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LBM 2025 (Tag 1): Einlass-Chaos und Preis-Spektakel

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Literatur, Medien, Unterhaltung | 28. März 2025 | 07:48:36 | Roland Müller

Was aussieht wie der Anmarsch zu einer riesigen Demo ist in der Tat ein kleiner Ausscnitt der letzten zweihundert Meter zum Eingang der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Wir sind ein klein wenig gestresst. Nicht wegen der Menge um uns herum. Sondern weil wir drei Trams ausfallen lassen mussten, bevor wir uns in eine hineinquetschen konnten. Unser Hotel mag nur vier Stationen von der Messe entfernt sein, das entpuppte sich aber als Handikap. Denn alle eintreffenden Straßenbahnen der Linie 16 trudelten an „unserer“ Haltestelle dermaßen überfüllt ein, dass wir uns erst in die vierte Bahn wagten.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Denn wie sich herausstellte, hatte die Messeleitung sich eine Neuerung gegenüber dem Vorjahr einfallen lassen. Oder soll ich sagen Verschlimmbesserung? Zumal eine, die sich anfangs gar nicht erkennen ließ und auch online nirgends angekündigt war.

Eine massive Absperrung verhnderte den direkten, frontalen Weg in die Eingänge. Stattdessen mussten die Menschenmassen sich teilen und von ganz rechts und ganz links in Absperrung umgehen, um kanalisiert zu werden. Die Folge: Großes Chaos und kreuz und quer herumschiebende Besucher. Wir benötigten insgesamt vierzig Minuten, um in die Glashalle zu gelangen. Doppelt solange wie letztes Jahr!

Aber dann endlich war es geschafft, und die legendäre Messetreppe kam in Sicht.

Noch ein Blick zurück auf die Bühne von ARD, ZDF und 3sat. Bühne? Ach herrje! Siedendheiß fiel uns eingedenk des längst implodierten heutigen Zeitplans ein, dass wir um diese Zeit eigentlich …

… einem Interview von Thea Dorn mit dem norwegischen Autor Karl Ove Knausgård über seinen Roman „Die Schule der Nacht“. Ein faszinierendes Buch und ein ebensolcher Autor. Wir atmen tief durch und sind nun endlich auch mental auf der Leipziger Buchmesse angekommen. Über Knausgård wird noch mehr zu sagen sein, wenn wir morgen den Stand des Gastlands Norwegen besuchen. Deshalb an dieser Stelle nur der Tipp: Autor und Werk unbedingt im Auge behalten!

An dem unvermeidlichen Ober-Mainzelmännchen Ded vorbei ziehen wir weiter. Tiefer in die Messehallen jenseits der zentralen Glashalle.

Ei weiterer wichtiger Anlaufpunkt des heutigen Tages ist das Forum Literatur in Halle 2. Hier werden die Nominierten für den prestigeträchtigen Preis der Leipziger Literaturmesse vorgestellt. In diesem Fall die fünf Kandidaten der Abteilung Belletristik. Darunter der wie immer wunderbar schalkhafte und selbstironische Wolf Haas, der seinen „Wackelkontakt“ präsentiert. Und ja, das ist durchaus doppeldeutig gesagt und gemeint. Unser heimlicher Favorit. Auch wenn die spätere Preisverkündung … nun ja, wir wollen nicht spoilern. Ärgerlich war vielmehr, wie wenig Fläche die Messeverantwortlichen für diese Veranstaltung zur Verfügung gestellt hatten, immerhin ein Aushängeschild der LBM.

Also warteten wir garnicht erst ab, wer sich nach Wolf Haas noch zu Wort melden würde und besuchen zwei unserer Lieblingsverlage im Doppelpack. Denn der mare Verlag und der Verlag Klaus Wagenbach fanden sich Seite an Seite platziert. Sehr praktisch!

So bot sich eine schöne Gelegenheit, die Neuheiten im mare-Programm anzuschauen und einen Schritt weiter die legedären Salto-Bände von Wagenbach in Augenschein zu nehmen.

