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Pat Metheny: The Orchestrion Tour

Veröffentlicht in Genuss, Kultur, Kunst, Musik | 11. März 2010 | 18:29:56 | Roland Müller

PM_Warten

Die Jazzfans unter unseren Lesern werden jetzt versonnen nicken. Ja, Pat Metheny, das Gitarren-Wunderkind, das nie in irgendeine Schublade passte. Hierzulande mit der Pat Metheny Group berühmt geworden durch Aufnahmen bei ECM Records, gemeinsam mit Keyboarder Lyle Mays. Genau dieser Pat Metheny, der seit mehr als 30 Jahren als einer der besten und experimentierfreudigsten Gitarristen diesseits und jenseits des Jazz gilt, war gestern im Rahmen der JAZZnights in Frankfurts Alter Oper zugegen mit seinem neuesten Projekt: Pat Metheny: The Orchestrion Tour

Orchestrion? Waren das nicht diese monströsen mechanischen Musikmaschinen von vor 100 Jahren? Komplette Orchester ganz ohne Menschen, analoge Maschinen zur Gaudi des Publikums in Salons, Tanzsälen und auf Jahrmärkten einer untergegangenen Ära. Genau. Um so verwegener ist es da für ausgerechnet einen Vollblutgitarristen, sich dies zum Thema eines ausgesprochen spannenden musikalischen Projekts zu machen. Nach einer kurzen und sehr typischen Einleitung mit der Semiakustik-Gitarre, anschließend mit einer Doppelhals-Spezialanfertigung, ließ Pat Metheny den Vorhang fallen, der seine Interpretation eines Orchestrions vor den neugierigen Blicken des Publikums verborgen hatte… und legte los!

PM_Orchestrion

Schräg. Unerwartet. Gigantisch. Eine riesige analoge Musikmaschine nahm Besitz von der Bühne. Und von den Ohren aller Anwesenden. Keine Synthesizer, Keine digitalen Sounds, kein Elektronik-Schnickschnack. Stattdessen mechanische Klangerzeugung, gesteuert über Pats Gitarre und allerlei Tasten und Fußschalter. Der Klang? Ungewohnt. Klavier und Xylophon, simulierte Bläser, Percussion, Schlagzeug. Darunter das satte Fundament zweier ebenfalls mechanisch integrierter Bassgitarren. Ein Klang aus einem Guss, perfekt „aufeinander“ eingespielte… Musiker? Nein, eben nicht. Irgendwie dann doch anders. Offenbar wollte Metheny mit genau dieser Andersartigkeit des orchestralen Klange spielen, experimentieren. Verblüffend immer wieder die lässige Kontrolle, die er jederzeit über das Musikmonster auszuüben schien.

PM_Erklaerungen

Nach furiosen zwei Stunden, die trotz allem – auch mancherlei gewagter Diskanz und hoher Lautstärke – verblüffend die melodische Handschrift Methenys trugen, hatte der Meister des Monstrums ein Einsehen und erklärte, was ihn bewogen hatte, diese hundertjährige Technik der Klangerzeugung zu reanimieren, gestand ein, dass dies ein Kindertraum gewesen war und scheiterte letztendlich – mit einem Augenzwinkern – doch daran, die technischen Zusammenhänge darzulegen. Was blieb, war der Klangsturm und der typische Pat-Metheny-Sound. Balladesk, immer überraschend in den tonalen Wendungen und genial durchkomponiert. Anders zwar, metallischer, mechanischer als gewohnt, ein Hauch fremdartig. Aber mitreißend und fließend wie man das erwarten durfte.

PM_Ovations

Nach fast zweieinhalb ohne Pause durchgespielten Stunden endete das Livekonzert, eines von ganz wenigen in Deutschland, mit stehenden Ovationen des Publikums und zwei fulminanten Zugaben.

Unser Fazit? Wer die Chance hat, sollte dieses Konzert besuchen. Wer leisere Klänge erwartet oder abgeneigt ist, sich einem waghalsigen klangtechnischen Experiment auszusetzen, der mag zu Hause bleiben und sich beispielsweise von einer originalen, bevorzugt analogen ECM-Scheibe nostalgisch Pat Methenys „New Chautauqua“ reinziehen. Es kann aber sein, dass er oder sie dann etwas bisher Unerhörtes versäumt!

Weiterführende Links:

Pat Methenys Homepage

Rezension der Orchestrion CD

YouTube

Eine Stimme zum Bremer Konzert

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2 Antworten zu “Pat Metheny: The Orchestrion Tour”

  1. 12. März 2010 um 11:52:03 | Kai Balke sagt:

    Danke Robert Müller für diese fabelhafte Rezension zu Pat Metheny´s Konzert.
    Dieser Bericht repräsentiert exakt meine(und sicherlich vieler anderer PM-Fans)Meinung.
    Herr Müller scheint ein Journalist zu sein, der auch bereit ist, sich dem Gebotenen zu stellen und hin zu geben, statt irgendeinen hochtrabenden unqualifizierten Pseudofachmann zu miemen und nur Müll zu schreiben um sich wichtig zu machen, wie es viele seiner Kollegen tun.
    Er weiß wovon er spricht und kennt Pat Metheny wirklich und läßt so sein gesamtes Werken in den Bericht einfließen, das hebt ihn von vielen seiner Kollegen ab und verdient daher uneingeschränkte Anerkennung.

  2. 21. März 2010 um 17:09:45 | Roland Müller sagt:

    Danke für die Blumen, lieber Kai Balke. Die nehme ich gerne entgegen, leicht verschämt :-) und bitte darum, statt mit Robert doch lieber mit Roland angesprochen zu werden… 😉

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