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FBM 2025 Tag 5: Wölfe, Lämmer und Buchmarktretter

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Unterhaltung | 20. Oktober 2025 | 15:16:15 | Roland Müller

Messe-Sonntag auf der Frankfurter Buchmesse. So langsam schwinden uns die Körner, vor allem in den Beinen und im Rücken. Was man von Klaus-Peter Wolf nicht behaupten kann. Denn der turnt wohlgemut über alle Bühnen, die die Messe bereithält. Sensationelle Energie, der Kollege!

Wir schaffen es irgendwie, bis zum Stand des Hanser Verlags vorzustoßen, quer durch die nun reichlich vollen Gänge. Und tatsächlich, zumindest hier am Stand gibt’s noch Exemplare des diesjährigen Gewinners des Deutschen Buchpreises, „Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger. In sehr vielen Buchhandlungen ist das Buch bereits vergriffen, und der Verlag tut sich aufgrund der Druckereienkrise schwer, zeitnah Nachschub herbeizuschaffen. Die Hanser-Website zeigt jedenfalls ein „in Kürze wieder lieferbar“ an. Ein Luxusproblem, irgendwie.

Gleich rechts vom mittleren Eingang zu Halle 3.0 hat ein chinesisches Unternehmen seine Zelte aufgeschlagen und bietet faszinierend detaillierte Bastelsätze für Dioramen an, die man sich ins Bücherregal stellen kann, sollte da noch Platz sein (was in der Regel eher nicht der Fall ist). Fertig zusammengebaut werden diese dreidimensionalen, schummerig LED-beleuchteten Teile tief in die Herzen der Leserinnen und Leser vorstoßen, jede Wette!

Wir lassen die Dioramen hinter uns und picken querbeet noch ein paar empfehlenswerte Lektüren für Euch auf. Eines davon, erschienen beim Imprint Blumenbar der Aufbau Verlage ist „Mauerpogo“ von Sonja M. Schulz, mit der wir uns neulich in Berlin beim Jubiläum der Aufbau Verlage recht lange unterhalten konnten. Ein tiefer Blick in die DDR, sieben Jahre vor dem Mauerfall, in dessen Verlauf wir an die Haut einer Vierzehnjährigen schlüpfen, die kurz vor der anstehenden Jugendweihe den Punk für sich entdeckt.

Rau, rotzig, mit einer Sprache, in die, wie wir wissen, die Autorin sehr viel Arbeit gesteckt hat, bis sie so direkt und authentisch fließen konnte wie in diesem wunderbaren Coming-of-age Roman. Für uns ein ideales Buch für NA- und YA-Fans, die Magie, Drachen und Tropes mal hinter sich lassen möchten. Ein Ausflug in die Welt Gleichaltriger zu einer Zeit, als noch an den real existierenden Sozialismus geglaubt wurde. Unser sehr spezieller 13. Lesetipp!

Und wo wir schon mal am Aufbau Stand herumlungern, müssen wir auch auf „Israel“ von Sabine Adler zu sprechen kommen. Womit wir noch ein Stück näher ans Zeitgeschen rücken. Die renommierte Journalistin stellt mit diesem Buch Fragen an ein Land, das sich seit dem 7. Oktober 2023 in seinen Grundfesten erschüttert sieht.

Im Unterschied zu vielen anderen Schreibenden, die sich dieses Themas annehmen, tritt sie aber einen Schritt zurück und hört Bürgerinnen und Bürgern aus allen Milieus und Lagern Israels zu, die auf ihre Fragen antworten. Vorbildlicher und zunehmend seltener werdender Journalismus ohne Bewertung und Moralisierung und genau deshalb ein wichtiger Beitrag zu einem vernünftigen, vorurteilsfreien Diskurs der Situation im Nahen Osten. Unser 14. Lesetipp!

Vorsicht, jetzt wird’s thematisch sprunghaft! Denn schon stehen wir am Stand von Luchterhand und greifen nach dem aktuellen Saša Stanišić mit dem gewohnt schrägen Titel „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“. Der Hamburger Autor lässt damit die Witwe hinter sich, geht einen Schritt weiter und legt diese Ermutigung vor, wie der verschämte Untertitel verspricht.

Nach ausführlicher Lektüre schwingen wir uns zu der Behauptung auf, dass Saša Stanišić mit diesem Buch etwas gelungen ist, was wir eigentlich nicht erwartet hatten: ein Lebensratgeber, über den man schallend lachen oder stundenlang grübeln kann!

