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Wer ist Barack Obama? – Eindrücke aus der Lektüre seines Buches ‚The Audacity of Hope‘

Veröffentlicht in Gesellschaft, Medien | 02. März 2008 | 19:07:55 | Roland Müller

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Noch während unseres Aufenthaltes in der Bay Area vor wenigen Wochen hatte ich mir das zweite Buch – und zugleich wohl auch der zweite Bestseller – Barack Obamas, des derzeit wohl hoffnungsvollsten demokratischen Kandidaten um die Präsidentschaftskandidatur in den USA gekauft. Im Original. Und ursprünglich eigentlich nur als zerstreuende Reiselektüre für den Rückflug. Schließlich möchte man ja wissen, mit wem man es da zu tun hat, nachdem immer mehr Vorzeichen dafür sprechen, dass dieser Mann etwas haben muss, was anderen Kandidaten im laufenden Vorwahlkampf zu fehlen scheint. The Audacity of Hope – der Titel ist in der deutschen Ausgabe mit „Hoffnung wagen“ eindeutig zu profan übersetzt – sollte mir Aufschluss geben, was diesen von vielen Beobachtern als „schwarzer Kennedy“ bezeichneten Senator aus Illinois antreibt. Davon soll in dieser Rezension die Rede sein. Und von den möglichen Implikationen, die das nicht zuletzt auch für uns haben wird…

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Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis lässt bereits vermuten, dass ‚Audacity of Hope‘ – worin übrigens eher Dreistigkeit, Unverfrorenheit und Kühnheit mitschwingt als das betuliche „wagen“ der deutschen Übersetzung – durchaus eine Art programmatischen Rundumschlag darstellt. Die Kapitelüberschriften Republicans and Democrats, Values, Our Constitution, Politics, Opportunity, Faith, Race, The World Beyond Our Borders und schließlich Family geben bereits einen ersten Hinweis darauf, dass Obama antritt, klarzulegen, wie er zu den wesentlichen Themenbereichen der US-Gesellschaft, ihrer politischen und ihrer Werte-Ausrichtung steht. Ich gebe unumwunden zu, dass ich nach Überfliegen dieses Inhaltsverzeichnis das Übliche erwartet habe: Belanglose, allgemein gehaltene Statements auf mehr oder weniger professionellem Pressemitteilungs-Niveau und ein mehr oder weniger langweiliges Abarbeiten eines Parteiprogramms. Doch weit gefehlt!

Ein Politiker, der schreiben kann

Bereits der Prolog kommt mit einer Intimität daher, die für jeden, der vergleichbare Druckwerke von Helmut Schmidt bis Gerhard Schröder (vom „Dicken“ mal ganz abgesehen) angelesen hat, um sie nach 50 Seiten gelangweilt wieder ins Regal zurück zu stellen, schockierend wirkt. Ungewohnt. Und, ich muss es zugeben, fesselnd! Da, das weist auch meine Recherche aus, war kein Ghostwriter am Werk! Der Mann hat aus sich heraus, mit eigener Hand und eigenen Worten, aus tiefster persönlicher Überzeugung und ohne jedes Beschönigen das niedergeschrieben, was ihm wichtig ist. Sehr privat, ja intim, manchmal nahe an einem Outing und mit einem wirklich ungewöhnlichen Talent zu einer einfachen, bildhaften, buchstäblich in die 375 Seiten hineinziehenden Sprache. Mit zunehmender Faszination beginne ich mich „festzulesen“. Auf Seite 24 greife ich erstmals zum Bleistift, um eine Passage zu markieren. Und zwar diese: „They (Millions of Americans) are by turns hopeful and freightened about the future. Their lives are full of contradictions and ambiguities. And because politics seems to speak so little to what they are going through – because they understand that politics today is a business and not a mission, and what passes for debate is little more than spectacle – they turn inward, away from the noise and rage and endless chatter.“ Kann es sein, dass hier jemand den Daumen in genau die gleiche Wunde legt, die auch hierzulande offen schwärt? Noch unter dem Eindruck der Politspielchen nach der Hessenwahl dämmert in mir der Verdacht, dass dieser Barack Obama womöglich einer ist, dem tatsächlich der Kontakt zu den Menschen noch nicht verloren gegangen ist. Es stellt sich die Frage, ob seine Intention populistischer Natur ist oder ob er wirklich meint, was er sagt? Ich lese weiter, suche nach weiteren Belegen…

