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Frankfurter Buchmesse 2015 (5): Es ist nicht alles Gold was glänzt

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Literatur, Medien, Politik, Unterhaltung | 18. Oktober 2015 | 20:41:22 | Roland Müller

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An diesem letzten Tag der Frankfurter Buchmesse wollen wir auf einem letzten Rundgang noch einmal alle Eindrücke aufnehmen, die der alljährliche Jahrmarkt der Buchwelt zu bieten hat. Die Höhen und Tiefen, das, was uns beeindruckt, das was uns irritiert oder einfach nur kalt lässt. Und natürlich die letzten aus unserer ganz subjektiven Sicht wichtigen Lese-Empfehlungen…

02_FBM2015_Rushdie

Salman Rushdies „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“, verlegt bei C. Bertelsmann, darf man ohne Einschränkungen zu den wichtigsten Neuerscheinungen des Bücherjahres 2015 zählen. Rushdies raffinierte Adaption von 1001er Nacht bietet in einer Zeit der kompromisslosen Konfrontation zwischen nahöstlichem quasireligiösem Politfanatismus der ISIS-Machart und einem Westen, der vermeintlich abendländische Werte allenfalls im Munde führt, sie aber längst nicht mehr lebt geschweige denn anwendet, eine Hand zu Diskurs. Ein Buch, das zu rezensieren sich lohnt. Was wir deshalb in Kürze auch tun werden. Bis dahin aber auf jeden Fall unsere neunte Lese-Empfehlung!

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In diesen Tage fallen uns zahlreiche Ansätze auf, die aktuelle Situation nach dem in weiten Teilen gescheiterten arabischen Frühling zu verarbeiten. Einer der gewagtesten davon ist Riad Sattoufs „Der Araber von morgen“, verlegt bei Knaus – eine im Stil einer Graphic Novel gestaltete Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten, denen sich ein blondgelockter Araberjunge im Alltag des Nahen Ostens auseinander zu setzen hatte. So skurril und schräg die Ausgangssituation anmuten mag, so berührend ist die Realität, die durch die Linien und Striche des Comics hindurchscheint.

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Und: Die Geschichte, die hinter der Geschichte, ist real. Denn der französische Cartoonist und Comiczeichner Sattouf hat sie selbst erlebt, in seiner Jugend in Libyen und Syrien. Selten wurden die Probleme und Missstände in der arabischen Welt mit mehr Humor und unverblümter dargestellt als in diesem Buch: Lese-Empfehlung Nummer zehn!

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Über „Gehen. Ging. Gegangen“ der Berliner Autorin Jenny Erpenbeck – ebenfalls bei Knaus erschienen – ist in den Feuilletons der Republik bereits ausgiebig berichtet worden. Wir müssen also das Rad nicht neu erfinden oder auch nur anschubsen. Der Berlinerin ist das richtige Buch zur richtigen Zeit gelungen: Ihre literarisch aufgerabeitete Betrachtung der in Berlin gestrandeten Flüchtlinge aus Afrika sollte man zur Pflichtlektüre für alle Pegida-Anhänger erheben.  Oder besser noch: Auf die Lehrpläne an unseren Schulen setzen! Ergo: Unsere elfte Lese-Empfehlung und diesmal eine, mit der wir gerne im mainstream mitschwimmen.

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Wohingegen wir uns nach wie vor nicht für Ilija Trojanows „Macht und Widerstand“ erwärmen können. Aus den bereits früher in dieser unserer Messeberichterstattung anlässlich unseres Besuchs am Vorwärts Stand angestellten Überlegungen. Daran vermögen auch allerlei positivere Kritiken nichts zu ändern. Sorry.

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Wie der neue Trojanow ist auch „Katharsis“ des Charlie Hebdo Zeichners und Chefredakteurs Luz bei S. Fischer erschienen. Eine Graphic Novel, in der der Franzose verarbeitet, was damals in den Redaktionsräumen in Paris geschehen ist. Was für ein Buch! Was für eine Art, den undenkbaren Horror zu verarbeiten! Die Mischung aus zeichnerischer Brillanz, radikaler Offenlegung des eigenen Innenlebens und einem trotzdem lodernden Humor ist für uns eines der Bücher des Jahres. Auch und gerade weil es ohne Text auskommt. Ganz große und insgesamt die zwölfte Lese-Empfehlung!