Gehaltene und ungehaltene Reden, egal was, in jedem Fall aber großes Kino. Deshalb unsere dringende Empfehlung, den Schalter umzulegen und den Stromkreis zu schließen: unser 15. Lesetipp und vielleicht der absurdeste von allen!

Traditionell machen wir ja auf jeder Buchmesse einen Abstecher zum kleinen, feinen und der Nachhaltigkeit verpflichteten Independent-Verlag Kjona. So auch diesmal. Und wenn wir gerade von Lebensratgebern gesprochen haben (die wir normalerweise scheuen wie der Teufel das sprichwörtliche Weihwasser oder der Verbrennerfahrer das E-Mobil), genau das fällt uns auch hier in die Hände.

Emilia Roig, nicht gerade unbekannt in der Szene und erstmals exklusiv verlegt vom Kjona Verlag, legt mit „Lieber Sohn oder So rettest du die Welt“ ein dünnes Bändchen vor. Aber was für eins! Irgendwie schafft sie es, auf hundertundeinpaar Seiten einen Brief an die kommende Generation zu schreiben, der es in sich hat. Fast eine Kurzanleitung zur Rettung unserer Welt.

Selbst nach kurzem Hineinlesen wird uns klar: Mehr als dieses dünne Buch und den zuvor beschriebenen Stromschlag von Saša Stanišić braucht es tatsächlich nicht, um die Welt, um uns alle zu retten. Außer dem Mut, zu lesen und dann auch danach zu handeln! Der dünnste 16. Lesetipp, den wir je abgegeben haben!

Wir mäandrieren weiter, die Füße werden schwerer und uns steht der Sinn nach kriminell guter Unterhaltung der eher zerstreuenden Art. Und natürlich werden wir fündig. Ein fesselnder historischer Kriminalroman im feinsten englischen Stil springt uns ins Auge, ein bisschen lieblos wie auf einem Krabbeltisch neben Dutzenden weiterer Vertreter der Spannungsliteratur platziert. Der im London des Jahres 1901 spielende „Der Tote in der Crown Row“ von Sally Smith, selbst Anwältin mit Temple-District-Erfahrung, erschienen bei Goldmann, macht uns gleichwohl neugierig. Denn an historischen Krimis herrscht derzeit ja nicht unbedingt Mangel.

Aber der hier ist schon speziell. Liegt’s an seiner „Britishness“? Vermutlich. Ein adliger Anwalt ermittelt im historischen Rechtsviertel von London. Ohne Hast erzählt, mit sehr viel feinem britischem Humor ist das ein perfekter und zugleich komplexer Krimi zum Runterkommen nach einem hektischen Messetag (beispielsweise). Und das verdient in jedem Fall einen 17. Lesetipp!

Und weil wir nicht bei Klett-Cotta vorbeigehen können, ohne auch hier in die Regale zu spähen, gebührt diesem Lieblingsverlag vieler (wir zählen uns durchaus dazu) die letzte Empfehlung unseres diesjährigen Messerundgangs. „Schon wieder Katzen!“, mag jetzt jemand stöhnen. Okay. Aber „Die Magnolienkatzen“ von Noriko Morishita erinnern uns unwillkürlich an Durian Sukegawas „Die Katzen von Shinjuku“, das wir im vergangenen Jahr auf unserer Empfehlungsliste hatten.

In einer geradezu schwebenden, leichtfüßigen Erzählweise, wie sie in Japan (und von uns) geschätzt wird, entspinnt sich ein Bild des kätzischen Wesens, wie es bisher noch keiner der langsam zahlreicher werdenden japanischen Romane für Katzenliebhaber entworfen hat. Unaufgeregt und alltagsnah und dabei konsequent den Titel umsetzend, der im japanischen Original sehr viel treffender 猫といっしょにいるだけで („einfach nur mit Katzen zusammensein“) lautet, ist dies unser abschließender 18. Lesetipp – ausschließlich für Katzenliebhaber!

