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Drei Abende im November – Grateful Dead Winterland 1973

Veröffentlicht in Genuss, Kultur, Kunst, Musik | 11. Oktober 2009 | 15:32:04 | Roland Müller

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Es war das vielleicht beste Konzert in der langen Geschichte der legendären kalifornischen Kultband Grateful Dead – jenes am 9., 10. und 11. November 1973 in der Winterland Arena von San Francisco. Mit Jerry Garcia an der Lead Gitarre, Donna Jean Godchaux als Sängerin, ihrem Mann Keith an den Keyboards, Bill Kreutzmann an den Drums, Phil Lesh am E-Bass und Bob Weir an der Rhytm Gitarre schwang sich die Traumbesetzung einer Band zu ungeahnten Höhenflügen auf, die weder wirklich begnadet singen konnte noch als unbedingte Gitarrenvirtuosen galten. Greatful Dead at its best! Dieses Konzert liegt nun endlich, endlich, in einer bestens dokumentierten CD-Kassette vor. Wieso und warum uns die begeistert, davon soll hier im Café kurz die Rede sein…

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Vor uns liegt eine Kartonbox im erwartet psychedelischen 70er Jahre Design. Neun randvolle CDs zum Preis von 79 EUR, was ja schon mal ein ausgezeichnetes Preisleistungsverhältnis ist. Der Inhalt? Nun, Auch der kann sich hören und sehen lassen: Immerhin 9 Stunden, 18 Minuten und vier Sekunden Musik. Was bedeutet, dass außer den Zugaben des dritten Abends das komplette dreitägige Konzert der Dead bei ihrem „Heimspiel“ im Winterland enthalten ist. Insgesamt 72 Tracks eines wahrlich furiosen Livemitschnittes. Und Grateful Dead live, das war insofern schon immer etwas Unwiederholbares, als die Truppe niemals einen Song in exakt der gleichen Weise spielte. Das kann man in faszinierender Weise auch bei diesem Konzert wieder feststellen. Etliche Songs wurden am zweiten oder dritten Tag nochmal wiederholt, aber anders interpretiert und mal länger oder mal kürzer ausgearbeitet.

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Bevor wir uns über die Musik selbst auslassen, sei angemerkt, dass die Ausstattung der Box Anerkennung verdient. Key-Visual und ein ausführliches Leaflet mit Hintergrundinfos, Fotos und Auflistung sämtlicher Tracks liegt bei. Die drei CD-Faltschachtel ergeben aneinandergelegt zudem ein Mini-Poster. Sehr tricky!

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Etwas, was wir bei vielen Musik-CDs schmerzlich vermissen! Zumal in diesem Fall auch etliche Insider-Informationen weitergegeben werden bis hin zu spannenden Details für Technik-Freaks wie etwa die Informationen zum Mastering Equipment. Dass die Dead in Sachen Aufzeichnungstechnik eh absolute Perfektionisten waren, ist bekannt. Und auch das Winterland-Konzert von 1973 machte da keine Ausnahme. Die Masterbänder wurden extrem puristisch auf einer Zweispur Nagra IV aufgezeichnet. Und Gottseidank ist bei der Digitalisierung der Tapes nicht der heutzutage übliche Fehler gemacht worden, sie zu Tode zu optimieren. Im Gegenteil. Unserer Meinung nach ist die Aufnahmequalität dieses Konzerts mit das Beste, was wir jemals (!) auf irgendeiner Rockscheibe gehört haben. Das Ergebnis „audiophil“ zu nennen, ist keine Übertreibung! Allenfalls die Vocals auf der ersten CD hätten etwas mehr Präsenz verdient.

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Um so überzeugter heften wir uns deshalb den als Gimmick beigelegten ‚Good Ol‘ Grateful Dead‘ Button ans Revers und gedenken wehmütig der Zeiten, als in den siebziger Jahren eine Generation voller Hoffnungen, Phantasie und manchmal auch herrlich bekifft aufbrach, die Welt zu verändern. Dass sie in weiten Teilen gescheitert sind, zumindest aus heutiger Sicht, tut ihrem Enthusiasmus keinen Abbruch. Dass hingegen eine ihrer genialsten Bands, Grateful Dead, bis heute in wechselnden Besetzungen weiter in die Saiten greift, das hat schon was.

Womit wir dann zum Eigentlichen kommen, der Musik, verbunden mit einigen Anspiel-Tipps!

Was war und ist das Ungewöhnliche an dieser Band, die 1973 vermutlich auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft war? Andere konnten besser singen. Und selbst die britischen Gitarrenbands der Neunziger hatten an der E-Gitarre mehr drauf. Von Klassikern oder Neuerern wie Jimi Hendix etc. ganz zu schweigen. Nachdem wir die CDs wie im Rausch durchgehört haben, glauben wir auf diese berechtigte Frage eine Antwort geben zu können: Es ist der „Flow“. Ab einem bestimmten magischen Punkt jedes Konzerttages stellte sich bei den sechs Musikern ein fast telepathisches Aufeinandereingehen ein. Da spielten keine Solisten zusammen. jeder mit dem ihm eigenen Ehrgeiz, sich hervorzutun. Sondern das, was man am ehesten von  aus der Jazzszene kennt, wenn bei einem Gig in kleiner Bessetzung eine gemeinsame Improvisation beginnt, sich zu verselbstständigen. Schwer zu erklären. Aber leicht zu hören. Beispielsweise eingangs der dritten CD während der 15-minütigen ‚Wheather Report Suite‘ (die übrigens auf der fünften CD drei Minuten länger erneut erneut auftaucht sowie in einer weiteren Interpretation auf CD Nummer 8). Im dann folgenden 16-minütigen Song ‚Eyes of the World‘ drehen die Dead‚To Lay Me Down‘ dann richtig auf. Ein superbes ‚China Cat Sunflower‘ ist ebenso zu finden wie eine der besten mir bekannten Versionen von . Wer sucht, der findet noch sehr viel mehr. Stilistisch waren sie eh nie festzulegen, wollten in keine Schublade passen. Von Bluegrass-Einflüssen oder Blues-Artefakten bis zu Rockabilly und Folkanklängen wurde alles vereinnahmt und zum typischen Dead-Sound verwurstet. Wozu es auch gehörte, einen Song schon mal bis zu 35 Minuten ausufern zu lassen. Siehe die abgedrehte Interpretation des Dead-Klassikers ‚Dark Star‘ auf der letzten CD. Gemessen an den Vorstellungen heutiger Label-Mananger ein absolutes Unding. Zudem haben alle Stücke haben einen auskomponierten Ein-und Ausstieg. Inklusive mannigfacher dranimprovisierter Schnörkel. Ja, es war wohl eine andere Zeit…

Fazit also: Aus unserer Sicht die Rockklassik-Kaufempfehlung des Jahres! Aber Achtung: Die Auflage beträgt lediglich 7.000 Exemplare. Wenn die verkauft sind, war’s das!

Gehört wurden die Grateful Dead CDs mit dieser Anlagenkonfiguration: CD-Player Meridian 508.24 – Vorverstärker Kora Equinoxe – Endstufe Croft Polestar 1 – Lautsprecherboxen Leedh Psyché…

Empfehlenswerte Links zu Grateful Dead:

Grateful Dead Homepage (die Jungs vermarkten sich selbst und kündigen hier die Re-issue des Winterland Konzerts von 1977 an)

Allerlei Online-Videos (meist jüngeren Datums)

Viel zu kurzer Video-Appetizer des Winterland Konzerts 1973

Doug Collettes Rezension des Konzerts (mit viel geeigneteren Worten als wir sie parat haben)

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