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Amerikas zweite Chance – ein Kommentar

Veröffentlicht in Gesellschaft, Medien, Politik | 07. November 2012 | 12:20:40 | Roland Müller

ObamaWin2012

Was für eine Wahlnacht! Schlussendlich dann doch noch der von Vielen erhoffte Sieg Barack Obamas über seinen republikanischen Herausforderer. Mit dem Gewinn des traditionell alles entscheidenden Swing States Ohio kam die Wende im dramatischen Kopf-an-Kopf Rennen um die Präsidentschaft der immer noch mächtigsten militärischen und wirtschaftlichen Macht des Planeten. Was sind die Konsequenzen? Darüber haben wir uns ein paar Gedanken gemacht…Ein allererster Blick an diesem Morgen gilt der Reaktion der Börsen, allen voran der Wallstreet. Und sieh an, sowohl Dow Jones als auch NASDAQ haben zugelegt. Lediglich die Dollar-Parität zum Euro hat ein wenig gelitten. Wie die Wirtschaftswoche zu Recht betont, traut die Wallstreet offenbar dem wiedergewählten Präsidenten im Zusammenspiel mit Fed-Chef Ben Bernanke eine kursfreundlichere Politik zu als Mitt Romney. Was auf den ersten Blick verblüfft, wird auf den zweiten Blick um so deutlicher: In der jüngeren Geschichte der USA – seit 1900 – hat es bisher lediglich drei Präsidenten gegeben, unter denen die Kurse der Wallstreet um mehr als 50% zugelegt hatten. Nach Roosevelt, Eisenhower und Clinton ist Obama der Vierte, dem dies gelang. Nichtdestotrotz bleibt ein Rest Verblüffung, dass die Wallstreet ausgerechnet den Mann bevorzugt, der bereiter als andere zu sein scheint, ihre Spielregeln zu verschärfen. Bloomberg weist auf den eigentlichen Kern der Erfolgsstrategie von Obama hin: Es ist ihm im Rahmen der Kampagne offenbar gelungen, der in weiten Teilen darbenden Mittelklasse der USA das Gefühl zu vermitteln, dass er und nur er derjenige ist, der sich für ihre Belange einsetzt.

Trotz des Sieges ist Obama nicht zu beneiden. Denn was vor ihm – und seiner so alerten Frau – liegt, mag sich als Sisyphosarbeit erweisen. Angefangen bei der existenziell notwendigen Überwindung der politischen Spaltung Amerikas in zwei sich unversöhnlich gegenüber stehende Lager über die Meisterung der unmittelbar bevorstehenden Fiskalklippe bis zu einem beherrschten und voraussschauenden Umgang mit den iranischen Bemühungen, in den Besitz der Atombombe zu gelangen. Wobei die kurzfristig gefährlichere Bombe unseres Erachtens derzeit eher die viel zitierte Fiskalklippe sein wird. Ohne einen schnellen Konsens zwischen Präsident und Kongress wird es in wenigen Wochen automatisch zu Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen im Volumen von satten 600 Milliarden Dollar kommen. Ohne die dringend gebotene Erhöhung der Schuldenobergrenze ist dies der sichere Einstieg in eine massive neue Rezession nicht nur der US-, sondern auch der Weltwirtschaft und damit genau das Szenario, vor dem IWF-Chefin Christine Lagarde berechtigterweise einen Horror hat: “Wer auch immer zum Präsidenten gewählt wird, wird sich mit zwei Herausforderungen befassen müssen, mit der Fiskalklippe und der Schuldenobergrenze”, sagte sie noch vorgestern. “Und er wird diese Probleme sehr schnell und effizient lösen müssen, denn das Jahr 2013 beginnt schon in zwei Monaten.” Man muss also hoffen, dass der Kongress sich hier einsichtig zeigt. Sicher ist das in Anbetracht der oft zögerlichen Kongressmitglieder allerdings nicht. Und es kann zudem nur ein Anfang sein, das enorme Haushaltsdefizit der USA endlich in den Griff zu bekommen. Es ist mehr als doppelt so hoch wie jenes in der Eurozone!

Ja, und dann ist da noch die VR China. Während die USA unserer Einschätzung nach vor einem sehr langsamen, aber stetigen Abklingen ihrer weltpolitischen Dominanz stehen, steigt der chinesische Drache unaufhaltsam auf, getrieben vom brennenden Ehrgeiz, dem 21. Jahrhundert seinen Stempel aufzudrücken. Kein Wunder, dass Peking mit dem US-Wahlergebnis zufrieden ist. Unter Mitt Romney wäre eher mit einer diplomatischen Eiszeit zu rechnen gewesen. Was China die bisher so erfolgreiche Anwendung ihrer von Strategemen getriebenen Politik womöglich erschwert hätte. Für uns ist dies ein Anlass mehr, uns in einem kommenden Magazinbeitrag intensiv mit dem Einfluss der 36 traditionellen chinesischen Strategeme auf die Politik Pekings auseinanderzusetzen – ein im Westen bisher sträflich unterschätzter oder gar völlig ausgeblendeter Aspekt des chinesischen politischen und wirtschaftlichen Handelns.

Sektglas_Obama

Wie auch immer, mit der Wiederwahl Barack Obamas ist zumindest eine weiterhin hohe Berechenbarkeit der US-Politik gewährleistet. Und allein das ist bereits ein wichtiger Beitrag zu Entwicklung einer friedfertigeren, wenn auch nicht friedlicheren Welt. Wir drücken dem neuen alten Präsidenten und der Frau an seiner Seite die Daumen! Er kann wahrhaftig ein wenig Glück gebrauchen in den kommenden vier Jahren seiner dann letzten Amtsperiode. In diesem Sinne: Cheers!

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