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Frankfurter Buchmesse 2018 (4): Zu Gast in Georgien

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 14. Oktober 2018 | 13:38:36 | Roland Müller

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„Georgia – Made by Characters“ – so lautet das Motto Georgiens auf der diesjährigen Buchmesse. Ein deutlicher Verweis auf eine Besonderheit der georgischen Kultur: ein eigenes Alphabet aus 33 Buchstaben und eine eigene Sprache. Allein dies schon macht uns neugierig darauf, was die an der Schnittstelle von Okzident und Orient gelegene jahrtausendealte Kulturnation literarisch zu bieten hat…

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Das Gewimmel am Eingang zum Pavillon macht deutlich, dass großes Interesse an diesem ersten großen internationalen Auftritt georgischer Kultur und Literatur besteht. Über 150 Neuerscheinungen wurden im Gastlandjahr auf dem deutschsprachigen Buchmarkt herausgegeben. 70 deutschsprachige Verlage haben Titel zu Georgien in ihrem Programm. Seit der Gründung des Georgian National Book Center (2014) und der Einführung des Übersetzungsförderungsprogramms (2011) sind insgesamt 200 Titel aus dem Georgischen in deutscher Sprache erschienen. Mehr als 70 Autorinnen und Autoren stellen auf der Frankfurter Buchmesse und in der Stadt ihre Werke auf insgesamt 350 literarischen Veranstaltungen vor. Rund 100 Kulturevents laden zu Entdeckungen des Landes ein. Wir treten ein…

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Wie erwartet und angekündigt ist das Innere des Pavillons gestalterisch an die 33 Buchstaben des georgischen Alphabets angelehnt. Sobald wir den abgedunkelten Raum betreten, nimmt uns eine eigentümliche Stimmung gefangen.

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Die georgischen „characters“, die 33 kunstvoll geschwungenen Buchstaben des einzigartigen Alphabets, zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe und werden in mannshohen Ornamenten aus Schichtholz inszeniert. Das Land zwischen Europa und dem Kaukasus stellt hier aber nicht nur seine Geschichten und Werke vor, sondern auch die dahinterstehenden Charaktere. Sprich: die Menschen hinter den Geschichten.

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Der irgendwie schwebenden Mischung aus Struktur und Transparenz, aus Licht und Schatten vermag man sich kaum zu entziehen. Zumal unter allem, kaum wahrnehmbar, aber präsent ein monotoner, auf- und abschwellender Klang liegt, der an vokalreichen Gesang erinnert. Wir werden seine Quelle später noch aufspüren…

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Die typografische Prägung der gesamten Installation ist offenkundig.

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Zahlreiche Aufnahmeteams diverser Medien sind unterwegs. Auch hier ist das Interesse an den georgischen Gästen und ihrer sehr besonderen kulturellen Prägung offenbar sehr groß.

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Transparenz als Gestaltungselement, das lässt durchaus Rückschlüsse zu auf die georgische Mentalität und ihren Niederschlag in Kultur und Literatur.

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Jeder Schritt tiefer hinein in die Konstruktion eröffnet uns neue Details.

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Und natürlich finden wir Inseln, auf denen Podiumsdiskussionen und Präsentationen stattfinden. Hier zum Beispiel diskutiert Moderator Mario Pschera, Zentralasienexperte und Geschäftsführer des Berliner Dagyeli Verlags in der Serie „Who writes, who publishes“ mit wichtigen Vertretern des georgischen Literaturbetriebs und ihren Übersetzern. Darunter der Dichter und Schriftsteller Besik Kharanauli (3. von links), Gvantsa Jobava (2. von rechts), Chefin der Georgian Publishers and Booksellers Association und verantwortlich für den Messeauftritt in Frankfurt sowie Norbert Hummelt, der deutsche Poet, Kulturjournalist und Übersetzer.

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Wir stoßen weiter vor in die Tiefen des Raumes…

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…und passieren einen mysteriösen Macbook-User, der verborgen hinter der halbtransparenten Gazebespannung einer Rauminstallation in seinen Screen versunken scheint.

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Wir werfen einen Blick auf das zentrale Cafe mit seinen georgischen kulinarischen Angeboten…

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und arbeiten uns vor zu einer lichten, hölzernen Turmkonstruktion, in der sich fotografische Eindrücke…

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…der georgischen Metropole Tiflis finden. Oder korrekter gesagt: Tbilisi, wie die Kulturmetropole auf georgisch heißt. Die Stadt weist eine mehr als bewegte Geschichte auf und gilt seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden als okzidental-orientalischer Schmelztiegel von Kulturen, Sprachen und Ethnien. Immerhin ist das gegenwärtige Georgien zumindest geografisch die heutige Inkarnation des Reiches Kolchis, das bereits Homer besungen hat, als er die Argonauten auf die Suche nach dem Goldenen Vlies schickte. Neu war uns allerdings, dass die legendäre Fotoagentur Magnum über gut sieben Jahrzehnte das Leben in Tiflis dokumentiert hat. Von Robert Capa bis Paolo Pellegrin haben sich einige der berühmtesten Magnum Fotografen von der Metropole faszinieren lassen.

