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Schokolade

Frankfurter Buchmesse 2018 (2): Von leicht bis schwer verdaulich

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 11. Oktober 2018 | 21:37:04 | Roland Müller

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Die höheren literarischen Weihen, so sagt man, empfangen Autoren bei Verlagen wie S. Fischer und Rowohlt. Das klingt deutlich zu elitär. Mitunter können wir uns aber des Eindrucks nicht erwehren, dass die besagten Verlage diesen Elitarismus mit Absicht zelebrieren. Wie auch immer, uns interessieren zuallererst die Bücher und deren Qualität. Mit dieser Haltung machen wir uns auf den Weg in die Hallen 3.1 und später dann 4.0…

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Bei S. Fischer fallen uns etliche Neuerscheinungen positiv auf. Jennifer Egan zum Beispiel, die Pulitzer-Preis ausgezeichnete Journalistin und Romanautorin lebt ihr Faible für das New York der 30er und 40er Jahre aus und legt mit „Manhattan Beach“ einen fulminanten Roman vor, der eine starke Frau, eine wilde Zeit und eine Seite von New York beschreibt, die zu entdecken sich lohnt. Eine Hymne an die Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs harte Männerarbeit im Hafen und in den Marinedocks leisteten. Emotional packend ohne pathetisch zu werden. Spannend, wo die New Yorker Unterwelt ins Spiel kommt. Bestes Erzählkino, durchaus verfilmungswürdig. Ein großer New York Roman, der die Wucht eines Scott Fitzgerald aufblitzen lässt. Klarer 11. LESETIPP!

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Unmittelbar daneben im Regal dann das: „Schattenfroh“ von Michael Lentz. Ein Buch, das uns ratlos macht. Klar, „Schattenfroh“ findet sich auf der SWR Bestsellerliste. Und die Literaturkritik hätte es gerne auf der Auswahlliste zum Deutschen Buchpreis gesehen. Mag alles sein. Aber es ist nun wirklich ganz schwere Kost. Kein Roman, ein Requiem. Das Requiem eines Sohnes, der um seinen Vater trauert und in der Einsamkeit einer Zelle um sein Leben schreibt. 1000 nervige Seiten lang. Irgendwie ein Poetry Slam Marathon, der einfach kein Ende nehmen mag. Gefühlsschwer und selbstterapeuthisch. Anstrengend zu lesen, kryptisch in seinen Bildern und seinen Satzkonstruktionen. Nichts, was man sich als Leser antun muss. Und selbst für den Kritiker eine Lesestrafe. Schnell weiter…

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…und schnell vorbei an den zugegebenermaßen wichtigsten Büchern zum Trumpismus, Bob Woodwards „Furcht“ und Michael Wolffs „Feuer und Zorn“. Zu beiden Büchern ist bereits alles gesagt worden. Beide geben nur wider, was wir selbst jeden Tag aus den Nachrichtensendungen erahnen: ein verzogenes 10jähriges Kind regiert Amerika. Und es ist ganz sicher keines der hochbegabten.

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Wenden wir uns Erfreulicherem zu. Etwa dem Roman, der dieses Jahr den Deutschen Buchpreis abgeräumt hat: „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke. Da der Gewinner des Deutschen Buchpreises per se schon ein Lesetipp ist, können wir es uns leisten Inge-Maria Mahlke in unserer ganz subjektiven Liste außen vor zu lassen. Auch wenn wir ein paar Meter weiter…

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…buchstäblich über sie stolpern. Also gut: Herzlichen Glückwunsch nochmal!

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Stattdessen fesselt uns Stewart O’Nans „Stadt der Geheimnisse“. Grandios, wie er im flirrenden Jerusalem der 40er Jahre kurz vor der Staatsgründung Israels einen Thriller entwickelt, der eines John Le Carré würdig wäre. Bombenattentate, Gewalteskalation, lebensbedrohliche Entscheidungen und grundsätzliche Fragen der Moral in einer gewaltbereiten Welt. Kommt uns das nicht unglaublich gegenwärtig vor? Genau dies macht „Stadt der Geheimnisse“ zu einem exzellenten Lesestoff und zu unserem 12. LESETIPP.

