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Schokolade

Frankfurter Buchmesse 2016 (Teil 2) – sichtlich unübersichtlich

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 20. Oktober 2016 | 18:04:47 | Roland Müller

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Zweiter Messetag. Wir stürzen uns wieder mitten hinein ins unübersichtliche Getümmel von Verlagspersonal, Hostessen, Fachbesuchern, Autoren und Schulklassen. Und diesmal haben wir uns das Ziel gesetzt, Neuerscheinungen zu entdecken, die mit literarischem Anspruch die Besonderheiten unserer Jetztzeit erforschen oder daraus wahrscheinliche Zukünfte ableiten. Bücher also, die Internet und soziale Medien, Hackerkultur und Coding, das was kommt und das was hoffentlich nicht kommt, beleuchten. Bücher auch, vor denen man sich in acht nehmen sollte…

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Was uns stattdessen begegnet, ist der freundliche Mief viktorianischer Lesekultur, dekorativ auf Pappe gedruckt und flächig zur Verschönerung eines Messestandes drapiert. Nein, das ist es nicht, wonach wir heute Ausschau halten.

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Lifestyle Gärten gehören diesmal auch nicht zu unserer Jagdbeute, nicht einmal, wenn sie so opulent in Szene gesetzt werden wie im gleichnamigen Bildband des BLV Buchverlags.

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Selbst wenn uns vom h.f.ullmann Verlag Engel und Teufel in zwei monumentalen Prachtbänden namens ANGELUS und DIABOLUS präsentiert werden, vermag das nicht unseren Appetit aufs Diesseitige, Jetztzeitige und Zukünftige zu stillen. Engel, Teufel und Dämonen mögen in der christlichen Kunst des Abendlandes einen bedeutenden Stellenwert haben, unbestritten, doch uns treibt die Suche um nach den Engeln und Teufeln der Digitalisierung.

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Jakob Augstein und Nikolaus Blome setzen sich zwar in ihrer eingespielten polemischen Art mit einigen Dämonen der Deutschen auseinander, aber selbst die sind eher gestriger Natur. Wenn nicht sogar vorgestriger. Der Freitag bringt’s schön auf den Punkt, was dahinter steckt.

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Und wenn wir bei unserer verzweifelten Suche schon die Dämonen des Ewiggestrigen zitieren müssen, dann steht jener eine Österreichflüchtling auch auf dieser Buchmesse wieder einmal im Fokus. Wenn auch in jenem von WELT Chefredakteur Stefan Aust, der zugegebenermaßen profund die Geschichte von Konrad Heiden recherchiert hat, der seinerzeit als erster Journalist Hitlers Aufstieg und den seiner Partei beobachtet und kommentiert hatte und sich aufgrund daraus gewonnener Einsichten zum entschiedenen Gegner der Nationalsozialisten entwickelte. Wir suchen weiter…

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…erfreuen uns wie alle Jahre wieder an der Architektur des Droemer-Knaur Standes. Wohlwissend, dass wir hier ganz gewiss nicht fündig werden.

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Schließlich stoßen wir eine Ecke weiter auf Armstrong, das wohl schönste und lesenswerteste Kinderbuch der diesjährigen Messe. Erdacht und illustriert vom unvergleichlichen Torben Kuhlmann, der uns in die viel zu lange weitgehend geheim gebliebene Welt der mäusischen Eroberung des Weltalls hineinzieht. Tolles Buch. Und unbedingt ein Lesetipp – unser siebter. Und vielleicht ja ein Hinweis darauf, dass wir unserem eigentlichen Ziel näher kommen?

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In der Tat! Marc Elsbergs HELIX Sie werden uns ersetzen kommt unseren Erwartungen schon etwas näher. Eine gewagte Fiktion der nahen, vielleicht sehr nahen Zukunft, die uns fesselt. Nach Blackout und Zero legt Elsberg hier noch einmal nach und taucht tief ein in die Möglichkeiten der Genetik, wenn sie denn von moralischen Fesseln befreit wäre. Spannend. Unser achter Lesetipp. Langsam schöpfen wir Hoffnung.

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Wir lassen Just Brick it! aus dem Piper Verlag links liegen, auch wenn David Scarfes abgedrehte Lego-Ideen Kids fast jeder Altersstufe zu begeistern vermögen. Allerdings auf Kosten des Auslebens eigener kindlicher Kreativität?

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Dafür lesen wir uns bei Luchterhand spontan fest in einem dünnbändigen Büroroman mit Titel Das Zimmer. Der schwedische Autor und Schauspieler Jonas Karlsson legt hier eine herrliche kleine Satire aus dem Alltag im Großraumbüro vor – von durchaus kafkaesker Güte – und entwickelt einen Plot, den jeder gerne nachvollzieht, der diese Form entfremdender Arbeitsumgebung schon am eigenen Leib erlebt hat. Herrlich. Unser neunter Lesetipp. Aber nicht das, wonach wir auf der Suche sind…

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Wer’s hingegen gerne eher rachsüchtig und weiblich liebt, für den könnte Maestra eine Empfehlung wert sein. Auch wenn uns die Handlung einen Tick zu sehr konstruiert scheint. Als Zerstreuungsliteratur aber kein schlechter Wurf, den die Britin L. S. Hilton als promovierte Kunstgeschichtlerin da präsentiert. Allerdings aufgrund der erwähnten Einschränkung auch kein wirklich großer.

