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Schokolade

Frankfurter Buchmesse 2012 – der Tag der Kiwis

Veröffentlicht in Kultur, Kunst, Literatur, Medien | 13. Oktober 2012 | 19:10:40 | Roland Müller

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Der heutige Tag soll unser ganz persönlicher Kiwi-Tag werden. Sprich: Heute wollen wir uns ein wenig mehr auf die Literatur des diesjährigen Gastlandes Neuseeland einlassen. Vorab vielleicht ein paar dürre Fakten. Neuseeland mit seinen beiden Hauptinseln nimmt eine Fläche von knapp 270.000 Quadratkilometern ein und bietet einer Bevölkerung von gerade einmal 4,4 Millionen Menschen reichlich Raum zum leben und offenbar auch schreiben. Erst in jüngster Zeit melden sich neben den meist englischstämmigen Kiwis auch die Maori literarisch zu Wort – teilweise sicher ausgelöst durch Alan Duffs epochalen Roman “Warriors”. Noch ringen sie aber um die passende Form, wie uns scheint. Es wäre schön, zu sehen, dass es Maori-Autoren gelingt, ihre mehr als tausendjährige Erzähltradition in neue, faszinierende literarische Formen zu gießen…

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Inspiriert von einem Maori-Holzschnitzer, der vor einem Ausstellungszelt des neuseeländischen Arts and Crafts Institutes traditionelle Handwerkskunst demonstriert, machen wir uns auf den Weg, zu entdecken, was unsere Antipoden an Literatur nach Frankfurt gebracht haben.

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Unser Weg führt uns hinüber zur leider etwas abgelegenen Halle 8, in der rund 40 neuseeländische Verlage einen Gemeinschaftsstand aufgebaut haben. Der allerdings, so unser ganz subjektiver erster Eindruck, ein wenig sehr nach Papier- und Schreibwarenbude aussieht, indem er auf zahllosen Stellwänden mit Signet des jeweiligen Verlages Beispiele aus deren Verlagsprogramm ausstellt. Irgendwie recht wahllos und ungeordnet.

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Immerhin finden wir zwischen all den Displaywänden wenigstens eine, die ein paar aktuelle deutsche Neuerscheinungen bekannter neuseeländischer Autoren präsentiert. Nachdem uns das aber in keiner Weise befriedigt eingedenk der immerhin 80 anlässlich der Buchmesse neu ins Deutsche übersetzten Werke neuseeländischer Autoren, geben wir hier gerne ein paar Tipps zu An- und Einlesen die die vielfältige neuseeländische Literatur.

Allen voran ist natürlich Katherine Mansfield zu nennen, die bis heute kaum je wieder erreichte Meisterin der short story. Zum Einlesen empfehlen wir die bei Diogenes im September 2012 erschienene Kassette ‘Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden’, ISBN 978-3-257-06839-9. Sie war aus guten Grund beneidetes Vorbild von F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway.

Einen erfreulich vielseitigen und genreübergreifenden Überblick bietet die siebenbändige Neuseeland-Literaturkollektion des MANA-Verlags, die wichtige Werke von Heretaunga Pat Baker, Robert Sullivan, Peter Walker, Chad Taylor, Philip Temple, Martin O’Connor und Helga Tiscenko in einer Box zussammenfasst.

Eine bewegende Autobiographie ist Janet Frames “Ein Engel an meiner Tafel”, erschienen bei C- H. Beck, September 2012, ISBN 978-3-406-63955-5.

Ebenfalls Pflichtlektüre sollte Keri Hulmes 1985 veröffentlichter Erstlingsroman “Unter dem Tagmond” sein, ebenso wie die Erzählungen “Steinfisch” erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag, August 2012, ISBN 978-3-596-51249-2 und 978-3-596-51250-8.

Bei Rowohlt ist, ebenfalls im August 2012, “Die Frau im blauen Mantel” erschienen, von Lloyd Jones, einem der vielleicht interessantesten neuseeländischen Autoren der Gegenwart. ISBN 978-3-498-03238-8.

Und dann ist da natürlich noch Anthony McCarten, spätestens seit seinem “Superhero” Darling der internationalen Kulturredaktionen, und das durchaus zu Recht. Mit “Ganz normale Helden” legt er eine Fortsetzung berühmten Romans vor. Erschienen bei Diogenes, August 2012, ISBN 978-3-257-06794-1.

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Apropos Anthony McCarten… Der war dann immerhin auch angemessen auf der Buchmesse repräsentiert – vor den Kameras von 3sat:

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Natürlich gäbe es noch eine ganze Menge mehr Autoren aus Neuseeland hier zu nennen, keine Frage. wer uns eine kurze Mail schickt, dem werden wir gerne weitere Lesetipps zukommen lassen. Aber natürlich gab es auf der Messe noch mehr zu entdecken als die verborgenen Juwelen des Gastlandes.

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Dazu zählen wir durchaus auch Daniel Cohn-Bendits und Guy Verhofstadts engagierte Streitschrift “Für Europa! Ein Manifest”, mit der beide erneut als Europäer aus tiefster Überzeugung zu dem bekennen, was offenbar die Negativ-Medienhype unseres krisengebeutelten Kontinents derzeit so gar nicht aufkommen lassen will: Lust auf ein größeres, besseres und vor allem demokratischeres Europa. Deshalb ist das auch unser achter Buchmesse-Lesetipp – und als solcher übrigens genau so ambivalent wie die ersten Kommentare auf amazon.de

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Wir erholen uns von den Anstrengungen unserer Bucherkundungen und -empfehlungen bei einem Rundgang über den großflächigen Stand zum Deutschen Buchpreis 2012 und werfen einen schnellen Blick auf die dort ausgelegten nominierten Werke deutscher Autorinnen und Autoren. Im Rahmen der Messe sicher das aufschlussreichste Who-is-who der deutschen Literaturszene. Zumal man in der üppigen Longlist des Jahres 2012 so manche Entdeckung machen kann, sich zugleich aber auch des Eindrucks nicht erwehren kann, dass zumindest bei der Kritik derzeit wieder experimentellere Texte bevorzugt werden.

