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Apple wird erwachsen

Veröffentlicht in Apple & Co | 19. Dezember 2008 | 10:59:32 | Roland Müller

Es wird wohl eine Weile dauern, bis sich die medialen Wellen geglättet haben, die Apples Ankündigung folgten, zukünftigen Macworld Expos fern zu bleiben und bei der anstehenden Messe die Keynote von Phil Schiller halten zu lassen. Und ganz gewiss sind einmal mehr Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Doch wenn man sich einigermaßen objektiv – okay, welcher Mac-Addict kann das wirklich für sich in Anspruch nehmen? – die Konsequenzen dieser Entscheidung auf längere Sicht betrachtet, dann sind diese durchaus positiv…

Erstens. Das regelrecht hypnotisierte Starren der Medien auf Apple CEO Steve Jobs‘ vermeintlich oder tatsächlich angeschlagene Gesundheit hatte in den vergangenen Monaten teils massive Auswirkungen auf die Apple-Aktie. Dies kann niemals im Interesse eines börsennotierten Unternehmens sein. Und noch viel weniger im Interesse des CEO und Familienvaters Steve Jobs. Ihn durch diese Ankündigung aus der Schusslinie zu nehmen, ist eine Entscheidung, zu der man Apple durchaus gratulieren muss. Zumal er hinter den Kulissen von Cupertino längst die Weichen für den zukünftigen Weg des Global Players gestellt hat. Vielleicht ja auch jene für seine eigene Nachfolge. Wir hatten uns hierzu ja vor einer Weile schon ein paar Gedanken gemacht.

Zweitens. Wir selbst hier in der Redaktion, die wir heuer an unserer 8. Macworld Expo seit 2000 teilnehmen und live von ihr berichten werden, konnten in den vergangenen Jahren zwei Tendenzen beobachten: Professionelle Hard- und Software trat immer mehr in den Hintergrund gegenüber iPod und iPhone und deren Peripherie. Die Besucherzahlen wie auch die Zahl der Aussteller ging langsam aber sicher zurück. Gut, gerade die Macworld Expo in San Francisco war lange Jahre ein Heimspiel für Cupertino, bei dem sich die  Geeks und Nerds der Apfelmarke zum Tanz um den goldenen Apfel trafen. Zu seiner Zeit war dies eine emotionsgeladene Veranstaltung, die wir gerne und mit Leidenschaft begleitet haben. Doch mittlerweile ist Apple als Unternehmen seinen Piraten- und Flegeljahren längst entwachsen und spielt mit den ganz großen Jungs. Eine Global Brand im besten Sinne, die auch in Zukunft ihren Kernwerten verpflichtet bleiben wird: Einfachste Bedienbarkeit komplexer elektronischer Geräte und Systeme zu gewährleisten und dies in einer Design-Philosophie zu verpacken, die nicht zuletzt auch die ästhetischen Ansprüche ihrer Anwender befriedigt. Spätestens seit dem Intel-Switch wissen wir, dass hierbei CPUs lediglich Mittel zum Zweck sind und Apple der Meister der Benutzeroberfläche bleibt. Dies in einer Weise, die Apple klar differenziert gegenüber dem Wettbewerb.

Drittens. Steve Jobs‘ Wiedergeburt als Apple CEO anno 2000 in einer Phase, wo das Unternehmen orientierungslos umherschlingerte, war nicht nur für Apple, sondern für die gesamte IT-Branche ein Geschenk des Himmels, das ohne Zweifel den gesamten Markt geprägt und verändert hat. Nach dieser nun auslaufenden Dekade und mit dem Wissen, dass ein schlagkräftiges und eingespieltes Management-Team die Geschäfte im Sinne des Masterminds Jobs weiterzuführen vermag, ist der Zeitpunkt für Jobs günstig, sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen, wie dies bereits Bill Gates bei Microsoft getan hat. Gewiss, Phil Schiller ist nicht um seinen Auftritt im Januar 2009 zu beneiden. Jobs‘ Schatten ist nun mal der längste der Branche. Aber mit dem generellen Verblassen der Bedeutung von IT-Messen für die Marke Apple und dem gleichzeitigen Aufstieg der Apple Flagship Stores als Kathedralen der Markeninszenierung in aller Welt entledigt sich Apple zugleich alter Fesseln. Und gewinnt die Freiheit, neue, innovative Produkte nach eigenem Timing zu inszenieren, unabhängig vom Jahrestakt der Macworld Expo. Was ja eh schon seit einer ganzen Weile so gehandhabt wird, sehr zum Bedauern der klassischen Apple-Anhänger.