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Auf Seite 48 fallen mir zwei Passagen ins Auge, und ich beginne langsam zu verstehen, warum dem Mann nachgesagt wird, er habe womöglich das Potenzial, zu integrieren statt zu trennen, den tiefen und breiten Graben zwischen Arm und Reich, Unten und Oben, der in den USA seit Bush immer offensichtlicher klafft, zuzuschütten: „It is to say that after all the trappings of office – the titles, the staff, the security details – are stripped away, I find the president and those who surround him to be pretty much like everybody else, (…) No matter how wrongheaded I might consider their politics to be (…) I still find it possible, in talking to these men and women, to understand their motives, and to recognize in them values I share.“ Und das sagt einer, der erklärter politischer Gegner der amtierenden Regierung ist! Erstaunlich. Wenige Zeilen weiter unten finde ich dann einen sehr scharfsinnigen Satz, der genausogut auf hiesige Bundestagsverhältnisse zutreffen könnte: „Moreover, most people who serve in Washington have been trained either as lawyers or as political operatives – professions that tend to place a premium on winning arguments rather than solving problems. I can see how, after a certain amount of time, in the capital, it becomes tempting to assumethat those who disagree with you have fundamentally different values – indeed that they are motivated by bad faith, and perhaps are bad people.“ Dies scheint mir eine bemerkenswert präzise Beschreibung jenes politischen Mechanismus‘ zu sein, der Berufspolitiker früher oder später von ihren Wählern entfremdet. Zumal vor dem Hintergrund, dass Obama selbst gelernter Jurist ist.

Back to the roots

Insbesondere im Kapitel ‚Values‘ vertieft Barack Obama diesen Ansatz nun weiter und betont mit teils flammenden Worten, immer wieder aufgelockert durch persönliche Beobachtungen und Begebenheiten von seinen Reisen durch die USA, die bei aller politischen Divergenz bestehenden gemeinsamen Wurzeln in der US-Verfassung. Ein roter Faden übrigens, der sich durch das ganze Buch zieht. Dass dabei auch Humor und Selbstironie ihren Platz haben, verblüfft mich ebenso wie die einfache und präzise Sprache, mit der Obama an plastischen Beispielen die unerfreulichen Methoden des US-Wahlkampfs darstellt. Etwa, wenn er beschreibt, dass ihm sein Gegenspieler Ryan im Senatswahlkampf durchaus branchenüblich einen mit Videokamera bewaffneten Beobachter (ein junger Mann namens Justin) auf den Hals geschickt hat, der ihn auf Schritt und Tritt verfolgte, in der Hoffnung, kompromittierendes Material zu erhaschen. Die Art und Weise, wie sich Obama dieses Angriffs erwehrte, nachdem besagter Justin ihm immer mehr auf die Pelle rückte, hat etwas: „With Justin fast on my heels, I strolled into the press office of the state capitol building and asked some of the reporters who were having lunch to gather round. „Hi, guys,“ I said. „I want to introduce you to Justin. Justin here’s been assigned by the Ryan campaign to stalk me wherever I go.“

Den Rest kann man sich denken. Der gute Justin wurde von der anwesenden Presse mit Fragen bombardiert und war von der Situation völlig überfordert. Die Story verbreitete sich blitzartig in allen Medien und beherrschte, gewürzt mit Cartoons und Kommentaren, eine volle Woche lang den Senatswahlkampf. Justin wurde natürlich zurück beordert. Und Senator Ryan machte keinen Stich gegen Barack Obama.

