. Nur härter und kompromissloser. Der exiliranische Dramaturg und Theaterautor, einst Opfer des Teheraner Ajatollah-Regimes, lebt mittlerweile in Österreich. Er verglich im Gespräch nicht ohne Ironie seine physischen Foltererfahrungen im Iran mit den psychischen Foltermethoden der österreichischen Bürokratie während des viele Jahre dauernden Prozesses der Asylgewährung und schlussendlichen Einbürgerung. Und er schloss mit einem flammenden Appell, die Aussagen der iranischen Regierung, Israel vernichten zu wollen, endlich ernst zu nehmen und nicht nur als Worte abzutun. Nicht von ungefähr pflegt auf iranischen Raketen in hebräischen Lettern „Tod Israel“ zu stehen. Sollte der Iran irgendwann über Atomwaffen verfügen, nicht auszudenken …

Auftritt Dorn im Gespräch mit Lizzie Doron. Die israelische Friedensaktivistin und Autorin und Stimme der sogennanten „zweiten Generation“ wirkte sichtlich traumatisiert, als sie ein Handzettel hochhielt, auf dem unter der Headline ENTFÜHRT auf eine israelische Familie hinwies, die sich wie so viele andere Opfer des zurückliegenden Massakers in den Händen der Hamas befindet und um deren Leben sie bangt. Sie verhehlte nicht ihren mentalen zusammenbruch nach den jüngsten Erfahrungen eines Pogroms in einem sicher geglaubten Land. Es fiel ihr sichtlich schwer, danach auf das Buch zurückzukommen, das sie während der Corona-Pandemie geschrieben hat und das seiner deutschen Veröffentlichung harrt. Bewegend. Der Abend klang mit langanhaltendem Applaus und etlichen Blumensträußen aus. Zurück blieb eine merkwürdige Stimmung irgendwo zwischen Optimismus, Melancholie und Trotz. Immerhin, der 1.800 qm große Saal, in dem all dies spielte, trug den Namen „Harmonie“. Vielleicht muss man das als Hoffnungssignal interpretieren …

Nach diesem kurzen und schnellen Ritt durch die gestrige Literaturgala wenden wir uns nun einer kleinen Nachlese der mittlerweile geendeten 75. Frankfurter Buchmesse zu. Als Anknüpfungspunkt, Schnittstelle zu den folgenden Themen mag dieser Schnappschuss dienen:

Auf der Außenterrasse von Halle 3.1 lief er an uns vorbei: Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Nachdenklich, mit verschränkten Armen und in eher gedrückter Stimmung. Was mag ihm durch den Kopf gegangen sein? Wo weilen seine Gedanken? Und wie bescheuert ist diese Frage so kurz nach dem Hamas-Massaker? Für einen Moment legt sich der Schatten der Zeitgeschichte über unsere Wahrnehmung einer fröhlichen, selbstbewussten und erfolgreichen Buchmesse …

Was tun, um wieder zur Ruhe zu kommen? Vielleicht einfach tief durchatmen und einfach relaxen. Möglichst ohne dabei so angestrengt dreinzuschauen wie diese beiden Herren. Wir versuchen es und steuern danach einmal mehr den Stand der Aufbau Verlage an. Hatten wir gestern ja versprochen.

Mit Jens Andersen: Tove Ditlevsen – ihr Leben nehmen wir eine, nein die Biografie der berühmten dänischen Schriftstellerin und Autorin der Kopenhagen-Trilogie in die Hand. Eine Biografie, glänzend übersetzt aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, die sich spannender liest als so mancher Roman. Wir werfen einen Blick auf die Rückseite …

In der Tat, dem ist nichts hinzuzufügen. Bei Aufbau sind natürlich auch weitere Romane von Ditlevsen erschienen sowie die Kopenhagen-Trilogie auch als Aufbau Taschenbücher. Alles ohne Ausnahme Lesetipps!

