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Frankfurter Buchmesse 2022 (2): Neue Horizonte!

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 21. Oktober 2022 | 08:00:00 | Roland Müller

ARD: Das blaue Sofa

Der Knaller des Bücherjahres 2022 ist ohne Zweifel Kim de L’Horizons Blutbuch. Spätestens mit dem Gewinn des renommierten Deutschen Buchpreises 2022 sind Autor und Buch in den Schlagzeilen. Heute machen wir uns auf die Spuren von Buch und Autor. Wir wollen uns selbst einen Eindruck verschaffen über den Mensch, die Sprache und die Botschaft. Und ja, es wird spannend …

Halle 3.1

Also auf in Halle 3.1. Irgendwo dort werden wir den Stand des DuMont Verlags finden, der den diesjährigen Buchpreisgewinner unter seinen Fittichen hat.

Dumont Stand

Gefunden! Und natürlich nimmt Kim de L’Horizons Blutbuch einen beträchtlichen Teil der Displayfläche ein. Die Autofiktion des nonbinären Schweizers soll sich nicht zuletzt aufgrund ihrer teils experimentellen, oft gewagten und immer hoch künstlerischen Sprache gegen starken Wettbewerb durchgesetzt haben. Immerhin, Hausautor an den Bühnen Bern wird man nicht eben so. Wir sind entsprechend neugierig und greifen uns ein Exemplar …

Kim de L’Horizon

Noch während wir das Buch anlesen und zunehmend gefesselt darin versinken (sic!) – dabei schwinden letzte Zweifel, dass es sich um einen Medien-Hype gehandelt haben könnte – taucht der Schreibende höchstpersönlich auf. Und wird auch sofort umlagert von Fans und Aufnahme-Teams, die den Stand bereits belagert hatten. Es lässt sich kaum vermeiden, dass wir einen Teil des folgenden Interviews mitbekommen …

Dabei stellt sich schnell heraus, dass Kim eine Seele von Mensch ist, durch und durch positiv, sehr emotional und sich jederzeit darüber im klaren, dass er sich als Person mit dieser literarisch hochrangigen Auseinandersetzung mit der eigenen Queerheit exponiert. Wir sind tief beeindruckt von dem Menschen und sehr gespannt auf das weitere schriftstellerische Schaffen. Bis dahin: Chapeau Kim! So ein Debüt muss man erst einmal hinlegen.

Ach ja, Interviewer und Interviewte. Überall auf den Gängen der diesjährigen Buchmesse stolpert man über sie. Und zugegeben, in vielen Fällen erkennen wir die prominenten Autor:innen nicht einmal. Wer will uns das verdenken bei der schieren Menge von gaaaanz wichtigen Menschen? Immerhin stellt die Frankfurter Buchmesse eine Bühne bereit, wie sie weltweit einmalig ist.

Publishing-Träume

Dabei wären so viele Messebesucher gerne selbst prominent und schriftstellerisch erfolgreich. Wie sonst ließe sich das ungebrochene Interesse an Selfpublishing und Books-on-Demand Angeboten erklären? Wollen wir nicht alle ein Fitzelchen Unsterblichkeit erhaschen, etwas Bleibendes hinterlassen? LOL. Aber egal, deswegen sind wir heute nicht hier …

Suhrkamp Regal

Sondern wegen der bereits real existierenden Bücher. Und wenn der aktuell ganze Regionen und ihre Menschen verwüstende Ukraine-Krieg eine winzig kleine positive Wirkung entfaltet, dann die, dass plötzlich Interesse aufkommt an der literarischen Entdeckung dieses uns bis dato erschreckend fernen Landes. In eine der diesbezüglichen Neuerscheinungen lesen wir rein …

