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Schokolade

Rheingauer WeinLese mit Sten Nadolny

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kultur, Literatur | 18. September 2017 | 10:17:58 | Roland Müller

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Im Gefolge des alljährlichen Rheingau Musik Festivals, dessen 30jähriges Jubiläum wir gerade begehen und behören konnten, hat sich seit einer Weile schon eine Art kultureller Wurmfortsatz eingeschlichen – das Rheingau Literatur Festival. Aus der noch überschaubaren Vielfalt des Angebots an Lesungen hat uns eine ganz besonders interessiert, von der im folgenden zu berichten sein wird: Sten Nadolnys erste öffentliche Lesung seines neuen Romans „Das Glück des Zauberers“. Besucht und gehört auf Schloss Johannisberg im Rheingau, in dessen Fürst-von-Metternich Saal, am Freitag, dem 15. September 2017…

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Was so süffig als „WeinLese“ angekündigt wird, ist in der Tat ein weiterer, allerdings eher heimlicher Höhepunkt des Kultur-Marathons, in den Weinbergen des Rheingaus. Im barocken Ambiente des ehrwürdigen Fürst-von-Metternich Saals erwarteten wir zusammen mit vielleicht 120 weiteren Besuchern gespannt das literarische Duo, das diesen Abend gestalten sollte: Sten Nadolny, vielfach und zu Recht ausgezeichneter Autor, unter anderem Ingeborg-Bachmann-Preisgewinner, als Entdecker der Langsamkeit berühmt geworden, der Ende Juli seinen 75. Geburtstag gefeiert hat. Und Prof. Dr. Heiner Boehncke, Literaturwissenschaftler, lange Zeit Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk und selbst Autor und Publizist. Der richtige Mann also, um die richtigen Fragen zu stellen?

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Dass diese Veranstaltung sich als WeinLese tituliert, ist mehr als ein netter Wortgag. Denn erstens konnte Nadolny bereits 2012 mit dem Rheingau Literatur Preis ein Konvolut von 111 von Rheingauer Winzern gestifteten Rieslingflaschen entgegen nehmen – woran er sich auch mit sichtlichem Genuss erinnerte. Und zweitens zeigte sich der in Berlin und am Chiemsee lebende Romancier als durchaus dem Rebensaft zugetaner Kenner, der die kredenzte Flasche unmittelbar zum Anlass nahm, um eine Anekdote zum vorschnellen Dahinschmelzen seines damaligen Rebsaftgewinns bei gleichzeitig dramatischem Zugewinn an bis dato selten gesehenen Freunden zum Besten zu geben. Überhaupt blitzte bereits hier die für ihn (und übrigens auch sein Werk) so typische stille Heiterkeit auf, vermischt mit einer sehr angenehmen Selbstironie. Nein, Sten Nadolny ist ganz sicher keiner, der sich selbst gerne in den Vordergrund spielt.

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Und so las er denn den ersten der 12 Briefe vor, den sein Protagonist, der Zauberer Paroc, an die ebenfalls des Zauberns mächtige Enkelin geschrieben hatte. Sie ist „Das Glück des Zauberers“. Ein großer Roman des 20. Jahrhunderts in einem durchaus ungewöhnlichen literarischen Format. Denn die Anfänge des Zauberers Paroc reichen zurück in die Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Schon bald gehört er zu den Großen seines heimlichen Fachs. Er kann durch die Lüfte spazieren und durch Wände gehen. Und als es ihm gelingt, Geld herbeizuzaubern, kann er auch seine Familie ernähren. Im Alter von über 106 Jahren gilt seine größte Sorge der Weitergabe seiner Kunst an seine Enkelin Mathilda – und so schreibt er sein Leben für sie auf. Es ist die lebenskluge Geschichte eines Mannes und seiner ganz eigenen Art des Widerstands gegen die Entzauberung der Welt. Ungemein poetisch und sehr anrührend. Und voller literarischer wie auch weltgeschichtlicher Anspielungen.

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In der Pause der gut zweistündigen Veranstaltung bestehend aus Lesungen und kommentierenden Interviewfragen durch Heiner Boehncke musste Sten Nadolny die Signierungswünsche seiner Fans abarbeiten. Der Andrang war so groß, dass die Interessenten gebeten werden mussten, bitteschön nach der Lesung anzustehen. Nadolny entledigte sich der Aufgabe mit dem ihm eigenen stillen Lächeln. Nun, er hatte ja gut lachen, denn…

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…zum Abschluss der Veranstaltung erwartete ihn das obligatorische Präsent: einige Flaschen feinsten Rheingau-Rieslings. Und uns verbleibt nur ein begeistertes „Chapeau, Herr Nadolny!“ und im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse die unbedingte Empfehlung,…

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…sich „Das Glück des Zauberers“ zu gönnen. Erschienen bei Piper.

Wir wünschen großes Lesevergnügen und melden uns dann wieder von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse!

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