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Schokolade

Google goes Software – SketchUp 6 im Test [1]

Veröffentlicht in Apple & Co | 19. Oktober 2007 | 17:57:59 | Gila Müller

Wer wie ich seinen Lebensunterhalt mit der Erstellung von Illustrationen bestreitet, steht früher oder später vor einer Aufgabe, bei der man sich wünscht, eine 3D-Software dafür einsetzen zu können. Mir ist es in den letzten zwei Jahren leider sehr oft so ergangen. Der Frust, der sich dabei breit machte, resultierte weniger aus dem finanziellen Aufwand, den eine solche Software erfordert. Das wesentlich größere Problem war eher die fehlende Zeit zur Einarbeitung. Und die braucht man leider, bis man so weit fit ist, dass man damit im Tagesgeschäft intuitiv umgehen kann. Nachdem ich interessehalber versucht hatte, in Maya (das ich nach wie vor für ein geniales Programm halte) erste Schritte zu wagen und mit Hilfe eines Tutorials eigentlich ganz gut voran kam, wurde mir sehr schnell eines klar: Bis ich mit diesem 3D-Schwergewicht so intuitiv arbeiten kann wie mit den mir vertrauten 2D-Grafikprogrammen, habe ich die Deadline meines Kunden mehrfach überschritten. Ein überaus unangenehmes Gefühl, wenn man die Grenzen der eigenen Fähigkeiten so deutlich aufgezeigt bekommt. Ganz ehrlich gesagt, ich hatte auch einen riesigen Horror davor, mich mit Unmengen von kryptischen Paletten, komplexen Dialogfenstern und einer 3-Tasten-Maus herum zu schlagen.

Licht am 3D-Horizont

Gerade hatte ich wieder einmal einen solchen 3D-lastigen Illustrationsjob auf den Tisch bekommen: Für eine Promotion sollte ein Messestand mit verschiedenen Aktionsinseln visualisiert werden. Da erhielt ich via Newsletter den Hinweis auf ein neues Programm, das angeblich sehr leicht erlernbar und beherrschbar sein sollte. So versprach es zumindest der erläuternde Text. Da zudem ein Preis von 470 EUR ausgelobt wurde, war meine Neugier schnell geweckt. Eine Demo-Version inklusive kleiner Tutorial-Videos im Quicktime-Format stand zum Download bereit. Ich glaube, dass es genau dieser Moment war, der mich zum „Addict“ gemacht hat. Meine Begeisterung steigerte sich, je mehr ich mich mit dem Programm beschäftigte. Und richtig, es handelte sich dabei um SketchUp – die Entwicklung eines kleinen, mir weitgehend unbekannten Software Start-up-Unternehmens in Colorado namens @Last Software, dessen Mitarbeiter sich nach dem im März vergangenen Jahres erfolgten Aufkaufs durch Google wohl verwundert die Augen rieben, wie man hier lesen kann. Naja, SketchUp und Google Earth, das ist natürlich ein echtes Dream-Team 😉

Nur genial einfach oder einfach genial?

Mit SketchUp, das nunmehr in Version 6 vorliegt scheint es zum ersten Mal gelungen, zu sein, die Kluft zwischen 2D-Zeichnung/Entwurf und 3D-Modellerstellung elegant zu überbrücken. Im Grunde genommen ist SketchUp ein genial einfaches Transformationssystem. Die Linien, die ich auf dem Display in 2D zeichne, werden permanent mit der 3D-Geometrie verglichen, auf der die gesamte Szene basiert. So lassen sich mit wenigen Strichen und buchstäblich in Sekunden 3D-Objekte erstellen. Eigentlich zeichnet man nur den Grundriss oder die Grundfläche des zu erstellenden Objekts, alles Übrige wird durch entsprechende Tools vervollständigt. Und das auch noch in Echtzeit, wunderbar! Der Arbeitsbereich ist im Vergleich zu traditionellen 3D-Applikationen mit ihren oft überladenen Benutzeroberflächen sehr übersichtlich und kommt schon fast spartanisch daher. Die Icons in den Werkzeugleisten mit ihren Zeichen- und Manipulations-Tools sind zum Teil selbsterklärend. Zudem sind Werkzeugleiste und alle übrigen Icons zur Bearbeitung sehr platzsparend am linken, bzw. oberen Rand der Arbeitsfläche positioniert, so dass entsprechend viel Raum für die gesamte Szene zur Verfügung steht.