Einer der größeren Stände auf dieser Messe ist der des Recherchenetzwerks Correctiv. Ja, wir selbst sind Fans und Unterstützer. Insofern war uns manches bereits bekannt, was der Stand zu bieten hatte (dazu vielleicht morgen mehr, wenn’s um Lesetipps geht).

Was uns aber doch überraschte, war die Wiederkehr eines alten Bekannten: Ex-Spiegel-Mann Cordt Schnibben is back! Mit einem vom Correctiv Verlag verlegten Roman mit dem lapidaren Titel „Lila Eule“. Der etwas psychedelische Look des Cover-Designs täuscht nicht. Es handelt sich nämlich um einen OstWest-LSD-Beatclub-Roman. Und jetzt frage keiner nach dem Genre. Liebesgeschichte, Agententhriller und ein Aufstand des westdeutschen Spießbürgertums in wilder und gelungener Mischung. Und ja, da können wir nicht anders. Das ist unser erster Lesetipp auf dieser Messe!

Inspiriert ziehen wir weiter und landen mitten im Forum Mensch und KI. Hier treffen wir auf ein illustres Trio auf der Bühne: Anke Domscheit-Berg, die aus dem Bundestag ausgeschiedene Linke und vermutlich die einzige Mandatsträgerin im abgewickelten 20. Bundestag, die tatsächlich intensive Ahnung von der Materie Digitalisierung und KI hatte. Außen Prof. Dr. Christian Pentzold von der Uni Lipzig, ein ausgewiesener Experte in Sachen Medien- und Kommunikationstechnologie. Und in der Mitte Svea Eckert vom Chaos Computer Club als Moderatorin. Was sich entspann, war eine ebenso fundierte wie angsteinflößende Diskussion darüber, wer vom Aufkommen der KI profitiert und welche sozialen, ökonomischen und machttechnischen Folgen dies haben wird.

Mit einem KI-Tunnellick fliehen wir in einen ebensolchen, um einen weiteren, kleinen und unabhängigen Verlag aufzusuchen, den wir schon länger auf unserer Beobachtungsliste haben.

8280-edition.ch – ein Verlag mit einem eher sperrigen Namen. Angesiedelt am Bodensee, in Kreuzlingen, auf der schweizerischen Seite der Bodenseeregion. Geleitet von Stephan Militz. Aus dem kleinen, feinen Programm des überaus rührigen Verlags stechen einige Werke hervor.

Beispielsweise die Crawford Chroniken meiner geschätzten Kollegin Cor Nightingale, der Debüt „Die Krähen von Greengate“ soeben für den Seraph nominiert worden ist, einer der wichtigsten Literaturpreise für phantastische Literatur! Dazu morgen mehr.

Nach einem längeren Plausch mit dem Verleger ziehen wir weiter und wieder zurück zur Bühne von ARD, ZDF und 3sat. Denn es wird Zeit für Buchzeit: Gert Scobel diskutiert mit den Literaturexpertinnen Barbara Vinken, Sandra Kegel und Katrin Schumacher ausgewählte Neuerscheinungen des Bücherfrühlings. Und zwar: Vigdis Hjorth: „Wiederholung“, Anne Enright: „Vogelkind“; beides fulminante Lesetipps! Sowie Emmanuel Carrère: „Ich lebe und ihr seid tot – Die Parallelwelten des Philip K. Dick“ (Scobels persönlicher und sehr ambivalener Vorschlag) und den Debütroman von Yukiko Tominaga: „Vermissen auf Japanisch“.

Und dann ist es endlich soweit: Die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse steht an. Stattfinden wird er im neuen, begrünten Atrium im Erdgeschoss unter der Glaskuppel. Vergeben wirdern die Preise in dern Kategorien Übersetzung, Belletristik und Sachbuch.