Beim Verlag Hermann Schmidt ist uns ein ganz anderes Buch ins Auge gesprungen. Andreas Koop: DDR CI. Titel und Thema mögen anfangs verblüffen. Das Buch selbst jedoch ist eine unglaublich gut recherchierte und strukturierte Analyse der Corporate Identity eines Staatswesens, das vielen von uns immer noch merkwürdig fremd erscheint. Die Idee für ein solches Buch ist schlichtweg genial. Denn wo und wie drückt sich die Identität eines politischen Systems und einer Partei deutlicher aus als in ihren Bildern und fragischen Metaphern? Der Informationsdesigner Koop legt mit diesem fiktiven CI-Manual ein brillantes Werk vor. Und: Er ist Wiederholungstäter!

Das fiktive Corporate Design Manual des real existierenden Sozialismus. Ja, genau das: Lesetipp!

Dreimal sind wir daran vorbeigerannt. Typische Buchmesseblindheit. Aber dann stehen wir endlich vor einem unserer Lieblingsverlage: dem Verlag Klaus Wagenbach. Wer ist noch nicht im lokalen Buchhandel über die legendäre Salto-Reihe gestolpert? Die knallroten Leinenbändchen verführen wie kaum ein anderes Buchformat zum spontanen Zugreifen und Schmökern. Und genau das tun wir nun auch. Jedes der nachfolgend gezeigten Salto-Bändchen empfehlen wir als Lesetipp:

Ljubljana und Slowenien – Eine literarische Einladung in das schreib- und lesefreudige Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Alexandre Labruffe: Erkenntnisse eines Tankwarts

Joke J. Hermsen: Rosa und Hannah – Das Blatt wenden

Dieter Richter: Con gusto – Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht

Wir lassen die rote Wand mit den Salto-Bänden rechts liegen und wandern nach links weiter. Gibt’s hier noch etwas zu entdecken? Ja, durchaus …

Marco Missiroli: Alles haben. Rimini im Juni. Ein Vater-Sohn-Roman. Und was für einer. Wie immer werfen wir einen Blick auf die erste Textseite …

Würden wir weiterlesen wollen? Aber ja! Und Ihr? Mit dieser Frage, die wir einfach mal im Raum stehen lassen, weil sie eigentlich für jedes Buch gilt, wenden wir der 75. Frankfurter Buchmesse nun den Rücken zu. Es waren fünf, eigentlich sogar sechs unglaublich intensive Tage. Gefüllt mit vielerlei Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnissen, auch Leseerlebnissen. Wir kehren mit einer langen, eigentlich viel zu langen Bücherliste zurück in unser Zuhause.

Wir werfen Jonathan Borofskys Hammering Man einen letzten Blick zu. Er hat sein Hämmern beendet. Die Messe hat ihre Tore geschlossen.

Wir hoffen, es hat Euch Spaß gemacht, dass wir Euer Auge und Ohr auf der Frankfurter Buchmesse waren. Wir werden uns spätestens auf der Leipziger Buchmesse wiedersehen. Und dazwischen gibt’s hier auf cafedigital immer wieder einmal Buchrezensionen und Artikel zu allem, was uns zum Magazin für analoges Leben und digitales Arbeiten macht CU!

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FBM 2023 – Donnerstag (2/5): Otto gratuliert

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 19. Oktober 2023 | 21:30:03 | Roland Müller

Donnerstag. Wir stürzen uns wieder für Euch ins Messegetümmel. Und ja, da kann man Otto nur zustimmen: Auch diese Messe ist wieder eine „mess“. Aber davon lassen wir uns nicht abhalten. So wenig, wie die Hunderte und Aberhunderte von Besuchern, die sich auf der riesigen Jubiläumswand im Gang vor Halle 4 mit mehr oder weniger intelligenten Grüßen verewigen.

Wir sind zwar recht früh unterwegs, aber es herrscht schon deutlich mehr Betrieb als gestern. Nicht nur bei Hanser in Halle 3.1. Und die in diesem Jubiläumsjahr jubiläumsbreiten Gänge werden sich im Verlauf des Tages deutlich füllen.

