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Frankfurter Buchmesse 2013 (3): Quo vadis und jetzt erst recht

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur, Medien | 12. Oktober 2013 | 17:29:59 | Roland Müller

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Das Geschäftsmodell Buch ist noch lange nicht am Ende. Wohl aber macht sich in Print- und Pressekreisen so etwas wie eine milde Panik breit, ob womöglich das Geschäftsmodell des stationären Buchhandels seinem Verfallsdatum entgegen sieht. Dass die FAZ-Macher da im Zuge von NSA-Abhörskandal und prekären Arbeitsverhältnissen beim führenden Online-Kaufhaus ein Feindbild ausgemacht haben, ohne das Kind wirklich beim Namen zu nennen, mag nur am Rande verwundern. Trotz aller Rahmenveranstaltungen auf dieser 45. Frankfurter Buchmesse zu Verlag 3.0, Strategien zum integrierten Content-Management, Agiles Publizieren und das E-Book der Zukunft erleben wir erst den Anfang eines Endes, das am Schluss doch zur unendlichen Geschichte werden mag. Wir werden sehen. Und stürzen uns nun erneut in den Rummel ums gedruckte Wort…

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Zuallererst stolpern wir diesmal – wenn auch nur im übertragenen Sinne – über die hollywoodeske Hall of Fame der Top-Autoren dieser und vergangener Buchmessen. Alle am Boden, was ein wenig verwundern mag. So kann das Beispiel Sunset Strip mit den Sternen der Oscargewinner fröhlich adaptiert nach unten und damit nach hinten losgehen.

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Auch wenn es zugegebenermaßen seinen ganz eigenen Charme besitzt, wenn Martenstein und Ruffato Seite an Seite… nun ja, lassen wir das und wenden wir uns wieder dem wesentlichen zu…

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Auf dem erneuten Weg in Halle 3.0 laufen wir Gerd Ruge über den Weg oder er uns. Der Doyen der öffentlich-rechtlichen Auslandskorrespondenten stellt auf der diesjährigen Buchmesse seine bei Hanser erscheinenden politischen Erinnerungen vor. Wie anders könnten sie betitelt als mit einem knappen „Unterwegs“? Gleichwohl, ein lesenswertes Buch von einem vorbildlich unaufgeregten Beobachter des Weltgeschehens: Lesetipp Nummer neun!

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Unaufgeregt ist ein Adjektiv, dass man einem Leon de Winter nun wirklich nicht zumuten kann. Immerhin gelingt ihm mit seinem neuen Buch „Ein gutes Herz“ fast die Quadratur des Kreises…

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Nämlich jüngste unglückselige Ereignisse in den Niederlanden – jene um seinen Lieblingsfeind Theo van Gogh – seinen eigenen jüdischen Erfahrungshintergrund, die aktuelle Islamismusdebatte bei unseren Nachbarn, Herz, Schmerz und ein gerütteltes, nicht gerührtes oder gar rührseliges Maß an Selbstinszenierung zu einem absolut fesselnden Thriller zu verquirlen. Einer, der zum Nachdenken anregt, nachdem er unterhalten hat. Großes Kino von einem, der nun wirklich weiß, wie es geht. Und deshalb unser zehnter Lesetipp!

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Und wo wir schon mal von großem Kino sprechen, führt uns unser Weg fast zwangsläufig zum Taschen Verlag, der – Bibliophile wissen es längst – nicht nur in großen Formaten denkt und druckt, sondern auch in großen Namen.

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Mit der Publikation eines in jeder Beziehung monumentalen Werks von einem der bedeutendsten Schwarzweißfotografen der Gegenwart, Sebastião Salgado, macht sich Taschen einmal mehr verdient. Bisher kannte man Salgado als das fotografische Sozialgewissen Südamerikas und der Welt. Mit „Genesis“ legt er einen Bildband vor, mit dem er im Wortsinn einen neuen Anfang wagt. Ohne seinen Idealen untreu zu werden Und in Bildern, die – wie könnte es anders sein – unter die Haut gehen. Kein Lese-, aber ganz sicher ein Anschautipp, der geeignet ist, unsere menschliche Existenz neu einzunorden zwischen jenen Fragmenten des Paradieses auf Erden, das wir irgendwie vergessen haben zu zerstören. Wir sollten Angst davor haben, an diese doch noch Hand anzulegen.

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Angst ist auch das beherrschende Thema von Annette Pehnts neuestem Projekt: in ihrem bei Piper erschienenen „Lexikon der Angst“ ergründet sie streng nach Alphabet die Ängste, die uns umtreiben, vielleicht sogar verschlingen. Auf eine ungewohnte Art, vielleicht aufgrund der gnadenlosen Häufung und Vollständigkeit der in plastische Einzelgeschichten gefassten Ängste kein Buch für Depressive. Oder vielleicht gerade doch? Wir denken noch darüber nach, ob es ein Lesetipp sein könnte…

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Ganz sicher kein Lesetipp, weil überflüssig wie ein Besuch beim Media-Markt, wenn er gerade wieder so tut, als wäre das Hereinfallen auf optisch herabgesetzte Preise für U-Elektronik  ein Grund, sich für intelligent zu halten, ist die Autobiografie „Ich war doch nicht blöd“ des Media-Markt Mitgründers Walter Gunz. Ist es nicht ein bisserl sehr dreist, in dieser etwas anderen Firmengeschichte über Vertrauen, Verantwortung und Liebe zu schwadronieren, wenn man als Geschäftsmodell Konsumenten für blöd verkauft? Mea culpa, sollte ich da etwas missverstanden haben und der Herr Gunz sich nun gänzlich von seinem Geschäftsmodell abgewandt haben sollte. Dann können wir ja gerne nochmal drüber reden.

