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Frankfurter Buchmesse 2018 (5): Ein Auf und Ab

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 15. Oktober 2018 | 13:45:08 | Roland Müller

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Keine Frage, das immerwährende Auf und Ab des Büchermarktes tendiert derzeit eher zu einem Abwärtsschwung. Die Zahl der Bücherkäufer geht, absolut gesehen, zurück. Gleichwohl steigt die Zahl der Bücherkäufe pro LeserIn. Anlass zum Jammern und Wehklagen hat die Branche also nicht. Solange es ihr gelingt, neben den Big Playern des Literaturgeschäfts auch einen fröhlichen Wildwuchs kleiner und kleinster Verlagsprojekte zuzulassen und diese nicht aus dem Markt zu drängen, besteht Hoffnung. Einige davon haben wir aufgesucht. Aber auch lesenswerte Veröffentlichungen zur aktuellen politischen Entwicklung stehen auf unserer Agenda, diese meist aus etablierten Verlagen…

FBM18_0002_LevitskyWie DemokratienSterben

Wir alle konnten es in den vergangenen Monaten beobachten: Ein schleichendes Gift scheint die westlichen Demokratien befallen zu haben. Geboren aus politischer Ignoranz, Selbstbespiegelung und sich abwendenden Wählern. „Wie Demokratien sterben und was wir dagegen tun können“, so der nüchterne Titel des Buches der beiden Harvard-Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt nähert sich dem Thema genau so, wie es in einer hysterischen Zeit angemessen ist: sachlich, nüchtern und lösungsorientiert. Und genau dies macht es zur Pflichtlektüre: unser 19. LESETIPP.

FBM18_0003_StrittmatterNeuerfindungDerDiktatur

Wenden wir den Blick gen Osten, in die Volksrepublik China, die sich derzeit listenreich als Bewahrer und Behüter einer liberalen Weltwirtschaft positioniert, dann lohnt sich auch da ein genauerer Blick auf Vorgänge, die bereits heute weit jenseits der dystopischen Phantasie eines George Orwell liegen. Kai Strittmatter, Sinologe, Journalist und Autor, wirft in „Die Neuerfindung der Diktatur“ einen recht präzisen und kenntnisreichen Blick auf Pekings  bereits sehr weit gediehenen digitalen Überwachungsstaat. Die Lektüre sollte allein schon deshalb Pflicht sein, weil viele der pikanten technologischen Details durchaus geeignet sind, hiesige Law-and-Order Politiker zu inspirieren. Unser 20. LESETIPP!

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Der Weg von der chinesischen Digitaldiktatur zurück zu Shakespeare und wieder retour zu Trump, Putin und ihren Nacheiferern scheint gewagt, ist aber stimmig.

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Was der Historiker und Vertreter des New Historicism, Stephen Greenblatt, in „Der Tyrann“ auf überzeugende Weise darzulegen vermag. Verblüffen vermag allenfalls, dass noch niemand zuvor auf die erkennbaren Parallelen gekommen ist. Immerhin hat Shakespeares scharfer Blick in die Höhen und Abgründe des menschlichen Verhaltens und insbesondere die von Narzissmus und Machtgier getriebene Psyche despotischer Herrscher Figuren geschaffen, die so zeitlos sind, dass wir ihren Inkarnationen heute wieder begegnen. Auch dies ein LESETIPP für politisch Interessierte – und wer wäre das derzeit nicht! – unsere Nummer 21.

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Von den Autokraten und Despoten der Gegenwart zur Arbeit der Geheimdienste. Und zwar in ihrer unterhaltsameren Form. Mick Herron legt bei Diogenes mit „Slow Horses“ einen amüsanten Spionagethriller vor, dessen abgehalfterter Held Jackson Lamb zusammen mit ebensolchen Kollegen im sogenannten Slough House „geparkt“ wird, bis die Pensionsgrenze erreicht ist. Allesamt MI5 Versager in Augen der Geheimdienstverantwortlichen. Herron nimmt sich viel Zeit, die handelnden Charaktere ausführlich zu beschreiben, was auf den ersten vielleicht 150 Seiten durchaus für Längen sorgt. Dann aber kann man über mangelnde Suspense nicht mehr klagen. Dieser erste Roman der in Brexitannien sehr erfolgreichen Reihe ist eine schöne Feuer-im-Kamin Lektüre, vielleicht zu einem guten Single Malt. Unser 22. LESETIPP.

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Lügen, Träume, Wahrheit. Was in der Welt der Geheimdienste tägliches Brot ist, liegt auch den wunderschönen Geschichten zu Grunde, die uns Benedict Wells in „Die Wahrheit über das Lügen“ erzählt. Ein junger, deutsch-schweizerischer Autor, den wir im Auge behalten werden: der 23. LESETIPP.