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Manche Bücher brauchen eben keine Worte…

07_FBM2015_Halle4-6

Nun ist es an der Zeit, dass wir uns auch die restlichen Hallen der Buchmesse ein wenig näher ansehen. Halle 5 und 6 werden wir nur kurz streifen. Denn hier sind die internationalen Verlage untergebracht. Die uns als deutsche Muttersprachler weniger tangieren, wohl aber im Verlags- und Lizenzgeschäft eine große Rolle spielen. Was wiederum einer der Gründe ist, dass sie diesmal sehr zentral platziert wurden.

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Halle 4.1 empfängt uns mit dem erwarteten Trubel. Wir wollen versuchen, in den Programmen der zahlreichen kleineren Verlage, darunter auch Schweizer und Österreicher, die verborgenen Goldnuggets zu entdecken, die manchen Messebesuchern vielleicht verborgen bleiben. Literaturkritiker inbegriffen.

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Zugegeben, DAS haben wir mit „Goldnuggets“ nicht unbedingt gemeint. 35 Kilogramm schwer, 70 x 50 x 9 Zentimeter groß, 448 Seiten allerfeinster Kunstdruck, für moderate 6.500 Euro. Natürlich limitiert und Buchständer ebenso inklusive wie ein separates ‚Behind the scenes‘ Buch, das die Entstehung des Monstrums dokumentiert. „Rijks, Masters of the Golden Age“. Der Titel verweist auf das kürzlich runderneuerte Rijksmuseum in Amsterdam, in dem einige der größten Meisterwerke der niederländischen goldenen Ära der Malerei aufbewahrt und ausgestellt werden. Das Werk ist in drei verschiedenen Versionen erhältlich. Hier ausgestellt ist das Flaggschiff der Edition, komplett von Hand hergestellt, mit Goldplattierung, 2,5D-Druck, handgemalter Kalligraphie und lackierten Abbildungen. Für den Sammler, der schon alles hat. Außer den originalen Gemälden des Rijks Museums. LOL…

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Natürlich war der Verursacher des glamourösen Projekts, der niederländische, durchaus nicht unumstrittene Designer Marcel Wanders höchstpersönlich vor Ort, um Rede und Antwort zum Zweck des Projekts zu stehen. Als Mann ebenso großer Worte wie Bücher gibt er augenzwinkernd zu, dass man nicht unbedingt alles, was er sagt, auf die Goldwaage legen sollte. Aber es ist schon ein Ausweis eines nicht eben unterentwickelten Selbstbewusstseins, bei der Buchmesse mit einem solchen Überbuch anzutreten. Da Wanders Mission aber nun mal die glamouröse Inszenierung von Luxus ist – mehr dazu auch hier bei artsy zu sehen –  scheint uns das Projekt als solches durchaus stimmig. Zumal die Reproduktionen der Gemälde herausragend und die Typografie erlesen und insofern eine würdige Hommage an die Meisterwerke der Malerei des 17. Jahrhunderts ist. Vielleicht solltet Ihr, liebe Leser und Messebesucher nun mal mit Eurem Bankberater reden?

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Erschlagen von so viel Gold und Glamour wenden wir uns ein paar Schritte weiter dem Druckladen des Gutenberg-Museums zu Mainz zu.

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Der hat sich nämlich aus seinem Museum heraus- und mitten ins pralle Messeleben hinein begeben. Sehr anschaulich zeigen Museumsmitarbeiter, wie die Buchdruckkunst funktioniert. Fpr erwachsene, Jugendliche und Kinder gleichermaßen spannend und herzerfrischend analog!