Menschenflüsterer und Wählerversteher

In gewisser Weise scheint mir diese Anekdote bezeichnend zu sein für Barack Obama. Vielleicht ist ja genau diese Direktheit, mit der er auf Menschen, auf Themen und auf Probleme zugeht, das, was die USA derzeit am dringendsten braucht? Das andere Wort dafür und für mich ein wichtiger Schlüssel zur Person Obamas ist Empathie – die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich in die Gedanken, die Gefühle und das Weltbild anderer hineinzuversetzen. Ein „soft skill“, das oft beschworen, aber selten praktiziert wird. Zumal in der Politik. Es kann gut sein, dass Obama da entscheidend geprägt wurde durch seine ihn praktisch alleinerziehende Mutter, deren Prinzip des „How would that make you feel?“ er sich zu eigen gemacht hat. Dies und eine gehörige Portion Selbstkritik, Selbstzweifel und ironisches Hinterfragen der eigenen Beweggründe ergeben – so mein Augenschein nach den ersten etwa 100 Seiten des Buches – einen Eindruck, der mit „der schwarze Kennedy“ nur unzureichend beschrieben ist. Denn das Charisma des Barack Obama, worauf der Kennedy-Vergleich ja primär abzielt, ist eine Sache. Die selbstkritische Klarheit der Gedanken, die sich in „Audacity of Hope“ widerspiegeln, eine ganz andere. Und mit der, so scheint es, erreicht er auch konservative Kreise.

Ideale in einer subidealen Zeit

Auffallend, aber auch erwartet, ist der mit großer Inbrunst vorgetragene Glaube an die Inhalte und die Ideen der amerikanischen Verfassung, den Obama nicht nur im Kapitel „Constituency“ beschwört, sondern der sich durch das ganze Buch hindurchzieht. Obama weiß nur zu gut, dass genau dies der gemeinsame Nenner ist, über den die Gräben in der US-Zivilgesellschaft zugeschüttet werden können. Wenn eine Regierung dies nur will. Was er der aktuellen Administration wohl aus gutem Grund abspricht. Und damit sind wir dann auch schon bei seinen Erkenntnissen bezüglich der Spielregeln, nach denen Politik per se zu funktionieren scheint. Es klingt durchaus desillusioniert, wenn er auf Seite 123 seine frühen Erfahrungen schildert: „Still, I was reminded (…) that every statement I made would be subject to scrutiny, dissected by every manner of pundit, interpreted in ways over which I had no control, and combed through for a potential error, misstatement, omission, or contradiction that might be filed away by the opposition party and appear in an unpleasant TV ad somewhere down the road.“ Gefolgt von der treffenden Beobachtung: „In an environment in which a single ill-considered remark can generate more bad publicity than years of ill-considered policies, it should have come to no surprise to me that on Capitol Hill jokes got screened, irony became suspect, spontaneity was frowned up, and passion was considered downright dangerous.“ Da hat wohl einer die medialen Spielregeln auf die harte Tour lernen müssen. Dass er sich gleich im Anschluss die Frage stellt, wie lange es wohl dauern möge, bis er selbst wie ein Politiker klingt, nötigt mir Respekt ab. Ebenso wie die Tatsache, dass er auf Seite 127 eine andere Eigenheit aktuellen politischen Handwerks anprangert, nämlich das beharrliche Ignorieren von Fakten, wenn es in den eigenen ideologischen Kram passt: „(…) sometimes there are facts that cannot be spun, just as an argument about whether it’s raining can usually be settled by stepping outside. The absence of even rough agreement on the facts puts every opinion on equal footing and therefore eliminates the basis for thoughtful compromise. It awards not those who are right, but those – like the White House press office – who can make their arguments most loudly most frequently, most obstinately, and with the best backdrop.“

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Ein Politiker, der zugleich Politikerschelte betreibt und Einsicht zeigt in die Zwänge, die Wahrhaftigkeit verhindern? Ist Obama ein Mann des „sowohl als auch“? Ist das sein Geheimnis, das Geheimnis der ihm zugeschriebenen Integrationsfähigkeit? Wenn er dieses Talent hat, den Wählern erklären zu können, dass die Welt nicht einfach ist, sondern komplex und dass politische Lösungen deshalb komplex sind und nicht einfach und in der Lage ist, dabei trotzdem wahrhaftig zu sein, dann wäre das ein weiteres Puzzlesteinchen zur Person des Barack Obama und eine Erklärung für seine Glaubwürdigkeit. Dass er zudem ein entschiedener Verfechter des Mindestlohns ist (siehe Seite 181), mag ihn in den Augen deutscher Politiker der „C“-Kategorie rötlich schimmern lassen, spricht aber durchaus für beachtlichen sozialen Realitätssinn in einem Land, das mehr noch als das unsere geneigt ist, jene durch das Raster fallen zu lassen, die nicht mit dem Ertrag eines Vollzeitjobs der Armut zu entfliehen vermögen.