60.000 Euro warten auf die Gewinner, zu vergeben von einer siebenköpfigen Jury. And the winner is:

In der Kategorie beste Übersetzung: Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler; Ales Adamowitsch, Janka Bryl, Uladsimir Kalesnik: „Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus – Zeitzeugen berichten“ (Aufbau)

In der Kategorie Belletristik: Kristine Bilkau: „Halbinsel“ (Luchterhand)

In der Kategorie Sachbuch: Irina Rastorgueva: „Pop-up-Propaganda. Epikrise der russischen Selbstvergiftung“ (Matthes & Seitz Berlin)

Wer sich die Begründungen der Jury genauer durchlesen möchte, kann das hier tun.

Für uns endet dieser erste Messetag mit einer gewissen Erschöpfung, dem abschließenden Besuch einer spannenden Viererlesung, über die wir separat berichten werden und der Erkenntnis: Mein Gott, das war erst der erste Messetag! In diesem Sinne: CU again tomorrow!

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Leipziger Buchmesse 2025: der Countdown läuft!

Veröffentlicht in Kultur, Literatur, Medien, Unterhaltung | 23. März 2025 | 11:50:18 | Roland Müller

Kommenden Donnerstag öffnet die Leipziger Buchmesse 2025 ihre Pforten. Wie bereits im vergangenen Jahr werden wir wieder mit von der Partie sein und tagesaktuell aus den Hallen berichten. Und natürlich von der einen oder anderen Lesung, die wir im Umfeld der Messe besuchen werden. Spannend, dass das diesjährige Gastland der LBM Norwegen heißt. Wir erinnern uns: Norwegen war schon einmal Ehrengast. Allerdings auf der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2019. Wir hatten damals leider nicht darüber berichten können, weil wir zu der Zeit in den USA unterwegs waren. Mal sehen, wie und mit welchen Autorinnen und Autoren sich das Land sechs Jahre später präsentiert.

In diesem Sinne: Bis in vier Tagen in und aus Leipzig!

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Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein erfolgreiches Jahr 2025!

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Technologie, Unterhaltung | 02. Januar 2025 | 11:03:26 | Roland Müller

Auch wenn das neue Jahr vermutlich genauso weitergeht, wie das alte Jahr endete, wünschen wir Euch und uns Zuversicht, Einsicht und Nachsicht im Umgang mit den Menschen und Geschehnissen, die dieses Jahr für uns bereithalten wird. Tut, was Ihr tun könnt, um ihm einen positiven Verlauf zu geben. Und freut Euch auch in 2025 auf kritische Berichterstattung, fundierte Rezensionen und unterhaltsame Reportagen hier im digitalen Café. CU!

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Ein Hoch auf die Unabhängigkeit!

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Unterhaltung, Unternehmen | 02. Dezember 2024 | 11:47:21 | Roland Müller

Ein Besuch im Verlagshaus Römerweg

Keine Frage, die kleinen, unabhängigen Verlage sind das Salz in der Suppe des Büchermarktes. Oft, nein allzuoft betrieben von Enthusiasten, die mit viel Herzblut und meist dünner Kapitaldecke genau jene Bücher verlegen, die im brodelnden Mainstream der großen, in der Regel konzerngebundenen Publikumsverlage untergehen. Wenn sie überhaupt verlegt würden. Einen dieser Verlage, das Verlagshaus Römerweg in der gleichnamigen Straße in einem Villenviertel Wiesbadens, habe ich kürzlich besucht. Ausgelöst wurde dieser Besuch einerseits durch einen Blick ins überaus spannende und überraschend vielfältige Herbstprogramm 2024 und andererseits durch eine spontane, wechselseitige Kontaktaufnahme via Instagram.