Auch auf der Bühne der FAZ ist einiges los. Gestern noch ein einsamer Barrista im Zwiegespräch, heute ein voll besetztes Auditorium, das sich mit FAZ-typisch komplexen Themen auseinandersetzt. Diesmal Demokratie und Populismus, Fake News und höhere Lesefähigkeiten. Wir hören kurz hinein und können nur zustimmen: Es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen mangelhafter Lesefähigkeit und der Anfälligkeit, auf Fake-News und damit demokratiegefährdende populistische Manipulationsstrategien hereinzufallen. Doch weiter! Heute wollen wir uns etwas mehr als gestern auf Neuerscheinungen, aber auch auf Bewährtes konzentrieren und – wie alle Jahre wieder – handfeste Lesetipps aussprechen …

In den Tropen, nein, bei Tropen werden wir fündig. Nicht unbedingt bei Herrn Helgason, dem schlagkräftigen Isländer …

… Sondern bei Jean-Christophe Grangé, der mit Die Marmornen Träume einen veritablen Thriller vorlegt, der im Berlin des Nationalsozialismus spielt. Vielleicht kein Pageturner, aber wer Die Purpurnen Flüsse gelesen hat, weiß um die erzählerische Qualität von Grangé.

Berlin gibt generell eine perfekte Kulisse ab für einen spannenden Thriller. Das Berlin des Jahres 1939 ganz besonders. Das wissen wir nicht erst seit der Erfolgsserie Babylon Berlin. Wir haben das Buch kurz angelesen und sind überzeugt: Das ist unser erster Lesetipp der diesjährigen Frankfurter Buchmesse!

Gleich nebenan finden wir endlich mal wieder etwas Neues Altes von Cyberpunk-Altmeister William Gibson: Peripherie. Erschienen bereits 2016. Aber mit Auflegen der Prime-Streamingserie wieder aktuell.

Nicht unbedingt ein weiterer Lesetipp, aber allein schon deswegen eine Beinah-Pflichtlektüre, um festzustellen, ob Gibson sich erzählerisch weiterentwickelt hat. Und ob die Sttreamingserie der Vorlage gerecht wird.

Wir schlendern weiter und kommen am Stand des von uns heißgeliebten mareverlags vorbei. Einer der wenigen Verlage, bei dem wir blind fast jede Neuerscheinung kaufen würden. Und das nicht erst, seit ein Gentleman über Bord gegangen ist.

Natürlich schauen wir auch beim Kampa Verlag vorbei. Und wie der Messezufall so spielt, treffen wir genau jenen Autor im Gespräch mit einer Verlagsvertreterin vertieft, dessen aktuellen Krimi Der Böse Vater wir ebenfalls auf unserer Beobachtungsliste haben – Christof Weigold.

Tatsächlich schon wieder ein historischer Krimi. Dieser spielt im Hollywood der späten zwanziger Jahre, zu dem Zeitpunkt, als der Stummfilm vom Tonfilm bedrängt und schließlich abgelöst wurde. Ein spannendes Set-up und eine fesselnde Handlung. Ein bischen im Noir-Stil, geschrieben von einem Autor, der selbst große TV- und Drehbucherfahrung hat.

Zudem war Weigold lange Jahre einer der Autoren der legendären Harald-Schmidt-Show. Was allerdings für uns keine Rolle spielt, wenn wir seinen Hollywood-Thriller um den zwielichtigen Privatdetektiv Harry Engel als unseren zweiten Lesetipp präsentieren!

Wer fürs Weihnachtsfest noch ein handliches Geschenk sucht, dem es allenfalls an christlicher Nächstenliebe mangelt, der wird ebenfalls bei Kampa fündig. Rotes Lametta versammelt eine Reihe recht blutiger Weihnachtsgeschichten …

… von illustren Autoren wie Michael Connelly, Henning Mankell und anderen Autoren ähnlicher literarischer Gewichtsklasse. Ein wirklich nettes Geschenk, das uns der Kampa Verlag da macht.

Wir wandern weiter, immer auf der Suche nach literarischem Beutegut, das zu empfehlen sich lohnt. Wie bereits gestern passieren wir die Schiefertafel NordSüd, auf dem die Messebesucher :innen aufgefordert werden, zu erzählen, was ihr Leben bunt macht. Mittlerweile hat sich die Tafel ganz schön gefüllt.

Wir entscheiden uns für einen Positionswechsel und drängeln uns mit anderen auf den mittlerweile unter der Last ächzenden Rolltreppen zur nächsten Etage.