Viertens. Wenn das, was wir in den letzten Tagen beobachten konnten, tatsächlich Indikatoren sind für den bevorstehenden nächsten Schritt in der Unternehmensevolution von Apple, dann lässt dies durchaus auch einige weitere Prognosen zu. Beispielsweise könnte man dann davon ausgehen, dass in Kürze und unabhängig von der MWSF wichtige neue Apple-Produkte präsentiert werden, die das Apple Management ohne Einbeziehung von Steve Jobs vorstellen wird. Allein, um damit zu demonstrieren, dass das Team bestens in der Lage ist, die Unternehmensgeschicke zu bestimmen. Taktisch wäre dies ein so geschickter wie notwendiger Schachzug.

Fünftens. Mit dem Ausstieg aus dem Messerummel geht nicht zuletzt auch eine deutliche Aufwertung der WWDC einher. Denn bei der alljährlichen Entwicklerkonferenz trifft Apple jene Leute, die für das Vorankommen der Marke wesentlich größere Bedeutung haben als wir normalsterbliche Fachjournalisten, Messebesucher und Jobs-Junkies. Insofern darf man davon ausgehen, dass die WWDC mehr noch als bisher als Ankündigungsbühne genutzt werden wird für neue Entwicklungen und Produkte.

Sechstens. Eines werden wir natürlich in Zukunft schmerzlich vermissen: „One more thing…“ – der längst zum Kult gewordene letzte Satz des CEO mit all seinen dramaturgischen Folgeerscheinungen. Andererseits ist natürlich nichts für die Apple-Klientel frustrierender als eine MWSF ohne diesen Satz. Vielleicht war ja auch bei der Veranstaltung im Januar kein „one more thing“ präsentierbar und auch deshalb die Gelegenheit günstig für den Einstieg in den Ausstieg? Oder aber Phil Schiller darf den Zaubersatz des Meisters selbst in den Mund nehmen, um damit um so deutlicher seinen Nachfolgeanspruch und die Kompetenz des Managements zu unterstreichen, auch ohne Jobs‘ persönliche Präsenz auf der Bühne ein großes Rad drehen zu können.

So oder so, wir werden es sehen und darüber berichten. Und so oder so, wir wünschen Steve Jobs eine gute Zeit, eine noch bessere Gesundheit und bedanken uns für sein Engagement, seine Impulsgebung und seine geniale Selbstinszenierung für eine Marke, die nun erwachsen ist und nicht nur nach Marktanteilen gelernt hat, auf eigenen Beinen zu stehen.

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4 Antworten zu “Apple wird erwachsen”

  1. 19. Dezember 2008 um 16:40:34 | blubb sagt:

    lustig faende ich ja wenn apple zeitgleich eine presseerklaerung und das dazu passende video im iTS rausbringt. einfach mal so um ganz neue kommunikationswege einzuschlagen. ohne zwischengeschaltete klassische medien.

  2. 19. Dezember 2008 um 20:47:56 | Carlos Kay sagt:

    Ich fass es mal zusammen:

    Just another Sony

  3. 21. Dezember 2008 um 23:46:46 | TheRealBigApple sagt:

    Toller Artikel, hat mich zum Umdenken über diesen Schritt gebracht, auch wenn ich gerne ne „Abschieds-Keynote“ von Steve erlebt hätte…

  4. 28. Dezember 2008 um 17:47:09 | Marathonido sagt:

    Ein sehr schöner Artikel! Es muß im Hause Apple auch ohne „his Steveness“ weiter gehen, und der Zeitpunkt ist, finde ich, gut gewählt! Erwachsen werden ist ein gutes Stichwort. Viel Spaß in SF – ich freu mich schon auf die Berichte!

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