Die Probleme gleichen sich, die Sprache nicht

So viel anders als bei uns ticken also die Uhren in den USA auch nicht. Auch wenn hier der Terminus „Soziale Sicherheit“ die Dinge meines Erachtens besser auf den Punkt bringt als unsere vielbeschworene „Soziale Gerechtigkeit“, die bereits vom Wortsinn her ein weißer Schimmel ist. Dazu passt dann auch, dass Barack Obama wenige Seiten später, während er seine Vorstellungen von besagter Social Security darlegt, Warren Buffetts frustrierten und verärgerten Ausspruch „If there’s a class warfare going on in America, then my class is winning.“ zitiert. Erstaunlich genug, dass ausgerechnet ein Vertreter der Milliardärsfraktion sich in seiner Kritik an der herrschenden Klasse einig weiß mit einem, der (übrigens im deutlichen Gegensatz zum Kennedyclan) aus der unteren Mittelschicht stammt. Und erneut schlägt Obama im Anschluss an die Schilderung seines Zusammentreffens mit Berkshire-Hathaway-Megainvestor Buffett die Brücke von dem in den USA herrschenden Ungleichgewicht und seinem Unbehagen darüber zu den gemeinsamen konstituierten Werten, wenn er auf Seite 192 sagt: „We have lost that balance (between self-interest and community, markets and democracy, the concentration of wealth and power and the opening up of opportunity‘, die Red.) in Washington, I think. With all of us scrambling to raise money for campaigns, with unions weakened and the press distracted and lobbyists for the powerful pressing their full advantage, there are few countervailing voices to remind us of who we are and where we’ve come from, and to affirm our bonds with one another.“

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Das Kapitel ‚Faith‘ (Glaube) in Obamas Buch birgt meines Erachtens ganz besonderen Zündstoff. Einen Zündstoff, den der beispielsweise in Sachen Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe liberal gesonnenen Senator durchaus einzuschätzen weiß. Trotzdem lässt er sich dadurch nicht den Schneid abkaufen, sich auch mit hartnäckigen, missionarischen Vertretern des Bible Belt erstaunlich sachlich auseinanderzusetzen (was mir gewiss nicht gelingen würde!). Beispiele finden sich in diesem Kapitel zuhauf. Und auch ein bezeichnendes Statement: „(…) given the increasing diversity of America’s population, the dangers of sectarianism have never been greater. Whatever we once were, we are no longer just a Christian nation; we are also a Jewish nation, a Muslim nation, a Buddhist nation, a Hindu nation, and a nation of nonbelievers.“
Den Satz, denke ich, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ebenso wie sein brillant formulierter Kritikpunkt an gängiger Argumentationspraktik militanter US-amerikanischer Abtreibungsgegner: „If I am opposed to abortion for religious reasons and seek to pass a law banning the practice, I cannot simply point to the teachings of my church or invoke God’s will and expect that argument to carry the day.“ Nein, lieben werden sie ihn gewiss nicht, die Kreationisten und militanten Evangelikalen. Aber vielleicht respektieren. Zumindest dies zu erreichen, wird für ihn in einem etwaigen Präsidentschaftswahlkampf gegen den Republikaner John McCain eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt werden.

Das Geheimnis, so zu sein wie man ist

Mir wird mit jeder Zeile klarer, wieso eine wachsende Zahl US-Amerikaner in Barack Obama einen Ausweg aus dem gesellschaftlichen, politischen und zunehmend auch wirtschaftlichen Dilemma sieht, in das acht Jahre Bush-Regierung das Land geführt haben: Der Mann spielt da nicht etwas vor, was er nicht ist. Er redet Klartext auch dort und dann, wo es politisch nicht unbedingt als korrekt gilt.