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Dass man prominent sein kann und trotzdem willens und in der Lage, ein autobiographisches Buch vorzulegen, dass ohne jede Scham, Selbstbemitleidung oder selbstverkennende Peinlichkeit – letzteres auch gerne als Bobbele-Effekt beschrieben – das beweist Wolfgang Niedeckens „Zugabe“. Keine Autobiographie im eigentlichen Sinn, sondern eher eine persönliche Zwischenbilanz nach der einschneidenden Erfahrung eines mit Glück überstandenen Schlaganfalls. Also genau das, was man von einem erwarten darf, der Titel wie „Kristallnaach“ getextet hat. Danke nochmal, Wolfgang, auch wenn’s verdammt lang her ist!

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Prominent, belesen, ein herausragender Schauspieler und nun auch als Autor nicht ohne Ambitionen – wenn ich auch die Lobpreisungen seines Tatort-Auftritts nicht nachvollziehen mag, was aber eher am Plot als am Kommissar liegt – hat auch Ulrich Tukur seinen gleich doppelten Buchmesse-Auftritt. Bei dem wir ihm ein wenig über die Schulter geschaut haben. Mit der Novelle „Die Spieluhr“ beweist er Mut zu fantastischen Grenz- und Zeitüberschreitungen, sehr poetisch, hier und da auch düster, der Romantik verhaftet. Vielleicht nicht unbedingt ein vollwertiger Lesetipp, aber verdammt nah dran an dem, was er vielleicht auch nach seinem eigenen Empfinden ist – ein Zeitreisender.

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Könnte es nach einem Kontemplativromantiker Tukur einen größeren Kontrast geben als Deutschlands begnadetster Aufreger, Unruheverbreiter und Polemiker Henryk M. Broder? Ah, ich liebe ihn! Keine Gnade geegen niemand! Nicht als Mitglieder der Achse des Guten. Und schon gar nicht, wenn er auf der diesjährigen Buchmesse erneut den Daumen auf eine offene Wunde legt: Europa. Mit seinem bei Knaus verlegten Buch „Die letzten Tage Europas“ kämpft er für eine europäische Idee, die wir alle, die Parteien allen voran, längst in Schubladen gepackt haben, die mangels Betätigung mittlerweile so sehr beim erneuten Öffnen klemmen, dass sie einfach zubleiben. Wie praktisch. Womit all das, was Europa einst ausgezeichnet hat, auf der bürokratischen Strecke bleibt: Vielfalt, Solidarität, Humanismus, voneinander lernen. Stattdessen ersticken wir an unserer eigenen Bürokratie, machen die Grenzen dichter – Eurosur! – und haben längst vergessen, worum es eigentlich gehen sollte. Allein schon wegen Broders brillanter Polemik unser elfter Lesetipp!

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T. C. Boyle, Lieblingsschriftsteller meiner geschätzten Gattin, hat wieder zugeschlagen. Diesmal mit „San Miguel“, der Saga dreier starker Frauen aus den Familien Waters und Lester über einen Zeitraum von rund fünfzig Jahren, die auf einer Insel vor der Küste Kaliforniens mit und um ihr Schicksal ringen. Boyle, als begnadeter Erzähler, vermag wie kaum ein anderer amerikanischer Romancier ohne jede Effekthascherei in einer Petrischale die ganze Tragik zweier Familien zu konzentrieren, psychologische Befindlichkeiten desillusionierend ans Licht zu zerren und aus der von ihm bevorzugten weiblichen Sicht darzustellen – nicht ohne Rückschlüsse auf den Zustand der US-Gesellschaft zuzulassen. Insofern ist „San Miguel“ keineswegs ein Recycling Boyle’scher Recherchen zu den Santa-Barbara-Inseln, die er bereits für den letzten Roman, „Als das Schlachten vorbei war“, vornahm, sondern ein ganz und gar neues Buch von großer psychologischer Raffinesse. Und damit unser zwölfter Lesetipp!