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Und wo wir schon mal dabei sind, noch eine Lese-Entdeckung am Diogenes-Stand: „Der Abgrund in Dir“ von Dennis Lehane. Überzeugende Charakterdarstellung und der für die LeserInnen etwas gewöhnungsbedürftige Kniff, in der ersten Häfte des Thrillers sehr bewusst das Erwartbare zu beschreiben, um dann in der zweiten Hälfte mit Raffinesse hinterhältige und völlig überraschende Wendungen ins Spiel zu bringen – also erst einlullen, dann überrollen – das hat schon was. Haarscharf am LESETIPP vorbei geschrammt, aber gleichwohl guter Lesestoff.

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Auf der Suche nach etwas unkonventionellerer ,spannender Lektüre stoßen wir auf Idra Noveys „Wie man aus dieser Welt verschwindet“. Mit ihrer ersten Novelle legt die nicht nur vom Guardian gelobte Poetin eine berückend poetische Erzählung vor, die uns bereits beim Anlesen der ersten paar Seiten zu fesseln beginnt. In Brasilien spielend, sehr gut aus dem Amerikanischen übersetzt, erzählt Novey die Geschichte des geplanten Verschwindens ihrer Protagonistin. Was es damit tatsächlich auf sich hat, möchten wir hier nicht verraten, empfehlen das Buch aber als unseren 24. LESETIPP.

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Aus der Ich-Perspektive zu schreiben, kann mächtig daneben gehen. Die Literatur ist voll von misslungenen Beispielen. Die leider 2004 verstorbene Lucia Berlin beherrschte diese Form souverän, wenn sie auf dem schmalen Grat zwischen innerem und äußerem Dialog balancierend in „Was ich sonst noch verpasst habe“ ihre Kurzgeschichten spinnt.

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Erschienen im Züricher Arche Literatur Verlag glänzt der schmale Band mit völlig unpathetischen Alltagsbeschreibungen, die vielleicht nicht jedermanns Sache sind, aber nach einer Weile ihre Tiefe aufdecken. Wir schließen uns deshalb ausnahmsweise einmal der offenbar einhelligen Meinung der Literaturkritik an: das ist große Literatur und unser 25. LESETIPP.

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Zeit, dass wir uns in die Halle 4.1 begeben und schauen, was es bei den kleineren Verlagen zu entdecken gibt. Gleich hinterm Eingang stoßen wir wie bei früheren Buchmessen schon auf den Stand des Mare Verlags. Für uns ein exemplarischer Vertreter des außerhalb des Mainstream Segelns. Wir picken uns ein Sachbuch heraus, das womöglich nicht jedermanns Sache ist, behandelt es doch ein vermeintlich glibberiges Thema…

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Sy Montgomery, übrigens eine gebürtige Frankfurterin, beschreibt in „Rendevous mit einem Oktopus“ geradezu enthusiastisch, aber überaus fundiert das Leben und Treiben, das Lieben und Kommunizieren der Oktopoden. Wir begleiten sie zunehmend fasziniert auf eine Reise in die Tiefen der Meere und zu den intelligentensten Wirbellosen der Erde. Montgomerys sehr empathische und ungewohnt unwissenschaftliche Erzählweise zieht uns in ihren Bann und nimmt uns ein für diese wohl rätselhafteste Spezies unseres Planeten. Wir erleben Freundschaften, Persönlichkeiten, schwierige Entscheidungen, Liebe und Tod. Ein fabelhaftes Buch über ein fabelhaftes Wesen. Unbedingt lesen: unser 26. LESETIPP!

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Dass wir bei Wagenbach einen Zwischenstopp einlegen, wird niemanden überraschen, der alljährlich unserer Buchmesse-Erkundung folgt. Definitiv einer unserer Lieblingsverlage. Was gibt es diesmal zu entdecken?

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Zum Beispiel in der SVALTO-Reihe „A Sentimental Journey“ des ausgewiesenen Englandkenners und (wie wir) Tristram Shandy Fans Hans von Trotha. Mit Begeisterung folgen wir seiner Reise auf den Spuren von Laurence Sterne. Dünnes Büchlein, großartiger Inhalt: unser 27. LESETIPP.

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Eine weitere Perle in der Reihe der SVLTO-Bändchen fällt uns ins Auge: „Spitzentitel“ von Antonio Manzini. Eine urkomische Persiflage auf den modernen Literaturbetrieb. Und nicht nur auf den. Denn wer weiß, vielleicht ist der Weg von dieser Satire zur Realität kürzer als wir glauben wollen? So oder so unser 28. LESETIPP.

