Kamera
Schokolade

Archiv für die Kategorie ‘Politik’

« Ältere Artikel | Neuere Artikel »

Tag 4 der FBM 2024: Italien-Lese

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 19. Oktober 2024 | 21:05:04 | Roland Müller

Nachdem wir immer noch ein wenig unter einer Art negativem Kulturschock stehen nach unserem gestrigen Besuch im Pavillon des Ehrengasts Italien, wollen wir unsere Eindrücke heute konterkarieren mit einer Würdigung jener italienischen Literatur, die uns auf der Frankfurter Buchmesse besonders aufgefallen ist. Dass viele unsere Empfehlungen und Lesetipps sich um die Bearbeitung und Verarbeitung des italienischen Faschismus drehen, ist vermutlich besagtem gestrigen Eindruck geschuldet. Aber nicht nur. Denn Vieles ist schlicht gute, sogar große Literatur.

Beginnen wollen wir aber mit einer anderen Entdeckung, die wir mehr oder weniger zufällig auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage gemacht haben: Donatella Di Pietrantonias „Die zerbrechliche Zeit“, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, kongenial übersetzt von Anja Pflug und bei obiger Lesung moderiert von Stefan Brückl. Ein leises Buch. Ein Ausflug zurück inder Zeit und mittenn hinein in eine abgelegene Dorfgemeinschaft in den Abruzzen. Vordergründig dreht es sich um ein Mutter-Tochter-Verhältnis. Allerdings eines in einer abgeschlossenen, ihren eigenen Regeln folgenden Dorfgemeinschaft. Faszinierend beschrieben und von einer tiefen Kraft durchzogen. Die Art und Weise, die Autorin die Tiefen und Abgründe ihrer Figuren auslotet ohne Wertung, mitten in ihrem Sein, das ist große Literatur. Ergo: Unser sechster Lesetipp!

Wunderbar! Bei Klett Cotta werden wir ohne langes Suchen fündig in Sachen italienischer Gegenwartsliteratur. Den der Verlag publiziert die deutschen Ausgaben von Antonio Scuratis in Italien berühmten und prämierten Bestsellerromanen um Aufstieg und Fall des Faschismus der Schwarzhemden unter Benito Mussolini. Keine Sachbücher, wie man meinen könnte, sondern veritable und sehr umfangreiche Romane in toller Ausstattung und gnadenlos gutem Coverdesign.

Darüber finden wir im gleichen Regal ein wesentlich dünneres Paperpack mit dem Titel „Faschismus und Populismus“ – dem Abdruck einer Rede, in der Scurati an der Universität Mailand den immer salonfähigeren Populismus der postfaschistischen Jetztzeit demaskiert hat. Vorm Einstieg in sein großes Romanwerk unbedingt lesenswert: Siebte Leseempfehlung!

Mit „M – Der Sohn des Jahrhunderts“ haben wir den schwergewichtigen ersten Band des italienischen Bestsellerautors in Händen. Auch inhaltlich ein Schwergewicht. Zudem ausgezeichnet mit Italiens höchstem Literaturpreis, dem Premio Strega …

Nur sechs Jahre benötigte Benito Mussolini, um seine Interpretation von Faschismus zur italienischen Staatsdoktrin zu erheben. Dass sich Antonio Scurati entgegen sonstiger akademischer Gepflogenheiten entschieden hat, seine Erkenntnisse in eine belletristische Form zu gießen, gibt seinen Büchern nur um so mehr Wucht. Auch sprachlich und literarisch …

Bereits die erste Textseite in diesem ersten Band macht dies deutlich. Die Schilderung setzt ein unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Band 2 „M – Der Mann der Vorsehung“ kommt passenderweise in Schwarz daher und der Person Benito Mussolini noch näher. Auch hier beeindruckt die übrigens exzellente Übersetzung von Scuratis bildstarker Sprache.

Es bleibt uns alsio nichts übrig, als alle vier Bände als unseren achten Lesetipp zu deklarieren!

Mein Gott, mögt Ihr sagen, geht’s nicht auch ein bisschen leichtgewichtiger? Immerhin reden wir doch hier über Italien. Natürlich nehmen wir uns das zu Herzen und eilen flugs hinüber zum Stand unseres Lieblingsverlages (naja, neben Diogenes und Aufbau natürlich): dem Klaus Wagenbach Verlag. Hier hegt man schon traditionell jede Menge klassischer und zeitgenössischer italienischer Literatur im Programm. Moravia, Pasolini, Bassani, Camilleri und wie sie alle heißen.

