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Schokolade

Plädoyer für einen neuen Materialismus

Veröffentlicht in Gesellschaft, Mobilität | 12. Juni 2008 | 08:20:06 | Roland Müller

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Nanu, was solll das denn? Ein Autotest im Café Digital!? Das ist doch absurd, oder? Nein, liebe LeserInnen, ist es überhaupt nicht. Denn wir möchten eine Probefahrt, die wir vor ein paar Tagen gemacht haben, zum Anlass nehmen, um ein wenig an der Deutschen liebstem Kind, dem goldenen Kalb einer ganzen Nation, herumzukritisieren. Um genauer zu sein: Wir werfen einen zugegebenermaßen leicht sarkastischen Blick auf das bevorstehende Aussterben solcher Dinosaurier und räsonieren über mehr oder weniger exotische Alternativen zur Erhaltung der individuellen Mobilität in Zeiten, wo der Spritpreis entfesselt die 2-Euro-Marke anstrebt. Dass small ausgesprochen beautiful sein kann, wenn die Kleinheit so intelligent, variabel und designverliebt daherkommt wie beim neuen Daihatsu Materia, sollte für jeden SUV-Fan Anlass sein, ernsthaft darüber nachzudenken, was er oder sie wirklich braucht, um im Alltag eine gute Figur zu machen – 500 PS und 1.000 Newtonmeter sind dazu jedenfalls nicht nur nicht notwendig – sie sind einfach obszön…

Als Autor des folgenden Tests, das gebietet die Fairness, muss ich gleich eingangs gestehen, dass ich selbst ein SUV bewege. Einen Volvo. Getrieben von zunehmendem Zweifel über Sinn und Zweck eines solchen 2,2 t schweren Gefährts und dessen ethische Rechtfertigung, habe ich deshalb vor wenigen Tagen kurzentschlossen zum Telefonhörer gegriffen, um mit einem nahegelegenen Daihatsu-Händler einen Probefahrttermin zu vereinbaren. Warum Daihatsu? Warum der Materia? Nun, das wird der folgende Bericht ja vielleicht deutlich machen.

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Wenn man von dem etwas nervigen Grünmetallic mit der knalligen Händlerreklame absieht und sich die Abmessungen des Materia vor Augen führt, kommt man erst einmal ins Grübeln: In welche Schublade passt dieses Gefährt? Es ist weder Kleinwagen noch Vertreter der Kompaktklasse. Es verfügt (wahlweise) über einen Allradantrieb, ist aber kein SUV. Es ist zu kompakt für einen Van und zu unkonventionell für einen Kombi. Jenseits des großen Teichs würde man den Materia vielleicht als Box Car bezeichnen (siehe Toyotas Scion Xb), hierzulande hilft man sich mit dem Begriff Mikro-Van.

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In der Tat wirkt der 3,80 m kurze, aber gut 1,63 m hohe und 1,69 m breite Materia ungewöhnlich massig, ein wenig wie ein Terrier. Gemessen an der schon traditionellen Phantasielosigkeit herkömmlicher Kompakter, insbesondere aus deutschen Landen, ist dies fast so etwas wie ein Schock.

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Macht man dann die Heckklappe auf, wird klar: Ein solches Fahrzeug kann nur im fernen Osten entstanden sein. Was „gefühlt“ die Gesetze der Physik auf den Kopf zu stellen scheint, ist auch rein rechnerisch durchaus beeindruckend – der Materia scheint innen größer als außen. erreicht wird dies durch einige recht clevere Tricks wie beispielsweise die um volle 16 cm verschiebbare Rücksitzbank. Beinfreiheit wie in der S-Klasse herzustellen oder Platz für den schnell hingeworfenen Einkauf zu schaffen, beides kostet nur Sekunden. Vollkommen plan umgelegt schafft die asymmetrisch geteilte Rücksitzbank einen durchaus beeindruckenden Stauraum von maximal 1000 Litern Volumen (619 Liter, wenn man nicht dachhoch lädt). An Staufächern, Getränkehaltern und derlei herrscht ebenfalls kein Mangel. Die sehr ordentliche Höhe und Breite, die sich durchaus mit einem Mittelklasse-SUV vergleichen lässt, trägt das Ihre zum ungewöhnlichen Raumeindruck bei.

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Gut, Die mittig angeordneten Armaturen mögen nicht jedermanns Sache sein. Nach ein paar Kilometern jedoch hat man sich daran gewöhnt. Denn die Sicht nach vorne, über die kurze, bullige Motorhaube hinweg, ist dadurch umso freier. Wie überhaupt alles genau an dem Platz ist, an dem man es intuitiv erwartet. Insofern war ich doch sehr überrascht, dass ich gleich nach dem Start das Gefühl hatte, nie in einem anderen Auto gesessen zu haben. Erstaunlich.