11_FBM2015_SecondhandZeit

Wo wir nun eh schon in Halle 4.1 herumstöbern, ist es natürlich klar, dass wir nicht am Suhrkamp Verlag vorbei können. Mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Swetlana Alexijewitsch hat der Verlag nicht unbedingt gerechnet, wird aber ganz sicher von der öffentlichen Aufwertung einer wirklich brillanten und zugleich sehr bodenständigen Autorin profitieren, die sich selbst als „Menschforscherin“ versteht. Unsere unumgängliche dreizehnte Lese-Empfehlung ist jedenfalls ihre präzise recherchierte und belegte Abrechnung mit der gesellschaftlichen Entwicklung der Länder nach dem Untergang der Sowjetunion: „Secondhand-Zeit“ sollten sich Potentaten wie Putin auf den Nachttisch legen. Vielleicht hilft es ihnen ja beim Zurückfinden in die real existierende Welt…

10_FBM2015_TuviaTenenbom

Ebenfalls im Verlagsprogramm von Suhrkamp stechen uns die Bücher von Tuvia Tevenbom ins Auge, allen voran „Allein unter Juden“. Tevenbom, seines Zeichens Leiter des Jewish Theatre of New York, verblüfft uns mit einem radikal unverstellten und auf eigentümlich launige Weise messerscharfen Blick auf die Befindlichkeiten im sogenannten Heiligen Land. Mit dem gleichen radikalen Humor analysiert er natürlich auch unsere Wohlstandsrepublik. Beide Bücher sind überaus lesenswert, auch wenn „Allein unter Juden“ das Aufschlussreichere ist. Was uns die vierzehnte Lese-Empfehlung beschert.

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Ach ja, der gebeutelte Nahe Osten mit seinen auf beiden Seiten fest zementierten Verhaltensmustern. „Mein Israel“ lässt uns zweimal hinschauen. Denn der Untertitel „Juden und Palästinenser erzählen“ muss uns stutzen lassen: Müsste es nicht korrekterweise heißen „Israelis und Palästinenser erzählen“?

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Die Rückseite klärt unsere Irritation. Und ein schneller Blick ins Buch zeigt uns: Der Berliner Fotograf Ali Ghandtschi hat in diesem schmalen Band eine verblüffende Innenansicht beider Seiten zusammengetragen. Wohl bemerkt, beider Seiten Israels, jener der jüdischen und jener der palästinensischen Israelis. Sehr aufschlussreich und deshalb unsere fünfzehnte Lese-Empfehlung.

14_FBM2015_ChinaNach-Europa

Unser nächster Weg führte uns zu einem unserer Lieblingsadressen bei noch jeder Frankfurter Buchmesse: dem Verlag Klaus Wagenbach. Diesmal hat es uns eine Neuerscheinung ganz besonders angetan, nämlich Timothy Brooks „Wie China nach Europa kam“. Der renommierte Historiker und Sinologe Timothy Brook entdeckt mehr oder weniger aus Zufall im Fundus einer Bibliothek in Oxford eine China-Karte aus dem 17. Jahrhundert. Die Karte ist von einer verblüffenden Detailgenauigkeit, aber, wie man heute sagen würde, inhaltlich voll daneben. Brook wird neugierig und beginnt zu recherchieren. Und damit nimmt ein regelrechter Wissenschaftskrimi seinen Anfang, denn der Sinologe schafft es, den Leser mitzunehmen in ein 17. Jahrhundert, in dem die Beziehungen zwischen Europa und China neu entstehen. Und er zieht uns hinein in einen Sog von Schicksalen, Persönlichkeiten und Begebenheiten, deren Kristallisationspunkt die besagte Karte ist. Faszinierend! Und damit unsere sechzehnte Lese-Empfehlung.

15_FBM2015_BookCoverClinic

Wie auf jeder Messe stolpert man auch auf dieser über allerlei Originelles und Skurriles. Dazu morgen mehr in unserem Messe-Nachschlag. Heute immerhin ist uns die Bookcover Clinic aufgefallen. Und nein, es war uns im ersten Moment völlig unklar, was die Funktion der klinisch weiß gekleideten Damen und Herren aus den Niederlanden sein sollte. Ihre Website gab uns dann einen ersten Hinweis. Die Designertruppe hat anlässlich der Messe wohl so etwas wie ein temporäres Designstudio gegründet, das die Bedeutung der Covergestaltung fürs Buchgeschäft zum Inhalt hat. Offenbar konnten sich die gut gelaunten Holländer (trotz Scheiterns an der Fußball-EM Qualifikation) eines regen Zulaufs erfreuen

