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Die Lust an der List (1)

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur | 14. März 2008 | 10:48:52 | Roland Müller

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China, das ist längst Allgemeingut, hat sich nach dem ambivalenten ersten auf einen neuen langen Marsch gemacht. Diesmal geht es darum, zur führenden Wirtschaftsmacht des Planeten aufzusteigen. Nachdem das längst wieder von Konfuzius statt Mao vorangetriebene Milliardenvolk vermutlich bereits in diesem Jahr Deutschland vom Thron des Exportweltmeisters verdrängen wird und zudem gerade auch hierzulande zunehmende Unternehmenspräsenz zeigt, kann man nicht länger ignorieren, dass Chinesen anders „ticken“ als wir barbarischen Langnasen. Gerade wer die zwar begründeten, aber oft ungelenken deutschen Statements in Sachen Menschenrechte bei irgendwelchen Staatsbesuchen und die oft mit brillanter Dialektik geführten Reaktionen der Chinesen beobachtet, kommt ins Grübeln. Und recherchiert dann vielleicht ein wenig. So wie ich dies vor Jahren getan habe. Damals noch für eine Artikelserie im Multiuser-Blog Mehrzweckbeutel, die der hier und heute startenden Serie zugrunde liegt. Wie auch immer, jedenfalls bin ich seit damals fasziniert von einem der gravierendsten kulturellen Unterschiede zwischen dem Westen und dem Reich der Mitte, nämlich dem grundsätzlich anderen Verständnis von dem, was wir als „List“ bezeichnen. Und was die Chinesen über Jahrhunderte in Form der berühmten, aber hierzulande kaum beachteten 36 Strategeme niedergelegt haben. Ich will versuchen, hier in der entspannten Umgebung des Café Digital geneigten Besuchern in loser Folge eine Einführung in das listorientierte Agieren einer Kultur zu geben, die als einzige dieser Welt Überlistungstechniken benannt und systematisch zusammengestellt hat.


Warum und wieso es sinnvoll ist, sich mit chinesischem Listenreichtum auseinanderzusetzen? Nun, das Wissen um die im besagten Katalog der 36 Strategeme behandelten Listen, der bis heute das chinesische Denken und Handeln bestimmt, sollte auch für unsereiner im Alltag von größter praktischer Bedeutung sein. Sind wir doch selbst täglich Listen ausgesetzt, ohne dies zu realisieren, geschweige denn, damit umgehen und darauf reagieren zu können: Wir Langnasen sind nun mal listenblind! Ganz im Gegensatz zu den Chinesen. Nicht von ungefähr bedeutet das oben abgebildete Schriftzeichen je nach Umfeld und Zusammenhang sowohl „Weisheit“ als auch „List“ (= Strategem). Sprich: In China gehen Weisheit und List nahtlos und oft unmerklich ineinander über.
 Die hiermit beginnende Reihe von Beiträgen basiert auf den Forschungen und Publikationen Professor Harro von Sengers, des führenden und fast einzigen westlichen Forschers auf dem Gebiet der Strategemkunde, bemüht sich aber, dessen teils sehr akademische Sprache in etwas allgemeiner verständliches Deutsch zu übertragen.

List und Tücke

Eine List gilt im Kontext der abendländischen Kultur als politisch höchst unkorrekt und sogar verabscheuungswürdig. Gleichwohl hat sie auch bei uns ihren Platz. Und da muss ich jetzt gar nicht den gerade vorübergegangenen Wahlkampf in Hessen als Beispiel zitieren… Es ist ein sehr intelligenter Schachzug Harro von Sengers, wenn er in seinen Schriften gleich von Anfang an diesen im christlich geprägten Westen traditionell negativ belegten Begriff durch den weniger gebräuchlichen, wertneutraleren und gerade deswegen zugänglicheren des Strategems ersetzt. Es ist leider so: Hierzulande verstellt alleine schon das negative „Geschmäckle“ von List den Blick auf die dahinter liegenden, immer gleichen Listtechniken, die die Chinesen über viele Jahrhunderte herausgefiltert haben. Und dies auf einem Abstraktionsniveau, das deutlich höher liegt als unsere arg diffuse Terminologie von „Mogelpackung“, „Salamitaktik“ oder „Ablenkungsmanöver“ erahnen lässt. Eigentlich merkwürdig, dass List moralisch derart abqualifiziert wird. Wer war es noch gleich, der da sagte: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!“? Richtig! Ein gewisser Jesus Christus, dem seitdem angedichtet wird, es eigentlich ganz anders gemeint zu haben, als der Wortsinn dies gebietet…

Bedienungsanleitung zur Bewältigung des Alltags

Was hat es nun also mit den 36 Strategemen auf sich? Ich zitiere Harro von Senger aus seinem in der Beck’schen Reihe erschienen Taschenbuch Die Kunst der List:

„Die 36 Strategeme sind strategische (auf Langzeitwirkung zielende) sowie taktische (auf kurzfristige Wirkung zielende) listorientierte Grundanleitungen, die sich in unzähligen konkreten Situationen kreativ umsetzen lassen. Auf den ersten Blick handelt es sich allerdings um eine Sammlung von polulären Redewendungen und Zitaten, die zum Teil auf historischen Begebenheiten oder Legenden anspielen, in denen Schläue und List den Helden zum Sieg über meist stärkere Gegner verhalfen. Der ganze Katalog der 36 Strategeme besteht aus nicht mehr als 138 chinesischen Schriftzeichen…“

 138 Schriftzeichen geteilt durch 36 Strategeme ergibt gerade mal drei bis vier Schriftzeichen pro Strategem. Allein diese Konzentration macht schon klar, dass der zur Ming-Zeit (um 1500 n. Chr.) entstandene und heutzutage an chinesischen Grundschulen (!) ebenso wie an Militärakademien gelehrte Katalog auf die absolute Essenz reduziert ist. Genau diese Formelhaftigkeit macht ihn so alltagstauglich als Lebensbewältigungstechnik!

Soviel erstmal zur Einstimmung. In der zweiten Folge dieses vermutlich ziemlich umfangreichen Beitrages wird’s dann konkret. Denn dann steigen wir in die einzelnen Strategem-Gruppen ein, filtern ihren Kerngehalt heraus, gehen auf ihren historischen Hintergrund ein und schauen uns an, welche Relevanz sie in unserem heutigen, westlichen Alltag besitzen. Wobei ich, wie bereits gesagt, so frei sein werde, von Sengers mitunter etwas akademischen Kategorisierungen und Bezeichnungen durch mir geeigneter erscheinende zu ersetzen oder zu ergänzen. Wer sich bis dahin schon mal ein wenig schlau machen möchte, den verweise ich hier gerne auf Harro von Sengers Homepage, der ich auch die abgebildete Kalligraphie (© Chen Wentian, Shanghai) entlehnt habe.

Ich gebe zu, dass dies für viele Besucher unseres Cafés ein im ersten Moment etwas exotisch anmutendes Thema sein mag, aber ich kann versprechen: Es wird eine ungemein spannende Reise werden. Und zudem eine, die, wie ich hoffe, manches befremdliche Verhalten chinesischer Geschäftspartner oder Offizieller in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. In einem Jahr, in dem erstmals die Olympischen Spiele in der VR China stattfinden, kann das nicht schaden…

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