Schon ein erster Blick in den Konferenzraum zeigte (nach freundlichem Empfang an der Eingangstür): Hier werden Bücher gelebt und geliebt – das Haus der schönen Bücher, wie man sich zu Recht selbst bezeichnet. Und was auch sofort offensichtlich war: Das Verlagshaus Römerweg ist tatsächlich kein einzelner, unabhängiger Verlag, der eine Handvoll Bücher im Jahr veröffentlich, sondern eher eine Verlagsgruppe. Ein unabhängiger Verlag mit einer stattlichen Zahl von Imprints und bis zu sechzig Neuerscheinungen jährlich. Alle Achtung! Wie ich später erfahren werde, hat der Verlagsgründer Lothar Wekel das Verlagshaus 2014 als Dach für den 2003 von ihm gegründeten Marix Verlag etabliert, nachdem er in den Folgejahren immer wieder wie die Jungfrau zum Kinde dazu kam, kleine, ebenfalls unabhängige Verlage unter seine Fittiche zu nehmen, als deren Inhaber bspw. mangels Nachfolgeregelung an ihn herantraten, um ihr Lebenswerk zu bewahren. So gehören heutzutage Corso, Edition Erdmann, Marix Verlag, Waldemar Kramer, Weimarer Verlagsgesellschaft und die Berlin University Press zu einem kleinen, feinen Verlagsimperium en miniature, das sich kein bisschen hinter den großen Adressen im Verlagswesen verstecken muss. Am allerwenigsten, was die literarische Qualität und die physische Ausstattung seiner Produkte angeht.

Ich unterhalte mich lange mit Karina Bertagnolli, der Gattin des Verlagsgründers, die unter anderem für das Design und die Ausgestaltung der Bücher verantwortlich zeichnet – ein besonders schönes Beispiel ist die spezielle Klappenbroschur einiger Bücher des Verlagshauses –, sich aber auch um PR- und Pressearbeit kümmert. Ich staune, was sich da in wenig mehr als zwanzig Jahren aus einer ursprünglich privaten Sammelleidenschaft für Literatur entwickelt hat. Und das praktisch vor meiner Haustür, keine fünfzehn Fahrminuten entfernt.

Bei näherem Hinschauen findet sich Erstaunliches in den Regalen. Ganz neu zum Beispiel der erstmalig ins Deutsche übersetzte Roman der sardischen Schriftstellerin Grazia Deledda „Blicke der Liebe und des Leids“. Einer der Romane, der ihr 1926 den Literaturnobelpreis einbrachte, als erster und bis heute einziger italienischen Autorin. Dass Deledda damit endlich auch in Deutschland aus dem Reich des Vergessens gerissen wird, ist nicht zuletzt der herausgebenden und -ragenden Dramaturgin, Kuratorin und Übersetzerin Klaudia Ruschkowski zu verdanken, die eine ganze Reihe bedeutender italienischer Schriftstellerinnen für das Verlagshaus entdeckt und ins Deutsche übersetzt hat.

Eine weitere Perle im Programm, wie mir Bertagnolli versichert, sei „Weisses Harz“ (hier besprochen im Podcast „Lesart“) der frankokanadischen Schriftstellerin Audrée Wilhelmy. Ein exemplarisches Beispiel für die hohe Kunst des im angloamerikanischen Sprachraum verbreiteten und beliebten Nature Writing. Etwas, was ich hierzulande außer vielleicht in Büchern, die bei Matthes & Seitz verlegt wurden, in dieser Entwicklungsstufe noch nicht lesen durfte. Es war praktisch unvermeidbar, dass ich dieses Buch mitnahm, um es demnächst hier im digitalen Café ausführlich zu rezensieren. Ich hoffe, dabei auch als Autor noch etwas hinzuzulernen. Schließlich spielen meine eigenen Thriller um John Kaunak im abtauenden Eis der Arktis und müssen allein schon aufgrund der exotischen Location ein gewisses Maß an Nature Writing beinhalten, um die Leserinnen und Leser in die Geschichte hineinzuziehen.

Ich lasse den Blick erneut rundum schweifen. Regale über Regale. Verblüffend für ein Verlagshaus, das lediglich von einer Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Leben erhalten wird, ist die Fülle und Vielfalt des Programms der insgesamt sechs Imprints. Allein die Sachbücher: Von Otfried Höffes „Immanuel Kant heute“ über Giuliano Turones „Geheimsache Italien“ bis zu Kipkers und Venske-Caprareses „Realitäten in der Virtualität“ … das ist weiß Gott ein breites Spektrum. Wobei mir freundlicherweise – als intensiv KI-Interessiertem – letzteres Buch zum Abschied meiner kleinen Verlagsbegehung in die Hand gedrückt wurde. Ich werde es gern lesen und ebenfalls im digitalen Café besprechen.