Wir können es Euch nicht ersparen, aus dem breit aufgestellten Italienreigen erneut ein Buch herauszupicken, dass sich mit dem italienischen Faschismus beschäftigt. Diesmal aus einer intimeren, persaönlicheren und gerade deswegen besonders gruseligen Sicht. Die Historikerin Victoria de Grazia erzählt in „Der perfekte Faschist“ Aufstieg und Fall von Attilio Teruzzi, einem Militär und Mussolini-Vertrauten, der in den 1920er Jahren die amerikanische Opernsängerin und Jüdin Lilliana Weinman heiratete; eines Mannes, der sich aus eiskalter Berechnung ganz und gar in den Dienst der Faschisten stellte. Ein erzählendes Sachbuch, zugleich Faschismusanalyse, menschliches Drama und Gesellschaftsepos einer beklemmend nahen Zeit. Unser Lesetipp Nummer Neun.

Leichte Kost bitte! Sorry, hatten wir fast vergessen. Obwohl Wagenbach auch da einiges zu bieten hat. Zum Besipiel vom Meister selbst, dem bekennenden und leider 2021 verstorbenen Italienliebhaber Klaus Wagenbach. „Mein Italien kreuz und quer“, erneut aktualisiert, ist ein wunderbarer Reise-, nein Lebensführer durch Italiens Regionen, in dem Autorinnen und Autoren von seinen Landschaften, Städten und Menschen erzählen.

Ein handliches Büchlein, das aus berufenen Mündern Lust darauf macht, mal wieder hinzufahren und selbst zu entdecken, was den Reiz des Ehrengastes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ausmacht. Deshalb Lesetipp Nummer zehn.

Es sind diese italienischen Momente im Leben … Wie sie beispielsweise Paolo Nori in seinem schmalen Band „Weg ist sie!“ launig und selbstironisch schildert. Natürlich ebenfalls bei Wagenbach erschienen. Und im Original bereits fast ein Vierteljahrhundert alt.

Die fast nackte Rückseite des schmnalen Romans hätte durchaus einen ausführlicheren Klappentext verdient. Obwohl bereits der Titel eine Menge Leichtigkeit des Italienischseins verspricht. Worum geht’s? Um einen minimalistischen Bildungsroman von gerade mal 155 Seiten. Kein Enrico Brizzi oder Guiseppe Culicchia. Aber durchaus vergnüglich zu lesen, wenn man einen 35-Jährigen in all seinen Unsicherheiten begleiten mag. Die perfekte Lektüre für zwischendurch. Aber leider ein bisschen zu dünn für einen handfesten Lesetipp. Und ja, zugegeben, derzeit auch nicht lieferbar.

Ganz im Gegensatz zu Massimo Montanaris „Spaghetti al pomodoro“, einem Büchlein aus Wagenbachs wunderbaren Salto-Reihe, das uns den Mythos der italienischen Pasta aus Sicht eines Historikers näherbringt. Das ist so lecker aufbereitet, dass wir gar nicht anders können, als darin unseren elften Lesetipp zu sehen!

Und natürlich muss aus dem Land von amore auch große Gefühlsliteratur kommen, keine Frage. Und das mit einigem literarischem Anspruch. Wer könnte da geeigneter sein als die unvergleichliche Susanna Tamaro, die wie kaum eine zweite italienische Autorin die Höhen und Tiefen des Gefühlslebens auszuloten weiß.

Oft mit einer genialen Melancholie versehen, oft auch personifiziert in starken Frauenfiguren. Beispielsweise in ihrem neuesten, bei Nagel und Kimiche (also unter dem Blanvalet-Dach) erschienenen Roman „Der Wind weht, wohin er will“.

Es bereitet großes Lesevergnügen, die Heldin dieses Romans, die Ü60 Chiara dabei zu begleiten, wie sie in ihrem bisherigen Leben reinen Tisch macht. Ein sehr poetisches Buch, das ganz sicher zum Nachdenken über die eigenen Beziehungen und Bindungen anregt. Unser zwölfter Lesetipp.

