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Schokolade

Frankfurter Buchmesse 2017 (5): Robowriter und Udorock

Veröffentlicht in Gesellschaft, Internet, Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 14. Oktober 2017 | 18:12:47 | Roland Müller

FBM17_01Luftballons

Und weiter geht’s! Heute werden wir auf die bunteren Aspekte dieser Buchmesse achten, sicher wieder etliche Lese-Empfehlungen aussprechen und schauen, was uns links und rechts des Weges an Ungewöhnlichem auffällt. Und da gibt es durchaus so einiges…

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In ihrem Buch „Der Bestseller Code“ glauben zwei Verlagsprofis, den Stein der Weisen gefunden zu haben, zumindest jenen, der dafür sorgt, dass ein Buch zum Bestseller wird. Der Verlagsmann Jodie Archer und der Computer-Linguist Matthew Lockers haben einen Algorithmus entwickelt, der dies zuverlässig vorhersagen soll. Und was sagt er nun voraus nach der Analyse von 5.000 Bestseller-Romanen aus den vergangenen 30 Jahren, der Algorithmus mit dem schönen Namen Bestseller-O-meter? Nun, nicht ganz Unerwartetes: ein Thema das der Autor aus eigener Anschauung kennt, wenig Sex, eher Hunde als Katzen, authentische Orte, viel, viel Dialog und einen regelmäßigen Takt von emotionalen Höhen und Tiefen. Wow! Was für eine Überraschung!

FBM17_03PeterWohlleben

So betrachtet hat Peter Wohlleben fast alles falsch gemacht. Komisch, dass ihm trotzdem einer der erfolgsreichsten Bestseller in deutscher Sprache gelungen ist. Vielleicht, weil er der den Wald vor lauter Bäumen gesehen hat…

FBM17_04GFaye_KleinesLand

Ein Buch, das unbedingt das Zeug zum Bestseller hat, mit oder ohne Algorithmus, ist „Kleines Land“ von Gaèl Faye. Geboren 1982 in Burundi beschreibt der junge Afrikaner, der heute wie viele seiner Landsleute als Bürgerkriegsflüchtling in Frankreich lebt, mit geradezu magischer Erzählfreude seine ebenso magische Jugendzeit im Herzen Afrikas. Und für einen Moment öffnet sich der Blick auf ein Afrika, wie es vielleicht sein könnte. Große Literatur und allemal unser längst überfälliger FÜNFZEHNTER LESETIPP!

FBM17_05NDjavadi_Desorientale

Eine ganz andere Seite des Vertriebenseins schlägt Négar Djavadi in „Desorientale“ auf. Was die in Frankreich lebende iranische Drehbuchautorin beschreibt, bezeichnet die Literaturkritik akademisch spröde als „eine zweifache Alteritätserfahrung zwischen Exil und Identitätssuche“. LOL. Wie die Autorin die Geschichte einer Familie überzeugter erst Shah- und später Khomeyni-Gegner offenlegt, ihrem alter ego Leben einhaucht und den kulturellen Widerstreit zwischen Okzident und Orient bis ins Hier und Jetzt erlebbar macht, ist großes Kino. Und ein Stück weit die klassische, nonlineare Erzählkunst einer modernen Scheherazade. Verdientermaßen unser SECHZEHNTER LESETIPP!

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Sollte der eine oder andere unserer Leser in nächster Zeit – trotz Trump – eine Reise nach New York planen, dann empfehlen wir dieses Buch als Reiselektüre: „Die Fassadendiebe“ von John Freeman Gill, gebürtiger New Yorker, Journalist und Architekturliebhaber. Und als solcher ein profunder Kenner der Hochhausarchitektur des Big Apple. Daraus aber eine Geschichte zu entwickeln, die den gezielten Diebstahl von architektonischen Artefakten eben jener Architektur zum Inhalt hat und ganz nebenbei mit feinfühliger Psychologie eine Vater-Sohn-Beziehung seziert, das ist ein Lesevergnügen, das man sich nicht versagen sollte. Und eine Verbeugung vor einer Stadt, die sich so schnell verändert, dass vieles auf der Strecke bleibt, was sie einst prägte. Unser SIEBZEHNTER LESETIPP!

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Nachdem sich die Treppenhäuser zunehmend mit Publikum füllen, machen wir erneut einen Schlenker hinüber zu Halle 4. Mit Sicherheit haben wir bei unserem vorgestrigen Besuch einiges übersehen.

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Wagenbach, genau! Einer unserer dedizierten Lieblingsverlage nicht erst seit den SALTO-Bändchen. Klein, fein und nach wie vor und hoffentlich noch lange unabhängig. Und natürlich immer gut für literarische Perlen abseits des Mainstream. So auch diesmal…

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Juliana Kálnay, für „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ mit dem aspekte Literaturpreis 2017 ausgezeichnet, ist in der Tat, wie die ZEIT schreibt, eine literarische Entdeckung. Mit ihrem Debütroman gelingt der Kieler Autorin etwas sehr Seltenes: Sie erschafft einen Mikrokosmos, in dem ihre wunderbar beschriebenen, sehr verschrobenen Figuren, die in einem vierstöckigen Haus kommen und gehen, Absurditäten erleben und überleben, interagieren und verschwinden. Herrlich doppelbödig, oft mehrdeutig und mitunter wie nicht von dieser Welt. Die Wills im obersten Stockwerk bekommt bis zu ihrem plötzlichen Auszug niemand zu Gesicht. Tom hat sich im Fahrstuhl häuslich niedergelassen. Niemandem fällt es weiter auf. Kasi wohnt bei Oscar ausgerechnet im Bidet. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Bewohner, die die Protagonistin beobachtet. Heimlich. Ohne das wirklich klar wird, wer sie selbst ist. Ein feines Buch und obwohl wir selten mit der aspekte Redaktion einer Meinung sind, klar unser ACHTZEHNTER LESETIPP!