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G’fühliger kommt da sicher die Liebeserklärung John Connollys an den legendären Stan Laurel daher: „Stan“. Dass ausgerechnet ein Ire diese zu Herzen gehende Ode an die unsterbliche Männerfreundschaft der beiden britischen Komiker-Urgesteine Stan Laurel und Oliver Hardy geschrieben hat, bringt einen ganz eigenen Charme in die Geschichte. Ein wunderbares Buch, das zugleich die Abgründe Hollywoods im Golden Age des Kinos erahnen lässt und sich locker als unser 13. LESETIPP qualifiziert.

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Wir ziehen weiter, verbeugen uns vor der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad und ihrer Unbeugsamkeit, die sich in jeder Zeile ihres Buches „Ich bin Eure Stimme“ dokumentiert.

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Vorbei an einem Gebirge von Sebastian Fitzek Krimis – über deren Qualität man durchaus geteilter Meinung sein darf – inklusive einer messetypischen Inszenierung seines neuesten Werkes…

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…als Hochsicherheitstrakt inmitten anderer Stände – zieht es uns weiter zu einem gewissen Monsieur…

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…Piekielny. Und der lässt uns tatsächlich innehalten. „Ein gewisser Monsieur Piekielny“ von François-Henri Désérable ist eine in der Tat unerwartete Entdeckung. Und eine Literaturperle, der man Respekt zollen muss. Der französische Ex-Eishockeyspieler liefert hier eine so überraschende wie kreative, weil in Teilen autobiographische Erzählung ab über die wirklich schräge Lebensgeschichte des litauischen Juden Romain Gary aka Roman Kagew. Fakten und Fiktion tanzen einen verwirrenden Reigen vor den Augen des Lesers. Leichtfüßige Unterhaltung der allerfranzösischsten Art. Chapeau! Natürlich unser 14. LESETIPP.

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Nachdem wir letztes Jahr bereits Yuval Noah Hararis „Homo Deus“ über den grünen Klee loben konnten – übrigens noch vor allen hiesigen Literaturkritikern –  steht sein neuestes Werk „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ dem kaum nach. Eine der wichtigsten Sachbuch-Neuerscheinungen des Bücherjahres. Verbunden mit dem kleinen Manko, dass sich wieder kaum jemand die 21. Lektionen zu Herzen nehmen wird. Jedenfalls keiner der Entscheider dieser Welt. Wetten? Trotzdem oder gerade deswegen unser 15. LESETIPP.

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Vorbei an einer der vielen kleinen Veranstaltungsecken in den Messehallen – oft genug ist Europa das Thema – eilen wir weiter…

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…lassen uns selbst von der kaum überschaubaren Flut handlicher Marco Polo Reiseführer nicht stoppen in unserem Drang, Lesenswertes zu entdecken, das unter dem Radar des Mainstreams dahin segelt. Die Welt wartet auf uns? Na klar, die Bücherwelt.

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Am Stand von Klett-Cotta angekommen steigen dann schlagartig die Chancen, auf außergewöhnliche Lektüre zu stoßen. Und tatsächlich. Wir sind gleich doppelt erfolgreich. Christian Torklers launige Deutschland-Fiktion „Der Platz an der Sonne“ lässt uns lauthals lachen, bis uns selbiges im Halse stecken bleibt. Ein großartiges Buch. Eine Satire? Irgendwie schon. Zumindest ein bemerkenswertes Konzept, um das Aufregerthema der Migration von einer ganz anderen, völlig unerwarteten Seite her aufzurollen. Herrlich, was der gebürtige Greifswalder da als Debüt abliefert! Pflichtlektüre für AfD-Sympathisanten, wenn sie auch nur einen letzten Funken von Humor besitzen sollten. Klarer Fall: 16. LESETIPP!