Übrigens ist das nicht der einzige der mehr als 30 Romane aus Susanna Tamaros Feder, der auf deutsch erschienen ist. Bei HarperCollins wird beispielsweise auch „Geschichte einer großen Liebe“ verlegt. 2022 erschienen war dies ihr 34. Roman. Er erzählt sehr poetisch, durchaus melancholisch die tiefe, aber auch mit Schmerzen und Missverständnissen verbundene Liebe zweier höchst unterschiedlicher Menschen, die sich auf einer Fähre von Venedig und Piräus begegnen. Großes Gefühlskino und auf eine Weise wahrhaftig, wie es die Literaturkritik mitunter nur schwer zu verdauen mag. Vielleicht erklärt die Tatsache, dass Tamaro Asperger diagnostiziert bekam, ihre sehr besondere, ungefilterte Art des Schreibens. Lesetipp Nummer 13 für Freunde gut geschriebener Liebesromane.

Das glatte Gegenteil dazu finden wir beim Aufbau Verlag. Hier ist mit „Lied eines Mörders“ von Giosue Calaciura ein Roman erschienen, der in seiner Kälte und Unzweideutigkeit schaudern lässt.

Ein Mafiakiller offenbart einem Richter im persönlichen Gespräch die Details seiner Karriere. Muss man mehr dazu sagen? Nein, nur lesen! Als unseren vierzehnten Lesetipp!

Und weil es uns geradezu eine Brücke baut, legen wir mit einem Buch nach, das das große Thema Mafia, italienische Politik und italienische Gesellschaft meisterhaft bearbeitet und auseinanderpflückt. „Falcone“ von Roberto Saviano, erschienen bei Hanser, beschreibt minuziös das Leben und natürlich auch das Ende von Italiens berühmtesten Mafiajäger. Und ja, der Autor ist genau jener, den die Meloni-Regierung nicht zur Frankfurter Buchmesse eingeladen hatte. Ein Schelm, wer dabei an Berechnung denkt.

Keine Diskussion, das ist ein Buch, wie es aktueller kaum sein könnte und damit ganz klar unser Lesetipp Nummer 15!

Wir denken, mit diesem kleinen Aufgalopp durch das Angebot lesenswerter italienischer Literatur der Gegenwart haben wir Euch genau das Lesefutter geliefert, das die goldene Hand des Postfaschismus (ja, genau so empfinden wir sie) Euch versucht hat vorzuenthalten.

Wir wünschen Euch großes Lesevergnügen und werden uns morgen noch einmal mit einer kurzen Nachlese kleiner Beobachtungen am Rande der 76. Frankfurter Buchmesse melden. Bleibt uns gewogen bis dahin!

Kommentare deaktiviert für Tag 4 der FBM 2024: Italien-Lese

Tag 3 der FBM 2024: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik | 18. Oktober 2024 | 20:17:44 | Roland Müller

Heute haben wir uns auf den Auftritt des diesjährigen Ehrengasts Italien gekümmert. Wie üblich fand der im Pavillon statt, in der Etage oberhalb der ARD/ZDF/3sat-Bühne. Wir suchten ganz unvoreingenommen an die Präsentation heranzugehen, obwohl bereits im Vorfeld allerlei kolportiert worden war über politische Vorgaben, Beeinflussungen, Ein- und Ausladungen „unliebsamer“ Autor:innen etc.

„Roots in the Future“ lautete das so gar nicht italienisch klingende Motto, fuur das sich Italien entschieden hatte. Ein Statement, das uns, die wir wegen der italienischen Literatur hierhergekommen waren, ein wenig ratlos zurückließ. „Wurzeln in der Zukunft“ – was wollen uns diese Worte sagen? Würden wir drinnen im Pavillon mehr darüber erfahren?

Wir betreten das italienische Klischee schlechthin, eine stylisch dargebotene Piazza, weiter vorne, zur Bühne hin, bestuhlt; hier, im hinteren Teil mit filigranen Kaffeehaustischchen und entsprechendem Gestühl bestückt, bei gedimmtem Licht und unter einem symbolischen Sternenhimmel. Umringt wird die Piazza von auf einem umlaufenden Podest aufsitzenden Säulenreihen in unterschiedlichen Formen. Dorisch, korinthisch, wie war das noch mal?

Und mitten drin, im Zentrum, ragt dann diese mehr als mannsgroße und damit monumental wirkende Goldhand empor. Irgendwie … merkwürdig? Schräg? Was soll uns das sagen? Bis hierhin und nicht weiter. Erinnerungen an „Goldfinger“ poppen empor. Wir schauen uns erneut um. Wir sind hier auf einer Buchmesse. Also: Wo sind die Bücher in dieser Zurschaustellung italienischer Klischeewelten? Alles sehr klassizistisch, monumental, irgendwie … gestrig? Ein vergangenes Italien, ein untergegangenes Italien.

