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Schokolade

Museumstag im Café Digital

Veröffentlicht in Apple & Co, Kultur, Technologie | 17. Mai 2009 | 18:03:33 | Roland Müller

So ein sonniger Sonntag ist doch immer ein willkommener Anlass, sich kulturell weiterzubilden. Und weil wir nun mal zugegebenermaßen ein wenig technikaffin sind, gilt unser heutiger und morgiger Besuch nicht irgendeinem Schinkelbau mit alten Meistern an den Wänden. Sondern einem ganz bestimmten Gebäude im Silicon Valley, in dem die Exponate deutlich jüngerer Meister versammelt sind. Richtig, die Rede ist vom Computer History Museum in Mountain View, das wir neulich zum wiederholten Male besucht haben. Nicht einfach so. Sondern um ein ausführliches Interview zu führen mit Bob Stetson, dem damaligen Director of Marketing and Communications…

Wir trafen Bob Stetson an einem erstaunlich sonnigen Januarabend in Mountain View und haben dort das nachfolgende Interview aufgezeichnet.

CD: Das CHM existiert nun schon seit einigen Jahren, Bob. Was war der konkrete Auslöser, um ein solches Projekt zu starten?

BS: Nun, bereits 1979 haben Gwen und Gordon Bell sich sehr intensiv um die Erhaltung historischer IT-Artefakte bemüht. Ihrem Engagement verdanken wir unsere Idee, daraus ein Museum zu machen.

CD: Wie wird das CHM finanziert?

BS: Hauptsächlich von Sponsoren aus der IT-Industrie und durch private Zuwendungen.  Dazu natürlich mit klassischem Fundraising, um das sich eine Gruppe von rund 40 Fördermitgliedern bemüht. Und durch eine kleine Anzeigenkampagnen mit Spendenaufrufen, für die uns ein jährliches Budget von ca. 9.000 US$ zur Verfügung steht.

CD: Bob, haben Sie eine Vorstellung davon, wieviele Computer Artefakte das CHM im Moment sein eigen nennt?

BS (lacht): Na, mehr als 100.000 Stück, so weit ich mich erinnere!

CD: Von woher beziehen Sie Ihre Artefakte? Von privaten Besitzern? Institutionen? Computerfirmen?

BS (grinst): Sowohl als auch. Wenn hier im Valley irgendwo eine Garage aufgeräumt wird, kann etwas für uns Interessantes abfallen. Aber auch beim Entrümpeln von Unternehmennsarchiven…

CD: Wir wissen, dass Ihr eine Menge Computerkram in den Lagerräumen liegen habt, der derzeit nicht in der Ausstellung zu besichtigen ist. Was sind die Kriterien, nach denen Ihr etwas für die Ausstellung im Museum auswählt?

BS: Stimmt! Nur etwa 3% unserer Exponate sind derzeit in der Ausstellung zu besichtigen. Unser Kuratoren-Team diskutiert und entscheidet, was die historischen Meilensteine der Computergeschichte sind, die wir zeigen wollen.

CD: Verfügt das CHM über ein jährliches Budget für Ankäufe interessanter Exponate? Und wenn ja, wie groß ist dieses?

BS: Nein. Wir haben kein Budget. Alle Artefakte sind Schenkungen oder beispielsweise von Unternehmenn wie SAP gesponsort.

CD: Die Organisation, Lagerung und Dokumentation von tausenden von Exponaten scheint uns sehr zeit- und personalaufwändig. Vermutlich habt Ihr hier eine ganze Menge Leute mit dem notwendigen Fachwissen. Wie viele Mitarbeiter arbeiten im CHM?

BS: Mehr als 40! Dazu etwa 10 ehrenamtliche Mitarbeiter, die sich ausschließlich um die Katalogisierung kümmern. Insgesamt haben wir rund 400 freiwillige Helfer, auf die wir zurückgreifen können.

CD: Wer sind Eure typischen Besucher? Schulklassen? Studenten? Touristen? Oder vielleicht nostalgische Ex-Mitarbeiter der großen IT-Companies hier im Valley?

BS: Alle die Genannten. Und noch ein paar mehr. Wir denken zur Zeit über ein Programm unter dem Titel „Geek Heaven nach“, das wie bereits andere Events, die wir veranstalten, Besucher ins Museum lockt.

CD: Das Computer- und Software-Business wird immer noch von Moore’s Law angetrieben. Seid Ihr als Museum überhaupt in der Lage, diesem hohen Tempo zu folgen?

BS: Hm, das müssen wir gar nicht. Wir konzentrieren uns auf  Entwicklungen, die mindestens 10 Jahre oder länger zurück liegen.

CD: Bob, erinnern Sie sich noch an Ihren eigenenn ersten kontakt mit dem CHM? Wie sind Sie hierher gekommenn? Was haben Sie vorher beruflich gemacht?

BS: Ach herrje! Nun, ich habe eine ziemlich bewegte Vergangenheit im IT-Geschäft hinter mir. 18 Jahre B2B Werbung, Repräsentant des IT-Fachmagazins  ‚Computerworld‘, 10 Jahre Worldwide Advertsiing Manager bei Tandem Computer, dann den Merger mit Compaq mitgemacht, schließlich den Merger mit DEC. Marketing Manager bei einem Unternehmen der Medizinbranche, eine Weile im Business Development fuur Ralph Lauren gearbeitet… Und irgendwann hat mich dann ein alter Freund angerufen, der hier ehrenamtlich arbeitete und es geschafft, mich davon abzuhalten zu Cisco zu gehen und stattdessen hierher zu kommen.

CD: Eine letzte Frage, Bob: Was war das abgefahrenste, verrückteste Exponat, das dem CHM je angeboten worden ist?

BS: Oh, gute Frage. Darauf gibt es eigentlich zwei Antworten. Einmal der Kitchen Computer von Honeywell*, den das Luxus-Kaufhaus Neiman Marcus 1969 amerikanischen Hausfrauen für einen fünfstelligen Dollarbetrag zur Verwaltung ihrer Kochrezepte verkauft hat – nicht allzuviele davon, allerdings! – und dann den allerersten Production Server von Google. Beides echte Raritäten.

CD: Vielen Dank, Bob Stetson, für dieses aufschlussreiche Interview!

*) Auf der Anzeige für diesen 10.000 $ teuren Küchen-Computer im Neiman Marcus Katalog stand damals die freundliche Headline: „If she can only cook as well as Honeywell can compute.“ – Kein Wunder, dass Honeywell damit nicht reüssieren konnte…

Nachtrag: Wir haben dieses Interview bereits im Januar 2008 geführt. Bob Stetson ist mittlerweile nicht mehr beim CHM. Seit September 2008 fungiert er als Marketing Direktor der Embarcadero Publishing Company in Palo Alto, CA. Sein Nachfolger beim CHM ist Karae Lisle, der neue Chief Marketing Officer und Vice President, Public Programs.

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