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Unser ganz interner und angemessen subversiver Café Digital Buchpreis 2012 – wenn es ihn denn gäbe – würde ganz klar an dieses Erstlingswerk und seinen Autor Timur Vermes gehen…

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Bei – wo auch sonst! – Eichborn erschienen, malt “Er ist wieder da” mit kräftigem schwarzhumorigem Strich eine bitterböse Satire an die Wand, deren Inhalt sich allein schon aus der Gestaltung des Covers überzeugend garstig ableitet. Kollege Dirk würde sagen: “Großes Kino”! Stimmt doch, Dirk, oder? Das ist natürlich unser neunter Buchmesse-Lesetipp. Allein schon, weil damit der braune Sumpf einen so wunderbar saftigen Tritt ins Zwerchfell erhält, dass der Schlamm nur so spritzt…

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Was wohl Deutschlands führender Digitalbohèmian zu einer solchen Brutalsatire sagen würde? Wie alle Jahre wieder ist uns Sascha Lobo auch diesmal wieder vor die Linse geraten – längst zu seinem eigenen sehr analogen Markenartikel geworden.

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Irgendwie passt dann auch unser zehnter Buchmesse-Lesetipp ganz gut ins Gesamtbild des heutigen Messetages: “Kapital” – nein, nicht jenes altbekannte und hochaktuelle von ihm hier – sondern der gleichnamige Roman von John Lanchester, hierzulande erschienen bei Klett Cotta, auf der Insel vor Europas Kontinentalküste vom Guardian zu Recht hoch gelobt. Und die müssen es ja eigentlich wissen, hat doch Europa seine bankerische Unschuld zuallererst in London verloren. Der perfekte Schmökerstoff für die derzeitige paneuropäische Eurokrisenstimmung…

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Nach so vielen geschriebenen Worten erholen wir uns im Comic-Zentrum in Halle 3.0, erfreuen uns an der guten Laune der dort wartenden jungen Dame und schöpfen ein wenig Luft im Messetrubel. Ohne uns allzu große Gedanken über die Zukunft des Comic-Genres zu machen.

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Stattdessen schmökern wir ein wenig in Erinnerungen aus Jugendtagen – erinnert sich noch jemand an “Michel Vaillant”, die legendäre Comicserie um einen jungen französischen Rennfahrer, die in den späten fünfziger Jahren erstmals an den Start ging und tatsächlich bis heute weiter lebt, mit neuen, heißeren Reifen natürlich. Faszinierend. Aber auch ein Beweis für die Vitalität des Comics per se.

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Und wenn schon von der Vitalität des Genres die Rede ist, dann darf natürlich auch ein Hinweis auf die zahllosen auf der Messe vertretenen Anbieter von japanischen und koreanischen Mangas nicht fehlen. Darunter auch die härteren Varianten wie etwa “Samurai Drive”, von Fujiko Kozumi, hierzulande vertrieben von Tokyopop. In Asien längst mit dem Status einer Kultserie, was sicher auch hier nicht lange auf sich warten lassen wird.

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Doch zurück zum geschriebenen Wort und zwei weiteren Büchern, die uns aufgefallen sind, zufälligerweise auch noch nebeneinander im Regal präsentiert: Katinka Buddenkottes “Betreutes Trinken” und Simon Borowiaks “Du sollst eventuell nicht töten”. Beide erschienen im Knaus Verlag. Einträchtig Seite an Seite, vielleicht, weil beides überaus launige Geschichten sind wollen, die uns den Leseabend versüßen und uns des öfteren glucksend auflachen lassen sollen – speziell der erstere Titel natürlich? Fast zwei weitere Buchmesse-Lesetipps. Aber eben nur fast. Denn speziell der originelle Titel des ersteren verspricht sprachlich leider mehr als die dann doch ziemlich gewollt daher kommende Sprache zu halten vermag. Schade.

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Wesentlich ernster geht es da thematisch am Stand der Süddeutschen Zeitung zu, wo Merkels Ex-Darling Paul Kirchhof sein neues Buch “Deutschland im Schuldensog” vorstellte. Erschienen bei C.H. Beck spricht der Titel für sich, aber leider nicht für unsere Republik und deren politische Elite. Gerade deswegen unser elfter Buchmesse-Lesetipp!

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Als Ausgleich zu den allzu harten Fakten unseres bundesrepublikanischen Schuldnerdaseins abschließend noch ein wenig Hochästhetik. Dem unsterblichen John Lennon lässt sich doch immer wieder Neues abgewinnen. Und warum auch nicht, wenn es bei Piper erschienen als “The John Lennon Letters” so ästhetisch daher kommt wie die Briefe, Postkarten und Notizen des legendären Visionärs und Friedensaktivisten. Profan? Hier und da? Mag sein. Aber einfach schön anzuschauen.

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Ein Buch, das man nicht braucht und trotzdem haben will. Der Einfachheit halber haben wir deshalb beschlossen, es einfach für unsere Redaktion zu gewinnen!

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Bis zur Ziehung unserer Visitenkarte genießen wir nun einfach noch ein bisserl die erstaunlich warme Frankfurter Herbstsonne auf dem Messegelände.

Und natürlich melden wir uns morgen, am Sonntag, nochmal mit dem dann letzten Bericht von der Frankfurter Buchmesse 2012. Bis dann!

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