Der Eindruck verstärkt sich noch, als wir in eine Feier bzw. eine Preisverleihung anlässlich des 800-jährigen Jubiläums der Universität Neapel hineinstolpern, das gerade auf der Bühne abgespult wird. Wie war noch mal das Motto: Roots in the Future? Hm. Wir spazieren ein wenig umher. Immer noch auf der Suche nach Büchern, nach Literatur …

Vielleicht lässt sich etwas finden in den Alkoven, die sich hinter den Säulen der Piazza auftun? In einem davon läuft gerade eine Präsentation …

Es scheint um Comics zu gehen. Immerhin. Wir kommen den bisher fehlenden Büchern etwas näher. Neugierig geworden arbeiten wir die anderen Alkoven ab.

Buchkunst zur Zeit von La Serenissima. Die Opulenz der italienischen Literatur, als die Seerepublik Venedig das Mittelmeer beherrschte. Eindrucksvoll, aber schon ein bisschen her. Wir gehen weiter.

Buchdruck und Schriftgestaltung zu Zeiten von Aldus Pius Manutius, dem berühmten venezianischen Buchdrucker und Verleger aus dem 15. Jahrhundert. Okay. Auch interessant und vage bekannt seit damals Adobe seine Pagemaker Software auf den Markt gebracht hat.

Dann endlich, während wir die Runde abschreiten, öffnet sich ein weiterer Alkoven. Und siehe da …

Hier finden wir sie endlich, italienische Literatur in diversen Regalmetern und ganz in Grün. Nun ja, der eine oder andere Bookstagrammer oder BookToker nennt eine vergleichbare Menge sein eigen. Aufgereiht in Billy Regalen. Ist das wirklich alles, was Italien zu bieten hat? Wo sind die Videoinstallationen seiner vornehmsten Literaten? Wo sind die Präsentationen der großen italienischen Gegenwartsliteratur? Wo ist die Auseinandersetzung mit mit der jüngeren, schwarzhemdigen Vergangenheit, vielleicht sogar mit dem gerade aufkeimenden Postfaschismus?

Ein wenig enttäuscht spazieren wir zurück auf die Piazza, zwischen die Kaffeetischchen. Soll das alles gewesen sein? Wo ist all die großartige Literatur, die die Kulturnation Italien auszeichnet? So langsam dämmert uns, dass all dies gar keine Inszenierung der Literaturnation Italien ist. Sondern eine Zurschaustellung einer ganz anderen Kultur, einer rückwärts gewandten, vergangener Größe nachtrauernden und ja, auch das, einer politischen Kultur. Eben jener, die gerade südlich der Alpen wieder aufkommt?

Wir wenden uns noch einmal nach vorne, Richtung Bühne …

Dort ist nun die Preisverleihung in vollem Gange. 800 Jahre Universität Neapel. Beeindruckend, gewiss. Aber auch das doch nur ein Blick zurück. Statt dorthin, wo Italiens Wurzeln zu finden sein sollen, in der Zukunft.

Ob die Besucher des Ehrengast-Pavillons ähnlich empfinden? Oder genießen sie einfach die vertraute Piazza-Atmosphäre und denken dabei an ihren eigenen Italienurlaub?

Auf der Piazza sitzen, ein wenig auf dem Smartphone herumscrollen, einen Espresso doppio schlürfen, ist es das, was uns hier verkauft werden soll? Eine grande illusione?

Und während wir so da stehen und überlegen und noch einmal hinüberschauen zur monumentalen goldenen Hand in der Mitte des Raumes, spüren wir, wie ganz eigenartige Assoziationen sich nach oben kämpfen. Diese Hand, erhoben wie zum Gruß, woran erinnert sie uns? An ein anderes Italien?

Nach diesem sicher sehr subjektiven, aber genau so empfundenen wie beschriebenen Eindruck unseres Streifzugs durch den Italien-Pavillon auf der 76. Frankfurter Buchmesse werden wir morgen einen Kontrapunkt dazu setzen: Wir werden uns auf die Suche machen nach lesenswerter, spannender, gern auch herausfordernder italienischer Literatur. Dann gibt’s auch wieder etwas zu verlinken. Denn diese Literatur existiert irgendwo dort draußen. Nur eben leider nicht hier drinnen. Wenn Euch interessiert, was wir finden werden, dann schaut gerne morgen wieder hier rein ins digitale Café. Wir freuen uns auf Euch.