Zusammenfassend darf ich sagen: Ich bin beeindruckt von dem, was ich in Wiesbaden gehört und gesehen habe. Solange wir hier in Deutschland unabhängige, inhabergeführte Verlage wie das Verlagshaus Römerweg haben, mache ich mir um die Vielfalt und Qualität des literarischen Angebots keine Sorgen. Auch wenn ich weiß, wie prekär die finanzielle Lage vieler Independents in diesen Zeiten ist. Ich kann nur die Daumen drücken und Christoph Sieber zitieren: Weitermachen, weitermachen, weitermachen!

(Copyright aller Fotos liegt beim Autor Roland Müller)

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Tag 5 der FBM 2024: Große Gefühle und alte Helden

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 21. Oktober 2024 | 15:31:57 | Roland Müller

Nachdem heutzutage so ziemlich alles in einer „to go“ Version daherkommt, warum nicht auch Gefühle, große Gefühle sogar? Passenderweise im an eine Werkzeugkiste erinnernden Tragekarton. Schließlich ist gefühlsfokussierte Literatur für Heranwachsende (neudeutsch New Adult) genau das: Werkzeug und Lesezeug zum Bed- und Verarbeiten der eigenen, unterdrückten oder überbordenden (je nachdem) Gefühle und Stimmungen.

Apropos Gefühle: Beim SYNDIKAT, dem Verein der ausgelassen feiernden, schriftstellernden Kriminellen, äh, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, ging’s mal wieder hoch her. Okay, ich habe gut reden; ich bin ja erst seit kurzem Mitglied. Aber ich will mir gar nicht ausmalen, was auf der nächsten CRIMINALE alles passieren mag.

Sebastian Fitzeks neuestem Wurf, dem „Kalendermädchen“, hat der Verlag eine eigene, aufwändige Installation gewidmet, inklusive Selfiemöglichkeit. Soweit ich gehört habe, gab es tatsächlich Überlebende. Diesmal. Bei seiner Signierstunde im vergangenen Jahr konnte man sich da nicht so sicher sein.

Eigentrlich eine schöne Serie, die sich Hanser Berlin da ausgedacht hat. Allerdings stelle ich mir die Frage, ob die Reihenfolge richtig gewählt ist. Logischer erschiene mir SCHLAFEN, LIEBEN, STREITEN, ALTERN?

Im Display gefällt mir das schon besser. Zumal es für ein längeres Leben spricht, das zudem positiv und hoffnungsvoll endet: Altern, Altern, Altern, Altern, Altern, Schlafen, Lieben, Lieben, Lieben, Streiten, Streiten, Lieben, Schlafen, Lieben, Streiten, Lieben, Streiten, Schlafen, Lieben. Das nenne ich mal altersgerecht!

Auch in diesem letzten Beitrag von der diesjährigen Buchmesse wollen wir Euch noch mit ein paar Lesetipps malträtieren. Zuerst etwas Gewichtigeres: „Die Eisenbahnen Mexikos“ von Gian Marco Griffi.

Eine fulminante, vor schrägen Ideen sprudelnde Abenteuerreise, entstanden während der Corona-Zwangspause, absurd, witzig, sehr gut übersetzt und ein großer Lesespaß gerade in den aktuellen italienischen Zeiten. Lesetipp Nummer 16 (habe ich mich verzählt? Nein? Gut).

Ach ja, wir leben (mal wieder) in einer Zeit, die sich nach Helden sehnt. Genaugenommen nach Heldinnen, aber das ist eine andere Geschichte. Nachdem Frank Schätzing sich (meine Vermutung und natürlich völlig haltlos) von seinem derzeitigen Verlag überreden ließ, sein erfolgreiches Romandebüt „Tod und Teufel“ (1995 erstmals bei Emons verlegt) zu einer Trilogie auszubauen, ist die Cover-Präsenz von „Helden“ auf dieser Messe geradezu übermächtig. Nicht nur in den Regalen und auf der Bühne von ARD/ZDF/3sat …

Sondern auch draußen auf der Agora. Ein Schätzing fast auf Augenhöhe mit dem Kölner Dom, sorry, dem Messeturm. Wir sind ja hier in Frankfurt.

