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Frankfurter Buchmesse 2015 (3): Politischer? Ja, doch!

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur, Medien, Unterhaltung | 16. Oktober 2015 | 23:20:04 | Roland Müller

01_FBM2015_Eule

Natürlich können wir auch beim heutigen Besuch der Buchmesse dem Leitthema Politik kaum ausweichen. Und in der Tat, diesmal sind wir zumindest deutlich fündiger geworden als noch gestern. Deshalb mag die Ullstein Eule durchaus als Symbol dafür durchgehen, dass mit dieser Frankfurter Buchmesse der politische Diskurs zwischen Autoren, aber auch Literaten und Politikern, Redakteuren und Schriftstellern Fahrt aufgenommen hat. Diskurs ist durchaus ein Ausdruck von Weisheit. Die sich dann aber trotz allem hart im Raume trifft mit den kommerziellen Interessen des Verlagsgeschäfts. Eine durchaus reizvolle Spannung, die sich da auftut…

15_FBM2015_Plan

Wir orientieren uns kurz auf einem der allgegenwärtigen Wegweiser und beschließen fürs Erste, den Besuch der Hallen 5 und 6 hintenan zu stellen. Dort sind sehr zentral die internationalen Verlage untergebracht. Was uns als deutsche Muttersprachler weniger interessiert, auch wenn dort, wie man hört, was das Aushandeln von Lizenzen und Verlagsgeschäft angeht, die Musik spielt.

23_FBM2015_WeltempfangUndercover

Stattdessen steuern wir zielstrebig den in Halle 3.1 platzierten Bereich „Weltempfang“ an. Denn hier ist zweifellos einer der Kristallisationspunkte dieser Messe, was ihre politische Ausrichtung und Aufladung angeht. So war es ausgesprochen spannend, der Delegation des Frankfurt Undercover Projekts zuzuhören, das auch dieses Jahr wieder von der dänischen Autorin Janne Teller organisiert und moderiert wurde. Wie Undercover schon vermuten lässt, hatten sich eine Reihe internationaler Autoren in die ausschließlich ihnen vorbehaltene Autoren Lounge zurückgezogen, um in Klausur zu gehen zu politisch brisanten Themen unserer Zeit. Diesmal drehte sich alles um die entstehende multikulturelle Gesellschaft und wie sie vielleicht funktionieren könnte. Es muss hinter verschlossenen Türen hoch hergegangen sein, denn wie Frau Teller berichtete – sie war vor ihrer Autorenkarriere als Konfliktberaterin der EU und der UN tätig – wurde der abendliche Zeitrahmen um Stunden überzogen. Um so erfreulicher, dass es etwas gebracht hat, neben der Einsicht in die eigenen, per se multikulturellen Viten, nämlich ein Kompendium oder besser eine Streitschrift mit Ideen und Lösungsvorschlägen zur Bewältigung dieser gesellschaftspolitischen Vision. Wir sind gespannt, was darin stehen wird…

24_FBM2015_WeltempfangBorderlines

Gleich nebenan ging der Weltempfang weiter. Mit einer recht hitzigen Diskussion zum Thema Grenzverläufe/Borderlines in der Ukraine und Russland. Auch hier hätte es sich gelohnt, eine Stunde zu verweilen oder zumindest eine Videoaufzeichnung zu machen. Was aber nun mal nicht unser Ansinnen ist. Dafür gibt’s auch auf dieser Messe wieder jede Menge Videojournalisten.

19_FBM2015_LobbyRepublik

Immerhin hatte uns dieser politisierende Auftakt animiert, links und rechts der Hauptgänge auch etwas intensiver auf politische Bücher zu achten. „Die Lobby Republik“ von Hans Martin Tillack, erschienen bei Hanser (wieder mal), scheint uns eines der lesenswerteren Exemplare zu sein. Der Stern-Reporter steigt tief und mit zu erwartenden erschreckenden Ergebnissen in die Materie ein. Tillack, da ist er kompromisslos, sieht den derzeitig gehandhabten Lobbyismus als die dunkle Seite der Macht. Grauzonen kennt er nicht. Und er macht keine Gefangenen, weder im politisch linken noch im konservativen Lager. Vielleicht entsteht so ein Schwarzweiß-Gemälde der herrschenden Zustände, mag sein. Doch zumindest schärft die Lektüre seines Buches den Blick für die Mechaniken, mit denen die strategischen Dienstleister für Interessenvertreter (wie sie sich selbst gerne nennen) arbeiten. Insofern durchaus gerne unsere vierte Lese-Empfehlung – mit der genannten Einschränkung.