Kommentare deaktiviert für Tag 3 der FBM 2024: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Tag 1 der FBM 2024: Ein Gefühl der Leere

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 16. Oktober 2024 | 21:21:43 | Roland Müller

Natürlich fühlt es sich toll an, einmal auf dem roten Teppich zu stehen. Aber tatsächlich ist das nur ein Aufmerksamkeit schaffender Bildaufmacher für unseren ersten Tag auf der 76. Frankfurter Buchmesse.

Tatsächlich herrschte zumindest auf der Anreise zur Messe einiges Gedränge in der S-Bahn und auf den Rolltreppen. Alles Fachbesucher natürlich nund verspätetes Verlagspersonal. Alles hektisch und meist in die allfälligen Smartphones parlierend. Nun ja, man kennt das.

Immerhin ging es in den Gängen sehr gesittet zu. Noch keine Menschenmassen in Sicht, nur eifrige Rucksackträger:innen und ein Mindestmaß an Presse.

Wie üblich besuchen wir in einem ersten Orientierungslauf Halle 3.0 – bereits hier zeigt sich, dass das Hinzufügen von Halle 1.2 für den zu erwartenden New Adult und Young Adult Rummel gewaltig Druck aus der Messe nehmen wird, indem Platz geschaffen wird für die Besucher. Breite Gänge tun sich auf. Und gleich am Eingang massive Präsenz von Thalia. Nun ja, eingedenk des Umsatzsprungs im aktuellen Buchjahr kein Wunder. Zumal die Buchhandelkette mittlerweile auch als Verleger auftritt.

Wir schlendern weiter, an einem strahlenden Kollegen vorbei – Andreas Eschbach –, der bei Bastei Lübbe überlebensgroß für „Die Abschaffung des Todes“ wirbt.

Wir notieren ganz neue Sitten bei Hoffmann und Campe, die bei dieser Buchmesse ihre Neuerscheinungen auf direktem Wege an den Mann und die Frau bringen wollen.

Bei Droemer Knaur steht wie immer die bekannte Rotunde mit der Parade der Bestsellerautor:innen im Zentrum des Messeauftritts. Details sparen wir uns für einen späteren Besuch auf.

Bei KiWi fällt uns im Vorbeiflanieren zweierlei auf: Einerseits die Überpräsenz von Frank Schätzings neuem Bestseller „Helden“, der sein Altwerk „Tod und Teufel“ zur Trilogie erweitern soll. Der dritte Teil der Mittelalter-Saga steht wohl für nächstes Jahr an? Ein zumindest für uns ungewohnt erscheinender Schritt zurück, bedenkt man die bisherigen Lieblingsthemen des Autors, die meist in einer nahen Zukunft spielten. Andererseits fasziniert uns die Idee, aus Buchrücken eine so aparte Sitzgelegenheit zu bauen – eine Art besitzbares Bücherregal. Durchaus nachbauenswert, wie wir finden.

Wir flattern an der unverkennbaren Ullstein-Eule vorbei und nehmen uns auch hier vor, am nächsten Messetag die Neuerscheinungen genauer in Augenschein zu nehmen.

Anschließend betreten wir vom Obergeschoss aus – Halle 3.1 – die Ballustrade, um frische Luft und einen sonnigen Mittwochmittag zu genießen. Und natürlich, um Euch Daheimgebliebene ein wenig neidisch zu machen. Denn das hier ist allerfeinster goldener Oktober. So weit das Auge über die Agora reicht …

… und reicht …

… und reicht …

… und reicht. So lassen sich sogar die wie immer zahlreichen Raucherinnen und Raucher ertragen, die sich bevorzugt hier draußen versammeln.

Wir beschließen, nach einem kurzen Rundgang über die Agora im Parterre von Halle 4 vorbeizuschauen, wo ARD/ZDF/3sat traditionell ihre Bühne aufgtebaut haben. Und tatsächlich. Hier herrscht bereits reger Sendebetrieb. Wir lauschen eine Weile Jürgen Trittin, der sein neues Werk „Alles muss anders bleiben“ vorstellt, im Gespräch (aka Bücher-Talk) mit Bärbel Schäfer.