Halbwegs ermattet vom letzten Messetag werfen wir kurz einen Blick zur Bühne von XPLR Media in Bavaria (was für ein nichtssagender Titel), wo sich mit Knut, Miri, Thomas et al drei bis vier Säulen der Buchkritik und des Bloggings gerade sitzend ein Stelldichein geben. Entgegen unserer Erwartung wird dabei nicht Gravierendes verbreitet, eher ein allgemeines Wohlfühl-Statement darüber, wie toll diese Messe ist und überhaupt und so weiter. Also gehen wir weiter …

Denn da ist ja noch die vielbeschworene Halle 1.1! Das Mekka der New Adult und Young Adult Kultur. Und in diesem Jahr auch sinnvollerweise ausschließlich auf die junge Zielgruppe ausgerichtet. Offenbar hat die Messegesellschaft dazugelernt. Klar, dass wir uns das nicht entgehen lassen wollen. Schließlich ist das der Ort, von dem sich Verlage und Buchhandel den Wiederaufschwung erhoffen.

Platzhirsch Lyx hat natürlich einen der größten Stande aufgebaut. Das ist auch nötig, denn das Gedränge am Sonntagvormittag ist erwartbar gewaltig.

Mindestens dasselbe kann man auch rund um den Buchhändler Buchmädchen feststellen. Hier ist der Name Programm. Und wir fragen uns ganz heimlich, woran es liegen mag, dass das Pendant dieser begeisterunsfähigen jungen Leserinnenschaft, die im vergleichbaren Alter befindlichen jungen Männer, für sich noch keine adäquaten Genres entdeckt haben. Verdammt nochmal, Ihr Jungs! Könnt Ihr nicht lesen oder wollt Ihr es nicht? Manchmal könnte man als Autor am männlichen Geschlecht verzweifeln. Aber wem sagen wir das? Indgesamt war dieser Besuch in Halle 1.1 ein sehr hoffnungsvoller und positiver. Das einzig Negative, das uns auffiel: Viele der Merchandise-Artikel waren mit Preisen versehen, die hart an der Grenze zur Abzocke lagen. Das muss nicht sein!

So viel Rumlauferei macht durstig. Passenderweise entdecken wir am Gemeinschaftsstand der österreichischen Verlage ein schlankes, aber überaus interessante Buch, das unseren Zustand gewissermaßen reziprok aufgreift. „Trocken“ von Daniel Wagner. Erschienen bei Kremayr & Scherlau.

Ein sehr lesenswertes Elaborat eines bekennenden Ex-Alkoholikers, der damit feiert, dass er seit mittlerweile fünf Jahren wieder trocken ist. Die Texte darin sind alles andere als trocken. Und oft genug schmerzhaft. Aber auf eine brutale und geradezu verstörende Art und Weise ehrlich. Was einen intensiven Blick hinter die Kulissen des Monsters der Alkoholsucht zulässt.

Zudem ist der Autor Daniel Wagner ein früherer Berufskollege. Und einer von den gar nicht so wenigen, die in der oft unerzählt stressigen Werbebranche irgendwann zur Flasche und dann nicht mehr von ihr loskamen. Respekt, lieber Daniel, dass du wieder schreibst, arbeitest und gedeihst!

Ist es unpassend, nach diesem etwas schwierigen, weil alkoholreichen Thema die Kurve ausgerechnet mit Alkohol zu kriegen? Aber was will man machen? Drei Stunden Standdienst bei den Kolleginnen und Kollegen vom Syndikat gehen nun mal nicht spurlos vorüber. Schon gar nicht, wenn sich irgendwo in den gut gekühlten Tiefen noch ein paar Flaschen Perlendes entdecken lassen. Zumal uns der Kommunikationsvorstand geradezu befohlen hat, alles zu vernichten und zu verschenken, was der Stand hergibt. Einfach, um sich die nach dem abendlichen Abbau (des Standes, nicht der Kondition!) anfallende Schlepperei der Restmengen zum Auto zu ersparen, der Schlawiner! War mir eine Freude, liebe Kolleginnen und Kollegen. Spätestens in Leipzig sehen wir uns wieder. Cheerio!