Wo wir nun schon mal wieder draußen herumirrten, schafften wir es gerade noch rechtzeitig, dem Frankfurt Pavillon einen Besuch abzustatten. Zumal das filigrane Riesenei, dass die Architektur da mitten zwischen den Messehallen ausgebrütet hat, ein sehr spannendes Thema anbot:

Das Panel bestand aus vier Menschen, die wir jeden für sich besonders schätzen und teils sogar penetrant auf BookTok folgen. Knut Cordsen und sein Sidekick Miriam Fendt (Entschuldigung, nein, Miriam ist kein Sidekick, sondern eine mehr als adäquate Partnerin) von Literally. Dann @yannik s., der sympathische BookToker, der für den abwesenden Ole Liebl eingesprungen ist (gute Performance!) sowie Dr. Johannes Hilje, einer der bestvernetzten Politik- und Kommunikationsberater der Republik.

Das Thema des BookTok-Panels versprach einige Brisanz, und soviel können wir sagen: Die 50 Minuten Talk hielten, was das Thema versprach. Und wie erwartet lautet die Antwort auf die plakative Frage, unter der die Veranstaltung angekündigt worden war: Jein!

Nachdem sich der recht beliebte Phoenix-Podcast „Denken mit Kinnert und Welzer“ gerade auf der ARD/ZDF/3sat-Bühne materialisierte, legten wir eine kurze Pause ein, um den Erkenntnissen der ewigen Jung-Unternehmerin und -Politikerin Diana Kinnert und dem oft utopisierenden Soziologen Harald Welzer zu lauschen. Alles bisherigen Podcasts des Duos finden sich übrigens hier! Oft hörenswert.

Zurück in Halle 3 wird’s an diesem Sonntagnachmittag zusehens voller. Bei Taschen sowieso, und das nicht nur wegen dem Eyecatcher „Berlin, Berlin“ von Helmut Newton. Einmal mehr ist der Taschen-Stand (was für ein Wort!) einer der bestgestalteten der Messe. Kennt man ja.

Wir schieben uns auf der Suche nach den letzten Lesetipps weiter durch fröhliche Gewühl und danken den Messegöttern für die in diesem Jahr erstmal doppeltbreiten Hauptgänge. So, lieber Herr Boos, hätten wir uns das schon früher gewünscht. Soll mal einer sagen, der Hype um New Adult hätte nicht seine guten Seiten.

Mit „Favorita“ von Michelle Steinbeck (Schweizerin und weder verwandt noch verschwägert mit dem großen John Steinbeck) treffen wir auf ein würdiges Werk. Würdigungen und Interviews gibt’s da draußen schon genug. Die hier, diese oder diese. Wir sparen uns das also.

Und ja, Ihr vermutet richtig. Dieser Roman ist ein echter Pageturner und unser Lesetipp Nummer 17.

Ideal für zwischendurch, weil in handliche Kapitelchen gegliedert und trotzdem profund literarisch fällt uns am Stand der Aufbau Verlage „111 Action Szenen der Weltliteratur“ in die lesehungrigen Finger (geht das?). Als Nr. 477 der wunderbaren Anderen Bibliothek, die erst seit kurzer Zeit zu Aufbau gehört, lernen wir hier eine große Zahl renommierter Literaten von einer ganz anderen Seite kennen. Spannend: Aus mancher der geschilderten, ihnen zugestoßenen Begebenheiten/Actionszenen hätte man durchaus auch schriftstellerisch Honig saugen können. Lesetipp Nummer 18, perfekt für zwischendurch.