Nichts gegen Jürgen Trittin – seine Einblicke in die Befindlichkeiten der Gesellschaft sind tatsächlich lesenswert –, aber noch spannender fanden wir das Interview von WDR Cosmo Moderatorin Claudia D’Avino mit der hierzulande immer noch viel zu wenig bekannten italienischen Bestsellerautorin Susanna Tamaro. Ihr neuestes Buch „Der Wind weht, wohin er will“ hat das Zeug dazu, unser erster Lesetipp dieser FBM zu werden. Wir werden morgen mal am Stand ihres deutschen Verlegers hineinlesen.

Da die Mittags-, sprich: Lunch-Zeit naht, begeben wir uns zum Ausgang, winken den erschreckend schlaffen Flaggen mit dem roten Buchmesse-Logo zu (vermutlich kommt morgen mehr Wind auf) und machen uns auf den Weg zu unserem Lieblings-Japaner ganz hier in der Nähe.

Wir durchqueren der gepflegten Friedrich-Ebert-Anlage und amüsieren uns über ein wenig felide Kunst auf einer Sitzbank im Grünstreifen.

Kurz darauf nehmen wir unsere sicherheitshalber reservierten Plätze im Ramen Jun Westend in der Wilhelm-Hauff-Straße ein, um eine der wirklich vorzüglichen japanischen Nudelsuppen zu schlürfen. Die perfekte Mittagsnahrung an einem anstrengenden Messetag. Sehr empfehlenswert!

Nach einer kurzen Verdauungspause geht’s wieder zurück zur Buchmesse, wo wir uns erstmals in die neue Halle 1.2 wagen, über die an den kommenden Tagen der Sturm der NA und YA Fans hereinbrechen wird. Dank breiter Auslauf- und Relax-Zonen und Meet and Greet Flächen weitaus gefahrloser als vergangenes Jahr in Halle 3.0! Hier treffen wir dann auch liebe Freunde. Die Drei vom BVjA, dem Bundesverband der jungen Autorinnen und Autoren. Links übrigens die rührige Ute Bareiss, Weltenbummler-Autorin. Und rechts die liebe Kollegin Karin Seemayer, die nicht weit von uns zu Hause ist. Ach ja, und in der Mitte natürlich Tobias Kiwitt, der Vorstandssprecher.

Nachdem die 8.000 Quadratmeter der Halle 1.2 derzeit noch wenig zu bieten haben, verziehen wir uns erneut zur Literaturbühne von ARD/ZDF/3sat, um noch ein wenig der BUCHZEIT zu lauschen, moderiert vom sehr geschätzten Gerd Scobel Von den vier präsentierten und mit kurzen Videotrailern angespielten Romanen von Richard Powers („Das große Spiel“), Iida Turpeinen („Das Wesen des Lebens“), Nora Bossong (Reichskanzlerplatz“) und Chetna Maroo „Western Lane“)interessiert uns eigentlich jeder. Obwohl da die vier Präsenteure Barbara Vinken (Universität München), Sandra Kegel (FAZ) und Katrin Schumacher (MDR) sowie Gerd Scobel selbst nicht immer gleicher Meinung waren.

Den Abschluss dieses ersten Messetages bildete für uns ein erster Besuch des Stands der Aufbau Verlage, Berlin, wo man sich während der abendlichen Happy Hour natürlich ganz besonders über den unvermuteten Gewinn einer Literaturnobelpreisträgerin freute: Aufbau ist der deutsche Herausgeber der Werke von Han Kang, deren neuestes Buch Anfang Dezember bei Aufbau erscheinen wird. Titel: „Unmöglicher Abschied“. Vorbestellungen sind bereits möglich!

So, das war’s für heute. Gila und ich hoffen, dass Euch dieser erste, unorganisierte Rundgang Spaß gemacht hat und freuen uns darauf, wenn Ihr uns auch morgen wieder begleitet. Bis dann!

Kommentare deaktiviert für Tag 1 der FBM 2024: Ein Gefühl der Leere

Vive la France?

Veröffentlicht in Gesellschaft, Politik | 08. Juli 2024 | 15:55:09 | Roland Müller

Vive la France? Oder eher Vive les Français? Der Ausgang der Wahlen zur zuvor von Macron aufgelösten Nationalversammluung hat einen deutlich anderen Ausgang genommen, als von vielen Medien befürchtet und vorhergesagt. Le Pens RN erreichte statt eines glanzvollen Siegs nur einen frustrierenden dritten Platz. Die riskante Wette von Emmanuel Macron scheint aufgegangen zu sein. Allerdings hat seine Bewegung deutlich Federn lassen müssen, während das äußerst breite und heterogene Links-Bündnis unter Jean-Luc Mélenchon den Wahlsieg für sich reklamieren kann und nun erpicht darauf scheint, eine Regierung zu bilden.