22_FBM2015_SchwarzeRepublik

Zugegebenermaßen hat uns das auf den Geschmack gebracht. Deshalb können wir auch nicht widerstehen, eine Weile zuzuhören, als Albrecht von Lucke bei Droemer Knaur vehement vom Leder zieht gegen das Versagen der Linken in Deutschland. Sein neues Buch „Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken“ war vermutlich überfällig. Indem er Merkel als „die schwarze Sonne der Macht“ bezeichnet, malt er mit straffen Pinselstrichen das Bild einer Demokratie, die permanent um alternative Merkel-Koalitionen kreist. Lichtjahre entfernt von jener früheren bundesrepublikanischen Zeit, wo konservativer Politik immer eine linke regierungsfähige Alternative entgegen stand. Ja, wo sind sie hin, die Linken der sechziger Jahre? Der Mann mag von manchem Kritiker als Polit-Romantiker gesehen werden, aber in einem hat er sicher recht: Demokratie funktioniert nur mit einer starken Opposition, die in der Lage ist, alternative Konzepte anzubieten. Und da ist derzeit die Luft dünn, keine Frage. Ergo, weil ambivalent und anregend: unsere fünfte Lese-Empfehlung!

21_FBM2015_Vorwaerts

Nachdem uns von Lucke die Leviten gelesen hat, sind wir um so gespannter, was uns Dietmar Nietan und der allgegenwärtige Ilija Trojanow, moderiert von Katharina Gerlach, am Stand von Vorwärts an neuen politischen Erkenntnissen zu vermitteln haben. Das Thema ist Trojanows exzellent recherchiertes neues Buch „Macht und Widerstand“, erschienen bei S. Fischer. Wir hatten Gelegenheit, es vor einer Weile anzulesen. Beeindruckend die Detailfülle. Große Erinnerungsarbeit an der Nahtstelle zwischen brutaler Staatsmacht und Widerstand im Bulgarien der neunziger Jahre. Und doch dann irgendwie unbefriedigend. Manchmal scheint es, dass die handelnden Figuren ersticken in der schieren Detailfülle. Eine wichtige Abrechnung mit einer historischen Situation und durchaus exemplarisch für Diktaturen, kommunistisch inspirierte oder sonstige. Aber auch ein großer literarischer Wurf? Das muss jeder für sich entscheiden.

20_FBM2015_SZ

Auf der Suche nach moderateren politischen Themen landen wir fast zwangsläufig einmal mehr am Stand der Süddeutschen Zeitung, wo Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sich mit SZ Ressortleiter Innenpolitik Heribert Prandl über dessen Buch „Kindheit. Erste Heimat“. unterhält. Oder ist es umgekehrt? Für einen Moment sind wir verwirrt. Doch das hält nicht lange an. Denn aha! Es geht um (möglichst) glückliche Kindheit und die Familie. Da ist die Bundesfamilienministerin natürlich die geeignete Expertin. Hm, ja. Und das Buch? Der Leitartikler beklagt durchaus berechtigt eine eigentlich verkehrte Welt: Familie unterordnet sich den ökonomischen Bedürfnissen der Gesellschaft. Doch was ist der Ausweg? Die Antwort bleibt er schlussendlich schuldig. Trotz der Unterzeile „Gedanken, die die Angst vertreiben.“ Verständlicherweise. Denn gäbe es darauf eine, wäre die Gesellschaft ganz sicher eine bessere. Zumindest für die Kinder.

17_FBM2015_Marsianer

Nach so viel politischem Diskurs und berechtigtem Zweifel an der Konsumrepublik Deutschland tut es fast schon wieder gut, sich im anschwellenden Strom der Fachbesucher an den Säulen des profitorientierten Verlagswesens vorbeitreiben zu lassen. „Der Marsianer“ kommt pünktlich zum Kinostart auch in Buchform auf den Markt. Wie schön…

04_FBM2015_ErIstWieder

Und wenn wir schon über Kinostarts reden, dann ganz gewiss eher noch über „Er ist wieder da“, den wir uns wenige Tage zuvor anschauen konnten. Großes Kino! Und aufgrund geschickter Ergänzungen der Storyline als Film fast noch überzeugender als in der Buchausgabe. Wir erinnern uns: Was heute ein Millionenseller ist, hatten wir bei der Buchmesse 2012 aufgestöbert und kurz darauf rezensiert. Mit größten Vergnügen, das von kaum einem Kritiker geteilt wurde. Aber dazu stehen wir heute nach wie vor. Dass nun die große Zweit- und Drittvermarktung übers Land schwappt, nun ja, that’s business!

13_FBM2015_WhiskyKrimi

Hoppla! Was ist denn das? Dass Autoren durchaus zu Alkoholkonsum neigen, ist ja ein gängiges, wenn auch nicht unbedingt zutreffendes Klischee. Aber gleich so viel Whisky?