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Wir stöbern weiter und stoßen auf einer der untersten Regalebenen auf „Das Ministerium der Gärten und Teiche“ von Didier Decoin. Der französische Schriftsteller, Journalist und Drehbauchautor entführt uns in das Japan des 12. Jahrhunderts, nimmt uns mit auf einen überaus sinnlichen und olfaktorisch geprägten Ausflug in eine aus unserer Sicht exotische Zeit und Weltgegend. Formidabel geschrieben. Was die Deutschlandfunk Kulturredaktion mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen weiß: (Zitat): „Es ist vor allem eine Welt der Sinne und der Sinnlichkeit, der Körper, Triebe und Sekrete, der Hingabe, der Naturnähe und der Sinnesfreuden, aber auch des Todes und der Fäulnis, des Schmerzes, der Grausamkeit. Vor allem aber ist es eine Welt der Gerüche. „Unser Geruchssinn wird uns zeigen, was unsere Augen nicht sehen können“, heißt es einmal – und damit ist nicht nur die Inspektion eines Aromenlagers gemeint, sondern die Erkenntnis der Welt.“ Dem haben wir nichts hinzuzufügen. Außer dem dezenten Hinweis, dass auch dies ein LESETIPP ist, nämlich unser 17.

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Nicht verkneifen wollen wir uns zum Abschied vom Klett-Cotta Stand eine rabenschwarze Internet-Satire, die unserer Zeit wohl nur um wenige Jahre vorauseilt, wenn überhaupt: Michael Hvoreckys „Troll“. Was der Slowake da verkleidet als SF-Parabel beschreibt als eine Gesellschaft, die von organisierten, bezahlten Trollen mit Hass und Online-Hetze gesteuert wird, scheint erschreckend real. Oder ist es vielleicht sogar schon? Man könnte ins Grübeln kommen. Kaufen. Lesen. Denn dies ist unser 18. LESETIPP.

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Wir wandern weiter und verschnaufen eine Weile beim Blauen Sofa, auf dem Verena Rossbacher Platz genommen hat, um Luzia Braun zu ihrem Roman „Ich war Diener im Hause Hobbs“ Rede und Antwort zu stehen. Mit Erkenntnissen, die wir bereits aus diesem ZEIT-Text kennen. Beim Weitergehen laufen wir fast in ein Interview hinein mit…

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Schauspieler Christian Berkel, der hier auf der Buchmesse mit seinem Erstlingswerk „Der Apfelbaum“ reüssiert. Erschienen bei Ullstein. Dabei abschließend mit dem Verdrängen seiner jüdischen Familiengeschichte. Ein durchaus bemerkenswertes Debüt. Basierend auf der fast zehnjährigen Recherche seiner jüdisch-deutschen Herkunft gelingt ihm ein lesenswerter Familienroman vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte mit all ihren Irrungen und Abgründen. Das könnte ein echter LESETIPP sein.

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Während wir darüber nachsinnen, ob es tatsächlich einer sein soll, lassen wir uns kurz irritieren von einem Folterisntrument aus dem Cabinet des Dr. Cagliari, das an eine Sitzbank gemahnt, mit Arm- und Beinschellen… aber nein, es handelt sich bloß um einen mit Displays und Kopfhörern ausgestatteten Hörlesesessel des Feuilleton Radio. Wie der erste Eindruck doch täuschen kann.

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Der großvolumige Stand von Amazon Publishing, die mit selbstverlegten Büchern handeln wie mit anderen Kartoffeln auch, lässt uns schließlich die Flucht nach draußen antreten.

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Vorbei an der ARD Bühne, wo wir uns in unserer Hast um das Privileg bringen, uns von Constanze Kurz, IT-Sicherheitsexpertin und Sprecherin des CCC, profund über „Cyber. Die Gefahr aus dem Netz“ aufklären zu lassen. Keine Frage, Constanze weiß, wovon sie spricht. Und wir wissen, was wir jetzt brauchen…

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…einen gut gekühlten Apfelwein. Den finden wir auch an einem kleinen Stand gleich am Eingang zur ARD Lobby. Wie exotisch dieses Frankfurter Hausgetränk offenbar auf chinesische Buchmessebesucher wirken muss, wird uns erst auf den zweiten Blick klar. LOL.

Morgen geht’s unvermindert weiter mit unseren Berichten vom Messegeschehen, den subjektiv besten Büchern und vor allem: dem Ehrengast Georgien. CU!

 

 

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