Und schon beginnt das Gegrummel in den eigenen Reihen. Möglicherweise lösen sich die Sozialisten aus dem linken Bündnis und schlagen sich auf die Seite des Macron-Lagers. Macron hat zwischenzeitlich das Rücktrittsgesuch von Premierminister Attal abgelehnt. „Vorerst“, wie er betont. Und Marine Le Pen stellt eine versteinerte Miene zur Schau, kann sie doch nun aller Voraussicht nach ihre Hoffnungen darauf, bei der Präsidentschaftswahl in zwei Jahren Macron vom Thron zu stürzen, erst einmal begraben.

Kennt Emmanuel Macron seine Landsleute besser als der Rest Europas das tut? War sein Ausrufen von Neuwahlen unmittelbar nach dem Disaster bei der Wahl zum EU-Parlament mehr als nur der spontane Entschluss eines risikofreudigen Ex-Investment-Bankers, „all in“ zu gehen? Und wie soll es nun weitergehen? Die Mitte im klassischen politiktheoretischen Sinne ist in unserem Nachbarland deutlich abgeschmolzen. Und im Vergleich zu zahlreichen Nachbarländern inklusive Deutschland hat die Kunst des Koalitionenschmiedens in Frankreich bisher wenig Tradition. Fürs Erste müssen wir uns also zurücklehnen und beim kommenden Spektakel zuschauen. Mehr oder weniger entspannt.

Was man allerdings aus dieser Wahl und vor allem aus der geradezu apokalyptisierenden Berichterstattung in den Medien lernen kann: In einer Republik mit demokratischer Verfassung steckt eine ganze Menge mehr Widerstandskraft gegen den rechten und rechtsextremen Nationalismus als man uns das einreden will. Hierzulande, da sind wir uns sicher, ist das nicht anders.

(Copyright Foto: pixabay)

Kommentare deaktiviert für Vive la France?

Leipziger Buchmesse 2024: Das Tiefe im Flachen suchen

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 24. März 2024 | 17:27:35 | Roland Müller

Alles außer flach. Unter dieses wunderbar selbstironische Motto hat das diesjährige Doppel-Gastland Niederlande & Flandern seinen Gemeinschaftsstand auf der Leipziger Buchmesse gestellt. Wir verstehen das als Aufforderung, eine Runde durch die flachen und Tiefen Gewässer des Bücherangebots zu drehen.

Als erstes Leseopfer haben wir J. J. Voskuils mittlerweile auf sieben Bände angeschwollene Romanserie über die Höhen und Tiefen des Büroalltags in einem volkskundlichen Forschungsinstitut auserkoren. Wer lange genug im Angestelltenverhältnis erwerbstätig war oder gar verbeamtet, dem wird vermutlich bei der Lektüre das (beabsichtigte) Lachen im Halse stecken bleiben. Genau deshalb nach wie vor: Lesetipp!

Eine ganz andere Nummer ist das Fien Veldmans Xerox. Ein ungewöhnlicher Debütroman, in der Tat. Geht es doch um Identitätsfindung, die sich in Zwiegesprächen der Protagonistin mit einem Bürodrucker offenbart. Endlich einmal ein humorvoller und trotzdem Denkanstöße setzender Roman auf einem mit reichlich Minen gespickten Themenfeld. Lesetipp!

Wir mäandrieren weiter durch die Hallen und Gänge. Vorbei an den Ständen der großen Publikumsvevrlage wie hier zum Beispiel Suhrkamp. Rappelvoll ist es überall. Und überall sehen wir Menschen, die mit Büchern in der Hand an den Kassen Schlange stehen.

Oder wie bei Piper Bücher anlesen und mehr oder weniger in den Gedanken der Autorinnen versinken. Ist es nich genauu das, was eine Buchmesse ausmacht?

Wobei nicht nur das ganz normale, belletristisch geprägte Programm der Verlage die Menschen anzieht. Sondern vielleicht mehr denn je auch das Programm politischer Bücher. Besonders auffällig ist das bei C.H.Beck …

Democracy sells! So könnte man eingedenk des schnell wachsenden Angebots von Büchern denken, die sich mit dem Zustand, vor allem aber der Bedrohungslage unserer Demokratie auseinandersetzen. Recht so!