 

workspace_totale.jpg

Was ich sehr benutzerfreundlich finde, ist das Angebot, eine Demoversion herunter laden zu können, um sich erst einmal mit dem Programm anzufreunden. Diese ist zwar auf eine Verwendungszeit von acht Arbeitsstunden limitiert, bietet aber die Möglichkeit, den Zeitraum ganz individuell in separate Sessions aufzuteilen. Für Benutzer mit engem Terminplan und ungeduldigen Kunden ideal. Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Benutzeroberfläche sehr aufgeräumt und schnörkellos, so dass auch 3D-Newbies sich auf Anhieb zurecht finden und mit der Arbeit gleich beginnen können. Sollte man dennoch an irgendeinem Punkt mal festhängen, zieht man einfach den Quick Reference Guide zu Rate. Sogar gänzlich unerfahrene User können sich so auf schnelle Erfolgserlebnisse freuen.

Gleich loslegen oder erst Filme anschauen?

Auch wenn ich normalerweise erst einmal Tutorials durchforste, bevor ich mich an ein neues Programm wage, habe ich mich bei SketchUp quasi kopfüber in die neue Software gestürzt. Die von SketchUp online gestellten Tutorial-Videos (wie auch die in der Demoversion integrierten Flash-Animationen zu den einzelnen Tools) sind absolut top und sehr anschaulich. Nach deren Ansicht hatte ich irgendwie das Gefühl, dass alles überaus logisch und in sich schlüssig aufgebaut ist. Und tatsächlich: Ich hatte mich keineswegs getäuscht. Die Benutzeroberfläche ist so leicht verständlich, dass ich sofort in der Lage war, ein erstes Modell zu erstellen. Ein Einfaches zwar, aber mit jedem weiteren Schritt steigert man ja seine Fähigkeiten. Von allen Tools, die hier zur Modellerstellung eingesetzt werden können, ist das sogenannte Push/Pull (Drücken/Ziehen) das eigentlich Geniale. Dieses Werkzeug ermöglicht es einem, blitzschnell den Entwurf aus der zweiten in die dritte Dimension zu überführen. Und das praktisch mit einem einzigen Mausklick!

cu_pptool.jpg

Die Funktionsweise des Werkzeugs ist erstaunlich simpel: Hat man den Grundriss/Grundfläche des Modells mit den üblichen grafischen Werkzeugen erstellt, wählt man die entstandene 2D-Fläche mit dem PPTool aus und zieht oder drückt sie dann in die dritte Dimension. (1. Grundfläche, 2. nach Y gezogen, 3. nach Z eingedrückt).

pptool_sequence.jpg

Anschließend lässt sich das Modell von allen Seiten betrachten, indem man per Orbit-Tool das Modell drehen und wenden kann, natürlich um volle 360°. Es ist tatsächlich ein Gefühl, als hielte man das Modell vor sich in der Hand und drehte es in jede beliebige Richtung. Dass dies auch noch in Echtzeit vonstatten geht, ist umso erfreulicher. Auch das ist einer der Gründe, warum die Lernkurve bei SketchUp ungewöhnlich steil verläuft. Voilá!

corbusier1.jpg

An dieser Stelle, die einen ersten Eindruck meiner Erfahrungen mit Google SketchUp 6 vermittelt, lege ich eine kleine Pause ein. Gerade lange genug, dass Interessierte sich die besagte Demoversion herunterladen und selbst ein wenig experimentieren können. Die Fortsetzung – Teil 2 des dreiteiligen Praxisberichts, der etwas tiefer in das Programm einsteigt – folgt dann in Kürze. Natürlich auch hier, im Café Digital. CU! (Gila Müller, Illustratorin, Redaktion Café Digital)

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