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Weniger von der Sonne der literarischen Leitmedien beschienen ist das zweite bei Wagenbach erschienene Buch, das wir Euch, liebe Leseratten und -rättinnen ans Herz legen möchten. „Popcorn Melody“ von der in Lyon geborenen und in Paris lebenden Französin Émilie de Turckheim entführt uns in eine verschlafene Ecke des Mittleren Westens der USA, in ein 1100-Seelen Kaff mitten im Nirgendwo. Hier überlebt wohlgemut Tom Elliott, Ladenbesitzer und studierter Literaturwissenschaftler, nicht zuletzt indem er seiner Obsession frönt, klassische Haikus in Telefonbücher zu kritzeln. Jedenfalls solange, bis gegenüber seines Ladens ein riesiger Supermarkt eröffnet. Was dann folgt, ist ein wunderbares Lesevergnügen, schräg, abgedreht, witzig. Unser NEUNZEHNTER LESETIPP!

FBM17_11Schwyzerduetsch

Wir ziehen weiter und verweilen einen Moment am Gemeinschaftsstand der Schweizer Verlage, wo ein Sprach-DJ (wenn’s denn so etwas gibt) klassische Prosa in Schwytzerdütsch rap-zitiert. Sehr unterhaltsam, aber nicht immer sehr leicht zu verstehen mit unseren tumben deutschen Ohren.

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Vorbei an einem traurig leeren Stand der VR China wenden wir uns dem nächsten Quergang zu…

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…und platzen mitten hinein in die Liveberichterstattung von detector.fm – ein sehr empfehlenswertes Leipziger Digitalradio-Projekt. Gewissermaßen Leipziger Allerlei vom Feinsten, nämlich Kultur und Musik.

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Die Kolleginnen und Kollegen haben die Mühe nicht gescheut, ihre halbe Redaktion hierher auf die Frankfurter Buchmesse zu verfrachten und live zu berichten. Chapeau dafür! Solche Initiativen sind leider immer noch viel zu selten.

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Vorbei an farbenfrohen Apologeten einer multikulturellen Welt nähern wir uns einem überaus provokanten Projekt, das hier auf der Buchmesse für jede Menge Gesprächsstoff sorgt. Digitalisierung und Robotik meet Literatur gewissermaßen…

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Im hinteren Teil der Halle 4 befindet sich eine als THE ARTS+ bezeichnete Zone, die sich als Business Festival und internationaler Treffpunkt der Kultur- und Kreativindustrie versteht. Mit dem Ziel (O-Ton Pressemitteilung): „die Potentiale der Digitalisierung für kreative Inhalte zu nutzen und neue Geschäftsfelder zu erschließen.“ So weit, so weitschweifig. Neben all dem erwarteten digitalen Gedöns finden wir hier allerdings auch die neueste Version des bereits 2008 initiierten Projekts „manifest“ der Künstlergruppe robotlab.

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Was tut der Roboter aus bekannter deutscher Fertigung also? Mit Hilfe von Algorithmen generiert er innovative Thesen zu Roboterkunst und -ethik, Philosophie und Mensch-Maschinen-Gesellschaft und setzt diese handschriftlich in drei verschiedene Sprachen um. Das beschriebene Blatt schneidet er ab und überreicht es dem Publikum. So entstehen pro Tag bis zu 80 verschiedene Texte, die die Besucher von THE ARTS+ mit nach Hause nehmen können. Erleben wir hier den allerersten Schritt zur Algorithmisierung von Literatur? Wir ergreifen die Flucht!

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Und landen erneut in Halle 3. Nur um dort am dtv Stand auf bestürzende, wenn nicht sogar obszöne Details zum Thema „Digitale Drecksarbeit“ zu stoßen, die Autor und Laokoon-Gründer Moritz Riesewieck zusammengetragen und dokumentiert hat. Und schon wieder geht es um Algorithmen. Wir fliehen erneut…

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Bei einem kleinen unabhängigen Verlag irgendwo zurück in Halle 4 finden wir ein adäquates Gegenmittel: David Sax‘ „Die Rache des Analogen“. Ersachienen bei unseren österreichischen Nachbarn, beim Residenz-Verlag, um genau zu sein. Und endlich fühlen wir uns verstanden! Endlich einer, der die Zeichen der Zeit erkannt hat und versteht, warum auch wir selbst hier im digitalen Café darauf bestehen digitales Arbeiten und analoges Leben fein säuberlich auseinander zu halten. Was dieses Buch zu unserem Unser ZWANZIGSTEN LESETIPP erhebt.

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Erleichtert verziehen wir uns nach draußen, erschlagen von all den Algorithmen und gönnen uns eine abgerockte Sounddusche bei dem Altmeister aller Deutschrocker, Udo Lindenberg. Denn der promotet auf der Open Stage Bühne zwischen den Messehallen nicht nur seinen neuen Prachtbildband, sondern tut auch das, worauf alle warten…

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…Abrocken…

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…bis der Notarzt kommt. Uns tuts gut. Ihm auch. Und dem Messepublikum erst recht. Womit wir uns für heute verabschieden. Aber nur für heute. Denn morgen gibt’s noch ein ganz besonderes Abschluss-Schmankerl aus Fronkreisch, Fronkreisch…

In diesem Sinne hoffen wir, dass Ihr bis hierher viel Freude daran hattet, und durch die Gänge und Hallen der Frankfurter Buchmesse 2017 zu begleiten. Au revoir bis morgen!

 

 

 

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