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An filmenden Zaungästen vorbei passieren wir eine weitere Präsentationsinsel…

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…die offenbar vorbereitet ist auf musikalische Darbietungen. Wir nehmen uns jedoch nicht die Zeit, auf eine Bühnen-Performance zu warten,…

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…sondern folgen weiter jenem eingangs erwähnten fernen Singsang, der uns wie weiland die Sirenen Odysseus zu einem magischen Ort führt. Wir betreten…

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…The Hub of Emotions. Und lassen uns gefangen nehmen von einer einzigartigen Bild- und Klanginstallation, die uns die georgische Sprache unmittelbar erfahrbar macht. Wie klingt die georgische Sprache? Manche der Buchstaben sind nahezu unaussprechbar, manche schwer erträglich für das Ohr, während andere so sanft klingen wie ein Wiegenlied.

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Nichts vermag Emotionen so intensiv auszudrücken wie das menschliche Gesicht. Hier im Hub of Emotions verbinden sich menschliche Mimik und georgische Sprache in einer Videoinstallation zu einer beeindruckenden und unmittelbar berührenden Erfahrung menschlicher Emotionen.

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Ein interaktives audiovisuelles Erlebnis, in dem zeitgenössische Musik und Elemente georgischer Volksmusik verschmelzen. Die Musik folgt einem prozeduralen Muster, das durch die Bewegung der Besucher im Raum gebildet wird. Jeder Ton, den man hört – und genau das hatte uns ja magisch hierher gezogen – wurde vom gesprochenen georgischen Alphabet neu gesampelt, im Synthesizer bearbeitet und dann gemorpht.

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Das Bildmaterial des Hubs – Zeitlupenvideos zeitgenössischer georgischer SchriftstellerInnen – vermittelt jede menschliche Grundregung und ergänzt die akustische Komponente. Mimik als Porträt des emotionalen Zustandes einer ganzen Nation. Wir sind berührt und beeindruckt!

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Fast flüchten wir zu einem anderen zentralen Punkt des Pavillons, eine Art Literatur- und Lesespirale hinter weißen Gazebahnen.

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Darin finden wir wie ein Endlosregal, gut befüllt mit aktuellen georgischen Buchproduktionen.

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Vielen Besuchern scheint es wie uns zu gehen: Georgien gibt Anlass zum Reflektieren.

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Wer seine Eindrücke noch mit Faktischem vertiefen möchte, hat dazu Gelegenheit an interaktiven Informations-Stelen.

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Wir für unseren Teil sind beeindruckt von diesem Auftritt Georgiens in Frankfurt und möchten uns bei allen Leserinnen und Lesern, die uns auf diesem Rundgang gefolgt sind, mit unserer ganz individuellen und subjektiven Liste lesenswerter, auf deutsch erschienener georgischer Literatur bedanken. Wobei wir ganz bewusst neueren Schriftstellern den Vorzug geben vor den ebenfalls entdeckenswerten georgischen Klassikern:

Beka Adamaschwili: „Bestseller“ – Der Debütroman des hier interviewten Autors schickt einen erfolglosen Schriftsteller in den Selbstmord und von dort mitten hinein in die Literatenhölle. Eine irrwitzige Reise und ein ein trickreiches Spiel mit Literatur und Literaten.

Aka Morchiladze: „Santa Esperanza“ – Die imaginären Santa Esperanza Inseln im Schwarzen Meer bilden den Hintergrund eines Universums aus 36 Kurzromanen. Ein großes Lesevergnügen voller Anspielungen auf das georgische Hier und Jetzt.

Aka Morchiladze: „Reise nach Karabach“ – Ein georgischer Road Movie, der im Tiflis des Jahres 1992 spielt. Beklemmend und komisch zugleich.

Lasha Bugadze: „Der Literaturexpress“ – Eine angenehme Zuglektüre: 100 Schriftsteller, die auf der Suche nach dem ultimativen Erfolgsrezept im Zug quer durch Europa reisen, das kann nur in Ausschweifungen, gegenseitigen Anschuldigungen und allerlei Ungemach enden. Ein Klassenausflug der literarischen Art.

Zaza Burchuladze: „Der aufblasbare Engel“ – Wie ist das, wenn man den aus Langeweile beschworenen Geist von Gurdijeff nicht mehr los wird? Urkomisch!

Reso Tscheischwili: „Die himmelblauen Berge“ – Die wirre Bürokratie eines Verlages, in dessen Verwaltungsstruktur das Manuskript eines Autors mehr oder weniger spurlos verschwindet, als Parabel auf die Ineffektivität des sowjetischen Systems zu verwenden, das hat schon etwas. Diese geradezu surreale Farce mit An­klän­gen an Kafka und Beckett übt sehr subversiv Kritik an der Nomenklatura und ist vor allem eines: beste georgische Literatur.

Giwi Margwelaschwili: „Die Medea von Kolchis in Kolchos“ – Der in Deutschland geborene Ontotextuologe, Autor, Philosoph und Erzähltheoretiker ist das schriftstellerische Pendant zu einem M.C. Escher. Absolut faszinierend, genau wie seine unglaubliche Vita! Für uns die Neuentdeckung dieser Buchmesse.

Wer sich darüber hinaus für die georgische Sprache und die ganz besonderen Herausforderungen interessiert, die ihre Übersetzung ins Deutsche betrifft, wird hier fündig.

Unser nächster Messerundgang wird sich den vielen kleinen, weniger augenfällig in Erscheinung tretenden Verlagen widmen. Auch bei ihnen und gerade bei ihnen warten Entdeckungen auf uns. CU!

 

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