Ja, das war’s dann von der Frankfurter Buchmesse 2025. Was bleibt sind Zahlen, die mal wieder den bestehenden Rekord gebrochen haben: In diesem Jahr besuchten 118.000 Fachbesucher*innen und 120.000 Privatbesucher*innen (2024: 115.000 Fachbesucher*innen und 115.000 Privatbesucher*innen) aus 131 Ländern (2024: 153 Länder; 2023: 130 Länder) die Messe – mehr als im Jahr zuvor. 4.350 Aussteller (2024: 4.300) präsentierten sich in den Messehallen. Mit insgesamt 591 Tischen im früh ausgebuchten Literary Agents & Scouts Centre (LitAg) sowie im Publishers Rights Centre (PRC) waren beide Zentren stark nachgefragt (Vorjahr: 593 Tische). Mit Rechtehändler*innen von insgesamt 357 Agenturen und Verlagen aus 33 Ländern sowie mit 44.900 Eintritten waren die beiden Arbeitszentren für den internationalen Rechtehandel stark frequentiert (Vorjahr: 355 Verlage und Agenturen und 38.000 Eintritte). 7.800 Medienvertreter*innen (Vorjahr: 7.500) registrierten sich, um über die mehr als 3.500 Veranstaltungen an den Fach- und Publikumstagen (2024: 3.300 Events) zu berichten.

Wir freuen uns, dass wir erneut Euer Auge und Ohr auf der größten Buchmesse der Welt sein durften. Es hat Spaß gemacht und Kraft gekostet. Aber wie immer werden wir uns ganz schnell erholen. Und im März nächsten Jahres steht dann die Leipziger Buchmesse an. Bis dann: Lest gute Bücher! (Gila & Roland, Euer Messeteam aus dem digitalen Café)

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FBM 2025 Tag 2: Bambus, Conquista und ein Monsterauge

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Unterhaltung | 16. Oktober 2025 | 21:12:15 | Roland Müller

Die Headline deutet es bereits an: Heute, am Messe-Donnerstag, haben wir uns auf den Weg gemacht zum Pavillon des diesjährigen Ehrengasts der Frankfurter Buchmesse, die Philippinen. Ohne zu ahnen, was uns erwarten würde. Denn jeder Ehrengast hat seine ganz eigene Philosophie, der Gestaltung seines Messeauftritts. Das gilt auch für die Philippinen. Un um es gleich vorwegzunehmen: Was wir vorfanden, war der krasse Gegensatz zur bemühten, oft barocken Opulenz des italienischen Pavillons vom Vorjahr. In jeder Beziehung!

Maximaler Minimalismus. Inseln im leeren Raum. Eine Metapher auf das südostasiatische Land, das aus mehr als 7.000 Inseln besteht. Das Baumaterial und die Konstruktion der offenen Leseinseln erinnerte an traditionellen Bambusbau. Tatsächlich aber wurden alle Inseln aus in einem hellen Beigeton lackierten Stahlrohren zusammengebaut. Die Optik jedoch blieb die luftige, schwebende Leichtigkeit jener Pflanze, von der auf den Philippinen fast 200 verschiedene Arten existieren.

Wir gehen ein paar Schritte weiter hinein in den Raum. Die Inseln sind teils Leseinseln, bestückt mit Büchern, …

…teils tragen sie riesige Projektionsflächen, die bespielt werden. Die imposanteste davon zeigte eine Endlos-Videosequenz eines Auges, das blinzelt, schaut und schließlich eine Träne fließen lässt. Eine Metapher auf die Befindlichkeit des Landes und seiner Menschen?

Wir umrunden die Installation und scheun uns weiter um. Auch dahinter wieder Bücher.

Wir sind recht früh am Tag hier im Pavillon und können uns deshalb noch sehr ungezwungen bewegen. Die Besucherzahl ist noch überschaubar, was sich im Laufe des Tages ändern wird.

Wir sehen uns eines der „Bücherhäuser“ genauer an.

Im Innern der luftigen Konstruktion sind längs beider Wände Bücher nach Themenbereichen sortiert präsentiert. Beginnend mit der Geschichte der Philippinen, über Natur, Architektur, Traditionen usw.

Das mit Abstand dickste und schwerste Buch der Präsentation trägt einen bezeichnenden Titel. Der Inhalt: Die minuziöse Aufzeichnung der Eroberund der philippinischen Inseln durch die Spanier im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert. Geschrieben von einem der „Verursacher“ höchstselbst. Wer weiß, wie sich die Konquistadoren andernorts aufgeführt haben, kann sich in etwa ausmalen, was sich auf den Philippinen abgespielt haben muss.