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Also gut, schließen wir alle Türen und fahren wir einfach los. Mal sehen, wie sich die 103 PS des 1,5-l-Benziners anfühlen. In manchen Tests stand ja etwas von einer gewissen Anfahrschwäche zu lesen…

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Also ich kann keine solche Anfahrschwäche bemerken. Ganz im Gegenteil! Verglichen mit den immerhin 185 Diesel-PS meines Volvo und dessen 350 und mehr Newtonmetern Drehmoment aus einem ganzen Liter mehr Hubraum sprintet der Kleine los wie ein Gocart! Kunststück, der drehfreudige, aber oben herum etwas zähe Vierzylinder muss ja auch keine zweieinhalb Tonnen bewegen. Ich fühle mich spontan zuhause und genieße auf den Landstraßen im Taunus das flinke, aber nicht übertrieben sportliche Herumkurven. 140 km/h auf der A66 sind genau so stressfrei zu fahren wie 170 km/h im Volvo und eingedenk der Verkehrsdichte vollkommen ausreichend. Unnötig, den Materia auf seine 172 km/h Spitze zu quälen. Dem Verbrauch des robusten Vierzylinders täte das eh nicht gut. Mit einem halbwegs intelligenten Gasfuß sollten sich Verbräuche von unter 6 Litern auf 100 km realisieren lassen. Weniger wäre sicher noch besser. Aber dafür kostet der Materia nicht einen Arm und ein Bein. Sondern gerade mal 15 bis 17 Kiloeuro. Wenn‘ nicht das callaweiße Sondermodell White X sein soll, für knapp 20 Kiloeuro, dann aber mit Leder, beheizbaren Frontsitzen und allerlei Designzubehör vorwiegend fürs Auge. Ich für meinen Teil würde wohl schlichtes Arktissilber oder Schwarz bevorzugen und die 1,5-l-Allradversion. Apropos… vielleicht sollte ich einen ganz wichtigen, rein emotionalen Punkt doch noch ansprechen: Im Gegensatz zu jedem mir bekannten von der Preisklasse und darüber hinaus vergleichbaren Automobil hat der Materia allen theoretischen Alternativen eines voraus: Er ist originell! Er polarisiert! Und man kann sich in ihm auch dort sehen lassen, wo normalerweise ökonomische Vernunft und Schwimmen gegen den automobilen Mainstream als spießig oder langweilig abqualifiziert wird. Doch, der Kleine macht richtig was her! Und das ist in einem Land, das Automobile zum sterngeschmückten goldenen Kalb hochstilisiert, ein nicht zu unterschätzendes Argument.

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Fazit also: Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, mich von meinem Dicken Elch zu trennen und mir einen Materia anzulachen. Es lebe der neue Materialismus!

Nachtrag: Wer sich einen amüsanten Test des Materia durchlesen mag, der tut dies bei TimesOnline, wo ein britisch-launiger Jeremy Clarkson den Materia mit der Unterzeile „Just a couple of tweaks and it’s an iPhone on wheels“ charakterisiert und damit eine gewagte Brücke schlägt zwischen einem anderen Café Digital Lieblingsthema und dieser vierrädrigen Kultkiste. Wer hingegen ganz der ratio verpflichtet ist, lässt sich alle seine Vorurteile hier bestätigen und ordert lieber einen Opel Meriva…

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5 Antworten zu “Plädoyer für einen neuen Materialismus”

  1. 15. Juni 2008 um 00:34:42 | Sebastian Kühn sagt:

    Sehr schöner Beitrag über diesen außergewöhnlichen Vertreter der Automobilszene. Es ist wie mit vielen Dingen:
    „Have it or hate it.“ Aber ich finde das Konzept mutig und durchaus akzeptabel.

    Viele Grüße !
    Sebastian

  2. 17. Juni 2008 um 16:41:25 | Thyl Engelhardt sagt:

    Ach Roland, das Ding kann man ja schier nicht ansehen. Und ich bin verdammt sicher, dass Du Ästhet bist. Bitte bitte, such noch ein bisschen nach Alternativen; sonst mache ich mir Sorgen.

    Sagt einer, dessen Eltern sich mittlerweile 2 Daihatsus gekauft haben (Move und Sirion)

  3. 18. Juni 2008 um 14:09:47 | Roland sagt:

    Hallo Thyl,

    na, sooo schlimm ist der Materia aber nun doch nicht 😉 In Silber Metallic oder Calla Weiß finde ich ihn absolut gelungen, wenn auch alles andere als Mainstream. Gottseidank! Leider sind weit und breit hierzulande keine Alternativen in Sicht. Vielleicht der Nissan Cube, wenn er denn mal käme. Die ganzen Skoda Roomster oder Peugeot Teepee oder wie sie alle heißen, sind einfach todlangweilig!

  4. 18. Juni 2008 um 19:23:41 | warlord sagt:

    Würde mich eigentlich auch als Ästhet bezeichnen und finde gerade auch vom ästhetischen Standpunkt her, dass der Materia zu den absolut genialsten Würfen in der Geschichte der Automobilherstellung gehört. Kein Witz. Allmählich müssen sich die Europäer wirklich warm anziehen. Bisher war das Design ja noch jener Punkt, in welchem man die Nase vorne hatte. Aber welcher europäische Hersteller hat einen Kleinwagen im Angebot, der den vorhandenen beschränkten Platz ideal ausnutzt (und nicht mit möglichst vielen Rundungen weiter zu verschwenden sucht) und so dem „form follows function“ Prinzip gehorchend trotzdem ein ausgewogenes, stimmiges und gleichzeitig unverwechselbar charaktervolles Design aufweist? Keiner. (Na gut, vielleicht der Mini Clubman.) Daihatsu ist da wirklich ein einmaliger Wurf gelungen. Chapeau. Hätte ich nicht unbedingt erwartet von Daihatsu.

  5. 25. Juni 2008 um 11:41:53 | Joachim sagt:

    Diese Teile fahren in Japan seit Jahren zuhauf herum. Vorwiegend in weiß und von verschiedenen Herstellern. Gut, daß man nun endlich den Sprung nach Europa wagt.

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