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Schokolade

Frankfurter Buchmesse 2009 (4)

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur | 18. Oktober 2009 | 18:53:17 | Roland Müller

BM09_Polizei

Letzter Tag. Letzte Eindrücke. Wenn uns ein Bild besonders prägend in Erinnerung bleiben wird, dann ist es das obige. Polizeipräsenz wie nie zuvor auf einer Frankfurter Buchmesse. Es begann schon gleich hinterm Eingang mit intensiven Personenkontrollen, Metalldetektoren und dem Ausleeren mitgebrachter Tüten, Taschen, Rucksäcke und sonstiger Behältnisse. Natürlich wurden gefährliche Waffen wie Leatherman Tools oder Taschenmesser einbehalten. Gelagert in versiegelten Kunststofftüten und versehen mit dem Namen des Besitzers harrten sie auf dessen Rückkehr. Ein merkwürdiges Gefühl. Aber irgendwie typisch für diese Messe, auf der manches Buch mehr Sprengstoff beinhaltete als der Gürtel eines dogmatisierten Selbstmordattentäters…

BM09_aufwaerts

Wir werfen uns wieder ins Getümmel. Diesmal ist es schlimmer als an den Vortagen. Ob es nur am sonnigen Herbstwetter liegt? Jedenfalls geht es weiter aufwärts mit der Buchbranche, ungeachtet aller Google-Bücherscans, elektronischer Medien, Internet oder E-Books. Apropos E-Books…

BM09_HanvonWiseReader

E-Book-Reader vermochten auch auf dieser Buchmesse nicht wirklich zu reüssieren. Die bekannten Teile von Sony, Amazons mittlerweile via USA lieferbares neues Kindle oder Hanvons mit 189 EUR vergleichsweise preisgünstiger WiseReader blieben mehr oder weniger unbemerkt. Dafür scheint sich ein anderer Trend vermehrt Bahn zu brechen: Das deutlich preiswertere Herunterladen von Büchern auf iPhone oder Blackberry.

BM09_MobileBooks

Sogenannte Mobilebooks, wie sie speziell unter dem Label Blackbetty – mit so deutlichem wie bewusstem Anklang an die Blackberry Smartphones – präsentiert werden, könnten tatsächlich lachender Gewinner des Bookreader-Fehlstarts von Sony & Co sein.

BM09_Blackbetty

Der Blackbetty-Messestand direkt am Eingang der Halle 3 stieß jedenfalls insbesondere beim jüngeren Publikum auf großes Interesse. Dessen ungeachtet ziehen wir außer vielleicht zu wissenschaftlichen Zwecken die überlegene Haptik eines gebundenen Buches noch vor. „Schmökern“ elektronisch? Das leisten die aktuellen Bookreader vorläufig noch nicht.

BM09_Hoerbuchverlage

Was hingegen den ganz großen Auftritt hatte auf der diesjährigen Buchmesse, waren die Hörbücher. Hier ist der Boom offensichtlich. Ein äußerst ausgedehnter Gemeinschaftsstand der Hörbuchverlage spricht hier Bände.

BM09_Treppen_klein

Wir zwängen und drängen uns durch das Rolltreppenlabyrinth (ein Klick auf obiges Foto enthüllt das Chaos im Großformat) und suchen nach spannenden Kleinverlagen in Halle 4.

BM09_KWS_Lesung

Und wir werden fündig. Diesmal nicht bei unseren Lieblingen wie etwa dem Verlag Klaus Wagenbach. Sondern nach beeindruckender Lesung bei einer Stiftung, die sich der Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene verschrieben hat. Ein sehr löbliches Ansinnen in einer Zeit, die auch im Verlagswesen von Konsolidierungen und Fusionen geprägt wird.

BM09_KurtWolfStiftung

Deshalb an dieser Stelle als (An)lesetipp ausnahmsweise mal ein Katalog. Nämlich der Katalog der Kurt-Wolff-Stiftung. Darin versammelt die Werke von mehr als 50 unabhängigen Kleinverlagen mit einem so bunten wie spannenden Programm. Der Katalog mit dem programmatischen Titel „Es geht um das Buch“ wird in einer 30.000er-Auflage produziert und kann gegen geringe Gebühr direkt bei der Stiftung oder beim örtlichen Buchhandel bestellt werden.