Ein paar Schritte weiter entdecken wir auf einer weiteren Leseinsel die Antwort auf das historische Trauma der Eroberung und den Grundstein des heutigen Selbstverständnisses der Philippinen:

José Protacio Mercado Rizal y Alonso Realonda – kurz José Rizal – war ein philippinischer Schriftsteller, Arzt und Kritiker des Kolonialismus. Er wird als Nationalheld geradezu kultisch verehrt und sein Andenken am 30. Dezember, dem Jahrestag seiner Hinrichtung 1896 durch die spanische Kolonialregierung, offiziell gefeiert. Nicht zuletzt wegen seines Romans „Noli me Tangere“, der die Rebellion gegen die spanische Besatzung lostrat und schlussendlich die Philippinen in die Selbstständigkeit führte. Braucht es noch einen weiteren Beweis, dass ein Buch den Lauf der Geschichte verändern kann?

Beeindruckt vom Gesehenen und Gelesenen schauen wir uns weiter um. Auf einer der Bühneninseln gibt Dr. Ramón Pagayon Santos, ein philippinischer Komponist und Ethnomusikologe, eine Einführung in die philippinische Musik, die eine sehr tiefe und grundsätzliche Bedeutung für das Selbstverständnis der Menschen hat. Eine der vielen Brücken, die die zahllosen Inseln und ihre spezifischen lokalen Ethnien verbinden.

Exotische Klänge im Ohr werfen wir einen Blick hinüber zu einer zwanzig Meter breiten Projektionsfläche, über die langsam ein Spazierstock hinwegwandert. Wenig später wird er regelrecht lebendig, windet sich in Teilen wie eine Schlange. Faszinierend und irgendwie gespenstisch. Aber vielleicht auch genau das, wofür ein so mythenreiches Land wie die Philippinen steht. Alles kan n schlagartig eine andere, eine neue Form annehmen.

Eine weitere Insel. Diesmal werden philippinische Autoren und ihre Werke vorgestellt.

Wieder ein Schwenk. Nun ein Thema, das bei uns längst von der Tagespolitik ins Abseits verbannt wurde. Hier hat es eine enorme Aktualität. Denn die Inseln der Philippinen werden in der Folge der massiven Klimaerwärmung in der westpazifischen Region immer häufiger und immer heftiger von Stürmen und schweren Unwettern heimgesucht. Es kann nicht ausbleiben, dass die Literatur dies zum Thema macht. Mehr als bei uns allemal. Trotz Organisationen wie den Climate Fiction Writers Europe, denen ja auch ich selbst angehöre. Womöglich können wir genau da etwas von den Philippinen lernen.

Viele Eindrücke. Zu viele vielleicht. Und das trotz der minimalistischen, fast kargen Präsentation. So nehmen wir dankbar das Angebot an, uns auf einer genau dafür geschaffenen Insel zu entspannen und zu verarbeiten, was wir heute gesehen haben. Allerdings, nach einer Weile meldet sich der Magen. Mittagszeit!

Auch wenn die angebotene philippinische Küche sehr verf¨hrerisch scheint, bleiben wir unserer Lieblingsadresse, dem gestern bereits gelobten Ramen Jun Westend treu. Damit das stabile Herbstwetter erhalten bleibt, haben wir auch brav alles aufgegessen.

Den Nachmittag verbringen wir durch die Hallen mäandrierend. Mittlerweile bei deutlich mehr Publikumsverkehr als noch am Vormittag. Das nutzt auch Denis Scheck mit seiner Druckfrisch-Ausgabe von der Frankfurter Buchmesse. Hier mit der Historikerin Marianne Ludes und deren Roman „Trio mit Tiger“ über Max und Mathilde Beckmann im Amsterdamer Exil. Spannende Lektüre übrigens!

Und dann haben wir ja noch einen speziellen Termin. Wir wollen eine liebe Kollegin treffen, mit der Uwe Ritzer, Markus Brauckmann und ich neulich einen Literatur-Podcast bestritten haben (Folge #245 von Sprenger spricht) – Theresia Graw. Und da Gila und ich ihren Roman „In uns der Ozean“ gleichermaßen lieben (er erzählt die Lebensgeschichte der berühmten Umweltaktivistin Rachel Carson, die gewissermaßen die weltweite Umweltbewegung begründet hat), habe wir ihre Signierstunde natürlich eigennützig gekapert.

Es war eine große Freude, die Stimme persönlich kennenzulernen, mit der ich damals nur akustisch zu tun hatte. Danke, liebe Theresia!