Unser Ziel ist unter anderem der Stand des Dumont Buchverlags. Denn wir wissen, dass wir hier etwas finden werden, was jeden echten „Bookie“ zu begeistern vermag …

Der neue Murakami. Haruki Murakami stellt mit Honigkuchen sein neuestes Machwerk vor. Auf den ersten Blick können wir es nur schwer einordnen. Kinderbuch? Märchenbuch? Oder einfach nur ein typischer Murakami, also melancholisch phantastische Erzählkunst, die oft genug gängige Genreregeln bricht oder gar ignoriert?

Der Text auf der Rückseite macht schnell klar: Ja, das ist wieder ein typischer Murakami! Neugierig geworden, lesen wir die erste Seite an …

Was wie eine Kindergeschichte beginnt, eine Geschichte, die ein Vater seiner kleinen Tochter erzählen mag, gewinnt schnell an Tiefe und rührt am Grundsätzlichen des Lebens und Liebens. Ja, wir lieben Murakami. Auch diesen. Deshalb: Unser dritter Lesetipp!

Wir ziehen weiter und stolpern über Vaters Meer. Beziehungsweise über Deniz Utlu, der gerade sein sehr erfolgreiches Buch im Rahmen des Bayerischen Buchpreises 2023 präsentiert. weiß Gott nicht die erste Auszeichnung, die er dafür erhält. Und allemal berechtigt.

Wir hingegen sind unterwegs zu einem anderen Buchpreis, noch südlicher gelegen. Nämlich der Schweizer Buchpreis 2023. Am Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage haben wir auch in früheren Jahren schon spannende Entdeckungen gemacht. Und heute? Wir stöbern ein bisschen …

Und plötzlich macht es Glitsch! Glitsch von Adam Schwarz ist für den Schweizer Buchpreis nominiert und im Zytglogge Verlag erschienen (es muss nicht immer Diogenes sein!). Der Roman lässt sich in das noch junge Genre Climate Fiction einordnen und verfolgt einen sehr interessanten Ansatz …

Nämlich eine schräge Mischung aus surrealen Elementen, knallharter Informatik ( ein Glitsch ist eine spezifische Art von Computerfehler) und einer stilistischen Raffinesse, die nach unserem ersten Eindruck eine leichte Seelenverwandschaft zu T. C. Boyle erahnen lässt. Ob gewollt oder ungewollt, sei mal dahingestellt.

Wir lesen die erste Seite an, dann eine weitere mittendrin und das Ende. Und ja. Das hat was. Wir wollen hier nicht spoilern, sondern erklären Glitsch einfach zu unserem vierten Lesetipp!

Meist ist es ja so, dass sich an der Peripherie der Ausstellungsflächen der Messehallen kleinere, exotischere oder sogar skurrilere Aussteller platziert sehen. An diesem hier konnten wir dann auch nicht unkommentiert vorübergehen. Die Edition Porsche (Porsche verlegt Bücher? Klar, Bildbände, was sonst!) hatte den ultimativen Blickfang aufgefahren, einen Porsche 356 der erste Serie, direkt aus dem Porsche Museum. Versicherungswert vermutlich … nein, da wollen wir gar nicht drüber nachdenken. Jedenfalls ein schönes Stück Technikgeschichte. Und bevor jemand auf dumme Gedanken kommt: Nachts wird das Teil natürlich bewacht!

Im Anschluss, der Nachmittag war schon deutlich vorangeschritten, haben wir noch einen Termin wahrgenommen am Stand des Bundesverbands junger Autoren (BVjA), wo wir Karin Seemayer antrafen, die gerade im Turnus die Wacht am Stand wahrnahm. Begleitet von einer nicht ganz unbekannten Buchbloggerin …

Wenig später trafen wir unser nächstes „Date“, Marco Schreiber, am Stand des Syndikats, der wie üblich von jeder Menge mörderischer Schwestern belagert wurde. Tolle Stimmumg. Und wir konnten uns mit Marco über seinen Dithmarschen-Krimi unterhalten – Marschblut, sehr lesenswert! – und wie es sich anfühlt, als Lehrer Autor von Kriminalromanen zu sein und seit kurzem auch Mitglied des Syndikats – einer, wie die meisten Leser:innen sicher wissen, überaus erfolgreichen Vereinigung von Krimiautor:innen. Danke, Marco, für das Leseexemplar, das wird direkt nach der Messe verschlungen. Schließlich muss unsereiner ja wissen, was Ihr da oben im Kreis Dithmarschen so treibt. LOL.

