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Der Besuch der Alten Dame – in memoriam Elisabeth Noelle-Neumann

Veröffentlicht in Gesellschaft, Medien, Politik | 25. März 2010 | 22:20:14 | Roland Müller

Noelle

Die Medien nannten sie „die große alte Dame der Meinungsforschung“. Für uns Studenten am Institut für Publizistik der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz war sie einfach nur „die Noelle“. Drahtig, alert, dialektisch erfahren und präzise in ihrem Ausdruck hat sie das renommierte und in seinen späteren Jahren von Studierenden geradezu überrannte  Institut bis heute geprägt. Im schweren Daimler mit Chauffeur von Allensbach hoch gerauscht an den Main, einmal oder zweimal die Woche – quasi als Besuch der Alten Dame – nahm sie ihre Professur und das Amt der Institutsleiterin bis zu ihrem Rückzug 1983 durchaus ernst. Und nicht von ungefähr waren ihre Vorlesungen bis auf die letzten Plätze ausgebucht…

Die Frau hatte eine außerordentliche Präsenz. Und immer dann, wenn das, was sie nicht als Beruf, sondern als Berufung verstand – „ihre“ Meinungsforschung – war jenes Glitzern in ihren Augen unübersehbar, das nur die uneingeschränkte Leidenschaft für eine Sache hervorzubringen vermag. Ja, Elisabeth Noelle-Neumann war eine Prophetin, eine Hohepriesterin der Meinungsforschung. Eine die es nie anfocht, wenn ihr Kritiker gar so große Nähe zur CDU vorwarfen. Und weniger Wohlmeinende sogar zu erkennen vermeinten, dass insbesondere ihre Wahlprognosen nicht ohne Wirkung auf den tatsächlichen Wahlausgang blieben. Taten sie’s? Bis heute konnte das nicht nachgewiesen werden. Gleichwohl war sie ein auch mediales Schwergewicht. Und sie wusste dieses Gewicht geschickt einzusetzen. Was Wunder, hatte sie mit dem von ihr und ihrem Mann 1947 gegründeten Institut für Demoskopie Allensbach doch den Aufstieg der Bonner Republik begleitet und spätestens mit dem von ihr postulierten Theorem der „Schweigespirale“ das, was die Öffentliche Meinung treibt, auf eine bis heute kontrovers diskutierte Spitze getrieben.

Nicht zuletzt die Ambivalenzen ihrer Person und ihrer Arbeit waren es, die mich selbst getrieben haben, mich intensiver mit der Kommunikationswissenschaft auseinanderzusetzen als das „einfach so“ des Studiums nach Studienplan. Allein das verpflichtet mich, heute und hier im digitalen Café diesen Nachruf zu schreiben. Aus der eigenen Anschauung und aus Respekt vor einer Frau, die mehr in unserer Republik geprägt hat als nur die fast schon rituelle Inszenierung von Meinungsumfragen in den Medien. Heute, am 25. März 2010 ist sie im stolzen Alter von 93 Jahren verstorben. Und gearbeitet hat sie bis zuletzt. Nicht weil sie es musste, sondern weil sie es wollte. Chapeau!

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Eine Antwort zu “Der Besuch der Alten Dame – in memoriam Elisabeth Noelle-Neumann”

  1. 25. März 2010 um 23:04:15 | Herr Speck sagt:

    Schön wäre es, wenn jetzt auch die nervenden und unverschämten, ungebetenen Anrufe gestorben wären, deren Interviewer einen wegen mannigfaltiger Belanglosigkeiten ausquetschen wollen.

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