Die bevorstehende 75. Frankfurter Buchmesse wird morgen offiziell eröffnet. Unsere Terminliste für die anstehende, vermutlich hektische Messewoche wird immer länger. Insbesondere auf den diesjährigen Ehrengast Slowenien sind wir sehr gespannt. Das kleine EU-Mitgliedsland an der Nahtstelle von Balkan und der früheren Donaumonarchie repräsentiert nicht nur eine reichhaltige Kultur, es verfügt auch über eine faszinierende Literaturszene, die es zu entdecken gilt! Mit der „dichtesten Dichte an Dichtern“, wie einer ihrer bekanntesten Vertreter es formuliert. Auch wenn all das sich im Schatten des russischen Überfalls auf die Ukraine und des Terrorkrieges der Hamas gegen Israel abspielt, wollen wir versuchen, uns auf eine Buchmesse zu konzentrieren, die zwar politisch sein wird wie eh und je, die aber auch all das repräsentiert, wozu Menschen im Positiven fähig sind: Diskurse zu führen, Kunst zu schaffen, das Allgemeine des Menschseins im Besonderen zu entdecken. Darauf wollen wir uns in den nächsten Tagen konzentrieren.
Alle Jahre wieder versammelt sich in Frankfurt am Main alles, was Rang und Namen hat in der weltweiten Verlagsszene. Nicht von ungefähr betonte Salman Rushdie, der in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, die Bedeutung der Buchmesse als Ort des demokratischen Austauschs: „Die Frankfurter Buchmesse ist eines der wichtigsten kulturellen Foren in der westlichen Welt. […] Ihr Einfluss besteht gerade in dem freien Austausch von Ideen zwischen vielen Kulturen durch Bücher. Ein solcher Austausch ist für den sozialen Wandel und die Demokratie unerlässlich.“
So sehen wir bei Café Digital das auch und werden ab dem 18. Oktober wieder täglich aus den Messefluren und Messehallen berichten. So, wie wir das bereits seit 2007 tun. Auch dieses Jahr haben wir wieder eine Presse-Akkreditierung erhalten, die es uns erlaubt, uns zeitlich und räumlich frei zu bewegen. Wir werden prominente Autor:innen treffen, über Neuerscheinungen berichten, die uns positiv aufgefallen sind und auch die Skurrilitäten einfangen, die bei einer Messe dieser Größe unabdingbar sind.
Milan Kundera ist tot. Der wohl einzige Schriftsteller des vergangenen 20. und frühen 21. Jahrhunderts, der in der Lage war, mit unfassbar leichter Hand und Sprache gegen politische Unterdrückung und staatliche Willkür anzuschreiben. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, sein insgesamt berühmtester Roman, mag hierfür als exemplarisch gelten. Auch wenn es aus heutiger Rücksicht seinen 80iger-Jahre-Charme nicht mehr wirklich ausspielen kann, oftmals hart am Rande zum Kitsch balanciert.
Und ja, ich habe insbesondere Karenin geliebt, den Hund, den Tomas nach der Heirat seiner Tereza zum Geschenk gemacht hat – Karenin, von Tereza benannt nach dem Namen ihres Lieblingsbuches Anna Karenina und kein Rüde, sondern eine Hündin, halb Deutscher Schäferhund, halb Bernhardiner. Damit ganz nebenbei als Metapher auf unsere heutige Genderdiskussion unfassbar modern. In Kunderas Vorstellung waren Hunde, weil niemals aus dem Paradies vertrieben, Quelle einer bedingungslosen Freude. Genau das vermittelte Karenin im Buch Tereza; bis zu seinem Tod am Ende der Novelle.
Milan Kundera, in Tschechien geboren und aufgewachsen, Opfer des Prager Frühlings, ausgeschlossen aus der kommunistischen Partei, der seine tschechische Staatsbürgerschaft aberkannt bekam und in Paris eine französischsprachige Schriftstellerkarriere begann, die ihre Spuren durch die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts zog. Erst 2019 machte Kundera seinen Frieden mit seinem Geburtsland, nahm erneut die tschechische Staatsbürgerschaft an. Gleichwohl arbeitet er sich ein Leben lang an den Erfahrungen ab, die er jenseits und diesseits des damaligen Eisernen Vorhangs gemacht hatte. Am 11. Juli 2023 ist er in seiner Wahlheimatstadt Paris verstorben.