BM09_Leseinsel

Damit ist dann schon mal eine gute Basis gelegt für die Bestückung der heimischen Leseinsel mit Büchern, die weniger die Top Ten der Bestsellerlisten schmücken als vielmehr etwas abseits des literarischen Mainstreams vielleicht ganz neue Einsichten vermitteln.

BM09_HilmarHoffmann

Beim Rückweg stolpern wir dann fast über einen der zahlreichen Prominenten, mit denen sich die Buchmesse ziert. In diesem Fall war’s Hilmar Hoffmann, der am Stand des Frankfurter Societäts Verlags mit Verlagsverantwortlichen parlierte, stetig versorgt mit Sekt und Schnittchen. Nichts, was uns zum Anhalten anhielt. Zumal wir langsam unter der immer stickigeren Luft in den Messehallen litten. Wir suchen den Weg nach draußen…

BM09_Allee

…und genießen im riesigen Atrium des Frankfurter Messegeländes ganz unvermutet grüne Ausblicke. Ah, das tut gut! Zumal bei strahlendem Sonnenschein. Wir lustwandeln ein wenig, verarbeiten in Gedanken das Gesehene und…

BM09_AppleBus

…stehen unvermutet vor einem Bus. Nicht irgendeinem Bus, sondern ausgerechnet – unsere Apple-Affinität sollten unseren Lesern ja von etlichen kalifornischen Messereportagen bekannt sein – vor einem ausgemusterten Bus der Cupertino Highschool. Witzig. Dahinter verbirgt sich ein Medienprojekt, das uns durchaus ambitioniert erscheint. Auch wenn die Website einleitende Informationen vermissen lässt. Mit nostalgischen Gefühlen wenden wir uns Richtung Ausgang.

BM09_Vertriebskabine

Mit stillem Mitleid für das Verlagspersonal, das an den hitzigen Messetagen in überfüllten Hallen Vertriebspartner in beengten Kabinen bedienen muss, streben wir dem Ausgang zu.

BM09_Grippe

Während wir das Gesehene rekapitulieren, uns posthum über ein erstaunliches Link auf der Homepage der Buchmesse amüsieren und unsere umfängliche Bücher-die-man-gelesen-haben-muss Liste durchgehen, sind wir uns trotz schmerzender Fußsohlen einig: Wir werden auch die 62. Frankfurter Buchmesse wieder besuchen. Bücher lohnen sich immer!

BM09_Wiedersehen

Damit beenden wir unsere diesjährige Reportage von der Frankfurter Buchmesse. Wir hoffen, es hat gefallen und wir konnten dazu beitragen, dass zumindest einige unserer Leser, die keine Gelegenheiten gefunden haben, selbst in Frankfurt zugegen zu sein, einen Eindruck vom gebotenen bekamen. Ein kleiner Video-Zusammenschnitt unserer Messe-Sichtungen wird Anfang der kommenden Woche noch nachgereicht. Auf Wiedersehen und viel Spaß beim Schmökern!

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2 Antworten zu “Frankfurter Buchmesse 2009 (4)”

  1. 18. Oktober 2009 um 23:33:48 | Jürgen sagt:

    Herzlichen Dank für Eure Berichte aus Frankfurt! Sehr interessant für mich, da ich nur einen Tag vor Ort sein konnte und ich so zumindest einen Eindruck von vielem erhalten hatte, was ich mir bei meinem Gang über die Messe am Samstag[1][2] selbst nicht anschauen konnte.

  2. 19. Oktober 2009 um 17:31:51 | Schorsch sagt:

    >“Aber irgendwie typisch für diese Messe, auf der manches Buch mehr Sprengstoff >beinhaltete als der Gürtel eines dogmatisierten Selbstmordattentäters…“

    eine schöne formulierung. streicht sie doch die kraft der idee und des geistes heraus.
    gefällt mir

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