Danach versackten wir dann kurz beim traditionellen Icetea-Empfang für Autor:innen und Blogger:innen am Stand von Syndikat e.V. – sehr lustig wie immer die Kolleginnen und Kollegen. Allen voran natürlich Vorstandsmitglied Klaus Maria Dechant!

Gut gelaunt ging’s weiter, eigentlich Richtung Ausgang. Denn wir wollten noch einen Blick in Halle 4.1 werfen. Aufgehalten wurden wir von Michel Friedmann, der am Stand der Süddeutschen Zeitung im Rahmen der Präsentation seines neuen Buches „Mensch“ einen sehr emotionalen und trotzdem geschliffenen Dialog zum Thema Antisemitismus in Deutschland führte und darüber, was der Einzelne tun kann – ausgehend von seiner eigenen Familiengeschichte. Wer die nicht kennt: Seine Eltern und seine Großmutter zählten zu jenen Menschen, die auf Oskar Schindlers Liste standen und gerettet werden konnten vor der Vergasung.

Insofern dauerte es eine Weile, bis wir endlich in Halle 4.1 eintrafen und dort in der wirklich hintersten Ecke versteckt die Centre Stage fanden. Gerade rechtzeitig, um die so spannende wie von der Realität längst überholte Podiumsdiskussion zum Thema „Kotau vor der Tech-Wirtschaft oder Fair Play“ mitzuverfolgen.

Was blieb danach, an diesem zweiten Tag der Frankfurter Buchmesse? Nun, da können wir eigentlich nur den vom unvergessenen Marcel Reich-Ranicki so gern zitierten Satz von Berthold Brecht wiederholen: „Und so sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

In diesem Sinne sehen wir uns morgen wieder. An gleicher Stelle. Mit vermutlich noch mehr offenen Fragen, den ersten und zahlreichen Lesetipps von der diesjährigen Buchmesse und dere einen oder anderen Begebenheit, die wir heute noch garnicht auf dem Schirm haben. Bis dann!

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Tag 5 der FBM 2024: Große Gefühle und alte Helden

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 21. Oktober 2024 | 15:31:57 | Roland Müller

Nachdem heutzutage so ziemlich alles in einer „to go“ Version daherkommt, warum nicht auch Gefühle, große Gefühle sogar? Passenderweise im an eine Werkzeugkiste erinnernden Tragekarton. Schließlich ist gefühlsfokussierte Literatur für Heranwachsende (neudeutsch New Adult) genau das: Werkzeug und Lesezeug zum Bed- und Verarbeiten der eigenen, unterdrückten oder überbordenden (je nachdem) Gefühle und Stimmungen.

Apropos Gefühle: Beim SYNDIKAT, dem Verein der ausgelassen feiernden, schriftstellernden Kriminellen, äh, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, ging’s mal wieder hoch her. Okay, ich habe gut reden; ich bin ja erst seit kurzem Mitglied. Aber ich will mir gar nicht ausmalen, was auf der nächsten CRIMINALE alles passieren mag.

Sebastian Fitzeks neuestem Wurf, dem „Kalendermädchen“, hat der Verlag eine eigene, aufwändige Installation gewidmet, inklusive Selfiemöglichkeit. Soweit ich gehört habe, gab es tatsächlich Überlebende. Diesmal. Bei seiner Signierstunde im vergangenen Jahr konnte man sich da nicht so sicher sein.

Eigentrlich eine schöne Serie, die sich Hanser Berlin da ausgedacht hat. Allerdings stelle ich mir die Frage, ob die Reihenfolge richtig gewählt ist. Logischer erschiene mir SCHLAFEN, LIEBEN, STREITEN, ALTERN?

Im Display gefällt mir das schon besser. Zumal es für ein längeres Leben spricht, das zudem positiv und hoffnungsvoll endet: Altern, Altern, Altern, Altern, Altern, Schlafen, Lieben, Lieben, Lieben, Streiten, Streiten, Lieben, Schlafen, Lieben, Streiten, Lieben, Streiten, Schlafen, Lieben. Das nenne ich mal altersgerecht!

Auch in diesem letzten Beitrag von der diesjährigen Buchmesse wollen wir Euch noch mit ein paar Lesetipps malträtieren. Zuerst etwas Gewichtigeres: „Die Eisenbahnen Mexikos“ von Gian Marco Griffi.