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Und nun zu etwas ganz anderem – um es mit Monty Python’s zu sagen. Wenn jemand  wie Dustin Dehez beschließt ein Buch zu schreiben, dann erwartet man eine tiefschürfende, wohlfundierte Analyse irgendwelcher geopolitischen Zusammenhänge. Die er teils sogar in seinem Blog bietet. Doch weit gefehlt. Offenbar hat es den Spezialisten für Internationale Beziehungen stattdessen mehr gereizt, zu Papier zu bringen, was im diplomatischen Alltag so alles drüber und drunter gehen kann. Dass dies nur mit jeder Menge Selbstironie und schwarzem Humor zu ertragen ist, liegt auf der Hand. Insofern ist „Kalter Kaffee in Tiflis“ durchaus geeignet, unsere Vorstellungen von hochrangiger Diplomatie zu relativieren. Keine hochliterarische Lektüre, aber allemal einen entspannten Leseabend wert, am besten gleich nach dem Auslandsjournal…

52_EshkolNevo

Zeit, Neuland zu betreten. Das hat er in der Tat versucht, der israelische Autor mit illustrer Verwandtschaft, Eshkol Nevo. Mit seinem Buch „Neuland“ versucht er sich offenbar auf  Theodor Herzls „Altneuland“ anzuspielen. Immerhin eine der großen Gesellschaftsutopien des jungen 20. Jahrhunderts. Aber ach, die Chance, die darin gelegen hätte, statt einer nur mäßig gelungenen, oft langatmigen Handlung und psychologisch trägen Selbstbespiegelung der Protagonisten in einem so gar nicht farbigen Südamerika das auszuspielen, was Nevo ja durchaus vermag, nämlich fesselnde Alltagsromane mitten aus dem Herzen Israels zu schreiben, verliert er sich in Klischees. Schade. Wo doch eigentlich die neuen Utopien ganz nah liegen – mitten in Tel Aviv oder Haifa oder sogar Jerusalem. Man muss sie nur aufklauben.

53_MarcElsberg

Nicht erst seit dieser Buchmesse ist Marc Elsbergs „Blackout“ die Lektüre der Wahl im Umfeld von Energiewende und oft wenig fundierten Diskussionen zu deren Organisation und politischer Planung ihrer Rahmenbedingungen. Marc Elsberg schildert ungemein fesselnd und bestens fundiert, was wäre wenn… Ja, es liest sich beklemmend. Aber vor allem außerordentlich spannend. Und zugleich öffnet es uns die Augen, wer da gerade versagt in Berlin und die Chance verspielt, die eine gut geplante und bestens vorbereitete Energiewende hätte bieten können. Aber wer weiß, vielleicht liest man in PoBerl, dem Politischen Berlin, „Blackout“, bevor es zu spät ist. Zu wünschen wäre es unserem Lesetipp Nummer 13!

54_AlexCapus

Helden wider Willen sind ungemein reizvoll als literarisches Thema. Insbesondere, wenn einer wie Alex Capus sich ihrer annimmt. Als Geschichtenfinder war er uns ja eh schon ein Begriff. Mit „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ verbindet er die Viten dreier historischer (Rand)figuren zu einer durchaus vergnüglichen Melange. Auch wenn es, wie die FAZ moniert, den Figuren an den ach so geliebten Brüchen und Widersprüchen mangelt und Capus die historischen Figuren nur als Basismaterial verwendet und sie gezielt idealisiert und überhöht, ergibt das nichtdestotrotz oder gerade deswegen einen unterhaltsamen Lesestoff. Und hat nicht RR selbst postuliert, dass ein Buch vor allem eines nicht darf: langweilen? Eben drum unser vierzehnter Lesetipp!

55_JamesSalter

Zum Abschluss des heutige Messerundgangs gönnen wir uns – und der durchgeistigten Literaturkritik der FAZ – noch ein Stück „echte“ Hochliteratur (als wenn es so etwas gäbe!): James Salters „Alles, was ist“. Ein Roman von großer Gelassenheit, wie sein Autor, weitgehend in New York spielend, als Protagonist ein Lektor und wie immer, wenn uns einer dieser großen amerikanischen Romane in die Hände gerät, dürfen wir einen tiefen und erhellenden Blick wagen in das, was die USA im Innersten zusammenhält oder auch trennt. Eines jener Bücher, die den Leser in die Handlung hineinziehen, ohne dass er dies merkt. Man kann der ZEIT nur beipflichten: Das ist ein reifes, ein weises Alterswerk. Schade nur, dass ähnliche Einblicke in unsere eigene, hiesige Gesellschaft bisher viel zu selten auf dem deutschen Büchermarkt erscheinen. Der große deutsche Roman, wird es ihn je geben? Bis es ihn gibt, genießen wir einfach die fremde Welt jenseits des Atlantik. Als unser Lesetipp Nummer 15!

Womit wir uns jetzt selbst soviel Schmökerlust verordnet haben, dass es an der Zeit ist, den heutigen Messetag an dieser Stelle zu beenden. Es ist einfach Zeit, selbst wieder ein Buch in die hand zu nehmen. zum Lesen. Nicht zum Bewerten. Morgen folgt dann der letzte Teil unseres Rundgangs über die Frankfurter Buchmesse 2013. Dann mit den unvermeidlichen Erkenntnissen oder auch Nichterkenntnissen zur Zukunft des Geschäftsmodells Buch. Und zwei bis drei literarische Entdeckungen erster Güte…

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