Kamera
Schokolade

Heute in der Paulskirche…

Veröffentlicht in Gesellschaft, Politik | 09. November 2014 | 23:37:16 | Roland Müller

NeunterNovember

Es ist wieder so weit. Ganz Deutschland jubelt. Lauthals, voller Emphase und voller Begeisterung über die eine unblutige deutsche Revolution, die – nein, nicht wir! – unsere ostdeutschen Landsleute vollbracht haben. Ohne Zweifel ein Ereignis von historischer Tragweite. Und doch… ganz schleichend gerät vor der auch in den Medien plakativ inszenierten Wiedervereinigung die Tatsache ins Hintertreffen, dass eben dieser 9. November nicht nur anno 1989 Geschichte geschrieben hat. Sondern gleich vier Mal in der deutschen Geschichte des blutigen 20. Jahrhunderts…

TrudeSimonssohn

Am 9.11.1918 beginnt in Berlin die sogenannte Novemberrevolution, ausgelöst durch die bevorstehende Niederlage des Deutschen Reichs im 1. Weltkrieg. Am 9.11.1923 sorgt der Hitler-Ludendorff-Putsch in München dass der Nationalsozialismus erstmals über Deutschlands Grenzen hinweg wahrgenommen wird. Das gleiche München übrigens, das sich heute, anno 2014, mit Mehrheitsbeschluss dem Setzen von Stolpersteinen mit den Namen ermordeter jüdischer Mitbürger widersetzt. Man könnte da ins Grübeln kommen, bedenkt man zudem die Kette von Justizskandalen, die aus dem Freistaat in unsere Wahrnehmung schwappt… Doch zurück in die Vergangenheit: Die Lawine kommt ins Rollen, um am 9.11.1938 in der Reichsprogromnacht ihren ersten unseligen Höhepunkt zu gebären. Und es ist aus gutem Grunde schon so, dass wir Spätgeborenen uns kaum vorzustellen vermögen, dass einer ganzen geschundenen und verlorenen Generation jüdischer Mitbürger – so sie denn den mit kalter, bürokratischer Präzision durchgeführten Massenmord überlebt haben – dieses Datum hundertmal wichtiger und unauslöschlicher erscheinen muss als das ungläubige Frohlocken an jenem 9.11.1989, als mit der Mauer zugleich ein ganzes System der Unterdrückung zu Staub verfiel. Trude Simonsohn, eine der noch lebenden Augenzeuginnen von Reichsprogromnacht und anschließender Shoah, wird nicht müde, Jugendlichen in Schulen aus eigener Anschauung zu erzählen, was war und wie es war. Und das ohne persönliche Bitterkeit, nur getrieben von dem Willen, Bekenntnis abzulegen und das ihr Mögliche zu tun, um Heranwachsenden vor Augen zu führen, was geschah. Nicht von ungefähr war sie heute anwesend, als in der Paulskirche zu Frankfurt am Main der Ereignisse jenes 9. November 1938 gedacht wurde.

PeterFeldmann

Eingeleitet von der obligatorischen Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Frankfurt, Peter Feldmann. Zwar las er seine Rede auch in diesem Jahr wieder ab, aber immerhin hat er inzwischen ein wenig an seiner Intonation gearbeitet. Auch wenn er sich hier und da noch verhaspelte. Das ist leider ein Nebeneffekt, wenn man sich seine Reden schreiben lässt und insofern verzeihlich. Der Inhalt? Nun, der war, wie er bei solchen Reden zu sein pflegt: politisch korrekt, anschaulich weil an Zeitdokumenten festgemacht, aber nicht unbedingt bewegend.

LeoLatasch

Als Prof. Dr. Leo Latasch ans Rednerpult trat, änderte sich das. Der renommierte Mediziner und Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main entwarf ein erschreckendes Panorama des aktiven Mitläufertums seines Berufsstandes während der Nazidiktatur, untermauert durch erstaunlicherweise niemals langweilende statistische Daten und erschreckende Biografien nazideutscher, zutiefst mit den barbarischen Geschehnissen des Dritten Reiches verstrickter Ärzte. Erschreckend die Tatsache, dass zahllose Ehrenpräsidenten ständischer und sonstiger Ärztevereinigungen es im Nachkriegsdeutschland bis tief in die neunziger Jahre hinein geschafft hatten, ihre Karrieren munter weiterzuspinnen. So, als sei nichts gewesen. Nicht zuletzt deswegen, weil von Hartmannbund bis Max-Planck-Gesellschaft wider besseres Wissen weggeschaut, geleugnet und unter den Teppich gekehrt wurde, was das Zeug hielt. Sicher eines der dunkelsten Kapitel unserer jüngeren Geschichte, bedenkt man, was der hippokratische Eid bzw. das weniger bekannte Genfer Ärztegelöbnis von Ärzten einfordert. Uns als Zuhörern war jedenfalls nicht präsent, dass bspw. erst anfangs des 21. Jahrhunderts der Hartmannbund ernsthaft begonnen hat, seine schlammbraune Vergangenheit aufzuarbeiten. Unglaublich!

BuddyElias

Und dann trat Buddy Elias ans Rednerpult. Mein Gott, ich wusste noch nicht einmal, dass die Familie Anne Franks so weit verzweigt und über vier Jahrhunderte so tief verwurzelt war in Frankfurt. Buddy Elias, vital und eloquent wie nur wenige 89jährige, zog das gedenktagsgewöhnte Publikum in seinen Bann. Weniger, dass er über seine Cousine referierte als vielmehr die hoch emotionalen Rückblicke, das spontane sich Hineinversetzen in die eigene Jugend als 5jähriger, die er in seine Rede einflocht, hin und her springend zwischen dem Damals und dem Jetzt, erweckte der Schauspieler, Holiday-on-Ice Clown und Mensch mit immer noch verwunderten Kinderaugen das zum Leben, was auch Anne Frank in ihrem erschütternden Tagebuch so plastisch zu schildern vermochte. Es lohnt sich, hier, hier und hier nachzulesen, was und wie er empfand, damals, als er mit Anne nicht nur einen zutiefst geliebten Teil seiner Familie verlor, sondern auch ein Stück von sich selbst. Um so bemerkenswerter, um so beeindruckender die Fröhlichkeit, mit der er sein Leben bejaht und die Entschlossenheit, mit der er das Andenken der Familie bewahrt und sich für die Erneuerung der familiären Verbindung zu „seiner“ Geburtsstadt einsetzt. Das Familie Frank Zentrum in der Seckbächer Gasse in Frankfurt legt Zeugnis ab über vier Jahrhunderte jüdischer Familientraditionin der Franks, Cahns und Sterns in der traditionell liberalen Mainmetropole. Allein um diesen Buddy Elias zu sehen und zu hören, hat sich unser heutiger Besuch in der Paulskirche gelohnt und wird nachhaltiger sein als jeder einzelne der heliumgefüllten Ballons, die nahezu zeitgleich in Berlin in den Himmel stiegen, um 25 kurze Jahre nach dem 9.11.1989 den Mauerfall erneut zu zelebrieren. Das eine wie das andere hat seinen historischen Sinn. Doch das eine soll und darf niemals im Schatten des anderen verschwinden!

 

 

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