18_FBM2015_WhiskyCrime

Es ist doch immer wieder schön, auf einer Buchmesse über die andere Autorenwelt zu stolpern. Jene, die das Schreiben nicht zum Lebenserhalt betreibt, sondern aus reiner Passion für die Sache. Nebenerwerbsautoren im besten Sinne. Ganz besonders herzerwärmend ist das, wenn sich dabei zwei heimliche Lieben aufs trefflichste verbinden lassen: die zum schottischen Single Malt Whisky und jene zum raffinierten Krimi. Suspense! Genau auf diese etwas schräge literarische Nische setzen die Kollegen vom Cluaran Verlag. Neben den obligatorischen Single Malt Whisky Collectors Guides sind in dem kleinen Verlag mittlerweile immerhin fünf sogenannte Whisky-Krimis erschienen, denen allen eines gemeinsam ist: sie pflastern rund um die schönsten schottischen Destillerien den Torfboden mit kunstvoll zu Tode gekommenen Leichen. Ein köstlicher Lesespaß, am besten begleitet von einem Gläschen Talisker 57 degree north in cask strength. Und ja, eine Rezension ist bereits fest eingeplant – eines Krimis, versteht sich…

16_FBM2015_WartenAufSafranski

Während am Spiegel Stand alle auf das Erscheinen von Rüdiger Safranski warten, ziehen wir, ungeduldig wie wir sind und noch trunken von unserer letzten literarischen Begegnung eine Ecke weiter…

07_FBM2015_Karasek

Wir huldigen wie wohl jeder Besucher der Messe dem leider unlängst verschiedenen, großen Hellmuth Karasek, sinnieren dabei über das literarische Quartett damals und heute und beschränken uns dann aus gutem Grund ganz schnell auf das damals. Weil wir wissen, dass wir uns da auf einen sehr, sehr schmalen Pfad begeben…

10_FBM2015_RichardsFlanagan

…Den wir dann auch ganz plötzlich in Händen halten: „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ von Richard Flanagan, erschienen bei Piper. Und ohne Zweifel ein literarisches Meisterwerk des Tasmaniers. Eine berührende Kriegs- und Liebesgeschichte, die mitten in der Hölle des pazifischen Krieges spielt, als britische und australische Kriegsgefangene der Japaner gezwungen wurden, die berüchtigte Todeseisenbahn von Thailand nach Burma zu bauen. Flanagan zeichnet nicht nur die Geschichte seines eigenen Vaters nach, der den Bau dieser Eisenbahnlinie überlebte, er versteht es auch, mit seiner Sprache Bilder zu malen, die den Zeitabgrund spielerisch überspringen und den Leser unmittelbar hinein versetzen in jene Dschungelhölle in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, kurz bevor der japanische Vormarsch in Burma zum Erliegen kam. Großes Wortkino, exzellent übersetzt und ganz klar unsere sechste Lese-Empfehlung.

08_FBM2015_FieberAmMorgen

Und wo wir schon mal mit großer Literatur konfrontiert sind, darf auch Péter Gárdos „Fieber am Morgen“ nicht unerwähnt bleiben. Hierzulande erschienen bei Hoffmann und Campe. Müßig, zu diesem Erstlingsroman des arrivierten Theater- und Filmregisseurs noch etwas zu sagen. Großes Kino, mit einem subtilen Humor geschrieben trotz der überaus tragischen Geschichte eines KZ-Überlebenden, der, obwohl todkrank, sich einfach weigert, das Leben gehen zu lassen und stattdessen auf skurrile Art seine Liebe findet. Wer da Holocaust-Kitsch wittert, sollte das Buch einfach lesen und sich ein Urteil bilden. Er oder sie wird überrascht sein. Unsere siebte Lese-Empfehlung!

11_FBM2015_erlesen

So langsam macht sich ein wenig Erschöpfung bei uns breit. Die Hallen füllen sich immer mehr. Und irgendwie ist es dann schon wie beim Besuch im Museum: nach einer Weile sieht man keine Details mehr. Vielleicht ist es da eine Lösung, zu Hause das Wesentliche zu erlesen? Die Videoplattform für Literatur im Netz ist noch recht neu und serviert Literatur in YouTube vergleichbaren Formathäppchen. Was immer noch besser ist als gar keine Literatur. Vielleicht sehen wir ja die Zukunft?

13_FBM2015_PlanetAlgorithmen

Die, das wissen wir ja längst, vor allem von immer weitreichenderen Algorithmen geprägt ist. Damit sich auch unsereiner etwas darunter vorstellen kann, hat Sebastian Stiller dankenswerterweise einen kleinen Reiseführer mit dem Titel „Planet der Algorithmen“ geschrieben, der auf wunderbar anschauliche weise erklärt, was ein Algorithmus ist, welchen Gesetzen er gehorcht (oder auch nicht) und was das alles mit unserer Lebenswelt zu tun hat. Pflichtlektüre im Jahr 2015 und darüber hinaus. Und deshalb unsere achte Lese-Empfehlung.

09_FBM2015_MahlkeWieIhrWollt

Womit wir uns dann langsam dem Ende unseres heutigen Rundgangs nähern. Nicht einmal mehr hübsch grafisch drapierte Buchcover wie „Wie ihr wollt“ vermögen uns aufzuhalten, als wir dem Ausgang zustreben. Schon gar nicht, wenn es sich um einen Historienroman handelt.

03_FBM2015_Gewimmel

Aber nicht traurig sein deswegen. Morgen sehen wir uns ja wieder – im Pavillon des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse 2015: Indonesien. Wir können die Gerüche der indonesischen Gewürze fast schon riechen…

Wir hoffen, Ihr bleibt uns bis dahin treu und freuen uns schon auf die morgige Expedition durchs Reich der 17.000 Inseln!

 

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