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Frankfurter Buchmesse 2017 (1): Die Eröffnungspressekonferenz

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 10. Oktober 2017 | 17:43:36 | Roland Müller

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Wenige Stunden bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron gemeinsam mit Würdenträgern aus dem In- und Ausland und in Anwesenheit zahlreicher Literaten, Künstler, Schauspieler und Verleger die Eröffnungsfeier der 69. Frankfurter Buchmesse zelebrieren, stand die Eröffnungspressekonferenz an. Wie in den Vorjahren im Congress Center der Messe. Und wie gewohnt unter verschärften Sicherheitsbedingungen. Wir konnten uns einen Platz in einer der vorderen Reihen sichern…

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Wie immer gehörte das erste Wort Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. „Das ist die Stunde der Buchbranche“, beteuerte er. Darauf anspielend, dass gerade in den derzeit unruhigen Zeiten Verlage und Buchhandlungen Dialog fördern, verlässliche Information und Meinungsbildung. So verwunderte es auch nicht, dass er sogleich die sich neu formierende Bundesregierung in die Pflicht nahm und aufforderte, die Rahmenbedingungen für eine unabhängige, lebendige und vielfältige Verlagslandschaft zu schaffen. Nur wenn Verlage für ihre Leistungen eine marktgerechte Vergütung erhalten und Planungssicherheit haben, könnten sie in Literatur und neue innovative Lese- und Vertriebsmodelle investieren, führte er aus. Es geht also auch hier nicht ganz unerwartet ums liebe Geld in der selbstverliebten „Bildungsrepublik Deutschland“.

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Jürgen Boos, eloquenter Direktor der Frankfurter Buchmesse, malte ein dynamisches Bild sowohl des traditionellen Buchmarktes als auch der angrenzenden Branchen, deren Vertreter immer zahlreicher ihren Weg nach Frankfurt finden. Boos verlor sich jedoch nicht in einem Wust von Leistungsdaten der Buchmesse – auch wenn etliche Journalistenkollegen diese im Nachhinein erfragten –  sondern bekannte mit markanten Äußerungen auch politisch Farbe: „Wir liberal-demokratisch gesinnten Büchermenschen müssen in Zeiten, in denen giftige Narrative Hochkonjunktur haben und die Verbreitung von Angst und Hass wieder gesellschaftsfähig wird, mit attraktiveren Gegenentwürfen antworten,“ betonte er und verwies auf eine Kernfunktion der Messe: „Die Frankfurter Buchmesse bringt Menschen zusammen, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Meinungen vertreten. Sie ist deshalb bestens dazu geeignet, leidenschaftliche Diskussionen und Auseinandersetzungen zu beherbergen.“ Wir erinnern uns: Im Vorfeld der Buchmesse war Boos angegriffen worden, weil der sich weigerte, irgendeine Form von Zensur auszuüben und Verlagen den Zutritt zu verwehren, die erkennbar im rechten Spektrum angesiedelt sind. Zu Recht nahm er den Hinweis einer schwedischen Kollegin auf, dass genau ein solches Verhalten bei der Göteborger Buchmesse einem ausgeschlossenen Verlag ein gewaltiges Medienecho beschert und damit der Branche wie der Zivilgesellschaft einen Bärendienst erwiesen hatte.

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Wie erwartet hinterließ Boos‘ eindeutiges Statement Eindruck bei der professionell ungerührten Presse. Ein kurzes Blitzlichtgewitter später betrat dann ein Big Player des Verlagswesens das Podium…