Veröffentlicht in Kultur, Literatur | 21. Juni 2023 | 14:41:35 | Roland Müller
Heute beginnt nicht nur – kalendarisch – der Sommer. Heute feiert auch einer der großartigsten Schriftsteller unserer Zeit seinen 75. Geburtstag: Ian Russell McEwan. Spätestens seit „Abbitte“ einer der großen britischen Erzähler und Meister des Eintauchens in die Psyche seiner Figuren. Wobei er in den letzten Jahren immer wieder und mehr denn je Zeitfragen aufgreift und in der ihm eigenen Weise die komplexe Moral aufdeckt, die sich dahinter verbirgt. Was auch und erst recht für seinen letzten und erstmals fast autobiographischen Roman „Lektionen“ gilt.
Lieber Ian, alles Liebe und Gute zum Geburtstag! Mögest du uns noch lange erhalten bleiben und mit Beobachtungen des Lebens und der Menschen beglücken, literarisch auf Augenhöhe mit Virginia Woolf, Charles Dickens oder Eugene O’Neill. Sprachlich und inhaltlich. Und mögest du Generationen von aufstrebenden Autoren inspirieren, es dir gleichzutun. Auch wenn das fast ans Unmögliche grenzt 😉
Copyright Foto: Roland Müller
Kommentare deaktiviert für Sommeranfang für Literaturbegeisterte
Klar, heute ist der 23. April 2023, der Welttag des Buches. Also Anlass, ganz generell über das Schreiben, das Lesen und die wunderbare Welt der Bücher zu schwadronieren. Das tun heute aber schon andere Blogger. Ich möchte stattdessen die Gelegenheit nutzen, hier ein Buch vorzustellen, das über diesen Tag hinaus zur Pflichtlektüre gehören sollte. Für jedermann und jederfrau in unserem westlichen Kulturkreis. Die Autorin Birgit Lutz, Journalistin und Expeditionsleiterin mit mehr Arktiserfahrung als ich sie je ansammeln werde, ist mit Nachruf auf die Arktis etwas gelungen, was mir bisher unmöglich schien – Eine umfassende Beschreibung aller Aspekte der Klimakrise, wie sie sich im arktischen Raum darstellt, eingebettet in eine Spitzbergen-Tour und angereichert mit Beobachtungen, Einschätzungen und Informationen führender Wissenschaftler. Dies reicht von den klimatologischen und glaziologischen Tatsachen über ökonomische Effekte bis zur psychologischen und philosophischen Einordnung der Geschehnisse.
Nach 246 von 490 Seiten, die ich in den wenigen Tagen seit Erwerb gelesen, nein verschlungen habe, kann ich nur meinen Hut ziehen. Birgit Lutz, der man die persönliche, tief emotionale Betroffenheit anmerkt, die das dramatische Siechtum der Arktis in ihr auslöst, versucht mitunter verzweifelt, sich und uns zu vermitteln, dass doch noch etwas zu retten sei. Obgleich die wissenschaftlichen Fakten anzeigen, dass wir gerade von einem Kipppunkt zum nächsten schlittern. Etwas, das Wissenschaftlern, mit denen Lutz spricht, die Tränen in die Augen treibt. Tränen der Ohnmacht, des Verzweifelns an der Ignoranz der medialen Öffentlichkeit, ja der Medien insgesamt. Noch können wir die Welt retten, so lautet die Unterzeile des Titels. Können wir das tatsächlich? Und vor allem: Wollen wir es? Oder sind die psychologischen Verdrängungsmechanismen längst so weit gediehen, dass wir bis zuletzt wegschauen werden? Je mehr ich in diesem Buch versinke, um so mehr Verständnis wächst in mir für die Letzte Generation und ihre Verzweiflung über die immer noch rein wirtschaftspolitisch und lobbyfreundlich agierende Politik hierzulande und weltweit. Trotzdem ist Nachruf auf die Arktis ein Buch, das Mut machen soll und kann. Noch ist Zeit, das Ruder herumzureißen. Hart backbord oder hart steuerbord, ganz egal.
Mich selbst bestärkt die Lektüre darin, weiter und noch mehr als zuvor, auf meinen ökologischen Fußabdruck zu achten. Es bestärkt mich außerdem darin, meine eigenen Buchprojekte voranzutreiben – mein erster von mehreren in der Arktis spielenden Umwelt-Thrillern erscheint im Frühjahr 2024 im Aufbau Verlag, Berlin. Und nicht zuletzt bestärkt es mich darin, politisches Handeln, wirtschaftliche Interessen und die oft unheilige Verflechtung von beidem noch stärker zu hinterfragen als ich es bisher schon tat.
Meine abschließende Einschätzung zu Nachruf auf die Arktis kann also nur lauten: sechs Sterne von fünf möglichen …