Es war heute doch wieder ein recht langer Messetag. Wir erholen uns draußen an der frischen Luft und beobachtenein paar Asterixe auf freier Wildbahn beim Verzehr von … nein, keinen Wildschweinen, sonder ganz profanen Pommes. Die Gallier sind eben auch nicht mehr, was sie mal waren.

Für heute lassen wir’s gut sein. Bepackt mit Prospekten, Eindrücken, Beobachtungen und viel zu vielen Fotos machen wir uns auf den Weg nach Hause. Schließlich ist morgen auch noch ein Tag.

CU tomorrow!

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FBM 2023 – Mittwoch (1/5): Aller Anfang ist leer

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 18. Oktober 2023 | 21:40:17 | Roland Müller

Ich erspare uns allen die üblichen Außenaufnahmen von der Frankfurter Messe. Stattdessen stürzen wir uns mitten hinein in den Trubel und machen uns auf zur Halle 3. Trubel? Nein, ganz im Gegenteil, am Mittwochmorgen ist es erfreulich leer und ganz entspannt. Wo sich sonst auf den Rolltreppen die Menschenmassen drängen, herrscht Mut zur Lücke. Wunderbar! Wissen wir doch aus eigener Erfahrung, dass sich das in den kommenden Tagen und sogar im Laufe dieses Tages ändern wird.

Wir tauchen ein in die Halle 3. Ein wenig müssen wir uns umorientieren. Denn viele der Verlagsstände treffen wir nicht dort an, wo wir sie bei vergangenen Buchmessen vorgefunden haben. S. Fischer zum Beispiel war immer in Halle 3.1, macht sich nun aber in der Etage darunter breit, in Halle 3.0. Apropos breit: Auch die Mittelgänge sind sehr viel breiter angelegt als bei früheren Frankfurter Buchmessen. Recht so! Denn wenn das Geschiebe und Gedränge erst losgeht, hilft jeder zusätzliche Meter!

Ruhe und leeres Gestühl treffen wir auch am Stand der FAZ an. Selbst der Barrista gönnt sich einen entspannten Pausenplausch mit einer FAZ-Mitarbeiterin.

Am Stand der Aufbau Verlage ist schon ein wenig mehr los. Sehr schön. Immerhin darf ich mich ab dem Frühjahrsprogramm 2024 zu den Verlagsautoren zählen. Später am Tag werde ich hier noch meinen Agenten treffen und einen der Vertriebsmitarbeiter. Spannende Zeiten! Natürlich liegt es nah, einmal zu schauen, was sich so in „meinem“ zukünftigen Regal bei Aufbau Taschenbuch (atb) tut …

Nicht schlecht. Insbesondere Virtua von Karl Olsberg springt mir ins Auge. Ein spannender und gut recherchierter KI-Thriller. Nein, nicht von einer KI geschrieben, sondern über eine KI geschrieben. Und das sehr spannend. Entwickelt sich da gerade ein eigenes Subgenre? Wer weiß. Ich für meinen Teil werde mich mit EISRAUSCH demnächst in diesem Umfeld durchsetzen müssen. Ob das gelingt? Wir werden sehen.

Nicht weit entfernt, am Haufe-Stand, wird die KI-Revolution branchenrelevant thematisiert. Noch handelt man sie hier auf der Messe als ein durchaus willkommenes zusätzliches Werkzeug, das zunehmend in der Verlagsarbeit eingesetzt wird. Aber: Wird das so bleiben? Oder stehen wir alle, die wir mit Sprache „arbeiten“, früher oder später auf der Abschussliste? Bei einigen, besonders regelbasierten Genres könnte ich mir durchaus vorstellen, dass eine gut trainierte KI Autor:innen ersetzen könnte – Romance, Romantasy, Dark Romance … wer weiß?