22_FBM2015_Rolltreppen

Mittlerweile haben wir uns vermutlich längst konditionell qualifiziert für die Teilnahme am nächsten Frankfurt Marathon. Das Auf und Ab und Hin und Her geht so langsam wieder in die Beine. Aber egal. Im Interesse der Sache beißen wir die Zähne zusammen…

21_FBM2015_Wokkochen

…rauschen vorüber an den inflationären Koch-Events der Messe, mal mit Wok, mal ohne, sicher immer überaus lehrreich und lecker, aber trotzdem ein bisserl deplatziert.

25_FBM2015_SnyderBlackEarth

Und schließlich sind wir dann froh, bei C.H.Beck mit „Black Earth“ von Timothy Snyder wieder festen Boden unter den Füßen zu wissen. Auch wenn uns der Inhalt und die Argumentation des Buches denselben fast im gleichen Moment wieder unter den Füßen wegzieht. Denn Snyder weiß beredt, faktisch besterns unterfüttert und dadurch leider sehr überzeugend darzulegen, warum und dass sich der vermeintlich singuläre Holocaust wiederholen kann. Ein erschreckendes Buch. Ein wichtiges Buch. Gerade im Angesicht der derzeitigen politischen Entwicklung in Europa und Nahost. Unsere siebzehnte Lese-Empfehlung!

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Ebenfalls bei C.H.Beck erschienen ist Neil McGregors geniale (um das vorwegzunehmen) „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“. Ein dickes, ein wuchtiges, ein spannendes Buch. Und ganz anders konzipiert als herkömmliche Weltgeschichten.

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Und auch wenn der YouTube Trailer für die nicht mehr ganz neue Neuerscheinung mit Erstauflage 2011 ein wenig pathetisch daher kommt, ist es doch wahr: Selten haben wir die Entwicklung der Welt auf so interessante, anregende Weise erzählt bekommen wie an Hand dieser von McGregor ausgewählten 100 Museumsexponate, deren Geschichte und Geschichten, Querverbindungen und kulturhistorischen Hintergründe. Und das Beste an diesen über 800 Seiten. Man kann sich all das häppchenweise erschließen.Unsere achtzehnte Lese-Empfehlung.

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Bevor wir dann noch die obligatorische Schlussrunde drehen, muss natürlich noch als neunzehnte Lese-Empfehlung das neue Werk des Deutschen Buchpreisträgers 2015 erwähnt werden. Dem Offenbacher Autor und Illustrator Frank Witzel gelingt es mit „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ – erschienen bei Matthes & Seitz Berlin – die jüngere deutsche Geschichte auf verblüffend unterhaltsame Weise vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Allein der amüsant sperrige Titel lässt Schlimmes ahnen. Und der fiktive 13jährige Erzähler nimmt uns mit auf eine Reise in jene damalige Bundesrepublik, die es wahrhaft in sich hat. Grandios!

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Damit beenden wir dann unseren heutigen(vor)letzten Rundgang durch die heiligen Hallen der Literatur – jener, die mit und an ihr verdienen, jener, die von ihr zu leben versuchen und all den anderen 275.000 Menschen, die in diesem Jahr Frankfurt wert befanden, besucht zu werden. Die nächste Frankfurter Buchmesse, dann mit dem Ehrengast Niederlande und Flandern, verspricht der literarischen Welt wieder eine Flut spannender Neuerscheinungen. Bis dahin solltet Ihr und sollten wir uns durch die insgesamt neunzehn Lese-Empfehlungen der 2015er Messe erfolgreich durch gelesen haben.

Morgen gibt’s noch einen kleinen Nachschlag an skurrilen Begegnungen, die wir in den letzten paar Messetagen zu verzeichnen hatten. Dann auch zu Eurer Beruhigung mit weniger Text und hoffentlich recht witzigen Fotos. Es war uns wie immer ein großes Vergnügen, für die treuen und die neuen Leser des digitalen Cafés eine hoffentlich unterhaltsame und inspirierende Messeführung anbieten zu können. CU tomorrow!

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