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In seiner Rede zur Entwicklung der internationalen Buchmärkte zeigte sich Markus Dohle, CEO des multinationalen Verlagskonzerns Penguin Random House, optimistisch, wenn nicht gar euphorisch: Hier und jetzt sei die beste Zeit, die der Büchermarkt in den vergangenen 50 Jahren erlebt habe! Seit dem Start der digitalen Transformation der Medienindustrie vor etwa 15 Jahren seien die Buchmärkte in den meisten Ländern langsam, aber kontinuierlich gewachsen. Entgegen mancherlei düsteren Prognosen. Die fundamentale Herausforderung der digitalen Transformation bestehe für die Verlagsbranche darin, neue und direkte Wege zu Leserinnen und Lesern zu finden. B to C statt B to B. „Die Entwicklung und das Wachstum von E-Commerce für Bücher aller Formate erfordert ein verändertes Buchmarketing und die Fähigkeit, Nachfrage für unsere Bücher direkt und skaliert zu erzeugen“, so Dohle. Wenn der CEO von Penguin Random House, der größten Publikumsverlagsgruppe der Welt mit mehr als 250 Verlagen auf fünf Kontinenten, dies äußert, muss man das wohl sehr ernst nehmen.

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Nach dieser letzten von drei Reden war die diesmal erstaunlich kurze Eröffnungspressekonferenz bereits zu Ende und die versammelte Medienmeute eilte hinter einem Mann her, der mit seinem Team verantwortlich zeichnete für den Pavillon des diesjährigen Messe-Ehrengastes Frankreich – Paul de Sinety, Vorsitzender des Organisationskomitees von „Francfort en Français / Frankfurt auf Französisch„. Wir folgten dem Literaturwissenschaftler und Autor zu seiner dem Publikum heute noch verschlossenen Wirkungsstätte.

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Vor Ort angekommen, erfolgte in Anwesenheit seines vielköpfigen Beraterstabs die offizielle Begrüßung der Medienschaffenden (im Bild links Frédéric Boyer, der Literarische Berater). Im Verlauf der Rede und während des anschließenden Rundgangs durch den Pavillon, in dem noch letzte Bauarbeiten und Umrüstungen stattfanden für den abendlichen hochherrschaftlichen Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, konnten wir erste Eindrücke gewinnen. Soviel sei hier schon verraten: Die Grande Nation hat es sich zum Ziel gesetzt, nicht allein die französische Literatur auf dieser Buchmesse zu präsentieren, sondern die Französische Sprache, ihr Werteuniversum, ihre Ausdruckskraft und ihre vielfältigen Durchdringungen und Berührungen mit dem Deutschen. Ein hoch gestecktes Ziel fürwahr. Und das sagt einer wie ich, der unmittelbar an der französischen Grenze aufgewachsen ist…

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Sei’s drum. Während Studenten der Hochschule für Kunst und Design Saint-Étienne die Fensterfront des Pavillons mit selbst entwickelten Typografien verzieren – jeder Satz ein Zitat aus einem wegweisenden französischen literarischen Werk – verweisen wir auf unseren in den kommenden Messetagen fest eingeplanten intensiveren Besuch des Pavillons. Dann mit wesentlich mehr Impressionen und einigen dedizierten Fragen an Ruedi Baur, den für die Installation verantwortlichen Schweizer Kommunikationsdesigner.

Die Frankfurter Buchmesse 2017 ist mehr denn je politisch – ein Forum, auf dem das Weltgeschehen reflektiert wird und Autoren und politische Aktivisten eine Bühne für ihr Anliegen finden. Nicht nur ein zentraler Marktplatz für den Handel mit Lizenzen und geistigem Eigentum. Sondern ein Ort, an dem kulturpolitische Konzepte von relevanten, internationalen Akteuren diskutiert werden. So findet bspw. auf Einladung der französischen Kulturministerin Françoise Nyssen am Messemittwoch, dem 11. Oktober, erstmalig ein informelles Arbeitstreffen von Kulturminister/innen der Europäischen Union auf der Frankfurter Buchmesse statt. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters wird daran teilnehmen. Insofern geht die Strahlkraft dieses größten Treffens der internationalen Buch- und Medienbranche mit seinen rund 7.300 Ausstellern aus 102 Ländern erwartet deutlich über jene der Vorjahre hinaus. Man mag diese Politisierung beklagen oder beklatschen, die Zeit ist eben so.

Wir werden jedenfalls ab dem morgigen, offiziellen ersten Messetag in der gewohnten Ausführlichkeit und Nonchalance aus den heiligen Hallen berichten. Bis dann mit den besten Grüßen aus Frankfurt am Main, einmal mehr dem Nabel der Literaturwelt!

 

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