Ein anderer Aufreger, diesmal ein sehr menschlicher, begegnet uns ein paar Stände weiter, bei Suhrkamp: Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek – ohne Zweifel einer der Großen seiner Zunft und immer für eine zielgerichtete Polemik gut – verurteilte bei der feierlichen Eröffnung der Buchmesse die Hamas, forderte aber auch Verständnis für Palästinenser. Ein Eklat. Dessenungeachtet kann ich ihn nur dringend zur Lektüre enpfehlen. Einer der wenigen Philosophen, der in der Lage ist, „out of the box“ zu denken, ohne dabei wie ein prechtiges Exemplar aus deutschen Landen mit unqualifizierten Äußerungen Talkshows zu bespaßen.

So wie Žižek auf seine Art die Welt bunter macht, tun dies mittendrin auch diese jungen Leute mit Kreide auf einer riesigen Schiefertafel. Kreativität auf ganz analoge Art, wie schön. Und wie nostalgisch.

Wir eilen weiter und winken im Vorbeigehen der berühmten Ullstein-Eule. Der traditionsreiche Berliner Verlag nimmt wie meist sehr viel Raum ein. Wir werden dem Verlagsprogramm an einem der kommenden Tage noch einen genaueren Blick widmen.

Ebenso wie wir einen intensiveren Blick werfen werden auf das Schaffen des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Jon Fosse, dessen Konterfei wir am angemessen stolzen rowohlt-Stand entdecken. Fragen? Antworten! Ja, darauf werden wir gerne zurückkommen.

Nachdem wir uns einen ersten Überblick über die Verlage in Halle 3.0 und 3.1 verschafft haben, gehen wir nun ein wenig gezielter vor. Viele Verlage bieten ein reichhaltiges Präsentationsprogramm im 20- oder 30-Minutentakt. Wir entdecken Isabel Bogdahn im Gespräch mit Peter Tschentscher, dem Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Im Rahmen der Reihe Politik trifft Buch am Stand von Vorwärts. Wir lauschen eine Weile, was Isabel Bogdahn, die ihre schriftstellerische Karriere ja selbst als Übersetzerin begann, über die Situation von Schriftsteller:innen und Übersetzer:innen zu erzählen weiß. Spannend.

Thematisch profaner wird es beim Weiterbummeln am Stand von Droemer Knaur, wo Die Schwarze Königin von Markus Heitz ihren Thron aufgebaut hat, während um die Ecke Fitzek lauert. Nicht von ungefähr ist Droemer Knaur ein Schwergewicht im Bereich der Unterhaltungsliteratur. Man scheint hier ein Händchen zu haben für marktgerechte Themen.

Nicht weit entfernt, in einem Parallelgang, hat man ein Händchen für Networking. Das Netzwerkfrühstück des Berufsverbands der Autorinnen und Autoren der Schweiz (A*dS) und des European Writers Council (EWC) war trotz der noch frühen Stunde gut besucht und gut bestückt mit Sekt und Schnittchen.

Dagegen hatt der Emons Verlag mit seiner fabelhaften Welt der Regionalliteratur und einer Obstschale auf dem langen Holztisch kaum eine Chance. Übrigens ein Verlag, den ich sehr schätze. Denn er gehört zu den wenigen, die einen klaren USP entwickelt haben und ihren definierten Markt mit qualitativ hochwertigen Geschichten bedienen.

Zur Abrundung unseres ersten Messerundgangs gönnen wir uns noch einen Zwischenstop im Zentrum des ausufernden Messestands der Penguin Random House Verlagsgruppe. Alle Jahre wieder organisieren hier Stern und PRH gemeinsam die sogenannte 30-Minuten-WG. Ein Interviewformat mit jeweils einem Autor oder einer Autorin. Wir lauschen eine Weile einem der rund 50 Live-Talks, die hier während der Messe laufen werden. Jeweils im Stream oder im Nachhinein anzuschauen auf der litlounge.de – in unserem Fall interviewte Catrin Boldebuck Sherko Fatah zu seiner beklemmenden Vater-Tochter-Geschichte Der große Wunsch.

Langsam tickt auch bei uns die Uhr. Also machen wir uns auf den Weg nach draußen. Ein kurzer Zwischenstop bei Reclam, „Versüßer“ unerträglicher Schulstunden im Deutschunterricht und farblich einfach schön anzuschauen. Mögen uns die berühmten Reclamausgaben noch lange erhalten bleiben!