Eine fulminante, vor schrägen Ideen sprudelnde Abenteuerreise, entstanden während der Corona-Zwangspause, absurd, witzig, sehr gut übersetzt und ein großer Lesespaß gerade in den aktuellen italienischen Zeiten. Lesetipp Nummer 16 (habe ich mich verzählt? Nein? Gut).

Ach ja, wir leben (mal wieder) in einer Zeit, die sich nach Helden sehnt. Genaugenommen nach Heldinnen, aber das ist eine andere Geschichte. Nachdem Frank Schätzing sich (meine Vermutung und natürlich völlig haltlos) von seinem derzeitigen Verlag überreden ließ, sein erfolgreiches Romandebüt „Tod und Teufel“ (1995 erstmals bei Emons verlegt) zu einer Trilogie auszubauen, ist die Cover-Präsenz von „Helden“ auf dieser Messe geradezu übermächtig. Nicht nur in den Regalen und auf der Bühne von ARD/ZDF/3sat …

Sondern auch draußen auf der Agora. Ein Schätzing fast auf Augenhöhe mit dem Kölner Dom, sorry, dem Messeturm. Wir sind ja hier in Frankfurt.

Wo wir nun schon mal wieder draußen herumirrten, schafften wir es gerade noch rechtzeitig, dem Frankfurt Pavillon einen Besuch abzustatten. Zumal das filigrane Riesenei, dass die Architektur da mitten zwischen den Messehallen ausgebrütet hat, ein sehr spannendes Thema anbot:

Das Panel bestand aus vier Menschen, die wir jeden für sich besonders schätzen und teils sogar penetrant auf BookTok folgen. Knut Cordsen und sein Sidekick Miriam Fendt (Entschuldigung, nein, Miriam ist kein Sidekick, sondern eine mehr als adäquate Partnerin) von Literally. Dann @yannik s., der sympathische BookToker, der für den abwesenden Ole Liebl eingesprungen ist (gute Performance!) sowie Dr. Johannes Hilje, einer der bestvernetzten Politik- und Kommunikationsberater der Republik.

Das Thema des BookTok-Panels versprach einige Brisanz, und soviel können wir sagen: Die 50 Minuten Talk hielten, was das Thema versprach. Und wie erwartet lautet die Antwort auf die plakative Frage, unter der die Veranstaltung angekündigt worden war: Jein!

Nachdem sich der recht beliebte Phoenix-Podcast „Denken mit Kinnert und Welzer“ gerade auf der ARD/ZDF/3sat-Bühne materialisierte, legten wir eine kurze Pause ein, um den Erkenntnissen der ewigen Jung-Unternehmerin und -Politikerin Diana Kinnert und dem oft utopisierenden Soziologen Harald Welzer zu lauschen. Alles bisherigen Podcasts des Duos finden sich übrigens hier! Oft hörenswert.

Zurück in Halle 3 wird’s an diesem Sonntagnachmittag zusehens voller. Bei Taschen sowieso, und das nicht nur wegen dem Eyecatcher „Berlin, Berlin“ von Helmut Newton. Einmal mehr ist der Taschen-Stand (was für ein Wort!) einer der bestgestalteten der Messe. Kennt man ja.

Wir schieben uns auf der Suche nach den letzten Lesetipps weiter durch fröhliche Gewühl und danken den Messegöttern für die in diesem Jahr erstmal doppeltbreiten Hauptgänge. So, lieber Herr Boos, hätten wir uns das schon früher gewünscht. Soll mal einer sagen, der Hype um New Adult hätte nicht seine guten Seiten.

Mit „Favorita“ von Michelle Steinbeck (Schweizerin und weder verwandt noch verschwägert mit dem großen John Steinbeck) treffen wir auf ein würdiges Werk. Würdigungen und Interviews gibt’s da draußen schon genug. Die hier, diese oder diese. Wir sparen uns das also.

Und ja, Ihr vermutet richtig. Dieser Roman ist ein echter Pageturner und unser Lesetipp Nummer 17.

Ideal für zwischendurch, weil in handliche Kapitelchen gegliedert und trotzdem profund literarisch fällt uns am Stand der Aufbau Verlage „111 Action Szenen der Weltliteratur“ in die lesehungrigen Finger (geht das?). Als Nr. 477 der wunderbaren Anderen Bibliothek, die erst seit kurzer Zeit zu Aufbau gehört, lernen wir hier eine große Zahl renommierter Literaten von einer ganz anderen Seite kennen. Spannend: Aus mancher der geschilderten, ihnen zugestoßenen Begebenheiten/Actionszenen hätte man durchaus auch schriftstellerisch Honig saugen können. Lesetipp Nummer 18, perfekt für zwischendurch.