Radio Nacht von Juri Andruchowytsch katapultiert uns mitten hinein ins Geschehen einer faszinierenden Melange aus Action, Schelmenroman und Märchen um den fiktiven Radiomoderatoren und Pianisten Josip Rotsky. Wenn der Autor seinen Helden vorantreibt, einen von den Stones geprägte Ex-Revolutionär und Radio-DJ mit Folterbiografie, der versucht, seinen Häschern zu entkommen, dann jagd er ihn ganz bewusst von einer absurden Situation in die nächste. Wobei jederzeit dunkle Assoziationen zum Hier und Jetzt der Ukraine und ihrer Nachbarschaft durchschimmern. Schrill, bunt, manchmal obszön. Aber immer unterhaltsam. Ein hervorragendes Beispiel dafür, warum es sich lohnt, endlich einen intensiven Blick auf die ukrainische Literaturszene zu werfen. LESETIPP!

Diogenes Stand

Weiter geht es zum Stand unseres heimlichen Lieblingsverlags Diogenes. Dem man heuer zum 70. Geburtstag gratulieren darf. Erwarten uns Konfetti, Chamapgnerlaune und eine Geburtstagstorte? Nein. Das wäre wohl nicht eidgenössisch. Aber immerhin. Das eine oder andere Geschenk werden wir wohl entdecken. Vielleicht diese Dame in Rot?

Woman in red

Ist das etwa … ?

Donna Leon

Tatsächlich! Donna Leon gibt sich die Ehre, ihr jüngstes Werk zu signieren: Mit Ein Leben in Geschichten legt sie ihre Autobiographie vor. Und die ist mindestens so bewegt und lesenswert wie die weltberühmten Kriminalromane um Commissario Brunetti. Die deutschen Verfilmungen lassen wir mal unbesprochen.

Ian McEwan: Lektionen

Ein schöner Zufall. Aber eigentlich sind wir hier, um einen Blick in den neuesten und vielleicht letzten Roman von Ian McEwan zu werfen, Lektionen. Ein epischer Roman und ein würdiges Highlight im Programm des Schweizer Literaturverlages, der sich mit der kongenialen Übersetzung durch Bernhard Robben selbst das schönste Geburtstagsgeschenk macht.

Der entscheidende erste Satz

Viele sagen ja, es sei der erste Satz in einem Roman, der darüber entscheidet, ob der Leser zugreift oder nicht. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber wenn einem Schreibenden ein erster Satz gelingt wie obiger, dann ist ganz gewiss gewährleistet, dass die Leser:innen mehr wissen wollen und sich festlesen. So wie wir zum Beispiel, als uns dieses Buch in die Hand fiel …

Andrés Barba: Die leuchtende Republik

Aber nicht nur deswegen landet Andrés Barbas Die leuchtende Republik auf unserer Leseliste. Die Geschichte zieht uns tief hinein in den Überlebenskampf einer Horde obdachloser Kinder und die darauf mit Grausamkeit reagierenden Erwachsenen. Barbas Inspiration zu diesem bei Luchterhand verlegten Roman um Anarchie, Moral und Fremdenhass war offenbar der polnische Dokumentarfilm „The Children of Leningradsky“.

Fish & Chips

Nach soviel anspruchsvoller literarischer Kost knurrt uns nun doch der Magen. Wir verlassen die Halle 3 und begeben uns wieder nach draußen. Und siehe da, in einiger Entfernung lockt, geziert von einer langen Warteschlange, ein Fish and Chips Stand. Wie schön. Wie bodenständig. Zeit, Mittag zu machen.

Erzählkünstler Philipp Layer

Gerade wollen wir uns auf die Suche machen nach einem Sitzplatz, in Händen die dampfende Fish and Chips Schalen, da stoppt uns dieser freundliche Herr. In einem kurzen Gespräch erfahren wir, dass es sich um einen Erzählkünstler handelt, mit Namen Philipp Layer. Er offeriert Passanten Märchen & mehr, 100g zu 3€, wie das Schild auf seiner Brust ausweist. Welch herrlich analoges Angebot in einer von E-Books überfluteten Welt.

Wir geben uns nun der verdienten Mittagspause hin und melden uns wieder im Laufe des Nachmittags. Dann wieder mit einer Menge Lesenswertem. Bis später!

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