Kurz bevor wir am Ausgang sind, passieren wir noch den Stand zum Kulturpass. Vielleicht die erfolgreichste Innovation der letzten Jahre, was Kultur für alle angeht. Mittlerweile, so wissen wir, sind mehr als 200.000 Kulturpässe angefordert worden. Damit wurden 400.000 Käufe getätigt, die Hälfte davon waren Bücher. Hey, wenn das mal keine gute Nachricht ist für die Buchbranche: Kids, die zu Hunderttausenden wieder lesen! Weiter so!

Auf der Außenterrasse von Halle 3.1 genießen wir die frische, eisige Polarluft und lassen den Blick über die noch ziemlich leere Agora schweifen, in deren Zentrum der Frankfurt Pavillon thront wie ein von einer Riesenhenne gelegtes Ei, bewacht von einem aufgeblasenen Asterix. Allzulange halten wir uns hier aber nicht auf. Denn gleich stehen Termine an auf der Literaturbühne von ARD/ZDF/3sat. Also los!

In diesem Jahr haben die drei Sender ARD, ZDF und 3sat erstmnals ihre Bühnen zusammengeworfen. Was nicht unpraktisch ist, muss man so doch nicht zwischen hier und Halle 4 umherirren. Wir kommen gerade noch rechtzeitig, um uns anzuhören, was Necati Öziri zu seinem Roman Vatermal zu sagen hat, einem der Highlights des Bücherjahres 2023. Wir sind fasziniert. Zu selten hört und liest man eine Stimme jener Mitbürger:innen mit migrantischem Hintergrund, die so authentisch, so fesselnd aus einer Welt erzählt, die doch eigentlich unsere ist.

Direkt im Anschluss interviewt Gert Scobel Thomas Meyer, den Autor der Biographie Hannah Arendt. Eigentlich kann man sagen: DIE Biographie von Hannah Arendt. Denn Meyer, obgleich forschender Akademiker, entpuppt sich nicht nur als profunder Kenner der Philosophin und räumt mit er Art und Weise, wie er sich über das neue Standardwerk (und das ist es meiner Meinung!) äußert. Sehr unterhaltsam und sehr lehrreich. Das Buch steht hiermit auf unserer Buchmesse-Kaufliste!

Im Anschluss wechselt nicht nur die Projektionsfarbe des Hintergrunds – umgeschaltet auf aspekte – plötzlich knäulen sich auch zahlreiche Fotografen vor der Bühne. Na klar, kann ja auch nicht anders sein, wenn ein Liebling der Nation die Bühne betritt: Elke Heidenreich

Katty Salié unterhält sich mit Elke Heidenreich über deren neues Kinder- und Erwachsenenbuch Frau Dr. Moormann und ich. Elke Heidenreich, längst altersweise und von einem unübertrefflich launigen Humor beseelt, weiß wie immer mit dem Herzen zu erzählen. Kein Wunder, dass das Auditorium der Literaturbühne bis auf den letzten Platz gefüllt ist und ein lang anhaltender Beifall Heidenreich verabschiedet.

Wir brechen noch nicht auf. Denn direkt im Anschluss widmet sich Katty einem Autorenkollegen aus dem Montségur-Autorenforum, Peter Wohlleben. Deutschlands prominentester Förster ist nicht nur ein großartiger Autor, sondern auch ein vor Optimismus strahlender Mensch. Eine Seltenheit in den Tagen einer sich beschleunigenden Klimakrise. Sein neues Buch Unser wildes Erbe erklärt uns, wie uns Instinkte steuern und was wir daraus lernen können. Einmal mehr eine aufschlussreiche Lektüre und ein gelungenes Beispiel für ein perfektes erzählendes Sachbuch.

Damit beschließen wir den ersten Tag auf der 75. Frankfurter Buchmesse. Erschöpft, aber aufgedreht machen wir uns auf den Weg zurück nach Hause. Morgen werden wir die nächste Runde drehen. Wer uns dabei folgen möchte, ist herzlich eingeladen. Wir werden sicher wieder Spannendes entdecken. Stay tuned!

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