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Bambus auf dem Cover… Das signalisiert eine eher stille Geschichte. Und genau das ist es dann auch, was Milena Michiko Flašars Roman „Herr Katō spielt Familie“ auszeichnet. Ein stiller Rentner-Blues vom Feinsten, der nicht von ungefähr im alternden Japan spielt. Diskret, leise, verspielt, nachdenklich und getragen von einer großen Warmherzigkeit. Ein Buch, das entwaffnet. Besonders jene, die an der gleichen Schwelle stehen. Klarer Fall: 29. LESETIPP.

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Ein paar Seitengänge weiter erinnert uns das Display der Nominierungen zum Österreichischen Buchpreis an den eben empfohlenen Roman.

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Und wo wir schon mal bei Buchpreisen sind, wollen wir Euch auch nicht unseren Favoriten von der Shortlist des Deutschen Buchpreises vorenthalten. Nein, es ist nicht „Archipel“. Sondern deutlich trockenere Erzählkunst von alledings auch deutlich größerer historischer Tragweite bis in unsere Tage hinein: In „Gott der Barbaren“ beschreibt Stephan Thome präzise, bestens recherchiert und mit einer gewissen Distanz, die trotzdem zu fesseln vermag, wie christlicher Missionierungswahn, interkulturelles Unverständnis und individuelle Machtgier das China des 19. Jahrhunderts in einen wahnwitzigen Bürgerkrieg treiben. Kann es tatsächlich sein, dass sich in diesen Geschehnissen Mitte des 19. Jahrhunderts die düstersten Aspekte unserer Gegenwart spiegeln? Erschreckend. Und erschreckend lesenswert, unser Deutscher Buchpreis 2018, zugleich unser 30. LESETIPP.

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Beim vergleichsweise winzigen Satyr Verlag greifen wir nach einem dünnbändigen Roman von Michael Marten: „Besuch“. Eine kleinbürgerliche Vorstadtidylle nutzt Marten geschickt zur Enttarnung unser aller Vorurteile. Satire vom Feineren. Wir würden wir wohl reagieren, wenn eines Tages und völlig unvermittelt ein freundlicher Schwarzafrikaner im heimischen Wohnzimmer sitzt und auch nicht den Anschein erweckt, als wolle er dieses schnell wieder verlassen. Eine reichlich schräge Satire und in mancherlei Beziehung noch witziger als das Debütwerk „Drei Klausuren und ein Todesfall“. Wir fragen uns allenfalls, wieso der in Berlin arbeitende Lehrer den Verlag gewechselt hat. Egal. 31. LESETIPP.

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Damit nähern wir uns langsam dem Ende unserer heutigen Runde. Fast jedenfalls. Denn zuvor gilt es noch zwei weiteren Büchern Aufmerksamkeit zu schenken, die wir im Messestress fast übersehen hätten. Da ist zum einen Julia von Lucadous beängstigender Nahzukunftsthriller „Die Hochhaus-Springerin“ hier angemessen rezensiert von einer Kollegin – der uns vor Augen führt, was möglicherweise in wenigen Jahren auf uns zukommt, wenn der menschliche Selbstoptimierungswahn nur weiter vorangetrieben wird. Ein faszinierend verstörender Roman, dystopisch und auch wieder nicht, distanziert, die Protagonisten nicht wertend und damit umso beklemmender. Chapeau für einen herausragenden Debütroman, der zu Recht für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde! Unser 32. LESETIPP.

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Ja, und dann stoppt uns auf dem Rückweg zum Ausgang ausgerechnet beim hochwohllöblichen und dem unbedarften Besucher immer ein wenig elitär sich gehabenden Suhrkamp Verlag ein extrem unscheinbares Bändchen wie dieses hier: „Verzeichnis einiger Verluste“ ist es betitelt. Und verfasst von Judith Schalansky. Die ehemalige Stadtschreiberin (von Mainz?) nimmt sich in diesem Buch jener Dinge an, die verloren gegangen sind und einen Leerraum hinterlassen, Echos, Legenden, auch Fragen und für den einen oder anderen einen Phantomschmerz. Dieses Verzeichnis erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, wohl aber einen auf konzentriertes Studieren und Wahrnehmen. Ein feines Stück Literatur über das Suchen, Finden und Vergessen. Unbedingt empfehlenswert und unser 33. LESETIPP.

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Nach diesem anstrengenden Tag haben auch wir einen Verlust zu verzeichnen, nämlich den von Substanz und Energie. Welchselbigen wir umgehend ausgleichen bei gleichzeitiger Frischluftbetankung auf der Freifläche zwischen den Messehallen. Mal sehen, was das Frankfurter Streetfood heute zu bieten hat…

Damit sind wir fast durch mit unserer diesjährigen Messeberichterstattung. Mit mehr Lesetipps als je zuvor. Da sich aber rechts und links des Weges noch allerlei Skurriles geboten hatte, was wir nicht unmittelbar kolportiert haben, wird in unserem morgigen, dann wirklich finalen Beitrag, genau das zu Bild und zur Sprache kommen. Bis dahin: CU!

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