Beispielsweise wenn es um jene Bevölkerungsgruppe geht, die jüngst erst durch massive Demonstrationen auf sich aufmerksam gemacht hat, die illegalen Immigranten. Auf Seite 268 lese ich, dass es Obama auch bei dem brisanten Thema der Ausbeutung der Arbeitskraft Illegaler schafft, eine Brücke zurück zu den Verfassungswerten zu bauen, die Amerika einst beseelt haben: „(…) the danger to our way of life is not that we will be overrun by those who do not look like us or do not yet speak our language. The danger will come if we (…) withhold from them the rights and opportunities that we take for granted, and tolerate the hypocrisy of a servant class in our midst; or more broadly, if we stand idly by as America continues to become increasingly unequal (…)“.

Kein Falke, aber alles andere als ein Weichei

Im achten Kapitel seines Buches kommt Barack Obama schließlich auf ein Thema zu sprechen, das uns als atlantische Verbündete Amerikas besonders betrifft. Wie hält es Obama mit ‚The World Beyond Our Borders‘? Viele europäische Beobachter erwarten nicht zu Unrecht auch unter einem potenziellen Präsidenten Obama einen straffen außenpolitischen Kurs. Und in der Tat deuten jüngste Äußerungen Obamas daraufhin, dass der 49jährige US-Senator durchaus kein außenpolitisches Weichei ist. Er will in der Tat die Europäer mehr als bisher in die Pflicht nehmen. Was einem gewissen deutschen Verteidigungsminister in den Ohren klingen muss, wie ich mir denken könnte. Käme doch die Doktrin der Bundeswehr als einer Art ‚Technisches Hilfswerk mit Geleitschutz‘ arg ins Wanken, wenn USA und Nato nachdrücklich gleiche Rechte und Pflichten einfordern sollten. Wesentlich interessanter als derlei – hierzulande von den Medien nur allzu gern aufgegriffene Formeln – scheint mir Barack Obamas durchaus differenziertes Verständnis der außenpolitischen Schwächen und Ungereimtheiten aktueller US-Außenpolitik zu sein (Seite 302): „The fact is, close to five years after 9/11 and fifteen years after the breakup of the Soviet Union, the United States still lacks a coherent national security policy. Instead of guiding principles, we have what appear to be a series of ad hoc decisions, with dubious results. Why invade Iraq and not North Korea or Burma? Why intervene in Bosnia and not Darfur? Are our goals in Iran regime change, the dismantling of all Iranian nuclear capability, the prevention of nuclear proliferation, or all three?Are we comitted to to use force wherever there’s a despotic regime that’s terrorizing its people – and if so, how long do we stay to ensure democracy takes root? How do we treat countries like China that are liberalizing economically but not politically? Do we work through the United Nations on all issues or only when the UN is willingto ratify decisions we’ve already made?“ Das sind Sätze, die wir aus dem Munde US-amerikanischer Politiker wahrlich selten gehört haben.

Augenmaß statt Ideologie

Obama vermutet zwar, dass es irgendwo im Weißen Haus Leute gibt, die diese Fragen zu beantworten vermögen, stellt aber unumwunden fest, dass weder die US-Alliierten noch die US-Bevölkerung diese Antworten bisher zu hören bekamen. Wie wahr! Auch gibt er zu, keine Universalstrategie aus dem Hut zaubern zu können. Die Unterschiede zwischen der Beschaffenheit der Welt vor 50, 25 oder 10 Jahren und heute sind ihm durchaus bewusst. Und wenn er fordert „Like it or not, if we want to make America more secure, we are going to have to help make the world mor secure.“, dann wird wohl niemand erwarten dürfen, dass unter seiner möglichen Präsidentschaft aus dem amerikanischen Adler eine Friedenstaube wird. Wohl aber sollte mehr Augenmaß, mehr Hinterfragen und mehr auch diplomatische Sensibilität im Umgang mit der Außenwelt zu erwarten sein. Und eine Einsicht bezüglich der US-Außenpolitik der letzten Jahre, die die Welt bisher schmerzlich vermisst hat: „We are helping oppressive regimes paint democratic activists as tools of foreign powers and retarding the possibility that genuine, homegrown democracy will ever emerge.“

