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Schokolade

Abschied von Robert Enke

Veröffentlicht in Medien, Sport | 13. November 2009 | 03:23:12 | Dirk Kirchberg

Am Mittwoch Abend machte ich mich wie Tausende andere auch auf den Weg zur Marktkirche, um von Robert Enke Abschied zu nehmen. Ich kannte Robert Enke nicht persönlich, aber er schien uns allen, die wir 96-Fans sind, so nah. Er war auf dem Boden geblieben. Aber das hat HAZ-Redakteur Volker Wiedersheim ja schon viel besser formuliert.

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Als ich um halb sechs Uhr an der Marktkirche ankam, war der Platz vor der Kirche schon proppenvoll. Ich hatte zwar gehofft, es irgendwie noch in die Kirche zu schaffen. Aber der Andrang war so groß, dass die ersten Menschen wohl schon mehr als eine Stunde vor Beginn die meisten Plätze besetzt hatten. Und so landete ich mit rund 20 anderen Menschen in der Elektronikabteilung bei Kaufhof.

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Auf den Flachbildschirmen lief die Andacht, wir standen da, um uns herum kauften einige Menschen ein. Es fühlte sich merkwürdig an, eine Andacht für einen grandiosen Fußballspieler zu verfolgen, während auf den Bildschirmen direkt neben uns ein aufgezeichnetes Spiel zwischen Gladbach und Stuttgart lief.

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Nach der Andacht machten sich die Menschen auf den Weg zum Opernplatz. Hier waren Fernsehteams dabei, ihre Aufsager zu produzieren. Wir standen sehr dicht beieinander, doch gedrängelt wurde nie. Kein Schubsen, kein Meckern, wir standen einfach da und warteten. Rings um mich herum unterhielten sich die Menschen, es wurden Witze gemacht, mancher erinnerte sich an Szenen mit Enke. An seine Paraden, seine geballten Fäuste, seine Anfeuerungsgesten Richtung Nordkurve.

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Entlang der Strecke, die an der Markthalle und am Rathaus vorbei zum Stadion verlief, hatten Fernsehteams Kräne aufstellen lassen, um möglichst gute Bilder von der Menschenmasse zu bekommen, die sich langsam und ruhig durch die Stadt zu Enkes Spielstätte bewegte. Erst später, als ich wieder zu Hause war, erfuhr ich, dass der Trauerzug von der Mannschaft angeführt wurde.

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Als wir am Stadion ankamen, war ich erschlagen von der Größe der Menge, die sich hier versammelte. Zuerst war von 17.000 Fans die Rede, doch diese Zahl kam mir viel zu klein vor. Später korrigierte die Polizei die Zahl auf 35.000. Und auch hier vorm Stadion wurde nicht gedrängelt und gemosert – sondern gesungen.

Irgendwann begannen sich die Menschen in Richtung Fanshop zu bewegen. Durch die Menge ging die Information, dass dort, wie bereits am Abend zuvor, die Kerzen aufgestellt werden sollten. Am Nordeingang hatte der Verein Zelte aufgebaut, in denen 18 Kondolenzbücher auslagen. Die Menschen stellten sich geduldig an, um Robert einen letzten Gruß zu schreiben.

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Es schien, als würden die Menschen nicht auseinandergehen wollen. Wir blieben alle zusammen stehen und warteten. Aber auf was? Es sollte keine offizielle Erklärung geben. Die brauchte es auch nicht, denn sowohl während des unglaublich starken Auftritts von Teresa Enke bei der Pressekonferenz als auch der Trauerandacht in der Marktkirche war alles Wichtige gesagt worden.

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Natürlich drehten auch hier Fernsehteams Bilder und interviewten Fans. Aber ich fand, sie strengten sich an, es respektvoll zu tun. Dass Robert Enke auch im Ausland sehr beliebt war, beweisen nicht nur Tausende von Einträgen bei Twitter, Facebook und in den vielen virtuellen Kondolenzbüchern wie etwa von der HAZ und von Enkes Management. So stand etwa ein Reporter von Sky in der Menge, der seinen Aufsager dreimal wiederholte, bis er wirklich saß.

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Einer der Interviewten war Jörg Schmadtke, Sportdirektor bei Hannover 96, der der ARD ein Interview vor dem Kerzenmeer gab, das sich stetig ausbreitete.

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Überall zwischen den Kerzen und Blumen, die die Fans auf den Boden gestellt hatten, lagen Schals, T-Shirts und Zettel mit Botschaften an Robert Enke. Oft schnappte ich Gesprächsfetzen auf, in denen die Idee von Hannover 96 positiv besprochen wurde, die Trikotnummer 1 in Gedenken an Enke nicht mehr zu vergeben. Im US-amerikanischen Profisport ist das längst Sitte, aber in Deutschland leider noch nicht. Eine gute Idee, wie ich finde.

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Stundenlang standen die Menschen schweigend vor den Kerzen, schauten in die Flammen und dachten an den 96-Torwart. Auch das nasskalte Wetter schien sie nicht davon abbringen zu können.

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Auch viele Kinder waren gekommen, um von ihrer Nummer 1 Abschied zu nehmen. Und so wie die Erwachsenen standen sie still und schwiegen. Eine der beeindruckendsten Szenen für mich.

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Zum Schluss stellte auch ich mich in eine der Schlangen, um mich in eines der Kondolenzbücher einzutragen. Während ich mit vielen anderen Fans wartete, hörte ich, dass am kommenden Sonntag um 11 Uhr in der AWD-Arena eine Abschiedsfeier stattfinden soll.

Lange überlegte ich, was ich schreiben solle. Ich kannte Robert Enke ja nicht persönlich. Außerdem wollte ich etwas schreiben, das, wenn es seine Frau vielleicht einmal lesen sollte, den Respekt gegenüber dem Sportler und Menschen Enke ausdrücken sollte, aber auch die Fassungslosigkeit ob seiner Entscheidung. Mein Eintrag lautet: „Keine Antworten. Nur Fragen. Eine Hoffnung. Requiescat in pace.“

(Disclaimer: Dieser Artikel erschien zuerst in meinem HAZ-Blog.)

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