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Am Stand der Süddeutschen Zeitung stolpern wir über den omnipräsenten Heribert Prantl – Ressortleiter Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung – und einen uns bisher unbekannten Niederländischen Historiker und Autor namens Luuk van Middelaar. Das wohlfeile Thema: Europa. Prantl präsentierte sein Bekenntnis zu Europa unter dem bezeichnenden Titel Trotz alledem. Europa muss man einfach lieben, erschienen bei Suhrkamp. Während sein holländischer Kollege sein Werk deutlich deskriptiver mit Vom Kontinent zur Union. Gegenwart und Geschichte des vereinten Europa. betitelt. Erschienen in der Edition suhrkamp. Beide Bücher empfehlen wir uneingeschränkt als Basislektüre all jenen, die immer wieder meinen, an Europa zweifeln zu müssen.

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Wir wechseln hinüber zur Halle 4.1, immer noch unzufrieden mit unserer Ausbeute an wegweisenden Neuerscheinungen, die sich mit den digitalen Aspekten unseres Hier und Jetzt auseinandersetzen. Auch die Nominiertenliste des Schweizer Buchpreises hilft uns nicht weiter. Obwohl einer der großen literarischen Würfe des Jahres diese Liste ziert: Christian Krachts bei Kiepenheuer & Witsch erschienenes Meisterwerk Die Toten. Was jederzeit verdient, unser zehnter Lesetipp zu sein.

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Ja, und dann endlich, endlich entdecken wir einen Titel, der in unser heutiges Beuteschema passt: Ich hasse dieses Internet. Herrlich. Da muss man doch einfach zugreifen. Jarett Kobeks bei S. Fischer erschienener „nützlicher Roman“ spielt in San Francisco, uns wohl vertraut, und ist nicht weniger als eine so zornige wie brillante Abrechnung mit all dem, was die Digitalisierung an uns und mit uns anrichtet. Als Novelle verpackte Polemik vom Feinsten. Entdecken wir da einen amerikanischen Houellebecq? Fast hat es den Anschein. Unbedingt lesen! Unbedingt unser elfter Lesetipp!

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Und siehe da: jetzt flutscht es. Gleich nebenan fällt uns Follower in die Hände. Der neue Roman von Eugen Ruge. Auch er erhebt in diesem rasanten Thriller wutentbrannt die Faust gegen die digitale Welt. Und zwar eine zukünftige, für deren Wahrscheinlichkeit durchaus einiges spricht, sieht man heute schon genauer hin. Sehr, sehr lesenswert. Wir beginnen verhalten zu hoffen, dass unsere Jetztzeit doch beginnt, in die Köpfe der zeitgenössischen Autoren einzudringen. So oder so: unser zwölfter Lesetipp.

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Wir ziehen weiter, statten unserem heimlichen Lieblingsverlag Klaus Wagenbach den obligatorischen Besuch ab. Eigentlich nur, um in den handlichen, auch inhaltlich bibliophilen Büchlein der roten SALTO Reihe zu blättern. Und dann das…!

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Gerade hier Pola Oloixaracs Kryptozän anzutreffen, das hatten wir nicht erwartet. Die in Südamerika teils gefeierte, teils verfluchte Autorin liegt damit endlich in einer qualifizierten deutschen Übersetzung vor. Dazu gibt’s ein nettes Blog. Für uns gehört Kryptozän in eine neue Kategorie von Novellen, die es erfolgreich versuchen und auch schaffen, unsere digitalisierte, von Apple, Google und Co. dominierte Welt in einer angemessenen Weise zu bespiegeln, zu hinterfragen und weiterzudenken. Wenn es jenseits des Cyberpunk so etwas wie einen Hackerroman als Genre gibt, dann ist es dieser. Unser dreizehnter Lesetipp.

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Wer sich zusätzlich noch eine Prise Shitstorm reinpfeifen möchte, dem kann ebenfalls geholfen werden. Von Jon Ronson. In Shit-Gewittern widmet sich einer der unerfreulichsten Begleiterscheinungen der sozialen Medien, dem losbrechenden Shitstorm bei der kleinsten nonkonformen Äußerung. Ronson, ein Journalist, analysiert die Mechaniken des digitalen Prangers und seines oft sehr bewussten Missbrauchs. Und er zeigt die Auswirkungen auf den Einzelnen auf. Ob diese Lektüre unsere digitale Welt wenigstens ein klein wenig besser zu machen vermag, darf bezweifelt werden. Fällig war diese Abrechnung allemal. Deshalb unser Lesetipp Nummer 14.

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Nachdem wir so zu guter Letzt unser Tagesziel doch noch erreicht haben, schlendern wir entspannt und ein wenig ermattet wie der Jäger nach dem Ausweiden seiner Beute Richtung Ausgang. Am Stand von Warrior Cats stören wir ein fröhlichen Shooting mit Fans der Serie. Was diese aber in keiner weise abtörnt.

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Und damit lassen wir es dann für heute auch gut sein. Während wir wie gewohnt gegen den Strom dem Ausgang zustreben, versprechen wir Euch und uns, dass wir auch morgen wieder mit einem Messebeitrag online gehen werden. Dann wird sich allerdings alles um den doppelten Ehrengast der diesjährigen Buchmesse drehen – Flandern und die Niederlande. Bis dann Euch allen einen schönen Abend!

 

 

 

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