Das Paradoxon des selbstironischen Politikers

Womit ich dann fast schon beim Fazit dieser doch recht umfangreichen Rezension angekommen bin. Und dieses mit einer Anekdote einleiten möchte, die in meinen Augen kennzeichnend ist für den Menschen Barack Obama – jene Selbstironie, die mich, ich gebe es gerne zu, für ihn einnimmt. Gegen Ende seines Buches, als er sich zum Thema Familie erklärt und dabei auch ganz offen über die berufsbedingten Krisen seiner Ehe spricht, erzählt er, dass seine Gattin Michelle ihn eines Tages im Büro angerufen hat, um ihn zu bitten, auf dem Rückweg nach Hause doch bitte ein paar Ameisenfallen einzukaufen, da sie in Küche und im Badezimmer die kleinen Biester entdeckt habe und selbst keine Zeit hätte, noch einmal deswegen in die Stadt zu fahren. Obama willigt ein. Und kommentiert dieses Telefonat an besagter Stelle im Buch: „I hung up the receiver, wondering if Ted Kennedy and John McCain bought ant traps on the way home from work.“

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Ich lege nachdenklich das Buch zur Seite und erkenne, dass genau mit dieser kleinen Anekdote Barack Obama überzeugend beschrieben ist. Nah am Leben der Menschen, in der Lage, Gegensätze auszugleichen, sehr pragmatisch und durchaus voller Zweifel, selbstironisch gegenüber seiner eigenen Person, gekennzeichnet durch eine alles andere als geradlinige Vita, aber durch und durch auch ein Kind Amerikas in seinem unerschütterlichen Glauben an die in der Verfassung niedergeschriebenen Ideen, Werte und Bürgerrechte, die das Land groß gemacht haben. Und mit Charisma und Durchsetzungswille gesegnet, diesen auch wieder Gehör zu verschaffen. Ich weiß nicht, ob unter ihm die Welt besser würde eingedenk der berüchtigten Sachzwänge, denen Politik unterliegt. Lassen wir unsere urdeutschen Interessen, aber auch Ängste mal außen vor, bin mir über eines absolut sicher: Amerika braucht nach Bush einen Mann wie ihn! Und das, darauf weisen die jüngsten Umfragen vor Ohio und Texas hin, spüren immer mehr Amerikaner. Insofern kann ich – vielleicht prophetisch – nur sagen: „You’re welcome, Mr. President!“ Und ansonsten das Buch in seiner Originalfassung oder in der deutschen Übersetzung (zu der sich vielleicht Kollege Dirk noch äußern wird) wärmstens zur Lektüre empfehlen, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann, ob ich da zu enthusiastisch bin oder nicht. Nachdem deutsche Leitmedien wie Spiegel oder FAZ mit ihren aktuellen Schlagzeilen eine eigentümlich einseitige Einschätzung der Person Barack Obamas anklingen lassen, frage ich mich, ob sie wohl das Buch überhaupt gelesen haben?

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2 Antworten zu “Wer ist Barack Obama? – Eindrücke aus der Lektüre seines Buches ‚The Audacity of Hope‘”

  1. 02. März 2008 um 21:26:05 | Barack Obama » Wer ist Barack Obama? - Eindrücke aus der Lektüre seines Buches ‘The Audacity of Hope’ sagt:

    […] Cafe Digital wrote an interesting post today on Wer ist Barack Obama? – Eindrücke aus der Lektüre seines Buches ‘The Audacity of Hope’Here’s a quick excerpt … und zugleich wohl auch der zweite Bestseller – Barack Obamas, des derzeit wohl hoffnungsvollsten demokratischen Kandidaten um die Präs… […]

  2. 04. November 2008 um 22:19:48 | Duesenschrieb» Blogarchiv » Der Countdown läuft… sagt:

    […] Staaten, sondern auch für den nicht unbeträchtlichen Rest der Welt. Und ja, nach ausgiebiger Lektüre und Rezension seines aufschlussreichen zweiten Buches und den kenntnisreichen und zugegebenermaßen […]

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