Natürlich kann es eingedenk unseres Alters nicht ausbleiben, dass wir uns auch in „Honey“ verliebt haben, Victor Lodatos Hymne auf eine alte Dame von bemerkenswerter … ja was? Lebenslust, Weisheit, Resilienz? Alls das und noch viel mehr. Wunderbar zu lesen. Ergo: Lesetipp Nummer 19!

Zurück bei Klett Cotta – mittlerweile qält uns der Durst, kein Wunder bei der trockenen Luft in den Messehallen – wären wir natürlich begeistert, zu „Trinken wie ein Dichter“. Am besten alle 99 Drinks.

Und am liebsten mit den Verursachern der Rezepturen. Wirklich schade, dass das leider nekrophile Züge annehmen würde. Denn die Toten trinken nicht mehr.

Nicht wirklich erstaunlich ist die Trinkfreude der im Buch versammelten Literaten. Es soll auch heutzutage noch Autor:innen geben, die … aber lassen wird das und genießen einfach diesen 20. Lesertipp.

Apropos: Die Platzierung des Bändchens in der Reihe unmittelbar über „Eine kurze Geschichte der Trunkenheit“ von Mark Forsyth hat was. Wirklich!

Einigermaßen geschafft von einem erneut langen Messetag machen wir uns final auf in Richtung Halle 1.2 – dumm nur, dass wir dazu an Bärbel Schäfers Bücher Talk vorbei müssen. Die sich redlich müht, einen gewissen alten Herrn im Zaum zuhalten, der sich seit Jahrzehnten in den gleichen patriachalen Posen gefällt. Müßig, zur Person Thomas Gottschalk noch weitere Worte zu verlieren. Und auch keine Links zu Person oder Verlag. Wir haben ihn vor ewigen Jahren mal auf einer Agenturfeier erlebt. Eine prägende Erfahrung bis heute. Dummerweise besteht heutzutage die Gefahr, dass seine Statements Wasser auf die Mühlen gewisser blauer Kreise sind. Also schnell weg hier!

Halle 1.2 am Sonntag. Endlich prall gefüllt. Das Mekka und Medina der New Adult Szene. Der Ort, an dem die dunkelsten Dark Romantasy Träume wahr werden. Wieso sind wir eigentlich hier? Na klar, wegen einem Buch …

Nämlich diesem hier: „Eine Zeit in Orangen“ von Carolin Lüdemann. History Romance, angenehm slow burning, zu finden am Stand des Selfpublishing Verbands. Und online auf den bekannten Portalen. Ein spannendes Set-up, interessante und unerwartet klischeeferne Protagonist:innen und eine exzellent recherchierter Unterbau einer Geschichte, bei der es um Düfte geht und ihre oft unerklärlich unwiderstehliche Anziehungskraft. Unser finaler 21. Lesetipp des diesjährigen FBM-Round-ups. Puh! Apropos Düfte, was ist das …?

Ah, wier schön. Die Quelle des intensiven Popcorn-Dufts, der um die Stände in Halle 1.2 wabert, nennt sich Nerdbar und kommt kaum nach mit dem Nachschub der Rohstoffe. Schöne Idee!

Eine Viertelstunde später stehen wir wieder draußen im nachmittaglichen Nebel, der beginnt, die Mainmetropole und ihre Wahrzeichen einzuhüllen. Was für ein passendes Schlussbild für diesen unseren letzten Berichtstag. Wie nach jeder Buchmesse bleibt die Zukunft von Autor:innen, Verlagen und Büchern im Nebel. Das einzige, was schon jetzt sicher ist: Im nächsten Jahr heißt der Ehrengast: Philippinen. Und natürlich werden wir alles wieder mit launigen Kommentaren und vielen Lesetipps begleiten.

Sollte Euch unser fünfteiliger Rundgang über die 76. Frankfurter Buchmesse gefallen haben, dann empfehlt uns gerne weiter. Schaut ab und zu mal rein ins digitale Café und freut Euch schon jetzt auf die Leipziger Buchmesse im März 2025. Denn auch von der werden wir wieder berichten. CU!

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