Wobei das durchaus auch in sehr handfeste Parolen gefasst werden kann und darf. Leipzig scheint ein besonders geeigneter Ort zu sein für Ansagen mit klarer Kante. Immerhin startete in dieser Stadt die erste, einzige und vor allem erfolgreiche unblutige Revolution der deutschen Geschichte.

Ob es vor diesem Hintergrund opportun ist, nach Frau Merkel ausgerechnet auch noch Olaf Scholz zur Ermittlerfigur in einer geplanten Reihe von Kriminalromanen zu machen, möchten wir nicht kommentieren. Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen. Aber wer weiß? Vielleicht hat sich da eine Beraterin oder ein Berater im Kanzleramt gedacht, dass daraus ein Imagegewinn für den Vielgescholtenen herausspringen könnte?

Das tun die beiden jungen Verleger und Gründer des Kjona Verlags zum Beispiel nicht. Lars und Flo, bereits ein Leben lang enge Freunde, haben gemeinsam den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und damit in ein Abenteuer mit naturgemäß unklarem Ausgang. Aber: Sie haben alles richtig gemacht, und ihr noch kleines, aber sehr feines und literarisch anspruchsvolles Programm lässt manchen alteingesessenen Verlag schon jetzt alt aussehen. Neugierig, unabhängig und nachhaltig wollen sie sein. Und das sind soe tatsächlich, wie wir nach einem Gespräch am Stand feststellen konnten. Insofern unsere dringende Empfehlung: Schaut Euch die Bücher an, die die beiden verlegen. Jedes einzelne davon ist lesenswert. Lesetipp der besonderen Art!

Wir schlendern weiter und drehen eine Runde über den rustikal anmutenden Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage. Allein hier könnte man sich stundenlang festlesen.

Das gilt in kleinerer Auflage auch für den Stand des Hybrid-Verlages. Wir treffen Autor Michael Knabe (links) und Matthias Schlicke (rechts), den Pressechef, Autor, Lektor und so etwas wie der Haushaltsvorstand des Verlages. Michaels mittlerweile mehrbändige Reihe ziemlich genialer magiefreier Fantasyromane faszinieren uns ebenso wie so manches, was da in den Regalen vor uns ausgebreitet liegt. Müssen wir erwähnen, dass wir den Stand mit ein paar Einkäufen verlassen. Gerade in der Vielzahl der kleinen, engagierten Verlage liegt der eigentliche Reiz der Leipziger Buchmesse im Vergleich zum Kommerzmonster Frankfurter Buchmesse. Beides Messekonzepta haben ihre Berechtigung. Beide ergänzen sich. Anmerkung am Rande: Als sich beiläufig herausstellte, dass Matthias Schlicke vor der Wende als politischer Kabarettist tätig war und unsere Begeisterung für den legendären Dieter Hildebrandt teilt, haben wir uns regelrecht festgequatscht, was die Möglichkeiten der deutschen Sprache angeht, Botschaften zwischen den Zeilen spielen. Hätten wir nicht noch weitere Termine gehabt …

Wenig später lauschen wir auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat dem Gespräch mit Omri Böhm. Einer von jenen Autoren, denen man in diesen kriegsgetriebenen Zeiten unbedingt zuhören sollte.

Mit seinen Aussagen im Kopf sahen wir viele der Cosplayyerinnen, die auf der Messe unterwegs waren, sich präsentierten und sich fotogtafieren ließen, mit anderen Augen. Tun sie nicht im Prinzipg genau das, was auch die meisten Leserinnen und Leser tun? Dem brutalen Hier und Jetzt entfliehen in eine Scheinwelt, in der es zwar oft kaum weniger brutal zugeht, jedoch ohne die Konsequenzen der realen?

Mit diesem Gedanken im Kopf verlassen wir die heiligen Hallen und kämpfen uns durch den mittlerweile strömenden Regen durch zur Station der Tram Linie 16 – wo sich dann zeigt, dass die Flucht aus der Realität und die Kostümierung für eine Parallelwelt auch hier und jetzt ihr Gutes haben kann: sie vermag den Regen abzuhalten 😉

In diesem Sinne verabschieden wir uns für heute von Euch, sortieren unsere Gedanken und Bücher und melden uns morgen mit einer kleinen Nachlese. CU!

Kommentare deaktiviert für Leipziger Buchmesse 2024: Das Tiefe im Flachen suchen