Natürlich kann es eingedenk unseres Alters nicht ausbleiben, dass wir uns auch in „Honey“ verliebt haben, Victor Lodatos Hymne auf eine alte Dame von bemerkenswerter … ja was? Lebenslust, Weisheit, Resilienz? Alls das und noch viel mehr. Wunderbar zu lesen. Ergo: Lesetipp Nummer 19!

Zurück bei Klett Cotta – mittlerweile qält uns der Durst, kein Wunder bei der trockenen Luft in den Messehallen – wären wir natürlich begeistert, zu „Trinken wie ein Dichter“. Am besten alle 99 Drinks.

Und am liebsten mit den Verursachern der Rezepturen. Wirklich schade, dass das leider nekrophile Züge annehmen würde. Denn die Toten trinken nicht mehr.

Nicht wirklich erstaunlich ist die Trinkfreude der im Buch versammelten Literaten. Es soll auch heutzutage noch Autor:innen geben, die … aber lassen wird das und genießen einfach diesen 20. Lesertipp.

Apropos: Die Platzierung des Bändchens in der Reihe unmittelbar über „Eine kurze Geschichte der Trunkenheit“ von Mark Forsyth hat was. Wirklich!

Einigermaßen geschafft von einem erneut langen Messetag machen wir uns final auf in Richtung Halle 1.2 – dumm nur, dass wir dazu an Bärbel Schäfers Bücher Talk vorbei müssen. Die sich redlich müht, einen gewissen alten Herrn im Zaum zuhalten, der sich seit Jahrzehnten in den gleichen patriachalen Posen gefällt. Müßig, zur Person Thomas Gottschalk noch weitere Worte zu verlieren. Und auch keine Links zu Person oder Verlag. Wir haben ihn vor ewigen Jahren mal auf einer Agenturfeier erlebt. Eine prägende Erfahrung bis heute. Dummerweise besteht heutzutage die Gefahr, dass seine Statements Wasser auf die Mühlen gewisser blauer Kreise sind. Also schnell weg hier!

Halle 1.2 am Sonntag. Endlich prall gefüllt. Das Mekka und Medina der New Adult Szene. Der Ort, an dem die dunkelsten Dark Romantasy Träume wahr werden. Wieso sind wir eigentlich hier? Na klar, wegen einem Buch …

Nämlich diesem hier: „Eine Zeit in Orangen“ von Carolin Lüdemann. History Romance, angenehm slow burning, zu finden am Stand des Selfpublishing Verbands. Und online auf den bekannten Portalen. Ein spannendes Set-up, interessante und unerwartet klischeeferne Protagonist:innen und eine exzellent recherchierter Unterbau einer Geschichte, bei der es um Düfte geht und ihre oft unerklärlich unwiderstehliche Anziehungskraft. Unser finaler 21. Lesetipp des diesjährigen FBM-Round-ups. Puh! Apropos Düfte, was ist das …?

Ah, wier schön. Die Quelle des intensiven Popcorn-Dufts, der um die Stände in Halle 1.2 wabert, nennt sich Nerdbar und kommt kaum nach mit dem Nachschub der Rohstoffe. Schöne Idee!

Eine Viertelstunde später stehen wir wieder draußen im nachmittaglichen Nebel, der beginnt, die Mainmetropole und ihre Wahrzeichen einzuhüllen. Was für ein passendes Schlussbild für diesen unseren letzten Berichtstag. Wie nach jeder Buchmesse bleibt die Zukunft von Autor:innen, Verlagen und Büchern im Nebel. Das einzige, was schon jetzt sicher ist: Im nächsten Jahr heißt der Ehrengast: Philippinen. Und natürlich werden wir alles wieder mit launigen Kommentaren und vielen Lesetipps begleiten.

Sollte Euch unser fünfteiliger Rundgang über die 76. Frankfurter Buchmesse gefallen haben, dann empfehlt uns gerne weiter. Schaut ab und zu mal rein ins digitale Café und freut Euch schon jetzt auf die Leipziger Buchmesse im März 2025. Denn auch von der werden wir wieder berichten. CU!

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